Oberbaumbrücke

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt die Oberbaumbrücke in Berlin; zu anderen Bedeutungen siehe Oberbaumbrücke (Begriffsklärung).

52.50194444444413.445555555556Koordinaten: 52° 30′ 7″ N, 13° 26′ 44″ O

f1

Oberbaumbrücke
Oberbaumbrücke
Nutzung Straßenverkehr, U-Bahnlinie U1
Überführt

Am Oberbaum

Querung von

Spree

Ort Berlin, Ortsteile Friedrichshain und Kreuzberg
Konstruktion siebenbogige Steinbrücke
Gesamtlänge 150,00 m
Breite 27,90 m, davon 22 m Nutzbreite (Reparatur mittels eines Stahltragwerks)
Längste Stützweite 22,00 m
Konstruktionshöhe 1,08 m
Fahrzeuge pro Tag ca. 60.000[1]
Baukosten ca. 2 Mio. Goldmark (1896);
ca. 70 Mio. DM für die Grundinstandsetzung (1995)
Baubeginn 1894, Wiederherstellung 1992
Fertigstellung 1895 (U-Bahn-Linie 1902), Wiedereröffnung am 9. November 1994; Hochbahnfertigstellung im April 1995
Planer Stadtbauinspektor Pinkenburg und Architekt Otto Stahn; Ergänzung fehlender Bauwerksteile 1992 durch Santiago Calatrava
Lage
Oberbaumbrücke (Berlin)
Oberbaumbrücke

Brückenfläche 1490 m²

Die Oberbaumbrücke in Berlin verbindet als Teil des Innenstadtrings die Ortsteile Kreuzberg und Friedrichshain über die Spree und liegt zwischen der Elsenbrücke und der Schillingbrücke. Sie ist das Wahrzeichen des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg.

Erste hölzerne Spreequerungen im 18. Jahrhundert[Bearbeiten]

Eine erste hölzerne Brücke befand sich auf Höhe der früheren Stadtmauer, einige Kilometer weiter stromabwärts von der heutigen Brücke nahe der Spreeinsel. Die Spree wurde hier zu beiden Seiten bis auf einen schmalen Durchlass in der Mitte mit begehbaren Holzstegen versperrt, um Zölle eintreiben zu können. Nachts wurde der Durchlass mit einem dicken, mit Eisennägeln bewehrten Stamm verschlossen, dem sogenannten Baum. Neben dem Unterbaum im Westen der Stadt gab es im Osten den Oberbaum. Mit der Verlegung der Stadtgrenze und dem Bau der Berliner Zollmauer wurde 1723 auf königlichen Befehl anstelle des Oberbaums eine neue Brücke etwas weiter östlich aus Holz mit Klappen für den Schiffsverkehr errichtet. Hier stand das Stralauer Tor als Eingang nach Berlin.

Eine repräsentative Gewölbebrücke entsteht[Bearbeiten]

Bau der Oberbaumbrücke, 1895
Ansicht der Oberbaumbrücke mit dem direkt anschließenden U-Bahnhof Stralauer Tor (später Osthafen)
Mitteltorturm in Prenzlau, Vorbild für einen der Brückentürme

Im Jahr 1893 hatte die Firma Siemens & Halske die Genehmigung zum Bau einer die Spree überquerenden Eisenbahnbrücke an dieser Stelle erhalten. Gleichzeitig entstanden Pläne für einen Ersatzbau der alten hölzernen Straßenbrücke. Ein „Besonderes Städtisches Brückenbaubüro“ unter Leitung des Stadtbauinspektors Georg Pinkenburg erstellte mit Unterstützung des Architekten Otto Stahn die Pläne für eine dekorative Brücke, die die frühere Torfunktion des Oberbaums zum Ausdruck bringen sollte. Bevor beide Brücken begonnen wurden, einigten sich die zuständigen Verwaltungen auf die Errichtung einer kombinierten Eisenbahn-/Straßenbrücke auf der Grundlage der vorliegenden architektonischen Entwürfe. Zwischen 1894 und 1896 entstand ein neugotisches Bauwerk, das die Holzbrücke ersetzte und auf der oberen Ebene die 1902 in Betrieb genommenen Hochbahngleise der ersten Berliner U-Bahn-Linie (heute: Linie U1) über die Spree führt. Unter dem Bahn-Viadukt ist ein geschützter Fußgängerüberweg nach Art eines mittelalterlichen Kreuzgangs ausgeführt. Als Baumaterial für die Brückenpfeiler und Gewölbezwickel wählten die Ingenieure Beton, für alle anderen Bauteile herkömmliches, mit Stahleinlagen verstärktes Mauerwerk. Der Fluss wurde in sieben Gewölben überbrückt, deren Öffnungsbreiten 7½, 16, 19, 22, 19, 16 und 7½ Meter betrugen.

