Finnische Streitkräfte

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Flagge FinnischeFlagge Finnische Finnische Streitkräfte
Puolustusvoimat
Försvarsmakten
Wappen der Finnischen Streitkräfte
Führung
Oberbefehlshaber: Sauli Niinistö
Verteidigungsminister: Jussi Niinistö
Militärische Stärke
Aktive Soldaten: 35.000
Wehrpflicht: Ja
Wehrtaugliche Bevölkerung: fast 2.000.000 (Männer und Frauen, Alter 16–49; 2010)
Wehrtauglichkeitsalter: 18 Jahre
Haushalt
Militärbudget: 2.659.000.000 (2015)
Anteil am Bruttoinlandsprodukt: 1,29 % (2015)
Geschichte
Gründung: 1918

Die Streitkräfte Finnlands (finnisch Puolustusvoimat; schwedisch Försvarsmakten) haben in Friedenszeiten eine Stärke von 35.000 Mann, davon 26.000 in den Landstreitkräften, 5.000 in den Seestreitkräften und 4.000 in den Luftstreitkräften.[1] Im Kriegsfall können bis zu 520.000 Mann in kurzer Zeit unter Waffen gestellt werden,[2] zudem kann der finnische Grenzschutz mit einer Kriegsstärke von 23.000 Mann dem Heereskommando unterstellt werden. Seit dem Jahr 2008 wurde die Kriegsreserve jedoch auf eine Stärke von 430.000 Soldaten reduziert. Zum Vergleich: In der Hochphase des Kalten Krieges war für die Bundeswehr eine nominelle Friedensstärke von 500.000 Mann vorhergesehen.[3] Bei einer Bevölkerung von ca. 5,4 Millionen Einwohnern stünden im Kriegsfall fast 10 % der Bevölkerung unter Waffen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Folge der beiden Kriege gegen die Sowjetunion 1939 bis 1944 musste Finnland die hier rot gekennzeichneten Gebiete an den Nachbarn abtreten.

Die Ablösung Finnlands von Schweden führte 1809 zur Entstehung des autonomen Großfürstentums Finnland. Der russische Zar war als Großfürst von Finnland zugleich das finnische Staatsoberhaupt. Während der Zeit des Großfürstentums blieb Finnland von unmittelbaren Kriegshandlungen mit Ausnahme der Zerstörungen während des Krimkrieges weitgehend verschont. Die Verteidigung der russischen Außengrenze und damit des Großfürstentum Finnlands, als russisches Vasallentum, wurde durch russischen Armeeeinheiten übernommen. Die finnischen Streitkräfte waren organisatorisch nicht in die Kaiserlich Russische Armee eingegliedert und wurden dennoch mehrfach umorganisiert, um sie in die Russische Armee besser einzubinden. Die Finnische Garde, ein Leibregiment des Zaren, erwarb sich dabei Respekt bei Einsätzen in russischen Kriegen außerhalb Finnlands. Nachdem 1901 vom Zaren gegen den Widerstand der finnischen Autonomieorgane im Zuge der Russifizierungspolitik ein Wehrpflichtgesetz erlassen wurde, das die gesonderten finnischen Streitkräfte abschaffte und die Bürger Finnlands der Wehrpflicht in der Armee des Russischen Reiches unterwarf, organisierten die finnischen Konstitutionalisten passiven Widerstand, und ab 1902 leistete ein Großteil der Wehrpflichtigen der Einberufung nicht Folge. Die Umsetzung des Wehrpflichtgesetzes wurde 1905 ausgesetzt, es kam zur völligen Abschaffung der finnischen Streitkräfte. Am Ersten Weltkrieg waren finnische Soldaten, von einigen Freiwilligen abgesehen, nicht beteiligt. In der Hoffnung auf eine Kriegsniederlage Russlands nahm die sogenannte Jägerbewegung mit Deutschland Kontakt auf und entsandte schließlich 1915 rund 2.000 Freiwillige zur militärischen Ausbildung in die deutsche Armee. Das so gebildete Jägerbataillon wurde teilweise auch an der Front eingesetzt und sammelte so soldatische Erfahrung, die in Finnland sonst kaum anzutreffen war.

