Orthopädie

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Die Orthopädie (griech. ὀρϑός orthos ‚aufrecht‘ und παιδεία paideia ‚Ausbildung‘ aus παῖς paisKind‘) ist das Tätigkeitsfeld des Facharztes für Orthopädie und Unfallchirurgie, das sich mit der Entstehung, Verhütung, Erkennung und Behandlung angeborener oder erworbener Form- oder Funktionsfehler des Stütz- und Bewegungsapparates, also der Knochen, Gelenke, Muskeln und Sehnen, sowie mit der Rehabilitation der Patienten befasst.

Orthopädisches Krankheitsbild: Hammerfinger (Mallet)

Fachgebiet[Bearbeiten]

Die orthopädische Behandlung bedient sich unter anderem chirurgischer Verfahren (beispielsweise Prothesenchirurgie), der Physiotherapie, der orthopädischen Schmerztherapie, der physikalischen und medikamentösen Arthrosebehandlung und im Bereich der Technischen Orthopädie der Orthopädietechniker und Orthopädieschuhtechniker zur Anpassung von Hilfsmitteln (beispielsweise Einlagen für Schuhe, Schuhzurichtungen und orthopädische Schuhe, sowie Prothesen und Orthesen.)

Kinderorthopädie[Bearbeiten]

Ein wichtiges Arbeitsfeld ist die Orthopädie im Kindesalter (Kinderorthopädie). Vieles, was im Erwachsenenalter zu bleibenden Problemen werden kann, lässt sich beim Kind noch richten oder begradigen. Die Beratung bei der Berufswahl kann spätere Erkrankungen verhindern. In der Operationsverhütung liegt ohnehin eine der orthopädischen Hauptaufgaben: Krankheitsbilder früh genug zu erfassen und so zu behandeln, dass eine Operation nicht notwendig wird ("Konservative Therapie"). Behandlungen können auch im Rahmen ambulanter oder stationärer Rehabilitationsmaßnahmen erfolgen.

Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie[Bearbeiten]

Ziel der fachärztlich-orthopädischen Weiterbildung ist aufbauend auf der Basisweiterbildung die Erlangung der fachärztlichen Kompetenz für Orthopädie und Unfallchirurgie nach Ableistung der Weiterbildungszeiten und Weiterbildungsinhalte. Die Weiterbildungszeit beträgt 72 Monate, davon

  • 24 Monate Basisweiterbildung im Gebiet Chirurgie
  • 48 Monate Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, davon können bis zu 12 Monate in einer der anderen fachärztlichen Weiterbildungen des Gebietes Chirurgie und/oder in Neurochirurgie bzw. im ambulanten Bereich angerechnet werden. Werden im Gebiet Chirurgie 2 fachärztliche Kompetenzen erworben, so beträgt die gesamte Weiterbildungszeit mindestens 9 Jahre.

Weiterbildungsinhalte[Bearbeiten]

Zur fachärztlichen Weiterbildung gehören der Erwerb von Kenntnissen, Erfahrungen und Fertigkeiten in der Vorbeugung, Erkennung, operativen und konservativen Behandlung, Nachsorge und Rehabilitation von Verletzungen und deren Folgezuständen sowie von angeborenen und erworbenen Formveränderungen, Fehlbildungen, Funktionsstörungen und Erkrankungen der Stütz- und Bewegungsorgane unter Berücksichtigung der Unterschiede in den verschiedenen Altersstufen. Dazu gehören die Behandlung von Schwer- und Mehrfachverletzten einschließlich des Traumamanagements neben den zur Versorgung im Notfall erforderlichen neurotraumatologischen, gefäßchirurgischen, thoraxchirurgischen und viszeralchirurgischen Maßnahmen in interdisziplinärer Zusammenarbeit.[1]

Untersuchungsverfahren[Bearbeiten]

Neben der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und Tests, gehören zu den speziellen Untersuchungsverfahren die radiologischen Verfahren wie Röntgen, Computertomografie und Kernspintomografie sowie sonographische Untersuchungen der Bewegungsorgane einschließlich Arthrosonografien und die Osteodensitometrie.

Behandlungsverfahren[Bearbeiten]

Zu den Behandlungsverfahren gehören operative Eingriffe einschließlich Notfalleingriffe an Körperhöhlen, Wirbelsäule, Schulter/Oberarm/Ellbogen, Unterarm/Hand, Becken, Hüftgelenk, Oberschenkel, Kniegelenk, Unterschenkel, Sprunggelenk, Fuß, Eingriffe an Nerven und Gefäßen und bei Infektionen an Weichteilen, Knochen und Gelenken. Miterfasst ist die Behandlung von thermischen und chemischen Schädigungen, konservative Behandlungen von angeborenen und erworbenen Deformitäten, Luxationen, Frakturen und Distorsionen und Injektions- und Punktionstechniken an Wirbelsäule und Gelenken.

Ein angrenzendes Fachgebiet ist die Sportmedizin.

Geschichte[Bearbeiten]

Standessignum der Orthopäden.
Titelbild, Nicolas Andry de Bois-Regard, Orthopédie, 1741

Die Bezeichnung Orthopädie wurde 1741 von Nicolas Andry de Boisregard, einem Kinderarzt in Paris, erstmals verwendet. Das Wort setzt sich aus zwei griechischen Wörtern zusammen, und zwar ὀρϑός ‚(auf)recht‘ und παιδεία ‚Ausbildung‘, ‚Entwicklung‘, bedeutet also so viel wie „die (Lehre der) rechte(n) Entwicklung“. Andry hat in seinem Werk "L'orthopédie ou l'art de prévenir et de corriger dans les enfants, les difformités du corps" vor allem die Vermeidung von Spätfolgen nach Haltungsschäden von Kindern im Auge gehabt und empfahl Verkrümmungen der Wirbelsäule und der Beine durch Schienen zu korrigieren.[2] Dieser Vorschlag war revolutionär, denn bis dahin galten "Verkrüppelungen" gottgegeben und kaum beeinflussbar. Andry verglich die Aufgabe des Orthopäden mit der eines Gärtners, der einen verwachsenen Baum an einen kräftigen Pfahl anschlingt. Das Standessymbol der Orthopädie, so wie es 1741 erstmals verwendet wurde, ist in kleines Bäumchen, dessen Stamm nicht ganz gerade gewachsen ist und zur vorsichtigen Wuchslenkung an einen Stab gebunden wird. Alle orthopädischen Fachgesellschaften weltweit wählen seitdem dieses Symbol als Standessignum.

Nach dem Bereich der Medizin, der sich der geraden Körperentwicklung des Kindes annahm erweiterte sich das Tätigkeitsgebiet auf die Versorgung von verformten Gliedmaßen und den Ersatz von fehlenden Gliedmaßen. Hier war der Schwerpunkt auf der Versorgung von Kriegsverletzten. Gerhard Küntscher war ein deutscher Chirurg, der die Marknagelung während des 2. Weltkriegs erfand. Mit Lorenz Böhler und den Belgiern Robert Danis und Albin Lambotte gehört er zu den Pionieren der Unfallchirurgie,[3]

Da in der Neuzeit die orthopädische Ausbildung die Unfallchirurgie mit allen gängigen Operationen immer eingeschlossen hat und die beiden Fächer seit jeher eng zusammenarbeiten, sind die Fächer Orthopädie und Unfallchirurgie im Jahre 2005 zusammengelegt worden und ein alleiniger orthopädischer Facharzttitel in der Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer nicht mehr vorgesehen.[4] Die bestehenden fachärztlichen Bezeichnungen blieben bestehen, konnten aber durch eine Zusatzprüfung in den "Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie" umgewandelt werden.

Krankheitsbilder[Bearbeiten]

Zu den in der Orthopädie und Unfallchirurgie behandelten Krankheitsbildern zählen unter anderem (alphabetisch):

Psychosomatische Krankheitsbilder[Bearbeiten]

Psychosomatische Krankheitsbilder sind eine häufige Differentialdiagnose für orthopädische Beschwerden. Darüber hinaus haben psychische Faktoren, wie die Art der Erkrankung Verarbeitung oder psychische Komorbiditäten wie Depressionen oder Somatisierungsstörungen einen großen Einfluss auf die Chronifizierung von orthopädischen Beschwerden und das Ergebnis nach orthopädischen Eingriffen.[5]. Orthopädisch und unfallchirurgisch sieht man oft somatoforme Störungen, die das Ergebnis der Traumatisierung sein können. Eine Kombination von Schmerzen und mehreren anderen physischen Symptomen ist typisch für eine Somatisierung. Das Erkennen der Somatisierung mit anschließender Überweisung an eine geeignete professionelle Betreuung (z. B. ein Zentrum für multimodale Schmerztherapie oder eine psychosomatische Klinik) ist oft entscheidend für den Therapieerfolg.[6]

Orthopädische Behandlungsverfahren[Bearbeiten]

Kieferorthopädie[Bearbeiten]

Hauptartikel: Kieferorthopädie

Die Kieferorthopädie ist ein Teilgebiet der Zahnmedizin, das sich mit der Verhütung, Erkennung und Behandlung von Fehlstellungen der Kiefer und der Zähne (Zahnfehlstellung) befasst. Der Fachzahnarzt für Kieferorthopädie führt die Dento-Maxilläre Orthopädie (Kieferregulierung) durch.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Weiterbildungsordnung, hier: der Sächsischen Landesärztekammer (PDF; 399 kB)
  2. R. Kohler, L. P. Fischer: [Nicolas Andry (1658–1742) inventor of the term "orthopedics"]. In: Annales de chirurgie. Band 53, Nummer 4, 1999, S. 335–339, ISSN 0003-3944. PMID 10327698.
  3. Ärzteblatt, 50 Jahre Marknagelung nach Küntscher
  4. Bundesärztekammer, Weiterbildungsordnung (PDF; 759 kB), Fassung vom 25. Juni 2010
  5. V. Köllner, S. Rupp: [Psychosomatic aspects in orthopedics]. In: Der Orthopäde. Band 41, Nummer 2, Februar 2012, S. 136–146, ISSN 1433-0431. doi:10.1007/s00132-011-1864-9. PMID 22349371
  6. N. Schmelzer-Schmied, P. Henningsen, M. Schiltenwolf: [Somatoform pain disturbance as the result of trauma]. In: Der Orthopäde. Band 35, Nummer 12, Dezember 2006, S. 1265–1268, ISSN 0085-4530. doi:10.1007/s00132-006-1009-8. PMID 16969642

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Orthopädie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen