Politisches System Albaniens

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Politisches System Albaniens

Das politische System Albaniens ist in Form einer parlamentarischen Republik organisiert. Es verfügt über ein Einkammerparlament. Die Verfassung vom 28. Dezember 1976 wurde im April 1991 außer Kraft gesetzt. Gleichzeitig wurde die „Sozialistische Volksrepublik Albanien“ in „Republik Albanien“ umbenannt.[1] Am 28. November 1998 wurde eine neue Verfassung per Referendum gebilligt.

Kernstücke dieser Verfassung, die bis heute in Kraft ist, sind ein Mehrparteiensystem sowie die Garantie der Meinungs-, Religions-, Presse-, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit.[2]

Der Amtssitz des Präsidenten, das Parlamentsgebäude, der Regierungssitz und das Verfassungsgerichtsgebäude stehen alle in der Hauptstadt Tirana und machen sie damit zum politischen Zentrum Albaniens.

Staatsoberhaupt[Bearbeiten]

Die Presidenca in Tirana. Amtssitz des Präsidenten

Staatsoberhaupt ist der Staatspräsident.[3] Dieses Amt hat seit dem 24. Juli 2012 Bujar Nishani inne.

Zusammen mit dem Premierminister übt der Staatspräsident die Kontrolle über die Streitkräfte aus.[2] Das Parlament wählt den Präsidenten mit der Mehrheit von drei Fünfteln seiner Mitglieder in geheimer Wahl für eine Dauer von fünf Jahren.[4] Zur Wahl wird zugelassen, wer von mindestens 20 Abgeordneten unterstützt wird.[2] Die Ausübung des Präsidentenamts ist auf maximal zwei Perioden zu je fünf Jahren begrenzt.[4] Der Präsident ernennt dann den Premierminister auf Vorschlag der Mehrheit der Abgeordneten im Parlament. Sofern sich das Parlament in drei Anläufen nicht auf einen Vorschlag einigen kann, hat der Präsident das Recht, das Parlament aufzulösen.[2]

Zusammen mit dem Premierminister werden die auswärtigen Beziehungen sowie Sicherheitsangelegenheiten bewältigt. Neben diesen Aufgaben ist der Präsident, wie in parlamentarischen Systemen üblich, auf zeremonielle beziehungsweise repräsentative Funktionen beschränkt. Um das Präsidentenamt bekleiden zu können, muss der Bewerber mindestens die letzten zehn Jahre in Albanien wohnhaft gewesen sein sowie zum Zeitpunkt der Wahl ein Mindestalter von 40 Jahren erreicht haben.[4] Im Vertretungsfall übernimmt der Parlamentspräsident die Amtsgeschäfte des Präsidenten.

Parlament[Bearbeiten]

Das Parlamentsgebäude in Tirana
Hauptartikel: Albanisches Parlament

Da Albanien unikameral aufgebaut ist, besitzt es lediglich ein Parlament. Die Kuvendi Popullor (Volksversammlung) umfasst 140 Abgeordnete. Die Legislaturperiode beträgt vier Jahre.[4] 100 Abgeordnete werden direkt durch relative Mehrheitswahl gewählt. Das Land ist hierzu in 100 Wahlkreise aufgeteilt. 40 Abgeordnete werden über Listen via Verhältniswahl gewählt. Jeder Wahlberechtigte hat hierzu zwei Stimmen. Die Sperrklausel war ursprünglich auf 2,5 % für Parteien und 4 % für Koalitionen festgelegt, wurde jedoch durch eine Verfassungsnovelle im Jahr 2008 auf 3% bzw. 5% angehoben.[5] [6]

Die wichtigsten Aufgaben des Parlaments sind die Gesetzgebung, den Vorschlag an den Präsidenten für das Amt des Premierministers sowie die Billigung des vom Präsidenten ernannten Premierministers sowie der vom Premierminister vorgeschlagenen Minister.[4][2]

Seit 2013 bekleidet Ilir Meta (LSI) das Amt des Parlamentspräsidenten.