Der mittlere Brückenbogen wird von zwei je 34 Meter hohen Türmen geschmückt, die mit ihren auskragenden Wehrgängen dem Mitteltorturm der Stadtmauer in Prenzlau (Uckermark) und einem Torturm aus Kyritz nachempfunden sind.[2] Sie symbolisieren gleichzeitig die alte Funktion des Oberbaums als Berliner Wassertor. Ihre unterschiedlich gestalteten Turmspitzen tragen die Reliefs des Berliner Bären und des Brandenburgischen Adlers. Weitere schmückende Details der neuen Brücke waren die mit metallenen Flachreliefs, bunten glasierten Klinkern und Mosaiksteinchen gestalteten Sichtflächen, die neben Ornamenten auch die damaligen Wappen der märkischen Städte Küstrin, Stendal, Brandenburg, Potsdam, Prenzlau, Frankfurt an der Oder, Salzwedel und Neuruppin zeigen.

Zerstörung und Nachkriegsgeschichte[Bearbeiten]

Beschädigte Oberbaumbrücke, 1950
Oberbaumbrücke mit Grenzanlagen, Oktober 1989
Blick von West-Berlin über die Mauer auf die Brücke, im Hintergrund das Gebäude der Ost-Kontrollorgane, 1986
Die Oberbaumbrücke im Jahr 1950, vorn das Groebenufer. Dieses und der die U-Bahngleise tragende Pfeiler rechts lagen bereits im amerikanischen Sektor.
Blick in Richtung Kreuzberg um 1990, rechts der Wachturm der DDR-Grenztruppen

Die Oberbaumbrücke wurde im Zweiten Weltkrieg erheblich beschädigt und am 23. April 1945 auf Befehl Adolf Hitlers („Nerobefehl“) teilweise gesprengt, um den Vormarsch der sowjetischen Truppen zu verhindern. Der mittlere Gewölbebogen stürzte ein und die Tortürme verloren ihre Dächer. Die Türme der mit Stahlkonstruktionen notdürftig reparierten Brücke wurden später von den Ost-Berliner Behörden geschleift. Bald nach Kriegsende verkehrte die instand gesetzte U-Bahn der Linie B durchgehend zum Bahnhof Warschauer Brücke. Der Hochbahnhof Osthafen, der auf Friedrichshainer Seite unmittelbar an das Brückenbauwerk angeschlossen hatte, wurde wegen seiner starken Beschädigungen abgebrochen.[3]

Seit der Ziehung der Sektorengrenzen in Berlin war die Brücke ein Übergang vom Bezirk Friedrichshain des sowjetischen Sektors in den Bezirk Kreuzberg im amerikanischen Sektor. Am 31. Oktober 1948 ereignete sich auf der Oberbaumbrücke mit der Ermordung des Volkspolizisten Fritz Maque (1898–1948) der erste tödliche Grenzzwischenfall nach der Spaltung der Stadt in Ost- und West-Berlin. Während der Berliner Blockade hatte sich ein starker Schmuggelbetrieb von Ost- nach West-Berlin entwickelt, wo das Schmuggelgut für Westmark verkauft werden konnte. Bei einer schlagartig durchgeführten Polizeikontrolle auf der Brücke versuchte Maque, einen aus Friedrichshain kommenden Lieferwagen anzuhalten. Der offenbar überraschte Kraftfahrer rammte Maque gezielt und fuhr in den amerikanischen Sektor. Maque verstarb am 31. Oktober an seinen schweren Verletzungen.[4] Die Ermittler der Volkspolizei fanden weder einen Anhaltspunkt zur Identität des Täters noch zu dessen Motiv, sich der Kontrolle entziehen zu wollen. Dennoch bezeichneten die SED-Propaganda und die Geschichtswissenschaft der DDR den Tod Maques als einen „terroristischen Gewaltakt“, für den sie „von Geheimdiensten angeworbene Provokateure“ oder „antisozialistische Organisationen und Gruppen“ verantwortlich machten.[5]

Später sperrten die Ost-Berliner Behörden die Oberbaumbrücke zunächst für den Kraftfahrzeug- und Straßenbahnverkehr. Im Dezember 1955 errichteten sie einen Bauzaun, der auch ihre Benutzung durch Motorrad- und Fahrradfahrer unmöglich machte.[6] Jedoch gab es bis zum Tag des Mauerbaus am 13. August 1961 regen Fußgängerverkehr von Besuchern und „Grenzgängern“ über die Brücke. Auf Kreuzberger Seite hatten sich zahlreiche Wechselstuben etabliert, die DM Ost in DM West tauschten. Kleinhändler boten den Besuchern aus Ost-Berlin Zeitungen, Südfrüchte, Kaugummis, Nylonartikel und andere Waren häufig auch für Ostgeld im Verhältnis 1:1 an.

