Mediatisierung

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Mediatisierung (Begriffsklärung) aufgeführt.

Mediatisierung („Mittelbarmachung“) ist ein Begriff aus der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches. Im Reich gab es Territorien, deren Herren nur den Kaiser als weltliche Autorität über sich hatten und somit reichsunmittelbar waren. Andere wiederum unterstanden einem in der Standesordnung höhergestellten Landesherrn. Mediatisierung hieß, dass ein zuvor reichsunmittelbares Gebiet mittelbar wurde, also einem Landesherrn unterstellt wurde.

Entwicklung[Bearbeiten]

Schon vor dem Beginn des 19. Jahrhunderts war es gelegentlich mächtigeren Reichsständen gelungen, kleinere Mitstände – vor allem wenn deren Besitzungen als Enklaven in den ihrigen eingeschlossen waren – in ein solches Abhängigkeitsverhältnis zu bringen. Mit dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 setzte die Mediatisierung reichsunmittelbarer Stände in größerem Maßstab ein. Dieser hatte einer Anzahl deutscher Reichsfürsten als Entschädigung für die Verluste ihrer Besitzungen auf dem Linken Rheinufer an Frankreich gewisse bis dahin reichsunmittelbare Gebiete zugewiesen. Diese kamen dadurch in ein, wenn auch etwas modifiziertes, Untertanenverhältnis.

45 der 51 noch bestehenden Freien Reichsstädte wurden mediatisiert und benachbarten Fürstentümern eingegliedert. Lediglich Augsburg, Nürnberg, Frankfurt am Main, Bremen, Hamburg und Lübeck behielten den Status mit verminderten Rechten. Von den 300 Territorien mit Reichsstandschaft und den etwa 1400 ohne Reichsstandschaft, die es 1789 gab, blieben nur noch 39 Territorien mit Reichsstandschaft. Augsburg und Nürnberg wurden 1805/06 von Bayern mediatisiert. Mit der Rheinbundakte von 1806 kam es zur Aufhebung fast aller Adelsherrschaften und Reichsgrafschaften.

Die Deutsche Bundesakte von 1815 übernahm entsprechende Regelungen der Rheinbundakte, überließ aber den mediatisierten Fürsten als Standesherren einige Sonderrechte (u. a. die niedere Gerichtsbarkeit). Das blieb so bis zur Revolution von 1848/49 und zum Teil darüber hinaus. Die mediatisierten Fürsten und Grafen[1] waren den regierenden Häusern im Rang gleichgestellt (siehe Ebenbürtigkeit) und gehörten damit dem Hochadel an. Nach 1815 gab es nur noch vier Freie Städte: Hamburg, Bremen, Lübeck und Frankfurt am Main.

Heute wird unter Mediatisierung im Völkerrecht die (Interessen-)Vertretung innerstaatlicher Akteure durch den Staat verstanden.

Mediatisierungen aufgrund der Rheinbundakte[Bearbeiten]

Die Mediatisierung fand ihre Rechtsgrundlage in den Artikel 26 bis 28 der Rheinbundakte. In Artikel 26 war beschrieben, dass die Rheinbundfürsten die volle Souveränität über ihre Gebiete erhalten sollten. Dies waren nach Artikel 26 die Gesetzgebung, oberste Gerichtsbarkeit, oberste Polizei sowie das Recht zur Truppenaufstellung.

In Artikel 27 war beschrieben, welche Rechte die Mediatisierten behalten sollten: Das zivilrechtliche Eigentum an ihren Domänen als Patrimonial- oder Privateigentum, alle Herrschafts- und Feudalrechte, die nicht wesentlich zur Souveränität gehören. Dazu zählte das Recht der niedern und mittlern bürgerlichen und Straf-Gerichtsbarkeit, der forsteilichen Gerichtsbarkeit und Polizei, der Jagd und Fischerei, der Berg- und Hüttenwerke, des Zehnten und ähnlicher Rechte, das Patronatrecht und ähnliches, und die aus diesen Domainen und Rechten fließenden Einkünfte (z.B. die Strafgelder bei Geldbußen).

Diese Rechte waren veräußerbar, jedoch hatte der jeweilige Landesherr ein Vorkaufsrecht.

Die Frage der Auslegung dieser Regelungen war rechtlich umstritten. Während die Rheinbundfürsten den Begriff der Souveränität weit auslegten, interpretierten die Mediatisierten ihre Rolle als diejenige einer Unterherrschaft. In der Praxis konnte sich die Position der Mediatisierten nicht durchsetzen. Ihre Bemühungen richteten sich daher darauf, ihre Rechtspositionen offen zu halten und konzentrierten sich in den folgenden Verhandlungen auf ökonomische Aspekte.

Die Umsetzung der Mediatisierung erfolgte durch die militärische Besetzung der mediatisierten Gebiete in Abstimmung mit den französischen Militärs durch die Truppen oder Ordnungskräfte der Bundesfürsten. Die Annexion wurde mit Besitzergreifungspatenten amtlich gemacht und die Beamten und Bewohner wurden auf die neuen Machthaber vereidigt bzw. mussten diesen huldigen.

