Fairphone

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Fairphone B.V.
Rechtsform Besloten Vennootschap
Sitz Amsterdam
Website fairphone.com

Die Fairphone B.V., als Firma oft auch kurz als Fairphone bezeichnet, ist eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung nach niederländischem Recht mit eingetragenem Sitz in Amsterdam,[1] die unter der Leitung von Bas van Abel[2] bisher zwei Smartphones, die denselben Namen wie die Firma tragen, entwickelt hat. Diese sollten unter möglichst fairen Bedingungen hergestellt werden.[3] Weiterhin werden einige der in den Fairphones verbauten Metalle bzw. deren Rohstoffe aus Minen bezogen, die nicht in die Finanzierung von Bürgerkriegen verwickelt sind (z. B. Zinn, Tantal, Wolfram oder Gold).[4]

Mit dem Fairphone 2 brachte die Gesellschaft das weltweit erste modulare Smartphone auf den Markt.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Produktion von Mobiltelefonen (sowie anderen elektronischen Geräten) steht wegen der Arbeitsbedingungen in den Herstellerbetrieben wie Foxconn in der Kritik.[5] Zudem werden einige der zur Herstellung benötigten Rohstoffe und Metalle (z. B. Coltan, Cobalt, Zinn) in Minen abgebaut, die von Warlords kontrolliert werden und damit Armeen und Bürgerkriege finanzieren.[6] Um diese finanzielle Unterstützung der Warlords zu vermeiden, wäre eine transparente Lieferkette dieser Konfliktrohstoffe notwendig, die zurzeit kaum gewährleistet werden kann.[7]

Das Unternehmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Projekt Fairphone stammt aus der gemeinnützigen Waag Society, einem Forschungsinstitut in Amsterdam.[8] Nachdem es zweieinhalb Jahre erfolgreich verlaufen war, wurde im Januar 2013 das Unternehmen Fairphone B.V.[9] mit zuerst sieben Mitarbeitern gegründet. Die derzeit 80 Mitarbeiter arbeiten überwiegend in Amsterdam.

Fairphone B.V., auf der Internetseite auch einfach Fairphone bezeichnet,[10] möchte auf die oben angesprochenen Probleme bei der Herstellung von Mobiltelefonen aufmerksam machen. Durch die Herstellung des Smartphones, das ebenfalls den Namen Fairphone trägt, will die Stiftung der Industrie Denkanstöße geben, um die Missstände zu umgehen und somit die Ausbeutung der Minen zumindest verringern. Dem Unternehmen ist bewusst, dass es zurzeit (Stand: 2015) kein Telefon rein aus fair gehandelten Rohstoffen herstellen kann. Ziel des Unternehmens ist die Entwicklung eines Mobiltelefons, das möglichst viele gute Beispiele (best practices) für faire Produktion in sich vereint.[11]

Produzieren lässt Fairphone B.V. in China.[12][13] Für das Recycling steht bislang ein Rücknahmesystem in den Niederlanden zur Verfügung[14], außerdem wird das Projekt Closing the Loop[15] unterstützt[16], das Elektronikschrott aus Afrika zurück nach Europa holt und ordnungsgemäß wiederverwertet.

Lieferkette und Produktionsbedingungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Fairphone soll möglichst ohne Ausbeutung von Personen und mit möglichst geringem Schaden für die Umwelt produziert werden (Green IT). Dabei werden mehrere Aspekte berücksichtigt:

  • Müllvermeidung durch Haltbarkeit, lange Wartung, günstige Reparaturmöglichkeit, Dual-SIM-Fähigkeit und Recycling-Programm.
  • Verwendung konfliktfreier Rohstoffe (Tantal, Zinn, Gold und Wolfram, Stand: Juni 2016) aus geprüften Minen in armen Gebieten, anstatt auf Minen in Industrieländern auszuweichen.
  • Faire Produktionsbedingungen in den Fabriken durch Zusammenarbeit mit dem chinesischen Auftragsfertiger.

