Anorthit

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Anorthit
Anorthite-169929.jpg
Weiße Anorthitkristalle, eingewachsen im Vulkanauswurf des Monte Somma, Italien (Größe: 6,9 cm × 4,1 cm × 3,8 cm)
Allgemeines und Klassifikation
Chemische Formel
  • Ca(Al2Si2O8)[1]
  • (Ca,Na)[(Si,Al)4O8][2]
Mineralklasse
(und ggf. Abteilung)
Silikate und Germanate - Gerüstsilikat, Feldspat
System-Nr. nach Strunz
und nach Dana
9.FA.35 (8. Auflage: VIII/F.03c)
76.01.03.06
Kristallographische Daten
Kristallsystem triklin
Kristallklasse; Symbol triklin-pinakoidal; 1[3]
Raumgruppe P1 (Nr. 2)Vorlage:Raumgruppe/2[2]
Gitterparameter a = 8,18 Å; b = 12,88 Å; c = 14,17 Å
α = 93,2°; β = 115,8°; γ = 91,2°[2]
Formeleinheiten Z = 8[2]
Zwillingsbildung überwiegend verzwillingt nach Albit-Gesetz
Physikalische Eigenschaften
Mohshärte 6 bis 6,5
Dichte (g/cm3) gemessen: 2,74 bis 2,76; berechnet: 2,760
Spaltbarkeit vollkommen nach {001}, undeutlich nach {010}, unvollkommen nach {110}
Bruch; Tenazität uneben bis muschelig, spröde
Farbe farblos bis weiß, grau, rötlich
Strichfarbe weiß
Transparenz durchsichtig bis durchscheinend
Glanz Glasglanz
Kristalloptik
Brechungsindizes nα = 1,573 bis 1,577[4]
nβ = 1,580 bis 1,585[4]
nγ = 1,585 bis 1,590[4]
Doppelbrechung δ = 0,012 bis 0,013[4]
Optischer Charakter zweiachsig negativ
Pleochroismus farblos

Das Mineral Anorthit ist ein häufig vorkommendes Gerüstsilikat aus der Gruppe der Feldspate innerhalb der Mineralklasse der „Silikate und Germanate“.

Anorthit kristallisiert im triklinen Kristallsystem mit der idealisierten chemischen Zusammensetzung Ca(Al2Si2O8)[1] und ist damit chemisch gesehen ein Calcium-Alumosilikat. Das Mineral entwickelt meist kurzprismatische Kristalle mit einem glasähnlichen Glanz auf den Oberflächen, kommt aber auch in Form lamellenförmiger, körniger oder massiger Mineral-Aggregate vor. In reiner Form ist Anorthit farblos und durchsichtig. Durch vielfache Lichtbrechung aufgrund von Gitterfehlern oder polykristalliner Ausbildung kann er aber auch durchscheinend weiß sein und durch Fremdbeimengungen eine graue oder rötliche Farbe annehmen.

Anorthit ist Mitglied der Plagioklas-Mischreihe bestehend aus den Mineralen:

  • Albit: Na(AlSi3O8)[1] (0–10 % Anorthit)
  • (Oligoklas): (Na,Ca)(Si,Al)4O8[2] (10–30 % Anorthit)
  • (Andesin): (Na,Ca)[(Si,Al)4O8][2] (30–50 % Anorthit)
  • (Labradorit): (Ca,Na)[(Si,Al)4O8][2] (50–70 % Anorthit)
  • (Bytownit): (Ca,Na)[(Si,Al)4O8][2] (70–90 % Anorthit)
  • Anorthit: Ca(Al2Si2O8) (90–100 % Anorthit)

Die Zusammensetzung der einzelnen Zwischenglieder wurde willkürlich festgelegt, da sich die Einzelminerale nur durch chemische Analysen unterscheiden lassen. Daher sind nur die Endglieder Albit und Anorthit von der International Mineralogical Association (IMA) als eigenständige Minerale anerkannt.

Etymologie und Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstmals entdeckt wurde Anorthit am Monte Somma in Italien und beschrieben 1823 von Gustav Rose, der das Mineral nach dem griechischen Wort ἀν an- als Verneinung von ὀρθός orthos für „richtig“, zusammengesetzt also „nicht aufrecht“ oder „nicht (auf)richtig“ in Anlehnung an die schiefe Form der triklinen Anorthitkristalle benannte.[5]

Klassifikation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits in der veralteten 8. Auflage der Mineralsystematik nach Strunz gehörte der Anorthit zur Mineralklasse der „Silikate und Germanate“ und dort zur Abteilung der „Gerüstsilikate (Tektosilikate)“, wo er zusammen mit Albit, Andesin, Bytownit, Labradorit und Oligoklas sowie im Anhang mit Reedmergnerit die Gruppe der „Plagioklase“ mit der System-Nr. VIII/F.03c bildete.

