St. Verena (Rot an der Rot)

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Ehemalige Reichsabtei und St. Verena 2008
Grundriss der Klosterkirche

Die frühklassizistische Klosterkirche St. Verena in Rot an der Rot wurde von 1777 bis 1786 während der Amtszeit der Äbte Mauritius Moritz und Willebold Held erbaut und ausgestattet. St. Verena ist der letzte große Klosterkirchenneubau der Prämonstratenser in Oberschwaben. Das Gotteshaus ist in der Gesamtanlage, wie auch im architektonischen Detail vom Übergangsstil vom Barock zum Klassizismus gekennzeichnet. Die großzügig angelegte Klosterkirche der ehemaligen Prämonstratenser-Reichsabtei Rot an der Rot ist siebenundsechzig Meter lang, zwanzig Meter breit und zweiundzwanzig Meter hoch, wobei das Kirchenschiff mit 34 Metern kaum größer ist als der Chorraum mit 33 Metern Länge.[1] Die weithin sichtbaren Türme sind 60 Meter hoch. Die Kirche ist römisch-katholische Pfarrkirche in der Kirchengemeinde St. Verena der Seelsorgeeinheit 2 Rot-Iller, im Dekanat Biberach der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Das Patrozinium wird am 2. September gefeiert.

Hochaltar[Bearbeiten]

Innenraum in Richtung des Chors von der Orgelempore aus.
Der Hochaltar

Der frühklassizistische Aufbau des Hochaltars bildet den architektonischen Zielpunkt der Langhausachse und setzt sich als Baldachinaufbau aus rotem Stuckmarmor vom Weiß der Wand ab. Der Hochaltar stammt wie die gesamte übrige Altarausstattung und die Kanzel von Franz Xaver Feuchtmayer dem Jüngeren, der sie 1785–1786 schuf.

Den Altaraufbau zieren vergoldete Ornamente. An den Sockeln befinden sich schleifengeschmückte ovale Medaillons mit Reliefs der Symbole der vier Evangelisten und der vier lateinischen Kirchenväter, die das Fundament der Kirche symbolisieren. Ergänzt werden die beiden Gruppen durch zwei bedeutende scholastische Theologen und Kirchenlehrer. Die Symbole verkörpern (von links) die Heiligen Thomas von Aquin, Lukas, Hieronymus, Matthäus, Ambrosius, Gregor der Große, Markus, Bonaventura, Johannes und Augustinus.

Das Gemälde Anbetung der Hirten schuf 1694 der Memminger Maler Johann Heiss (1640–1704).

Seitlich schließen sich zwischen den Säulen Figuren der Heiligen Augustinus mit dem Flammenherz und Norbert mit der Monstranz an. Beide sind in Bischofstracht dargestellt, die Mitra tragen Engel zu ihren Füßen. Am Gebälk befindet sich eine runde Kartusche mit dem Wappen des Abtes Mauritius Moritz.

Im Zentrum der plastischen Altarbekrönung befindet sich das Lamm Gottes im Strahlenkranz auf dem Buch mit sieben Siegeln.

Chorgestühl[Bearbeiten]

Detail des Chorgestühls

Das Chorgestühl unter der Vierungskuppel im Chor ist ein Meisterwerk barocker Schnitzkunst. Es zählt zur figürlich ausgestatteten Gruppe der schwäbischen Akanthus-Chorgestühle, wurde in der Zeit von 1691 bis 1693 für die Vorgängerkirche geschaffen und gilt als unmittelbarer Nachfolger des Buxheimer Chorgestühls.[2] Als Schöpfer des Gestühls kommt neben Andreas Etschmann aus Tirol, der eine Roterin heiratete, auch Ignaz Waibl in Frage, der mit Etschmann in derselben Lehrwerkstatt war, 1693 in Rot die Patenschaft für Etschmanns erste Tochter übernahm und wahrscheinlich mit einem Teil seiner Werkstatt von Buxheim nach Rot gezogen war. Als Meister könnten auch der Schreiner Hans Heinrich Schlegel aus Luzern, der 1692 Trauzeuge Etschmanns in Rot war, oder Christoph Heinrich Dittmar, der als Bildhauer an der Kanzel von St. Martin in Memmingen wirkte, tätig gewesen sein.[3]