Um diese Ziele zu erreichen, arbeiten die Entwickler mit verschiedenen gemeinnützigen Organisationen zusammen und haben eine Zinnmine im Kongo besucht, um sich selbst ein Bild von den Arbeitsbedingungen zu machen. Plan der Firma ist, in mittlerer Zukunft ihre Zulieferer anzuhalten, ebenfalls für faire Arbeitsbedingungen zu sorgen. Auf einige Mineralien soll sogar ganz verzichtet werden.[17] Fairphone unterstützt die „Conflict-Free Tin Initiative“, welche ein Entwicklungshilfeprojekt für den Kongo ist, an dem sich aber auch andere Firmen wie Blackberry, HP, Motorola oder Nokia beteiligen.[18] Ähnliches gilt für Tantal, wo Fairphone das von Motorola gegründete Projekt „Solutions for Hope“[19] unterstützt, an dem sich wiederum viele andere Elektronik-Hersteller beteiligen. In Zukunft soll die gesamte Produktionskette offengelegt werden. Aktuell werden Metallerze für Zinn, Tantal und Wolfram konfliktfrei gefördert, Gold sogar auf Fairtrade-Niveau.[4]

Geräte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gesellschaft brachte bisher folgende Smartphones unter dem Namen Fairphone auf den Markt:

  • Modell FP1, auch Fairphone First Edition oder Fairphone 1 (2013 – 2014)
  • Modell FP1U, auch Fairphone First Edition (oder Fairphone 1) Second Batch (Deutsch: zweites Los; 2014 – 2015)
  • Modell FP2, auch Fairphone 2 (ab 2016)

Fairphone First Edition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Fairphone First Edition

Das Fairphone First Edition war ein Lizenzmodell, das von Changhong in China gefertigt wurde.[20] Als Betriebssystem diente Android 4.2 „Jelly Bean,“ das von Kwamecorp um einen eigenen Launcher und Zusatzprogramme erweitert wurde.

Ab dem 14. Mai 2013 konnte das Fairphone FP1 zum Preis von 325 Euro vorbestellt werden. Von Ende Dezember 2013 bis Ende Januar 2014 fand die verzögerte Auslieferung von 25.000 teils vorbestellten Exemplaren statt.[21]

Da die Reaktion in der Presse durchwegs positiv ausfiel und weiter Interesse an dem Modell bestand, konnten ab Mai 2014 Geräte eines zweiten Loses, dem Fairphone FP1U, zum Preis von 310 Euro vorbestellt werden. Von diesem wurden 35.000 Stück produziert und die insgesamt ca. 23.000 Vorbestellungen zwischen Juli und September 2014 ausgeliefert.[22]

Zu den Besonderheiten dieses ersten Modells, später auch „Fairphone 1“ bezeichnet, zählt auch die Dual-SIM-Möglichkeit. Ansonsten hat es mit einem 16 GB großen Flashspeicher und zwei Kameras und einem microSDHC-Slot eine übliche Ausstattung im Mittelfeld.

Obwohl das erklärte Ziel Langlebigkeit und damit eine lange Unterstützung seitens von Fairphone B.V. war, informierte die Gesellschaft am 11. Juli 2017 die Käufer darüber, dass das Upgrade auf Android 4.4 aufgegeben wurde und auch der Support mit Ersatzteilen für dieses Modell eingestellt wird.[23]

Fairphone 2[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Fairphone 2

Was beim Fairphone 1 nicht richtig lief, sollte beim 2. Modell richtig gemacht werden. Vor allem die Aufrechterhaltung der Verfügbarkeit von Ersatzteilen stellte sich beim Fairphone 1 als schwierig heraus, da es sich um ein Lizenzprodukt handelte. Daher wurde das Fairphone 2 in Eigenregie entworfen und es wurden Teile verwendet, deren Verfügbarkeit möglichst lange sichergestellt werden kann. Auch ist damit sichergestellt, dass sich das Update-Debakel vom ersten Fairphone (das nicht über Android-Version 4.2 hinaus gekommen ist) nicht wiederholt, da die Kontrolle über die Android-Unterstützung der verbauten Komponenten nicht über den Auftragsfertiger abgewickelt werden muss, sondern die Komponenten durch das eigene Design gezielt für eine lange Unterstützung direkt mit dem Hersteller ausverhandelt werden kann.

Des Weiteren wurde durch einen modularen Aufbau ein noch einfacherer Austausch von beschädigten Teilen sichergestellt und auch zukünftige Upgrades ermöglicht.

Von Mitte Juli bis Ende September 2015 schaffte Fairphone B.V. für das Fairphone 2, das am 16. Juni 2015 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde,[24] 17.418 Vorbestellungen zum Preis von 525 €[25] und erreichte somit das Crowdfunding-Ziel, um mit der Produktion beginnen zu können. Kurz vor Weihnachten 2015 begann die Auslieferung nach einiger Verzögerung.[26] Das Fairphone 2 war somit das weltweit erste modulare Smartphone noch vor dem Project Ara von Google.[27]

Als Betriebssysteme diente anfangs Android 5.1 „Lollipop“ und seit April 2017 steht Version 6.0.1 „Marshmallow“ zur Verfügung.