Mit dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 wurde die Oberbaumbrücke für den gesamten Verkehr einschließlich der U-Bahn gesperrt. In Einzelfällen diente sie der Ausreise freigekaufter politischer Gefangener aus der DDR.[7] Im Dezember 1963 öffnete das 1. Passierscheinabkommen sie für 14 Tage für West-Berliner Fußgänger. Bis zum Sommer 1966 folgten drei gleichartige kurze Öffnungen. Zu einer Daueröffnung für Fußgänger kam es ab 1972 durch das Viermächteabkommen über Berlin.[8] Ein Gebäude für die Ost-Berliner Kontrollorgane wurde direkt am Ostufer der Spree, neben der Oberbaumbrücke, quer über die Straße erbaut. Der die Stralauer Allee an der Brücke überquerende Teil des U-Bahn-Viadukts wurde vollständig abgebrochen.

Da die Grenze am Kreuzberger Ufer (Gröbenufer) der Spree verlief, ertranken an der Oberbaumbrücke bis zur Unterzeichnung des Abkommens über Rettungsmaßnahmen bei Unglücksfällen in den Berliner Grenzgewässern am 29. Oktober 1975 mehrere Kreuzberger Kinder, weil ihnen von der Westseite aus nicht geholfen werden konnte und dies von der Ostseite aus unterblieb.[9] 1976 wurde am südlichen Brückenkopf eine Notrufsäule installiert, nach deren Aktivierung Ertrinkenden Hilfe geleistet werden durfte.

Erneuerung[Bearbeiten]

Oberbaumbrücke mit behelfsmäßiger Überbrückung der Fahrrinne, 1993
Arkadengang auf der Ostseite
Neues Mittelteil, entworfen von Santiago Calatrava
Reparierte Oberbaumbrücke

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die Brücke für insgesamt 70 Millionen Mark umfassend instand gesetzt.[10] Für die Reparatur des zerstörten Mittelteils gab es einen internationalen Architektenwettbewerb, den Santiago Calatrava gewann. Anschließend gab es langwierige Verhandlungen zwischen dem Architekten, den Denkmalschützern, Vertretern der Schifffahrtsbehörde und Vertretern der Bauämter der beiden damaligen Bezirke, nach denen die Pläne von Calatrava mehrfach überarbeitet wurden. Der Kompromiss wurde bis 1995 umgesetzt, die Brücke erhielt ein neues Mittelteil. Seit 1995 wird die Oberbaumbrücke wieder für die U-Bahn und Straßenverkehr genutzt. Die Stadtplanungen der 1990er Jahre und Forderungen von Umweltverbänden führten zur Verlegung von Straßenbahngleisen in die Fahrbahndecke.[11] Bei der Wiederinbetriebnahme der Oberbaumbrücke gab es Demonstrationen für die Straßenbahn und gegen die Freigabe für den Autoverkehr. Bisher sind aber keine offiziellen Pläne oder Termine zur Realisierung einer Straßenbahnstrecke bekannt geworden. Dagegen beschäftigten sich Verbände und Studenten mit diesem Thema und veröffentlichten ihre Ideen online.[12][13]

Das Wappen von Friedrichshain-Kreuzberg mit der Oberbaumbrücke

Die Oberbaumbrücke, die seit 1991 im Friedrichshainer Wappen stand, wurde nach der Bezirksfusion auch in das Wappen des neuen Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg aufgenommen.

Kulturelles an der Oberbaumbrücke[Bearbeiten]

Die Senatsverwaltung für Bauen, Wohnen und Verkehr veranstaltete 1996 einen künstlerischen Wettbewerb zur Markierung der sieben innerstädtischen Grenzübergänge. Mit seinem Entwurf des bekannten Kinderhandspiels Schere, Stein, Papier gewann der Berliner Thorsten Goldberg den Wettbewerb zum ehemaligen Grenzübergang Oberbaumbrücke. Dazu wurden zwei rechts und links des Mittelstückes sichtbare – je ein Meter große – Neonzeichen angebracht. Die leuchtenden Umrisslinien der drei Handstellungen Schere, Stein und Papier wechseln zufallsgeschaltet alle sechs Sekunden und sind sowohl von der Wasserseite als auch von der Fahrbahn gut sichtbar. Dieses Glücksspiel soll die frühere politische Situation zeigen, nach welcher Entscheidungen eher zufällig und willkürlich erfolgten.[14]

Seit 1998 ist die Oberbaumbrücke traditionell einmal im Jahr Schauplatz der Gemüseschlacht zwischen Friedrichshainern und Kreuzbergern, in der um die Vorherrschaft zwischen den beiden mittlerweile fusionierten Bezirken volksfestartig gestritten wird.

Der Stadtteilausschuss Kreuzberg e. V. organisiert seit 2003 alljährlich im Frühsommer die Open Air Gallery. An diesen offenen Kunstsonntagen kommen bis zu 30.000 Besucher auf die Brücke, die zu diesem Zweck für den Straßenverkehr gesperrt wird.[15]

Literatur[Bearbeiten]

  • Eckhard Thiemann, Dieter Deszyk, Horstpeter Metzing: Berlin und seine Brücken. Jaron Verlag, Berlin 2003, ISBN 3-89773-073-1, S. 34–37
  • Rund um die Oberbaumbrücke. In: Ingrid Nowel: Berlin. Die neue Hauptstadt. Architektur und Kunst, Geschichte und Literatur. Verlag Dumont, 2007, ISBN 3-7701-5577-7, S. 337–338
  • Marina Heimann: Die Oberbaumbrücke im Wandel der Zeit. Pro Business Verlag, Berlin 2007, ISBN 978-3-939430-91-9, 70 S.
  • Karl Bernhard: Vom Bau der Oberbaumbrücke. In: Zentralblatt der Bauverwaltung, Jahrgang 15 (1895), S. 527–528, Digitalisat opus.kobv.de

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Oberbaumbrücke – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Arbeiten an der Oberbaumbrücke erhitzen die Gemüter. In: Berliner Zeitung, 2. März 1994
  2. Herr Michas, Mitarbeiter im Berliner Bodendenkmalamt in einem Seminar für Stadtführer im September 1998
  3. Ulrich Lemke, Uwe Poppel: Die Berliner U-Bahn, S. 58
  4. Michael Stricker: Letzter Einsatz. Im Dienst getötete Polizisten in Berlin von 1918 bis 2010, Verlag für Polizeiwissenschaft, Frankfurt 2010, ISBN 3-86676-141-4, (=Schriftenreihe der Deutschen Gesellschaft für Polizeigeschichte, Band 11), S. 200–202
  5. In diesem Sinne zu Maque Gerhard Keiderling, Percy Stulz: Berlin 1945–1968. Zur Geschichte der Hauptstadt der DDR und der selbständigen politischen Einheit Westberlin. Dietz, Berlin 1970, S. 172. Die Zuschreibung findet sich auch in einer Veröffentlichung ehemals leitender Funktionäre des Ministeriums für Staatssicherheit aus dem Jahr 2002: Reinhard Grimmer, Werner Irmler Willi Opitz, Wolfgang Schwanitz (Hrsg.): Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS. Edition Ost, Berlin 2003 (3. korr. u. erg. Aufl.), ISBN 3-360-01044-2, Bd. 2, hier S. 279
  6. Hans J. Reichardt [u. a.]: Berlin. Chronik der Jahre 1955–1956. Herausgegeben im Auftrage des Senats von Berlin. Heinz Spitzing, Berlin 1971, S. 368
  7. Elke-Ursel Hammer: "Besondere Bemühungen" der Bundesregierung. Band 1. 1962 bis 1969 Oldenbourg, München 2012, ISBN 3-486-70719-1, S. 28, abgerufen am 9. Juni 2013
  8. Maria Curter: Immer Grenze – Die Oberbaumbrücke, abgerufen am 9. Juni 2013
  9. chronik-der-mauer.de abgerufen am 3. Dezember 2012
  10. Referenzliste (Version vom 31. August 2004 im Internet Archive) (PDF) IB Jagels, abgerufen 11. Mai 2009
  11. Straßenbahn soll über die Oberbaumbrücke fahren. In: Berliner Zeitung, 15. November 1994
  12. Vorschlag für die Straßenbahn über die Oberbaumbrücke von der Redaktion der Fachzeitschrift Signal. Abgerufen am 2. April 2009
  13. Thomas Billik: Seite nicht mehr abrufbar, Suche im Webarchiv:[1] [2] Vorlage:Toter Link/public.tfh-berlin.deDiplomarbeit an der TFH Berlin mit konkreten Vorschlägen einer Straßenbahnverlängerung von Friedrichshain bis zum Hermannplatz; abgerufen am 2. April 2009
  14. Stein – Papier – Schere. Homepage von Thomas Goldberg mit Informationen und Abbildungen zum Projekt; abgerufen 18. Juli 2014
  15. Oberbaumbrücke Open Air Gallery bei yelp, abgerufen am 31. Mai 2014