Das Gestühl besteht aus zwei doppelten Sitzreihen mit insgesamt 42 Stallen und einem üppig verzierten Dorsale. Die acht Akanthus-Aufsätze mit den Apostelfiguren auf den klassizistischen Beichtstühlen im Langhaus bildeten den Aufsatz des Chorgestühls, sind aber erst 1720 entstanden und werden Johann Ruez aus Wurzach zugeschrieben.[4] Das zweireihige Gestühl besteht aus glatten Klappsitzen zwischen reich geschnitzten Wangen. Diese schmücken an der Vorderseite vorgebauchte Karyatiden (Gebälkträgerinnen) mit unterschiedlichen Kopftypen, die zur Rückwand hin in vielfältig gestaltete Akanthusvoluten aufgelöst sind.

In das Laubwerk sind zahlreiche symbolische Darstellungen eingebunden, wie das Lamm Gottes, der Pelikan, der Drache oder die geflügelte Sphinx. Die Wangen sind auch im Fußbereich noch mit Voluten und figürlichen Reliefs versehen. Besonders prachtvoll wurden die Abschlüsse zum Altar hin gestaltet, wo die Kirchenpatronin Verena und der Heilige Norbert dargestellt sind. Die zweite Sitzreihe ist ebenso aufgebaut. In den Nischen befinden sich Statuetten von Jesus und Maria und von Heiligen und Ordensstiftern. Bislang ist es nicht gelungen, alle Statuen zweifelsfrei zu identifizieren. Unsicherheiten gibt es bei Siard von Mariengaarde, Kajetan von Thiene und Romuald von Camaldoli. Ob es sich um Johannes von Gott handelt oder um Philipp Benitius, den Generalprior der Serviten, ist ungeklärt.[5] Der Heilige Norbert von Xanten steht als Begründer der Prämonstratenser am Beginn der Figurenfolge auf der rechten Seite (Südseite).

Das Chorgestühl wurde im Jahr 1784 in den Neubau übernommen und dem Aufstellungsort angepasst. Anstelle der Bekrönung aus Apostelfiguren ergänzt das Werk nun der klassizistische Prospekt der Chororgel, zusammen mit Portalen und dem Spieltisch des Instruments. Gegen den spielerischen Überschwang der üppig schwellenden Barockformen wirkt der strenge, geradlinige Orgelaufbau als nüchterner Gegenpol. Eine geradlinige Brüstung mit rechteckigem Flechtbandmotiv verbindet die beiden Gehäuse, die auf der Nordseite aus Symmetriegründen aus einer Blendorgel bestehen.

Seitenaltäre[Bearbeiten]

Taufe Jesu durch Johannes
Reliquienschrein Aurelius Renatus
  • Erschaffung des Adam und Taufe Jesu durch Johannes
  • Reliquienaltäre des Aurelius Renatus und seiner Frau Domitia
  • Erhöhung der ehernen Schlange und Kreuzigung Christi
Am linken Seitenaltar, der die Erhöhung der Ehernen Schlange zum Thema hat, wird die Bestrafung des Volkes Israel wegen seiner Auflehnung gegen Gott und Mose geschildert. Gott schickt Giftschlangen, viele Israeliten werden gebissen und sterben. Nachdem die Strafe Reue bewirkt hat, will Gott sein Volk retten: Der Herr antwortete Mose: Mach dir eine Schlange und häng sie an einer Fahnenstange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht. (Num 21,8) Die Erhöhung der ehernen Schlange ist eine Szene aus dem Alten Testament, die als Vorwegnahme des Kreuzestodes Christi gilt.
  • Reliquienaltäre des Almachus und des Benediktus
Almachus und Benediktus sind Katakombenheilige, deren Reliquien das Kloster 1788 bzw. 1789 erwarb. Beide sollen als christliche Einsiedler gelebt haben und als Märtyrer gestorben sein.