Vertrieb[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Vertrieb erfolgt direkt über den Webshop von Fairphone, die Lieferung ist auf Europa beschränkt. Der niederländische Mobilfunkprovider KPN kaufte 1.000 Stück des Fairphone FP1 und vertrieb sie zusammen mit einem Mobilfunkvertrag.

Im Oktober 2013 kündigte Fairphone an, das Fairphone 2 ab 2016 auch für außereuropäische Märkte zu vertreiben. In Europa wird es seit Marktstart 2016 auch von zusätzlichen Partnern vertrieben, darunter neben KPN in den Niederlanden auch Mobilcom-Debitel in Deutschland, Swisscom in der Schweiz, T-Mobile in Österreich[28], Orange in Frankreich[29], Media-World in Italien und The Phone Co-op in Großbritannien.[30]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An einigen Stellen[31][32] wurde kritisiert, dass das Fairphone 1 keine wirklich fairen Elemente enthält und sich im Prinzip kaum von vielen herkömmlichen Smartphones unterscheidet. Weiter wurde angeführt, dass man für die Rohstoffe den Begriff „konfliktfrei“ keinesfalls mit „fair“ gleichsetzen könne, da ersterer nichts über die Arbeitsbedingungen, Vorkommen von Kinderarbeit etc. aussagt.[33]

Dem Unternehmen wird auf Konferenzen vorgeworfen, es hinzunehmen, dass seine Darstellung von den meisten Kunden dahingehend falsch interpretiert wird, das Smartphone sei bereits jetzt zu ca. 80 % fair bzw. bestehe vollständig aus konfliktfreien Rohstoffen (siehe Presseberichte).

Die Kritik beim Fairphone 1, dass einzig Googles Betriebssystem Android darauf lief und Alternativen wie Ubuntu Touch oder SailfishOS ausblieben, trifft auf das Fairphone 2 nicht mehr zu.

Auszeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 wurde Fairphone als Vorbild für den Wandel zu mehr Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit von den Vereinten Nationen ausgezeichnet.[34]

Dem Fairphone 2 wurde im Oktober 2016 als erstem Smartphone überhaupt das Nachhaltigkeitssiegel Blauer Engel vom deutschen Bundesumweltministerium und der Jury Umweltzeichen verliehen.[35]

Am 30. Oktober 2016 wurde dem Fairphone-Gründer Bas van Abel der Umweltpreis der Bundesstiftung Umwelt („Deutscher Umweltpreis“) verliehen.[36]

Ebenfalls im Oktober 2016 erhielt das Fairphone den Lovie-Award[37] sowie den Europäischen Umweltpreis für Unternehmen.[38]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Fairphone – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Terms and conditions Fairphone 2 (Deutsch). Abgerufen am 29. Oktober 2015.
  2. Bas van Abel. Abgerufen am 29. Oktober 2015.
  3. About. Abgerufen am 29. Oktober 2015.
  4. a b ‘Fairphone 2 good vibrations with conflict-free tungsten’. Fairphone, 20. Juni 2016, abgerufen am 20. Juni 2016.
  5. Apple-Markencheck in der ARD – Schattenseiten des iFiebers. Süddeutsche Zeitung, 4. Februar 2013, abgerufen am 14. Februar 2013.
  6. Das Blut am Handy. Süddeutsche Zeitung, abgerufen am 19. Februar 2013.
  7. Die dunkle Seite der digitalen Welt. 6. Januar 2011, abgerufen am 19. Februar 2013.
  8. „Wir wollen die Industrie inspirieren“. In: taz. 13. November 2012 (online).
  9. Fairphone B.V. – FCC Wireless Applications. FCCID.io, abgerufen am 15. Oktober 2017 (englisch).
  10. Terms and conditions for Fairphone Website Usage. Welcome to the Fairphone website! Fairphone B.V., abgerufen am 15. Oktober 2017 (englisch): „The term “Fairphone”, “us”, “our”, “we” refers to the owner of the Website: Fairphone B.V, a Dutch limited liability company…“
  11. Stefan Schmitt: Keines wie alle andern. In: Die Zeit. 18. Oktober 2013 (online [abgerufen am 26. Dezember 2013]).
  12. Miquel Ballester: Our Choice for Production Partner. Dilemmas, opportunities and what we’ve learned in China. Fairphone, 17. Mai 2013, abgerufen am 24. Juni 2013.
  13. Olivier Hebert: The path to finding our new production partner: Hi-P. Fairphone, 19. Februar 2015, abgerufen am 30. Dezember 2015.
  14. Fairphone zum Recycling. Abgerufen am 26. Dezember 2013.
  15. Closing the Loop. Abgerufen am 26. Dezember 2013.
  16. Circular Economies with “Closing the Loop”. Fairphone, 29. Januar 2013, abgerufen am 24. Juni 2013.
  17. Das Handy für das gute Gewissen. Niederländer bauen weltweit erstes „Fairphone“. Tagesschau, 21. Januar 2013, archiviert vom Original am 24. Januar 2013, abgerufen am 24. Juni 2013.
  18. ‘Solutions for Hope’ Project Offers Solutions and Brings Hope to the People of the DRC. Abgerufen am 24. Juni 2013.
  19. List of Partners. Conflict-Free Tin Initiative. Abgerufen am 24. Juni 2013.
  20. Sean Ansett: Establishing a Worker Welfare Fund with our production partner Guohong. Fairphone, 15. Mai 2014, abgerufen am 30. Dezember 2015.
  21. Miquel Ballester: Zeitliche Ordnung bis zur Auslieferung des Fairphones. 5. September 2013, abgerufen am 14. November 2013.
  22. Second batch delivery begins. In: Fairphone.com. Abgerufen am 15. November 2014.
  23. Fairphone 1 maintenance comes to an end. Abgerufen am 12. Juli 2017 (englisch).
  24. Fairphone furthers ambitions for fairer electronics with launch of innovative Fairphone 2. Fairphone, 16. Juni 2015, archiviert vom Original am 13. Juli 2016, abgerufen am 20. Januar 2016 (PDF; 171 KB).
  25. Pressemitteilung: Fairphone raises over €9 million to kick-start production of the Fairphone 2 (PDF)
  26. Fairphone: Fairphone 2 production and delivery countdown!, abgerufen am 10. Januar 2016
  27. Fairphone 2 Review: The World's First Modular Smartphone Will Last You for Years. Newsweek, 15. Januar 2016, abgerufen am 20. Januar 2016 (englisch).
  28. Fairphone 2 kaufen – T-Mobile. T-Mobile Austria GmbH, archiviert vom Original am 26. März 2016, abgerufen am 21. Oktober 2017.
  29. Boutique – Fairphone 2. Orange, abgerufen am 21. Oktober 2017 (französisch).
  30. Home – Fairphone. Fairphone B.V., archiviert vom Original am 27. September 2017, abgerufen am 21. Oktober 2017: „Das Fairphone 2 ist auch erhältlich bei: Mobilcom, T-Mobile Austria, KPN, The Phone Co-op, Swisscom, POST Telecom, Media World, Orange“
  31. Mobilfunk-Tipps: Wie Fair ist das Fairphone (Memento vom 18. Juni 2015 im Internet Archive)
  32. Jürgen Vielmeier: Warum das fairer gehandelte Smartphone uns künftig in Entscheidungsnot bringen wird. Die Initiatoren des Fairphones haben die Spezifikationen ihres fair(er) gehandelten Smartphones vorgestellt. Ganz bis zu Spitze reichen die Werte nicht, doch was die Niederländer vorstellen, ist gehobene Mittelklasse für ein gutes Gewissen zum erwartet günstigen Preis. Wird es uns zum Umdenken bringen? neuerdings.com, 15. Mai 2013, abgerufen am 24. Juni 2013.
  33. Was heißt „Konfliktfreie Rohstoffe aus dem Kongo“ und wie fair ist das? FIfF e. V., 9. März 2013. Abgerufen am 29. November 2013
  34. 2015 Winners of UN Climate Solutions Awards Announced. Vereinte Nationen, 27. Oktober 2015, abgerufen am 29. Dezember 2015.
  35. Christian Wölbert: Fairphone 2 trägt als erstes Smartphone den „Blauen Engel“. In: heise online. Heise Medien, 22. Oktober 2016, abgerufen am 30. Oktober 2016.
  36. tagesschau.de: Deutscher Umweltpreis für den Erfinder des Fairphones. In: tagesschau.de. Abgerufen am 30. Oktober 2016.
  37. Nederlandse Fairphone wint een internet-oscar
  38. Europäischer Umweltpreis 2016