Parteien und Bürgerinitiativen[Bearbeiten]

Demonstration von Minenarbeitern vor dem Sitz des Ministerpräsidenten (2007)

In Albanien hat sich das Parteiensystem seit der Einführung einer tieferen Sperrklausel im Jahr 2009 weiter stark zu den zwei Lagern hin polarisiert. Zu den größten Parteien, die auch im Parlament vertreten sind, zählen die sozialdemokratische Sozialistische Partei (PS, 65), die konservative Demokratische Partei (PD, 50 Sitze), die sozialdemokratische Sozialistische Bewegung für Integration (LSI, 16), die rechtsgerichtete Albanische Republikanische Partei (PR, 3) sowie zwei ethnisch-nationalistische Parteien, die für die Çamen stehende Partei für Gerechtigkeit, Integration und Einheit (PDIU, 4), die für die griechische Minderheit stehende Partei Vereinigung für die Menschenrechte (PBDNJ, 1) und die Christlich-Demokratische Partei Albaniens (PKD). Daneben sind die konservative Neuer Demokratischer Wind (FRD), die grüne Agrar- und Umweltpartei (PAA), die Christdemokratische Partei (PDK), die liberale Demokratische Allianz (AD) sowie die zwei sozialdemokratischen Parteien, die Partei Soziale Demokratie (PDS) und die Sozialdemokratische Partei (PSD) von Bedeutung.

Zu den wichtigsten Bürgerinitiativen gehören MJAFT! und Allianz Rot und Schwarz.

Regierung[Bearbeiten]

Ministerien am Skanderbeg-Platz in Tirana

Neben dem Präsidenten besteht die Exekutive aus dem Ministerpräsident und den einzelnen Ministern. Seit 2013 bekleidet Edi Rama das Amt des albanischen Ministerpräsidenten.

Neben der Zuständigkeit für die jeweiligen Ressorts obliegt dem Kabinett die Wahrnehmung derjenigen Aufgaben, die nicht bereits einem Verfassungsorgan, einer anderen Behörde oder einer lokalen Ebene zugewiesen sind.[4] Die inhaltlichen Zielsetzungen der Legislaturperiode werden vom Premierminister festgelegt (Richtlinienkompetenz).

Weitere Aufgaben des Premierminister sind die Repräsentation der Regierung sowie die Leitung von Regierungssitzungen, die Verantwortlichkeit für die politische Umsetzung der von ihm festgelegten Ziele, die Koordination und Kontrolle der Arbeit seiner Minister und der administrativen Behörden sowie die Ausfüllung weiterer durch Verfassung oder Gesetz zugewiesener Aufgabenbereiche.[4]

Zum Premierminister kann jeder Abgeordnete vorgeschlagen werden. Das Amt des Ministerpräsidenten ist nicht mit anderen staatlichen Funktionen oder der Leitung beziehungsweise Mitgliedschaft in profitorientierten Organisationen vereinbar.[4]

Verfassungsgericht[Bearbeiten]

Das Verfassungsgericht (albanisch Gjykata Kushtetuese) besteht aus neun Richtern, die vom Präsidenten in Einvernehmen mit dem Parlament ernannt werden. Die Aufgabe des Verfassungsgerichts besteht in der Garantie der Verfassung sowie deren Interpretation. Die Verfassungsrichter sind für neun Jahre im Amt ohne die Möglichkeit einer Wiederwahl.[2]

Voraussetzung zur Bekleidung dieses Amts ist die Ausübung eines Richteramts seit mindestens 15 Jahren. Ein Drittel der Richter wird alle drei Jahre neu benannt. Der Präsident des Verfassungsgerichts wird von den Richtern des Verfassungsgerichts und dem albanischen Präsidenten in Einvernehmen mit dem Parlament ernannt. Das Höchstalter eines Verfassungsrichters ist auf 70 Jahre festgeschrieben. Die Entscheidungen des Verfassungsgerichts erfordern die Mehrheit seiner Mitglieder.

Klageberechtigt sind:[4]

  • Der Präsident
  • Der Premierminister
  • Ein Fünftel der Abgeordneten des Parlaments
  • Gerichte
  • Staatsanwälte
  • Organe lokaler Regierungen
  • Religiöse Gemeinschaften
  • Politische Parteien und andere Organisationen
  • Individuen

Unter bestimmten Voraussetzungen kann ein Richter mit einer Zweidrittelmehrheit des Parlaments aus dem Amt entfernt werden.

Seit 2009 ist Bashkim Dedja (* 1970) Präsident des Verfassungsgerichts.[7]

Regionalverwaltung[Bearbeiten]

Die Republik Albanien ist verwaltungstechnisch in zwölf Qarqe („Regionen“) eingeteilt. Die jeweiligen Qark-Räte setzen sich durch die Bürgermeister aller Gemeinden (Komuna) und Städten (Bashkia) zusammen. Der Qark hat in Albanien bestimmte lokale Aufgaben zu erfüllen. So fallen viele Bereiche aus Gesundheit, Bildung, Kultur, Regionalplanung, Umwelt und Wirtschaft diesem Verwaltungsorgan zu. Die Zentralregierung ernennt für jeden Qark einen Präfekten, der die Aufsicht über die Qark-Räte ausübt und die lokalen Geschäfte der Regierung wahrnimmt, die nicht an die Lokalbehörden abgetreten wurden. Die Präfekten sind somit der verlängerte Arm der Regierung in den Regionen.

