Orthopädie

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Die Orthopädie (griech. ὀρϑός aufrecht und παιδεία Kindererziehung) befasst sich mit Fehlbildungen und Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates.

Geschichte[Bearbeiten]

Andrys Bäumchen

Geprägt wurde der Begriff 1741 von Nicolas Andry de Boisregard, einem Pariser Kinderarzt.[1] Er verglich den „Orthopäden“ mit dem Gärtner, der ein krummes Bäumchen an einen kräftigen Pfahl anschlingt. Seither ist diese Allegorie das Standessignum aller orthopädischen Fachgesellschaften.

2005 wurde das Fachgebiet Orthopädie mit dem chirurgischen Teilgebiet/Schwerpunkt Unfallchirurgie zusammengelegt. Die Ausbildung zum Facharzt für Orthopädie ist in der Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer nicht mehr vorgesehen.[2]

Tätigkeitsfelder[Bearbeiten]

Die „klassische“ Orthopädie entwickelte sich aus der (konservativen) Behandlung von Tuberkulosekranken und Kriegsversehrten. Pioniere waren Konrad Biesalski, Gustav Drehmann und Kurt Lindemann. Die operative Orthopädie wurde vor allem von Chirurgen vorangetrieben. „Schnittstellen“ von Orthopädie und Unfallchirurgie sind Handchirurgie, Osteotomien und Endoprothesen. Luxationen, Bänderrisse, Sehnenrisse, Achillessehnenrupturen und Patellarsehnenrupturen sind alltägliche Aufgaben beider Fächer.

Degenerative Erkrankungen[Bearbeiten]

Degeneration betrifft Gelenke und Weichteile und hat große volkswirtschaftliche Bedeutung. Was „Verschleiß“ eigentlich ist und wen er weshalb befällt, weiß niemand. Deshalb in den meisten Fällen als idiopathisch etikettiert, dürften die Verschleißerkrankungen auch genetisch mitbestimmt sein. Fassbare Gründe sind Trauma und Dysplasie. So sind die Hüftdysplasie, Fehlstellungen der Beine und gelenknahe Knochenbrüche präarthrotische Deformitäten.

Ob man Arthrosen mit Endoprothesen behandelt, sollte vor allem vom Leidensdruck des Patienten abhängen. Bei Gonarthrosen, Omarthrosen und Koxarthrosen hilft die konservative Therapie oft Zeit zu gewinnen – und dem Patienten das vorzeitige Risiko von schwerwiegenden Komplikationen zu ersparen. Korrekturosteotomiem sollten immer erwogen werden, vor allem bei der Coxa valga und dem Genu varum.

Meniskusrisse und Impingement-Syndrome (an der Schulter) sind seit langem eine Domäne der Arthroskopie.

Fehlbildungen[Bearbeiten]

Fehlbildungen bedeuten Mangelverwaltung. Der sog. Contergan-Skandal wurde zur traurigen Herausforderung der Orthopädie. Die Handfehlbildungen gaben operative Impulse.[3] Milden Formen proximaler Femurdefekte (Coxa vara) lässt sich manchmal mit Valgisierungsosteotomien, im Erwachsenenalter mit Endoprothesen beikommen. Die Osteogenesis imperfecta kann langstreckige (Femur-) Stabilisierungen mit homologer Substantia compacta nötig machen. Nicht ganz selten ist die Fibulare Hemimelie, die eine jahrzehntelange Betreuung verlangt.[4][5]

Fußchirurgie[Bearbeiten]

Wenn Veranlagung oder schwindende Muskelkräfte die Biomechanik des Fußes beeinträchtigen, entwickeln sich die häufigen Vorfußdeformitäten. So ist die operative Korrektur von Hallux valgus, Hallux rigidus und Hammerzehen zum Spezialgebiet von Chirurgen und Orthopäden geworden. In Frage kommen Osteotomien, Arthroplastiken, Arthrodesen und (am Großzehengrundgelenk) Endoprothesen. Luxierte Kleinzehen können auch bei Rheumatikern in Reih und Glied gebracht werden (Stainsby).[6][7]

Siehe auch: Podologie

Infektionen[Bearbeiten]

Als allfällige Komplikationen werden die meisten Gelenkinfektionen an Ort und Stelle behandelt. Hingegen liegt die Behandlung der chronischen Osteomyelitis (aus guten Gründen) vor allem bei den Berufsgenossenschaftlichen Unfallkliniken. In Norddeutschland hat das Berufsgenossenschaftliche Unfallkrankenhaus Hamburg eine unvergleichliche Expertise.

