Nahkampf

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Nahkampfwaffe)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel erläutert den körperlichen Nahkampf ohne Schusswaffen. Für andere militärische Bedeutungen siehe Nahbereichsgefecht, für die Neonazi-Band siehe Nahkampf (Band).
Soldaten der US Army beim Nahkampftraining

Nahkampf ist die physische Auseinandersetzung auf kürzeste Distanz zwischen Kontrahenten mit dem Ziel einer machtbezogenen Überlegenheit über die Gegenpartei. Die bei der Austragung eingesetzten Mittel sind nebst dem eigenen Körper mit Nahkampftechniken wie Hebel und Griffe auch technische Mittel, welche auf kürzeste Distanz zur Wirkung kommen. Beide Parteien nehmen dabei eine vorsätzliche oder eventualvorsätzliche Schädigung der eigenen Person, wie jener des Kontrahenten, billigend in Kauf.

Nahkampf kann in zwei Unterformen unterteilt werden:

  • Nahkampf ohne Sportcharakter als militärischer und ziviler Nahkampf. Verstöße gegen die am Austragungsort geltenden Gesetze werden nach zivil- und/oder strafrechtlicher Gesetzgebung geahndet.
  • Nahkampf mit sportlichem Charakter. Sie werden nach sportlichen Maßstäben reglementiert, und ein Verstoß nach sportrechtlichen Gesichtspunkten geahndet.

Die Zielsetzung aller Nahkampfformen, also die machtbezogene, hauptsächlich körperliche Überlegenheit, bleibt dabei erhalten, ungeachtet jeglicher Belohnungssysteme.

Geschichte[Bearbeiten]

Schon in der Entstehungsphase menschlicher Zivilisation war Nahkampf die ursprüngliche und vorherrschende Art, körperliche Auseinandersetzungen auszutragen. Mit Fortschritt biologischer und zivilisatorischer Entwicklung des Menschen nahm dessen Fähigkeit zu, Dinge zu instrumentalisieren, technische Instrumente herzustellen und zweckdienlich einzusetzen. So entwickelte der Mensch größeres motorisches Geschick, u. a. speziell mit Daumen, Händen und Armen, in der Anwendung von Werkzeug und Waffen. In zivilisatorischer Hinsicht stieg die Fähigkeit, sich in Gruppen und Verbänden zusammen zu schließen und gemeinsame Ziele zu verfolgen.

Mit der Fähigkeit zur Entwicklung technischer Instrumente und Waffen, welche auf grössere Distanz ihre Wirkung entfalteten, nahm die Bedeutung des unmittelbaren Nahkampfs aus militärischer Sicht ab. Trotzdem behielt die Fertigkeit zur Auseinandersetzung im Nahbereich mit rein körperlichen Mitteln oder mit Instrumenten ihre Bedeutung.

Zivilisatorische Entwicklungen des Nahkampfs sind beispielsweise das Ringen im Altertum und in der Neuzeit und japanische Kampfkünste, wie sie unter der Bezeichnung Budo subsumiert werden, sowie Kampfsport bzw. Kampfkünste anderer Herkunft u. a. Boxen.

Abgrenzungen[Bearbeiten]

Nahkampf ohne Sportcharakter[Bearbeiten]

Die Zielsetzung des Nahkampfs liegt vor allem bei der weitgehend geräuschlosen und/oder waffenlosen Anwendung. Zumeist ist dabei eine Schädigung des Kontrahenten gewollt, selten wie bei der Festnahme nicht. Die rechtliche Ahndung einer Schädigung des Kontrahenten liegt vor allem im zivilen Bereich in den Motiven der Anwendung begründet. So werden aus offensiv ausgeführten Angriffen herbeigeführte Schädigungen rechtlich verfolgt. Aus defensiven Motiven der Selbstverteidigung hervorgerufenen Schäden jedoch nicht. Militär und Polizei haben das dem Staat obliegende Gewaltmonopol und sind damit berechtigt den Einsatz von Nahkampfdisziplinen als Mittel des unmittelbaren Zwangs anzuwenden, da sie durch den Einsatzbefehl in ihren Mitteln und bei der Anwendung durch die Militär- und Zivilgesetzgebung legitimiert sind. Eine Rechtsübertretung wird auch in diesen Bereichen geahndet.

Waffenlose Selbstverteidigung[Bearbeiten]

Die Waffenlose Selbstverteidigung (WSV) besteht aus Block-, Stoß-, Schlag-, Tritt- und Grifftechniken, die aus dem Jiu Jitsu übernommen wurden.

Bei den Feldjägern der Bundeswehr ist WSV Teil der Ausbildung nach dem Gesetz über die Anwendung unmittelbaren Zwanges und die Ausübung besonderer Befugnisse durch Soldaten der Bundeswehr und verbündeter Streitkräfte sowie zivile Wachpersonen (UZwGBw) und beinhaltet die Selbstverteidigung im Rahmen des Verhältnismäßigkeitsprinzips.

Neben der Vermittlung dieser Techniken (bei einfacher körperlicher Gewalt) werden Kenntnisse zur Verwendung von Waffen und Hilfsmitteln bei körperlicher Gewalt vermittelt. Dazu gehören Rettungs- und Mehrzweckstöcken (Tonfa), Handfesseln und das Reizstoffsprühgerät RSG4 vermittelt.

Militärische Nahkampfwaffen[Bearbeiten]

Als militärischer Nahkampf wird jedes Gefecht unter 100 m angesehen. Die Zielsetzung modernen militärischen Nahkampfs liegt im Gefecht vor allem bei der weitgehend geräuschlosen auch bedingt waffenlosen Anwendung. Eine Schädigung des Kontrahenten ist dabei meist gewollt, selten wie bei der Festnahme nicht.

Die Wehrmacht verlieh für den Nahkampf die Nahkampfspange, und definierte als Nahkampftage, dass der Soldat diesen mit der blanken Waffe und Nahkampfmitteln Mann gegen Mann geführt haben musste und an denen der ausgezeichnete Soldat Gelegenheit fanden, das Weiße im Auge des Feindes zu sehen.

Militärisch wurde im Nahkampf mit Behelfswaffen jede Art von Hieb-, Schnitt- und Stichwaffen eingesetzt die zur Verfügung stand. Diese waren u.a. Holzkeulen, Stein- und Metallbeile, steinerne und metallene Wurfgeschosse für Schleudern, Messer oder Dolch sowie Speere. Sonderkonstruktionen aus Alltagswerkzeugen sind das Kusarigama, Tonfa oder Nunchaku, die Hellebarde und säbelartige Schnitt- und Stichwaffen u. v. a. m.

Mit dem Aufkommen von einschüssigen Musketen bis in die Zeit der Bewaffnung mit Repetiergewehren wurde im Nahkampf das Bajonett eingesetzt. Dieses verlor mit dem Aufkommen von halb- und vollautomatischen Waffen insbesondere Maschinenkarabinern als Primärbewaffnung und Pistolen als Sekundärbewaffnung seinen Zweck. Heute werden noch durch die Gurkhas der Kukri und durch die russische Infanterie, Marineinfanterie, Fallschirmjäger und Speznas der feststehende Kurzspaten als Nahkampfwaffe auch durch Wurf eingesetzt. Sind jedoch nur noch auf kürzeste Entfernung von Bedeutung und bei einem mit einer Schusswaffe ausgerüsteten Gegner von untergeordneter Bedeutung.

Die Anwendung von körperlichen Techniken ist im militärischen Nahkampf die Ausnahme. Jedoch kann es im Orts- und Häuser- sowie bedingt im Waldkampf zum waffenlosen Nahkampf oder mit Behelfswaffen kommen. In der Neuzeit jedoch vor allem mit Faustfeuerwaffen, wie sich dies schon in den Grabenkämpfen des Ersten Weltkriegs zeigte. Eine der wesentlichen Nahkampfarten ist das israelische militärische Krav Maga.

Zu militärischem und polizeilichem Nahkampf siehe auch Close Quarters Battle. In neuester Zeit wurden Waffen mit beschränkter letaler Wirkung entwickelt. Polizeilich sind dies u. a. Taser und Reizstoffsprühgeräte. Deren Einsatz ist jedoch Soldaten nach dem Kriegsvölkerrecht und über das Verbot von Chemiewaffen verboten.

Nahkampf mit sportlichem Charakter[Bearbeiten]

Nahkampf mit sportlichem Charakter verfolgt das Ziel, mit der Überlegenheit über den Kontrahenten einen Sieg nach sportlichen Maßstäben zu erreichen. Schon in der Antike zeichnete sich der sportliche Sieg durch ein Belohnungssystem aus (Ruhm, Ehre, gesellschaftliche Privilegien). Die legitimen Mittel zur Zielerreichung in sportlichen Nahkampfdisziplinen sind in den entsprechenden Regelwerken, bzw. in der Zivilgesetzgebung festgehalten. Sie bestehen beispielsweise aus Schlägen und Hebeltechniken, welche den Kontrahenten zur Aufgabe zwingen, bzw. einer punktemässigen Überlegenheit nach einer zeitlich befristeten Bemessungsdauer.
Viele dieser Disziplinen haben für die Ausübenden eine positive Wirkung bezüglich motorischer Fertigkeiten (Flinkheit, Geschicklichkeit, Körperbeherrschung, Durchhaltewillen), technischer Fertigkeiten (Präzision) und Entwicklung persönlicher Kompetenzen bei der Bewältigung von Niederlagen und Erlernen von Fairness und Respekt. Beispiele sportlicher Nahkampfdisziplinen sind:

Herkunft Disziplin
weltweit Boxen, Fechten
Europa und Vorderasien Ringen verschiedener Stilrichtungen (griechisch-römisch, Freistil)
Schweiz Schwingen
China Wushu
Japan Jiu Jitsu und Judo, Aikijutsu und Aikido, Karate, Kobudo, Sujutsu, Yarijutsu (Speerkampf), Naginajutsu (jap. Hellebarde), Tojutsu, Kenjutsu und Kendo (Schwertkampf), Tantojutsu (Messerkampf), Jōjutsu und Jōdō (Stock- und Schwertkampf), Kasarijutsu (Umgang mit der Kette), Ninjutsu (vergleich Ninja), Sumo
Korea Taekwondo
Thailand Muay Thai

Die Grenzen zwischen zivilen sportlichen und militärischen Nahkampfstilen sind fliessend. So werden beispielsweise im japanischen Militär Aikijutsu und in der Polizei Tokios Kobudo und Aikido unterrichtet.

Nahkampfausbildungsstile[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Thilo Klatt: Die Nahkampfschule: Grundlagen der militärischen Nahkampfausbildung. Books On Demand, ISBN 3833406968.
  • Frank Pelny: GJOGSUL: Militärischer Nahkampf in der NVA. Books On Demand, ISBN 3833422289.
  • Close Combat (MCRP 3-02B). USMC, Februar 1999, ISBN 1-58160-073-9.
  • William E. Fairbairn: Get Tough! Details basic commando techniques. 1942. Reprint ISBN 0-87364-002-0.
  • Rex Applegate: Kill or Get Killed. 1943. Widely redistributed within the USMC from 1991 as FMFRP 12-80. ISBN 0-87364-084-5.
  • Richard Strozzi-Heckler: In Search of the Warrior Spirit: Teaching Awareness Disciplines to the Green Berets. Dritte Auflage. ISBN 1-55643-425-1.
  • Fleet Marine Force Manual (FMFM) 0-7, Close Combat. USMC, Juli 1993.
  • Combatives : FM 3-25.150. Commercial reprint of 2002 U.S. Army manual incorporates Brazilian Jiu-Jitsu. ISBN 1-58160-448-3.

Weblinks[Bearbeiten]