Im zuletzt 2018 überarbeiteten und aktualisierten Lapis-Mineralienverzeichnis nach Stefan Weiß, das sich aus Rücksicht auf private Sammler und institutionelle Sammlungen noch nach dieser alten Form der Systematik von Karl Hugo Strunz richtet, erhielt das Mineral die System- und Mineral-Nr. VIII/J.07-70. In der „Lapis-Systematik“ entspricht dies ebenfalls der Abteilung „Gerüstsilikate“, wo Anorthit zusammen mit Albit, Anorthoklas, Banalsit, Dmisteinbergit, Filatovit, Kumdykolit, Liebermannit, Lingunit, Oligoklas, Stöfflerit, Stronalsit und Svyatoslavit sowie den Zwischengliedern Andesin, Bytownit und Labradorit eine eigenständige, aber unbenannte Gruppe bildet.[6]

Die seit 2001 gültige und von der IMA zuletzt 2009 aktualisierte[7] 9. Auflage der Strunz'schen Mineralsystematik ordnet den Anorthit ebenfalls in die Klasse der „Silikate und Germanate“, dort allerdings in die neu definierte Abteilung der „Gerüstsilikate (Tektosilikate) ohne zeolithisches H2O“ ein. Diese ist zudem weiter unterteilt nach der möglichen Anwesenheit weiterer Anionen, so dass das Mineral entsprechend seiner Zusammensetzung in der Unterabteilung „Gerüstsilikate (Tektosilikate) ohne zusätzliche Anionen“ zu finden ist, wo es zusammen mit den anerkannten Mineralen Albit und Reedmergnerit sowie den Zwischengliedern Andesin, Bytownit, Labradorit und Oligoklas ebenfalls die Gruppe der „Plagioklase“ mit der System-Nr. 9.FA.35 bildet.

Auch die vorwiegend im englischen Sprachraum gebräuchliche Systematik der Minerale nach Dana ordnet den Anorthit in die Klasse der „Silikate und Germanate“ und dort in die Abteilung der „Gerüstsilikate: Al-Si-Gitter“ ein. Hier ist er in der „Plagioklas-Reihe“ mit der System-Nr. 76.01.03 innerhalb der Unterabteilung „Gerüstsilikate mit Al-Si-Gitter“ zu finden.

Kristallstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anorthit kristallisiert triklin in der Raumgruppe P1 (Raumgruppen-Nr. 2)Vorlage:Raumgruppe/2 mit den Gitterparametern a = 8,18 Å; b = 12,88 Å; c = 14,17 Å; α = 93,2°; β = 115,8° und γ = 91,2° sowie 8 Formeleinheiten pro Elementarzelle.[2]

Bildung und Fundorte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anorthit (weiß) und Vesuvianit (bräunlich) vom Vesuv, Neapel, Italien (Größe: 6,4 cm × 5,5 cm × 4,8 cm)

Anorthit bildet sich entweder magmatisch in Gabbro, Basalt und Anorthosit oder in metamorphen Gesteinen. Das Gestein Anorthosit, welches bedeutende Teile der Mondkruste bildet, besteht praktisch vollständig aus Anorthit.

Unter extrem hohen Druck von ~29 GPa (~290 kBar), wie er bei der Impaktmetamorphose als Folge eines Meteoriteneinschlages auftreten kann, wird anorthitreicher Plagioklas zu Maskelynit, einem diaplektischen Glas, umgewandelt. Bei nachlassendem Druck kann bei 6–8 GPa und 1350 - 1000 °C Maskelyit zu Tissintit kristallisieren, einem Pyroxen mit der Zusammensetzung von Anorthit, der Leerstellen auf einer Gitterposition aufweist.[8][9]

Als häufige Mineralbildung ist Anorthit an vielen Orten anzutreffen, wobei weltweit bisher knapp 1900 Fundorte dokumentiert sind (Stand: 2021).[10] Neben seiner Typlokalität Monte Somma wurde das Mineral in Italien noch am ebenfalls in Kampanien liegenden Vesuv, bei Osilo in der sardinischen Provinz Sassari, bei Spoleto in Umbrien sowie an mehreren Orten der Regionen Latium, Lombardei, Piemont, Sizilien, Trentino-Südtirol und Toskana gefunden.

Erwähnenswert aufgrund hervorragender Kristallfunde ist auch die Insel Miyake-jima in der japanischen Präfektur Tokyo, auf der Anorthitkristalle mit bis zu 5 cm Durchmesser gefunden wurden.[11]

In Deutschland fand sich das Mineral unter anderem bei Schollach (Eisenbach) in Baden-Württemberg; Maroldsweisach, Röhrnbach und Wiesau in Bayern; Eschwege, Gießen und Hanau in Hessen; bei Bad Harzburg in Niedersachsen; an mehreren Orten der Eifel in Rheinland-Pfalz; bei Chemnitz und Schneeberg in Sachsen; bei Plön in Schleswig-Holstein; sowie bei Gera und Schmalkalden in Thüringen.

In Österreich trat Anorthit vor allem in Kärnten, Niederösterreich und der Steiermark auf und in der Schweiz fand er sich bisher nur bei Vicosoprano im Kanton Graubünden und im Tessin.