Kinderorthopädie[Bearbeiten]

Trotz rückläufiger Geburtenziffer und verbesserter Kindervorsorgeuntersuchungen hat die Kinderorthopädie nicht an Bedeutung verloren. Aseptische Knochennekrosen, Morbus Perthes, Patellaluxation, angeborene Pseudarthrosen, Epiphysenlösung des Femurkopfs, Hüftdysplasie, angeborene Hüftluxation und Klumpfuß sind schwierige Krankheitsbilder. Operationen und Hilfsmittel müssen etappenweise und langfristig geplant werden.

Bei Muskeldystrophien, Zerebralparesen und Lähmungen ist oft die Zusammenarbeit mit Pädiatern, Psychologen und Intensivmedizinern und anderen Fachgruppen notwendig.

Rehabilitation[Bearbeiten]

Privatwirtschaftliche Rehakliniken waren früher gesuchte Geldanlagen. Durch die diagnosebezogenen Fallgruppen haben sie an wirtschaftlicher und klinischer Bedeutung gewonnen; denn die pauschalierten Endoprothesenpatienten bleiben aus Kostengründen nur noch wenige Tage in der Akutklinik.

Ein außerordentlich komplexes Rehabilitationsgebiet sind die Querschnittlähmungen. In Deutschland ereignen sich jährlich zwischen 1.200 und 1.500 neue Fälle.[8] Maßgebliche Querschnittszentren sind die Berufsgenossenschaftlichen Kliniken Bergmannstrost Halle, das Berufsgenossenschaftliche Unfallkrankenhaus Hamburg, das SRH Klinikum Karlsbad-Langensteinbach und die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Murnau.[9][10] Hans Jürgen Gerner, Jürgen Harms und Gerhard Exner sind Schrittmacher der Paraplegiologie.

Rheumatologie[Bearbeiten]

Die (nichteitrige) Arthritis ist eine Domäne der operativen Orthopädie und orthopädischen Handchirurgie. Der mutilierenden Polyarthritis kann mit Synovialektomien, Arthrodesen, Arthroplastiken und Radiosynoviorthesen begegnet werden; früher oder später werden aber Endoprothesen nötig. Möglich sind sie auch am Metacarpophalangealgelenk (und am Daumensattelgelenk). In allen Fällen muss mit spezialisierten Internisten und Ergotherapeuten einvernehmlich zusammengearbeitet werden. In Deutschland gibt es nur wenige operative Rheumakliniken.

Sozialmedizin[Bearbeiten]

Erhebliche Bedeutung hat die Orthopädie in der Sozialmedizin. Die meisten Rentenansprüche wegen verminderter Erwerbsfähigkeit werden mit sog. Bandscheibenproblemen und Gelenkverschleiß begründet. Entsprechend wichtig sind orthopädische Gutachten für Sozialgerichte, Versorgungsämter und Rententräger.[11]

Sportmedizin[Bearbeiten]

Sportmedizin gehört in den Vereinigten Staaten zur Orthopedic Surgery. In Deutschland wird sie eher von Innerer Medizin und Physiologie getragen (Blutkreislauf, Endokrinologie).

Systemische Skeletterkrankungen[Bearbeiten]

Osteoporose und Osteomalazie fallen in das Gebiet der Osteologie. Die Rachitis spielt (in Deutschland) keine große Rolle mehr. Während einzelne Metastasen manchmal reseziert werden können, ist der generalisierte Befall eine Sache der Palliativmedizin.

Technische Orthopädie[Bearbeiten]

Kriegsversehrte, Behinderte und Amputierte brauchen Prothesen.[12] Otto Bock ist der weltweit größte und bei weitem bedeutendste Konzern für Orthopädietechnik. Orthesen stabilisieren instabile Gelenke. Das Chêneau-Korsett und das Milwaukee-Korsett haben nach wie vor große Bedeutung in der Behandlung von Skoliosen. Bei der Scheuermann-Krankheit lassen sich manche Kyphosen mit Stützkorsetts am Sternum abfangen.

Der Orthopädieschuhtechniker fertigt Einlagen, Schuhzurichtungen und orthopädisches Schuhwerk.