Nach der Februarrevolution in Russland erklärte das finnische Parlament am 6. Dezember 1917 Finnlands Unabhängigkeit. Den Ablösungsprozess von Russland begleiteten schwere innere Konflikte, die am 27. Januar 1918 in einem sozialistischen Umsturzversuch gipfelten. In einem dreimonatigen Bürgerkrieg behielten letztlich die bürgerlichen „Weißen“ die Oberhand. Im Jahr 1919 gab sich Finnland eine republikanische Verfassung. Mit Sowjetrussland wurde 1920 ein Friedens- und Grenzvertrag unterzeichnet, aufgrund dessen die Grenzen Finnlands mit dem früheren Großherzogtum übereinstimmten, Finnland aber zusätzlich das Gebiet Petsamo mit dessen Zugang zum Nordmeer zugestanden wurde. Der 1939 geschlossene deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt wies Finnland der sowjetischen Interessensphäre zu. Der Angriff der Sowjetunion auf Finnland am 30. November 1939 bildete den Auftakt für den Winterkrieg. Trotz zahlreicher erfolgreicher Abwehrschlachten stand die finnische Verteidigung unter ihrem Oberbefehlshaber Carl Gustaf Emil Mannerheim vor dem Zusammenbruch, als der Krieg am 13. März 1940 durch den Friedensvertrag von Moskau beendet wurde. Finnland musste große Teile Kareliens, darunter mit Wyborg die damals zweitgrößte Stadt des Landes, und andere Gebiete an die Sowjetunion abtreten. Als Hitler unter Bruch des Nichtangriffspakts am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, trat Finnland in Kooperation mit Deutschland in den Krieg ein, der in Finnland als Fortsetzungskrieg bezeichnet wird. Die finnische Armee eroberte nicht nur die verlorenen Gebiete zurück, sondern drang auch tief in das zur Sowjetunion gehörige Gebiet Ostkareliens ein mit dem Ziel, die von vielen Finnen als Volksgenossen angesehenen nah verwandten Volksgruppen in einem Großfinnland zusammenzuführen. 1944 musste sich Finnland jedoch nach den Erfolgen der Roten Armee aus den besetzten Gebieten zurückziehen und sah sich erneut der drohenden sowjetischen Besetzung gegenüber. Am 19. September 1944 schloss es mit der Sowjetunion den Separatfrieden von Moskau, der den Fortsetzungskrieg beendete. Die Gebietsverluste des Winterkrieges wurden bestätigt, zudem musste das Gebiet Petsamo abgetreten werden.

Der Separatfrieden verpflichtete Finnland, die deutschen Truppen aus dem Land zu vertreiben, und so schloss sich der finnisch-deutsche Lapplandkrieg an, der am 27. April 1945 mit dem Abzug der letzten deutschen Soldaten aus Kilpisjärvi endete. Der Kriegszustand mit den Alliierten wurde durch den Pariser Friedensvertrag von 1947 endgültig beendet. 1948 wurde mit der Sowjetunion ein Freundschafts- und Kooperationsabkommen geschlossen, das durch seine mehrfache Verlängerung bis zum Ende der Sowjetunion in Kraft blieb. Die Personalstärke der Streitkräfte und die Beschaffung neuer Wehrtechnik waren anfangs streng reglementiert. Erst gegen Ende der 1950er-Jahre konnte mit der Modernisierung der Bewaffnung des finnischen Heeres begonnen werden. Waffensysteme wurden dabei etwa zu gleichen Teilen in der Sowjetunion und im Westen erworben.

Bis zum Beitritt 1990 in den Europarat (nach dem Fall des Eisernen Vorhanges) verhielt sich Finnland strikt neutral und wurde deshalb oft wegen „vorauseilenden Gehorsams“ gegenüber der Sowjetunion kritisiert (Finnlandisierung). Die Autorin Sofi Oksanen sprach 2014 rückblickend von einem Zustand „verminderter Selbstständigkeit, angenagter Demokratie und abgewürgter Meinungsfreiheit“.[4] Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Reglementierungen bei der Beschaffung neuer Wehrtechnik aufgehoben.