Deckengemälde[Bearbeiten]

Übergabe des weißen Ordenskleides[Bearbeiten]

Das große Bildoval im Chor schildert die Übergabe des weißen Ordenskleides durch die auf Wolken schwebende Maria Immaculata an Norbert. Engel umgeben kreisförmig die zentrale Komposition; einige halten seine Insignien. Eine Spinne über einem Kelch bezieht sich nach einer Legende darauf, dass Norbert das giftige Tier, das in den Kelch gefallen war, mit dem Blut Christi trank und nach der Messe unbeschadet durch die Nase wieder aus seinem Körper ausschied. Der Kelch mit der Spinne ist neben der Monstranz auch eines seiner Attribute.

Norbert und die drei evangelischen Räte[Bearbeiten]

Das Deckengemälde im Turmjoch zeigt die Verherrlichung des Heiligen Norbert in einer Wolkenglorie, umgeben von den allegorischen Darstellungen der drei evangelischen Räte. Der Heilige sitzt in einem goldenen Wagen, dessen Joch vom personifizierten Gehorsam gezogen wird. Das Joch, das dem Gehorsam meist als Attribut beigegeben ist, wird hier mit einer Handlung verknüpft. Im Vordergrund wird die Keuschheit durch einen Engel mit einer Lilie dargestellt, der seinen Fuß als Zeichen des Sieges auf die unter ihm liegende Wollust setzt, symbolisiert durch eine Frau mit einem Bock. Neben ihr ist die Armut zu sehen, eine Frau mit einem ausgeschütteten Münzschatz neben sich. Ein Engel zur Linken Norberts präsentiert die Zeichen der Bischofswürde, Mitra und Hirtenstab, während sich rechts von ihm ein Posaunenengel anschließt, der den Triumph der Tugenden verkündet.

Zwölfjähriger Jesus im Tempel[Bearbeiten]

Zwei Kinder weisen dem Betrachter den Weg in die Mitte des Bildes. Der zwölfjährige Jesus steht dort, in ein rotes Gewand gehüllt, erhöht auf einem Podest, den rechten Arm erhoben. Zu beiden Seiten befinden sich diskutierende Schriftgelehrte (Lk 2,46). An den Gesichtern und Gesten der Gelehrten erkennt man, dass sein Reden Zustimmung, Ablehnung und Nachdenklichkeit ausgelöst hat.

Kanzel[Bearbeiten]

Kanzel

Die Kanzel hängt am Wandpfeiler über dem vierten Seitenaltar. Die Darstellungen auf dem Schalldeckel zeigen ein Schwerpunktthema barocker Predigten: Tod und Endgericht. Im erhöhten Zentrum des Deckels befindet sich eine Weltkugel. Auf ihr sitzt ein Putto mit zwei Attributen in den Händen. Mit der Rechten hält er ein Zepter in die Höhe, an dessen Spitze das Auge Gottes in einem Dreieck zu sehen ist, umgeben von einem Strahlenkranz. Es steht für die Weisheit Gottes. Die linke Hand des Putto ruht auf einer Waage. In der einen Waagschale befindet sich ein Kelch mit einer Hostie, das Symbol des Glaubens. Die Waage steht für das Endgericht und die Kombination von Kelch und Hostie spielt auf Joh 3,18 an: Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des einzigen Sohnes Gottes nicht geglaubt hat. Neben der Kugel liegt das apokalyptische Lamm auf dem Buch mit sieben Siegeln. Der Heilige Geist wird durch die Taube an der Stirnseite des Schalldeckes symbolisiert.


Orgeln[Bearbeiten]

Hauptartikel: Orgeln der Klosterkirche St. Verena (Rot an der Rot) Speziell für die Roter Chorherren komponierte Michael Haydn das Choralhandbuch Antiphonarium ad usum chori Rothensis.