Einen Lehrstuhl für Technische Orthopädie gibt es nur noch im Universitätsklinikum Münster.[13] Das Universitätsklinikum Heidelberg hat eine Abteilung.[14]

Tumorchirurgie[Bearbeiten]

Primäre bösartige Knochentumoren sind selten und bei Erwachsenen in der Regel der Resektion zugänglich. Hingegen stellen Osteosarkom und Ewingsarkom das Kind und die Eltern vor schwere Entscheidungen. Orthopäden, Pathologen, Pädiater und Orthopädietechniker müssen sie ihnen erleichtern. Etablierte Einrichtungen sind das Helios Klinikum Berlin-Buch, das Klinikum Ingolstadt, das Klinikum rechts der Isar und das Universitätsklinikum Münster (Winfried Winkelmann, Georg Gosheger).[15][16][17][18]

Siehe auch: Umkehrplastik

Wirbelsäule[Bearbeiten]

Bei Kindern und Jugendlichen werden Skoliosen mit einem Cobb-Winkel von mehr als 40° operativ korrigiert.[19] Nestoren der Skoliosechirurgie waren Paul Randall Harrington, Yves Cotrel, Jean Dubousset und Michael McMaster.[20][21][22][23] Klaus Zielke verschrieb sich am Französischen Hospital Emile Roux der transthorakalen Skoliosekorrektur und baute dann die für die Skoliose-Chirurgie bekannte Klinik der Wicker-Gruppe in Bad Wildungen auf.[24]

Spondylitis und Tuberkulose bedeuteten früher jahrelange Bettlägerigkeit, Gipsbettbehandlung, Querschnittlähmung und Tod. Sie haben durch die operative Medizin an Schrecken verloren, sind aber heikle Erkrankungen geblieben. Das gilt auch für die Spondylolisthesis, die mit Spondylodesen stabilisiert werden kann. Friedrich Magerl und Jürgen Harms trieben die Stabilisierung von Wirbelbrüchen und diskoligamentären Schäden der Halswirbelsäule voran.[25]

Die Spondylitis ankylosans ist eine schwere rheumatologische Erkrankung. Im Prinzip ist sie nicht therapierbar. Wenn die Wirbelsäule bogig versteift ist und die Patienten nur noch zu Boden schauen können, ist die Kolumnotomie zu erwägen.[26][27] Eine solche Osteotomie ist auch an der Halswirbelsäule möglich.[28]

Bandscheibenvorfälle werden vorwiegend von Neurochirurgen (in minimal-invasiver Technik) operiert.[29]

Diagnostik[Bearbeiten]

Wie schon immer reichen bei 80 von 100 Patienten Anamnese und klinischer Befund zur Diagnose. Technische Untersuchungen – Röntgen, Computertomografie, Kernspintomografie und Sonografie  – überdecken die Bedeutung der körperlichen Untersuchung, die kaum noch gelehrt und gelernt wird. Die Szintigrafie ist vor allem bei Infektionen sinnvoll. Über den Sinn der Osteodensitometrie lässt sich streiten.

Psychosomatik spielt in der (konservativen) Orthopädie eine große Rolle.[30]

Konservative Therapie[Bearbeiten]

Hauptartikel: konservative Therapie

Die Übergänge zur Alternativmedizin – zum Chiropraktiker, Osteopathen und Heilpraktiker – sind fließend.

Neuer Facharzt[Bearbeiten]

Zeitschriften[Bearbeiten]

Große Orthopäden[Bearbeiten]

Nach Geburtsjahr geordnet

Literatur[Bearbeiten]