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gliederung der finnischen Landstreitkräfte

Der Präsident Sauli Niinistö ist gemäß der Verfassung Oberbefehlshaber der finnischen Streitkräfte. Verteidigungsminister ist seit Mai 2015 Jussi Niinistö. Chef des Stabes (Chief of Defence) ist derzeit (Juli 2012) Vizeadmiral Juha Rannikko.[5]

Im Jahr 2006 machte das Budget der finnischen Streitkräfte rund 5,7 %[6] des Gesamthaushalts aus und betrug absolut 2,274 Milliarden Euro. Der Anteil der Militärausgaben am Bruttosozialprodukt liegt bei 1,6 %[7], was in etwa der Ziffer Deutschlands entspricht, aber deutlich unter dem gesamteuropäischen Schnitt liegt.

Laut § 127 der finnischen Verfassung gilt die allgemeine Wehrpflicht. Der Wehrdienst dauert je nach Ausbildungsstand zwischen sechs und zwölf Monate. Zwar besteht die Möglichkeit zur Wehrdienstverweigerung und Ableistung eines zivilen zwölfmonatigen Ersatzdienstes, doch leisten mehr als 80 % eines Geburtsjahrgangs Militärdienst.[8] Jährlich werden rund 27.000 Wehrpflichtige ausgebildet, zudem werden bis zu 35.000 Finnen zu Reserveübungen einberufen. Ausdrücklich vom Wehrdienst ausgenommen sind nur Zeugen Jehovas und die Bewohner der autonomen Provinz Åland. Seit 1995 besteht für Frauen die Möglichkeit zum freiwilligen Wehrdienst.

Landstreitkräfte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Emblem des finnischen Heeres
Finnischer Leopard-2A4-Kampfpanzer

Den Landstreitkräften (maavoimat) kommt nicht zuletzt wegen der großen Landesfläche die Schlüsselfunktion in der finnischen Verteidigungsstrategie (territoriale Verteidigung) zu, sie unterhalten ein weitmaschiges Netz von Stützpunkten und Materiallagern im gesamten Land. Sie umfassen unter anderem Einheiten der Infanterie (Jäger), Artillerie, Luftabwehrartillerie, zudem Pioniere sowie Fernmelde- und Logistikeinheiten.

Die Landstreitkräfte sind gegliedert in drei Kommandos und zwölf Provinzen: West (Vaasa, Zentralfinnland, Uusimaa, Häme, Helsinki, Turku und Pori), Nord (Lappland und Oulu) und Ost (Kuopio, Nordkarelien, Mikkeli und Kymi).[9]

Das Standardsturmgewehr der finnischen Armee ist das Valmet RK 62 7,62 mm, eine Weiterentwicklung der sowjetischen AK-47, die von den heimischen Rüstungsbetrieben Valmet und Sako gefertigt wird. Das Panzerarsenal umfasst 230 Kampfpanzer und über 1.200 weitere Panzerfahrzeuge, beispielsweise Transportpanzer des Typs Sisu Pasi. Während die Waffensysteme in der Vergangenheit etwa zu gleichen Teilen in der Sowjetunion und im Westen erworben wurden, verlässt sich die mittel- und langfristige Rüstungsplanung vor allem auf deutsche und schwedische Fabrikate. So werden derzeit die sowjetischen T-55- und T-72-Kampfpanzer durch deutsche Leopard 2 ersetzt. Als Transporthubschrauber führt das Heer derzeit den europäischen NH90 ein.

Seit 1996 verfügt das finnische Heer mit der FRDF (Finnish Rapid Deployment Force, finnisch Suomen Kansainvälinen Valmiusjoukko) über eine schnelle Eingreiftruppe zum akuten Kriseneinsatz.