Weitere Fundorte liegen unter anderem in Algerien, Angola, am Mount Erebus in der Antarktis, Australien, Bolivien, Brasilien, Chile, der Volksrepublik China, Costa Rica, El Salvador, Finnland, Frankreich und die Französische Antilleninsel Guadeloupe, Griechenland, Grönland, Indien, Indonesien, Irland, Israel, Japan, Kamerun, Kanada, Kirgisistan, Nord- und Südkorea, Libyen, Madagaskar, Marokko, Mexiko, Namibia, Neuseeland, Norwegen, der Oman, Pakistan, Palästina, Papua-Neuguinea, Paraguay, Peru, Polen, Portugal, die Republik Kongo, Rumänien, Russland, Schweden, die Slowakei, Spanien, St. Kitts und Nevis, St. Lucia, Südafrika, Tansania, Tschechien, die Türkei, die Ukraine, Ungarn, im Vereinigten Königreich (Großbritannien), die Vereinigten Staaten von Amerika (USA) und die Zentralafrikanische Republik.

Auch in Gesteinsproben des Mittelatlantischen Rückens und des Ostpazifischen Rückens sowie außerhalb der Erde neben dem Mond noch im Schweifmaterial des Kometen Wild 2 konnte Anorthit nachgewiesen werden.[12]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anorthite. In: John W. Anthony, Richard A. Bideaux, Kenneth W. Bladh, Monte C. Nichols (Hrsg.): Handbook of Mineralogy, Mineralogical Society of America. 2001 (englisch, handbookofmineralogy.org [PDF; 85 kB; abgerufen am 13. Juli 2021]).
  • Friedrich Klockmann: Klockmanns Lehrbuch der Mineralogie. Hrsg.: Paul Ramdohr, Hugo Strunz. 16. Auflage. Enke, Stuttgart 1978, ISBN 3-432-82986-8, S. 783 (Erstausgabe: 1891).
  • Petr Korbel, Milan Novák: Mineralien-Enzyklopädie (= Dörfler Natur). Edition Dörfler im Nebel-Verlag, Eggolsheim 2002, ISBN 978-3-89555-076-8, S. 266.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Anorthite – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Anorthit – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Malcolm Back, William D. Birch, Michel Blondieau und andere: The New IMA List of Minerals – A Work in Progress – Updated: July 2021. (PDF; 3,52 MB) In: cnmnc.main.jp. IMA/CNMNC, Marco Pasero, Juli 2021, abgerufen am 13. Juli 2021 (englisch).
  2. a b c d e f g h Hugo Strunz, Ernest H. Nickel: Strunz Mineralogical Tables. Chemical-structural Mineral Classification System. 9. Auflage. E. Schweizerbart’sche Verlagsbuchhandlung (Nägele u. Obermiller), Stuttgart 2001, ISBN 3-510-65188-X, S. 695 (englisch).
  3. David Barthelmy: Anorthite Mineral Data. In: webmineral.com. Abgerufen am 13. Juli 2021 (englisch).
  4. a b c d Anorthite. In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 13. Juli 2021 (englisch).
  5. Gustav Rose: Ueber den Feldspath, Albit, Labrador und Anorthit. In: Annalen der Physik. Band 73, Nr. 2, 1823, S. 173–208, doi:10.1002/andp.18230730208 (rruff.info [PDF; 2,0 MB; abgerufen am 13. Juli 2021]).
  6. Stefan Weiß: Das große Lapis Mineralienverzeichnis. Alle Mineralien von A – Z und ihre Eigenschaften. Stand 03/2018. 7., vollkommen neu bearbeitete und ergänzte Auflage. Weise, München 2018, ISBN 978-3-921656-83-9.
  7. Ernest H. Nickel, Monte C. Nichols: IMA/CNMNC List of Minerals 2009. (PDF; 1,82 MB) In: cnmnc.main.jp. IMA/CNMNC, Januar 2009, abgerufen am 13. Juli 2021 (englisch).
  8. M. J. Rucks, M. L. Whitaker, T. D. Glotch, J. B. Parise: Tissintite: An Experimental Investigation into an Impact-Induced, Defective Clinopyroxene. In: Acta Crystallographica. A73, 2017, S. 245 (journals.iucr.org [PDF; 593 kB; abgerufen am 16. Januar 2019]).
  9. Melinda J. Rucks, Matthew L. Whitaker, Timothy D. Glotch, John B. Parise, Steven J. Jaret, Tristan Catalano, M. Darby Dyar: Making tissintite: Mimicking meteorites in the multi-anvil. In: American Mineralogist. Band 103, 2018, S. 1516–1519 (aram.ess.sunysb.edu [PDF; 1,1 MB; abgerufen am 16. Januar 2019]).
  10. Localities for Anorthite. In: mindat.org. Hudson Institute of Mineralogy, abgerufen am 13. Juli 2021 (englisch).
  11. Petr Korbel, Milan Novák: Mineralien-Enzyklopädie (= Dörfler Natur). Edition Dörfler im Nebel-Verlag, Eggolsheim 2002, ISBN 978-3-89555-076-8, S. 266.
  12. Fundortliste für Anorthit beim Mineralienatlas und bei Mindat, abgerufen am 13. Juli 2021.