Die künftige Rolle der Mediatisierten wurde teilweise in Gesetzen (z.B. im Königreich Bayern mit Deklaration vom 19. März 1807, im Großherzogtum Baden mit Gesetz vom 20. März 1807 oder im Großherzogtum Hessen mit Gesetz vom 1. August 1807) geregelt, teilweise trafen die Rheinbundfürsten individuelle Vereinbarungen mit den jeweiligen Mediatisierten wie im Herzogtum Nassau.

Die getroffenen Regelungen waren im Ergebnis relativ einheitlich und gliederten sich in vier Bereiche.

  1. Die persönlichen Ehrenrecht der Standesherren und ihrer Familien: Die Standesherren erhielten einen privilegierten Gerichtsstand (nur Ebenbürtige (also der Herrscher selbst) sollte über sie richten), eine Anrede, die ihre Stellung betonte, bei ihrem Tode wurde eine Staatstrauer angeordnet und die Untertanen waren verpflichtet, sie ins Gebet einzuschliessen.
  2. Die Kirchenverwaltung: Die Konsistorien der Mediatisierten wurden aufgehoben, der Mediatisierten verblieb aber ein (teilweise durch Präsentationspflicht eingeschränktes) Patronatsrecht
  3. Die Verwaltung: Hier gingen große Teile der allgemeinen Verwaltungsaufgaben an die Landesherren über. Die Behörden traten aber überwiegend im Namen von Landesherr und Mediatisierten auf (z.B. Herzoglich nassauisch Gräflich Waldbott-Bassenheimsches Amt) auf. Die Mediatisierten behielten eine eigene Rechnungskammer für die Verwaltung der verbliebenen Domänen und Rechte. Bezüglich der Justizkanzleien der Mediatisierten wurde unterschiedlich verfahren. So wurden diese in Nassau (bis auf eine Ausnahme) abgeschafft und in Baden aufrechterhalten. Die Beamten der Mediatisierten mussten vom Landesherren bestätigt werden und wurden auf beide vereidigt.
  4. Die Aufteilung von Einnahmen und Schulden: Die Zahl und Struktur der Abgaben, die die Untertanen zahlen mussten, waren umfangreich und uneinheitlich. Diese mussten gemäß Artikel 27 der Rheinbundakte aufgeteilt werden. Entsprechend mussten die Schulden der Mediatisierten aufgeteilt werden, je nachdem ob sie für „souveräne“ Aufgaben entstanden waren oder nicht.

Gerade der letzte Punkt führte zu den meisten Auseinandersetzungen zwischen Landesherren und Mediatisierten..[2]

Mediatisierte Grafen- und Fürstenhäuser[Bearbeiten]

Im Gothaischen Hofkalender (kurz „Gotha“ genannt), dessen Inhalt heute dem Genealogischen Handbuch des Adels (Bandreihe Fürstliche Häuser) entspricht, wurden verschiedene Abteilungen geführt.

  • Erste Abteilung: alle regierenden (heute zum Teil ehemals regierenden) europäischen Souveräne (Première Partie – Généalogie des Maisons Souveraines).
  • Zweite Abteilung: die Mediatisierten des Heiligen Römischen Reiches (Deuxième Partie – Généalogie des Maisons seigneuriales médiatisées en Allemagne qui ont les droits d’égalité de naissance avec les maisons souveraines). Diese besaßen gemäß der Deutschen Bundesakte die Ebenbürtigkeit mit den Häusern der Ersten Abteilung, da auch sie einst – innerhalb des lockeren Reichsverbandes – souverän regiert hatten.

Folgende Häuser gehören zur Zweiten Abteilung:

  †   im Mannesstamme erloschene Geschlechter

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinz Gollwitzer: Die Standesherren. Die politische und gesellschaftliche Stellung der Mediatisierten 1815-1918. 2., durchgesehene und ergänzte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1964.
  •  Daniel Hohrath (Hrsg.): Das Ende reichsstädtischer Freiheit 1802. Zum Übergang schwäbischer Reichsstädte vom Kaiser zum Landesherrn. Begleitband zur Ausstellung „Kronenwechsel“. Kohlhammer, Stuttgart 2002, ISBN 3-17-017603-X.
  •  Klaus-Peter Schroeder: Das alte Reich und seine Städte. Untergang und Neubeginn. Die Mediatisierung der oberdeutschen Reichsstädte im Gefolge des Reichsdeputationshauptschlusses 1802/03. Beck, München 1991, ISBN 3-406-34781-9.
  •  Horst Tilch (Hrsg.): Münchener Rechts-Lexikon. Beck, München 1987, ISBN 3-406-31090-7.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Den Sonderfall eines (erst 1806) mediatisierten freiherrlichen Hauses stellen die Boyneburg-Bömmelberg mit ihren reichsständischen Herrschaften Erolzheim und Gemen dar; ebenso die Reichsfreiherren Grote zu Schauen.
  2. Harry Müzing, Die Mediatisierung der ehemaligen reichsunmittelbaren Standesherren und Reichsritter im Herzogtum Nassau, Diss 1980, S. 80-126

Weblinks[Bearbeiten]