Aktuelle Entwicklungen[Bearbeiten]

Polizeiaufgebot während den Anti-Regierungsprotesten am 21. Januar 2011

Die aktuelle Politik Albaniens wird heutzutage vor allem durch seine Bemühungen zur Integration in euro-atlantische Strukturen beeinflusst. Das Land strebt einen Beitritt zur Europäischen Union an (Siehe auch Albanien und die Europäische Union). 2006 konnte so ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnen werden, welches am 1. April 2009 in Kraft treten konnte. An diesem Tag wurde das südosteuropäische Land zudem Mitgliedsstaat in der NATO.

Doch der politische Alltag wird in Albanien immer wieder von Rückfällen, Korruptionsaffären und dergleichen überschattet. Auch die letzten Parlamentswahlen vom Juni 2009 wurden von einigen Zwischenfällen in ein schlechtes Licht gerückt. Die oppositionellen Sozialisten, allen voran ihr Vorsitzender Edi Rama, kritisierten die Wahlen scharf und warfen der konservativen Regierung Wahlfälschung vor. Aus Mangel an Kompromiss- und Dialogbereitschaft, wie dies in Albanien oft der Fall ist, vertiefte sich dann die Krise immer mehr und wurde erst im September 2011 teilweise überwunden (Siehe auch Politische Krise in Albanien ab 2009). Unter anderem boykottierte die Sozialistische Partei fast jede Sitzung im Plenarsaal des Parlaments, bis Edi Rama am 1. September 2011 (nach den PS-Parteitagen im August) erklärte, dass die Sozialisten am 5. September zu Beginn der neuen Session im Parlament und deren Kommissionen anwesend sein werden. Vorher noch wurden auch die Kommunalwahlen im Mai von einigen Unregelmäßigkeiten überschattet. Nach dem Ende der Stimmenauszählung forderte die internationale Wahlbeobachter-Mission OSZE-ODIHR Albanien auf, Reformen im Wahlgesetz durchzuführen. Laut deren Bericht weise das Wahlsystem noch einige Mängel auf, die aufgehoben werden können. Bisher sind die Vorsitzenden der beiden großen Parteien noch nicht an einen Tisch gesessen, um Kompromisse auszuhandeln, stattdessen treffen sich immer wieder Vertreter beider Parteien und bestätigten sich in einem Punkt: die Wahlgesetzes-Reform wurde in die Agenda des Parlaments eingebunden. Im Oktober 2011 erwartet Albanien den jährlichen Fortschritts-Bericht der EU. Das Parlament möchte in dieser kurzen Periode noch so viele Reformen wie möglich durchführen, damit das Land den Status eines Beitrittskandidaten erhält. Ob die Legislative in dieser Zeit alle geforderten Gesetze verabschiedet und ob die beiden großen Parteien ihre Differenzen beilegen können, ist in Frage gestellt.

Neben dem Hauptthema EU sind auch innenpolitische Ereignisse für die weitere Zukunft Albaniens von großer Bedeutung. Unter den wichtigsten sind hier die Rechtsprechung der Verantwortlichen für die Explosionen von Gërdec 2008, die Rechtsprechung der Verantwortlichen für die drei Toten an der Anti-Regierungsdemonstration vom 21. Januar 2011 und einige Korruptionsvorwürfe an führende Politiker wie Ilir Meta (Januar 2011), Fatmir Mediu (2008) und Lulzim Basha (während seiner Amtszeit als Verkehrsminister zwischen 2005 und 2007) zu erwähnen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Albanien: Politisches System. Abgerufen am 25. Februar 2010.
  2. a b c d e f Nations of the World: A political, economic & business handbook, 2008, S.9
  3. Verfassung, Artikel 86
  4. a b c d e f g h i Verfassung der Republik Albanien (Englisch). Abgerufen am 25. Februar 2010.
  5. Übersicht Wahlsystem der Republik Albanien. Abgerufen am 25. Februar 2010.
  6. Schmidt-Neke, Michael: Das politische System Albaniens, in: Ismayr, Wolfgang (Hg.) (2010): Die politischen Systeme Osteuropas, 3., aktual. u. erw. Aufl., Wiesbaden: VS Verlag, 1007-1053: 1026.
  7. Offizielle Internetseite des Verfassungsgerichts. Abgerufen am 16. September 2011 (albanisch und englisch).