Die Pfarrer in Rot[Bearbeiten]

Ekkehard Schmid mit der Heilig–Blut–Reliquie beim Blutritt in Weingarten (2011)

Seit Aufhebung des Klosters waren folgende Personen Pfarrer in Rot:

  • Vinzenz Lutz von Olzreute bei Bad Schussenried, Exkonventuale, 1803–1828
  • Joseph Anton Straub von Erolzheim 1828–1832
  • Joseph Manz von Oberbronnen, Oberamt Ellwangen, 1833–1860
  • Adam Ferdinand Remlinger von Markelsheim 1862–1872
  • Anton Schenz von Ummendorf 1873–1892
  • Johann Evangelist Dieterich von Nusplingen, Oberamt Spaichingen, 1892–1916
  • Alfons Walser von Ravensburg 1916–1958
  • Patres der Prämonstratenser 1958–1960
  • Walter Stemmer von Rottweil 1960 bis 1983
  • Alfred Jäger von Reutlingen 1984 bis 2000
  • Ekkehard Schmid von Reinstetten 2000 bis 2007
  • Ambros Tungl 2007 bis

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Aßfalg, Winfried: Andreas Etschmann, Bildhauer aus Tirol. In: Heimatkundliche Blätter für den Kreis Biberach, 16. Jg., 1993, Heft 2, S. 9–22.
  • Aßfalg, Winfried: Der Bildhauer Andreas Etschmann. In: Heilige Kunst 1994, 26. Jg., Ostfildern 1994, S. 57–76. (Aktualisierte Fassung anlässlich der Abschlussarbeiten des Chorgestühls der Kartause Buxheim)
  • Betz, Jutta: Rot an der Rot – ehemalige Prämonstratenser-Reichsabtei. Peda Gregor, Passau 2001.
  • Braunfels, Wolfgang (Hrsg.): Lexikon der christlichen Ikonographie. 8 Bde. Herder Verlag, Freiburg im Breisgau u.a. 1968–1976. ISBN 3-451-22568-9
  • Küchle, Hermann: 850 Jahre Rot an der Rot. Geschichte und Gestalt. In: Neue Beiträge zur Kirchen- und Kunstgeschichte der Prämonstratenser-Reichsabtei. Sigmaringen 1976.
  • Katholisches Pfarramt Rot an der Rot (Hrsg.): Rot an der Rot. Seine Geschichte und seine beiden Kirchen. Ottobeuren 1979
  • Schmid, Ekkehard: Pfarrkirche St. Verena - Ehemalige Abteikirche Rot an der Rot. Verlag Wilhelm Kienberger Lechbruck, 2007
  • Stadelhofer, Benedikt: Historia imperialis et exemti Collegii Rothensis in Suevia. Augsburg I-II., 1787.
  • Stemmer, Walter: Rot an der Rot. (Kleiner Kunstführer). Ottobeuren 1972, 1982
  • Wartena, Sybe: Die Süddeutschen Chorgestühle von der Renaissance bis zum Klassizismus. München 2008 (Dissertation an der Ludwig-Maximilians-Universität)
  • Waldvogel, Rolf (Text) / Volker Strohmaier (Fotos): Den Himmel vor Augen – Was Oberschwabens barocke Deckenfresken erzählen. Biberach 2009

Belege[Bearbeiten]

  1. Ekkehard Schmid: Pfarrkirche St. Verena - Ehemalige Abteikirche Rot an der Rot. Verlag Wilhelm Kienberger Lechbruck, 2007; S. 10
  2. Sybe Wartena: Die Süddeutschen Chorgestühle von der Renaissance bis zum Klassizismus. München 2008, S. 411
  3. Sybe Wartena: Die Süddeutschen Chorgestühle von der Renaissance bis zum Klassizismus. München 2008, S. 416
  4. Hermann Küchle: 850 Jahre Rot an der Rot. Geschichte und Gestalt. In: Neue Beiträge zur Kirchen- und Kunstgeschichte der Prämonstratenser-Reichsabtei. Sigmaringen 1976, S. 59
  5. Sybe Wartena: Die Süddeutschen Chorgestühle von der Renaissance bis zum Klassizismus. München 2008, S. 431

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: St. Verena (Rot an der Rot) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

48.01463110.029627Koordinaten: 48° 0′ 53″ N, 10° 1′ 47″ O