  • René Baumgartner, Bernhard Greitemann: Grundkurs Technische Orthopädie, 2. Auflage. Stuttgart 2007. ISBN 978-3131250728.
  • Hans-Peter Bischoff, Jürgen Heisel, Hermann Locher: Praxis der konservativen Orthopädie. Thieme, Stuttgart 2007. ISBN 978-3131424617.
  • S. Terry Canale, James H. Beaty: Campbell's Operative Orthopaedics, 4 Bände, 12. Auflage. Mosby / Elsevier 2012. ISBN 978-0-323-07243-4.
  • Rüdiger Döhler: Lexikon Orthopädische Chirurgie. Springer, Heidelberg Berlin 2003, ISBN 3-540-41317-0.
  • Fritz Hefti: Kinderorthopädie in der Praxis, 2 Bände, 2. Auflage. Thieme, Stuttgart 2006/2008. ISBN 978-3540256007.
  • Kurt Lindemann: 50 Jahre Körperbehindertenfürsorge in Deutschland. Gedenkschrift anlässlich des 50jährigen Bestehens der Deutschen Vereinigung zur Förderung der Körperbehindertenfürsorge. Thieme, Stuttgart 1960.
  • Hermann-Alexander Locher, Rüdiger Hepp: Orthopädisches Diagnostikum, 8. Auflage. Thieme, Stuttgart 2014. ISBN 3-13-324008-0.
  • Christoph Lohmann, Wolfgang Rüther: Orthopädie und Unfallchirurgie, 20. Auflage. Urban & Fischer/Elsevier 2014. ISBN 3-437-44444-1.
  • Tim Pohlemann, Dieter Kohn, Wolf-Eberhard Mutschler, Carl Joachim Wirth: Praxis der Orthopädie und Unfallchirurgie, 3. Auflage. Thieme, Stuttgart 2013. ISBN 3-13-140643-7.
  • August Rütt (Hg.): Geschichte der Orthopädie im deutschen Sprachraum. Enke, Stuttgart 1993. ISBN 3-432-25261-7.
  • Doris Schwarzmann-Schafhauser: Orthopädie im Wandel. Die Herausbildung von Disziplin und Berufsstand in Bund und Kaiserreich (1815–1914). Franz Steiner Verlag 2004. ISBN 3-515-08500-9. GoogleBooks
  • Jürgen Specht, Matthias Schmitt, Joachim Pfeil: Technische Orthopädie. Orthesen und Schuhzurichtungen. Springer, Berlin Heidelberg 2008. ISBN 978-3540298922.
  • Bruno Valentin: Geschichte der Orthopädie. Thieme, Stuttgart 1961 (1991: ISBN 978-3134121018).

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Orthopädie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Orthopädie, oder die Kunst, bey den Kindern die Ungestaltheit des Leibes zu verhüten und zu verbessern, dt. Reproduktion der Erstausgabe von 1744, bearbeitet von D. Wessinghage. Schattauer 1987.
  2. Bundesärztekammer, Weiterbildungsordnung vom 25. Juni 2010 (Version vom 21. Januar 2012 im Internet Archive)
  3. Walter Blauth, Frank Schneider-Sickert: Handfehlbildungen. Atlas ihrer operativen Behandlung. Springer 1976. ISBN 9783540077800.
  4. P. Hippe, W. Blauth, N. Borisch: Die Resektion des sogenannten Fibulastrangs bei angeborenem Fehlen der Fibula (1992)
  5. Die Behandlung der fibularen Hemimelie (Springer)
  6. Ärzteblatt M-V
  7. Angela Simon, Malchin
  8. Kliniken zur Behandlung von Querschnittlähmungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz
  9. Bergmannstrost Halle
  10. BUK Hamburg
  11. Rüdiger Döhler: Aufgaben und soziale Aspekte der Orthopädie. Zentralblatt für Sozialversicherung, Sozialhilfe und Versorgung 39 (1985), S. 366–368.
  12. Technische Orthopädie (2007)
  13. Klinik für Technische Orthopädie und Rehabilitation, Universitätsklinikum Münster
  14. Orthopädische Universitätsklinik Heidelberg
  15. Sarkomzentrum Berlin-Brandenburg
  16. Orthopädie Ingolstadt
  17. Muskuloskelettales Tumorzentrum München
  18. Orthopädische Universitätsklinik Münster
  19. skoliose.de
  20. Yves Cotrel (frz. WP)
  21. Jean Dubousset (Springer)
  22. Michael McMaster (Scottish National Spine Deformity Service)
  23. M. J. McMaster: Congenital deformities of the spine (James IV Lecture, 2001)
  24. Werner-Wicker-Klinik
  25. Unfallverletzungen der Wirbelsäule und des Rückenmarks (SWRZ)
  26. Kolumnotomie
  27. Hans-Joachim Hehne, Klaus Zielke: Die kyphotische Deformität bei Spondylitis ankylosans: Klinik, Radiologie, Therapie. Hippokrates 1990. ISBN 9783777309651.
  28. M. J. McMaster, JBJS (1997)
  29. Minimal-invasive Bandscheiben-OP
  30. V. Köllner, S. Rupp: Psychosomatische Aspekte in der Orthopädie. Der Orthopäde 41 (2012), S. 136–146, ISSN 1433-0431. doi:10.1007/s00132-011-1864-9. PMID 22349371
  31. Robert Merle d’Aubigné