Luftstreitkräfte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Emblem der finnischen Luftstreitkräfte
Finnische F-18C Hornet

Die finnischen Luftstreitkräfte (ilmavoimat) wurden am 6. März 1918 gegründet und zählen zu den ältesten der Welt. Das Hauptquartier und die Fliegerakademie befinden sich in Tikkakoski bei Jyväskylä, weitere Stützpunkte sind Rovaniemi, Tampere, Kauhava in Österbotten, der Flughafen Kuopio in Siilinjärvi und das mittelfinnische Halli. Die Aufgabe der Luftwaffe ist die Sicherung und Verteidigung des finnischen Luftraums. Da die militärische Führung davon ausgeht, dass feindliche Luftangriffe im Verteidigungsfall die größte Gefahr für das Land darstellen, ist die Aufstellung der Luftwaffe defensiv ausgerichtet.[10] Im Gegensatz zum Heer und der Marine operiert die Luftwaffe auch zu Friedenszeiten in der vollen Bereitschaftsstärke. Sie verfügt über insgesamt 160 Flugzeuge.

Den Kern der Flotte stellen aktuell die 64 Jagdflugzeuge F-18 Hornets aus amerikanischer Fertigung dar. Hinzu kommen 57 Trainer/Angriffsflugzeuge vom Typ BAe Hawk Mk51/51A und verschiedene Transport- und Schulungsflugzeuge.

Seestreitkräfte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Emblem der finnischen Marine
Flugkörperschnellboot FNS Hanko der Hamina-Klasse
Minenleger FNS Uusimaa der Hämeenmaa-Klasse

Die Seestreitkräfte (merivoimat) umfassen sowohl die eigentliche Kriegsmarine als auch Einheiten der Küstenartillerie und Marineinfanterie. Das Marinehauptquartier befindet sich im Helsinkier Stadtteil Lauttasaari, die Marineakademie auf der Inselfestung Suomenlinna. Weitere Stützpunkte sind Upinniemi (bei Kirkkonummi), Pansio (Turku), Dragsvik (Ekenäs) sowie die Häfen Hamina und Kotka.

Die Flotte ist den strategischen Gegebenheiten der finnischen Schärenküste angepasst, nicht aber auf offenen Seekrieg eingestellt. Daher sind die Schiffe verhältnismäßig klein. Die Flotte umfasst 8 Flugkörperschnellboote, 13 Minenräumer, 6 Minenleger, Landungsboote und verschiedene Transport- und Hilfsschiffe. In der Pariser Friedenskonferenz 1946 verpflichtete sich Finnland zum Verzicht auf Torpedo- und U-Boote. Zwar erklärte Präsident Mauno Koivisto diese Vereinbarung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion für nichtig, doch hat Finnland seither keine Anstrengungen unternommen, seine Flotte in dieser Hinsicht zu erweitern. Ein besonders ehrgeiziger Modernisierungsversuch seitens der finnischen Marine war die Entwicklung der Tuuli-Klasse. Gebaut wurde lediglich das Typschiff Tuuli. Das an sich erfolgreiche Projekt wurde aus Budgetgründen eingestellt. Die finnische Marine greift in Bezug auf Schiffe fast ausschließlich auf einheimische Konstruktionen zurück. Die Flotte bilden zurzeit:

  • 4 Flugkörperschnellboote der Hamina-Klasse
  • 4 Flugkörperschnellboote der Rauma-Klasse
  • 2 Patrouillenboote der Kiisla-Klasse
  • 1 Minenleger der Pohjanmaa-Klasse
  • 2 Minenleger der Hämeenmaa-Klasse
  • 6 Minenräumer der Kuha-Klasse
  • 7 Minenräumer der Kiiski-Klasse
  • 3 Minenleger der Pansio-Klasse


Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. U.S. State Department
  2. Finnish Defence Forces: Continuous Training
  3. Bundeswehr: Bedingt abwehrbereit. In: Der Spiegel. Nr. 41, 1962 (online).
  4. Eckhard Fuhr: Buchmesse: Was Deutschland von Finnland lernen kann. In: welt.de. 7. Oktober 2014, abgerufen am 5. Januar 2017.
  5. defmin.fi
  6. defmin.fi
  7. defmin.fi
  8. virtual.finland.fi (Memento des Originals vom 25. September 2006 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/virtual.finland.fi
  9. The World Defence Almanac 2006, Mönch Publishing Group, Bonn 2006.
  10. ilmavoimat.fi Mission of Finnish Air Force (Memento des Originals vom 15. November 2006 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ilmavoimat.fi

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Finnische Streitkräfte – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien