Kieler Matrosenaufstand

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Der Kieler Matrosenaufstand fand Anfang November 1918 – kurz vor dem Ende des Ersten Weltkrieges – statt. Auslösende Momente waren Befehlsverweigerungen auf einzelnen Schiffen der vor Wilhelmshaven ankernden Hochseeflotte gegen den am 24. Oktober erlassenen Flottenbefehl, zu einer Entscheidungsschlacht gegen die britische Marine auszulaufen. Dies mündete in einer Meuterei mehrerer Schlachtschiff-Besatzungen. Das III. Geschwader der Flotte wurde daraufhin nach Kiel zurückbeordert. In Kiel trat die Arbeiterschaft an die Seite der Matrosen. Es kam zu einem allgemeinen Aufstand. Von Kiel aus wurde der Impuls zur Ausbreitung der Unruhen gegeben, die dann zur reichsweiten Novemberrevolution, zum Ende der Monarchie in Deutschland und in der Folge zur Errichtung der Weimarer Republik führten.

Meuterei der deutschen Hochseeflotte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang Oktober 1918 bekräftigte die auf dem westlichen Kriegsschauplatz erfolgreich vorstoßende Entente gegenüber internationalen Zeitungen wie dem Amsterdamer Telegraaf,[1] dass zu ihren Friedensbedingungen auch die vollständige Auslieferung der deutschen Kriegsflotte gehöre. Auslöser des Aufstands war daher der geheim gehaltene Flottenbefehl vom 24. Oktober 1918 des Chefs der Seekriegsleitung, Admiral Reinhard Scheer. Dieser wiederum ging auf einen Plan des Konteradmirals Adolf von Trotha, Chef des Stabes bei der Hochseeflotte zurück. Er sah eine „letzte Entscheidungsschlacht“ der deutschen Hochseeflotte gegen die britische Royal Navy am Ende des Ersten Weltkriegs vor, „auch wenn sie ein Todeskampf wird“, obwohl die neu gebildete Reichsregierung unter Prinz Max von Baden auf Drängen der Obersten Heeresleitung einen Waffenstillstand mit den gegnerischen Mächten der Entente aushandelte. „Einer durch schmachvollen Frieden gefesselten Flotte ist die Zukunft gebrochen“ schrieb von Trotha. Erst im Nachhinein rechtfertigte Scheer die Operation mit dem Schutz der flandrischen Küste zur Unterstützung des Heeres.

Demonstration der Matrosen in Wilhelmshaven, 10. November 1918

Vor der geplanten Seeschlacht ging die deutsche Hochseeflotte auf Schillig-Reede vor Wilhelmshaven vor Anker. Trotz Geheimhaltung sprach sich der Plan in Windeseile herum. In der Nacht vom 29. zum 30. Oktober 1918 kam es zur Befehlsverweigerung einiger Schiffsbesatzungen. Auf drei Schiffen des III. Geschwaders (König, Markgraf, Großer Kurfürst) weigerten sich die Matrosen, die Anker zu lichten. Auf den Schlachtschiffen des I. Geschwaders Thüringen und Helgoland kam es zur offenen Meuterei und zur Sabotage. Die Matrosen befürchteten, noch kurz vor Kriegsende in einer sinnlosen Schlacht dem Ehrenkodex der Offiziere geopfert zu werden. Nachdem am 31. Oktober bereits die Torpedorohre einiger Unterseeboote und Torpedoboote auf die Thüringen und die Helgoland gerichtet worden waren, ergaben sich die Matrosen und Heizer in letzter Minute und ließen sich widerstandslos abführen.

Die Marineleitung ließ ihren ursprünglichen Plan, eine Entscheidungsschlacht zu suchen, fallen, da sie sich des Gehorsams der Mannschaften nicht mehr sicher sein konnte. Das III. Geschwader wurde in seinen Heimathafen Kiel zurückbeordert. Der Geschwaderkommandeur, Vizeadmiral Hugo Kraft, absolvierte in der Helgoländer Bucht mit seinen Schlachtschiffen eine Übung. Als diese „tadellos funktionierte“, glaubte er, die Mannschaften wieder im Griff zu haben. Während der Fahrt durch den Nord-Ostsee-Kanal ließ er 47 Matrosen der Markgraf, die als Haupträdelsführer galten, verhaften.

Aufstand in Kiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Holtenauer Schleuse wurden die Verhafteten in die Arrestanstalt (Karlstraße/heutige Feldstraße) und in das Fort Herwarth im Norden Kiels gebracht.

Der Kieler Gouverneur, Vizeadmiral Wilhelm Souchon, wurde von der Ankunft der ca. 5000 potentiell aufrührerischen Mariner, die die Marineführung gezwungen hatten, ihre geplante Seeschlacht aufzugeben, überrascht. In Kiel hatte es häufig Arbeiterunruhen gegeben. Gerade agitierten Vertrauensleute für einen Streik zur schnelleren Durchsetzung des Friedens. Verzweifelt versuchte Souchon das III. Geschwader woanders hinzuschicken, aber es war bereits großzügig Landurlaub gewährt worden. Den nutzten die Matrosen und Heizer, um alle Hebel in Bewegung zu setzen, ein erneutes Auslaufen zu verhindern und die Freilassung ihrer Kameraden zu erreichen. Etwa 250 von ihnen trafen sich abends am 1. November im Gewerkschaftshaus. Delegationen, die zu den Offizieren geschickt wurden, hörte man nicht an. Die Matrosen suchten verstärkt den Kontakt mit den Gewerkschaften, der USPD und der SPD. Das Gewerkschaftshaus wurde daraufhin für den 2. November von der Polizei gesperrt, was aber nur zu einer noch größeren Versammlung auf dem Großen Exerzierplatz führte. Angeführt von dem Matrosen Karl Artelt, der bei der Torpedodivision in Kiel-Wik stationiert war (er arbeitete in der dortigen Torpedobootsreparaturwerft) und dem dienstverpflichteten Werftarbeiter Lothar Popp (beide USPD), riefen sie für den 3. November in Kiel zu einer großen Versammlung auf dem Großen Exerzierplatz auf. Beide druckten kleine Handzettel, in denen Matrosen und Arbeiter aufgerufen wurden, zur Versammlung zu kommen und die verhafteten Kameraden nicht im Stich zu lassen.

Mehrere tausend Menschen versammelten sich am Nachmittag des folgenden Tages. Es beteiligten sich neben den Matrosen auch Frauen und Männer der Kieler Arbeiterschaft. Sie verlangten über die Freilassung der Meuterer hinaus auch die Beendigung des Weltkrieges sowie die Verbesserung der Versorgungslage mit Lebensmitteln (Frieden und Brot). Es wurden Rufe laut, endlich die Kameraden zu befreien. Unmittelbar darauf setzten sich die Massen in Bewegung. Im Lokal „Waldwiese“, das als Soldatenunterkunft diente, wurden eingesperrte Kameraden befreit und die Waffenkammern geplündert. Der Zug bewegte sich durch die Innenstadt zur Arrestanstalt in der Feldstraße. Kurz davor ließ Leutnant Steinhäuser, der beauftragt war, die Demonstranten am weiteren Vordringen zu hindern, und rücksichtlos von der Waffe Gebrauch zu machen, seine Patrouille in die Menge schießen. Dabei wurden 7 Personen getötet und 29 schwer verletzt. Die jungen Rekruten der Patrouille flohen. Auch die Demonstranten waren zurückgewichen, doch einzelne Gruppen drangen wieder vor und wandten ebenfalls Gewalt an. Steinhäuser, der ihm zur Seite stehende Polizeiwachtmeister Gittel und der ihnen zu Hilfe eilende Leutnant Weiß wurden durch Kolbenhiebe und teilweise Pistolenschüsse schwer verletzt (entgegen verbreiteten anderslautenden Aussagen wurde Steinhäuser nicht getötet sondern später geheilt aus dem Lazarett entlassen). Nachdem Feuerwehrwagen in hohem Tempo durch die Brunswiker Straße fuhren und nachrückende Patrouillen erschienen, zerstreuten sich auch die Demonstranten. [2] Dieser bewaffnete Zusammenstoß gilt als der eigentliche Beginn der deutschen Novemberrevolution.

Gouverneur Souchon, der erst einige Tage vorher, am 30. Oktober, nach Kiel versetzt worden war, setzte sich mit General Adalbert von Falk, dem Chef des IX. Stellvertretenden Armeekorps in Verbindung und bat um Truppen. In der Nacht besprach er mit seinem Stab und den für die Sicherheit im Festungsbereich Zuständigen die zu ergreifenden Maßnahmen. Doch diese konnten sich nicht zu der dringend erforderlichen Offenheit durchringen und meldeten Souchon, Herr der Lage zu sein. Daraufhin zog Souchon sein Gesuch an General Falk wieder zurück.[3]

Doch am nächsten Tag, Montag den 4. November flackerten die Unruhen an verschiedenen Stellen wieder auf und eskalierten am Mittag in der großen Kasernenanlage in der Wik. In kurzer Zeit rebellierten die Matrosen gegen ihre Offiziere, die mittlere Führungsebene verhielt sich neutral oder beteiligte sich sogar am Aufstand. Auf Vorschlag Karl Artelts wurden Soldatenräte gewählt. Die von Souchon erneut erbetenen Truppen trafen um etwa 14:00 Uhr in Kiel ein. Doch zu dieser Zeit begann die Bewegung sich in ganz Kiel zu verbreiten und die Arbeiter fingen an zu streiken. Die herbeigeholten Verstärkungen (u.a. eine Kompagnie aus Rendsburg) hätten die Aufständischen nur mit starkem Blutvergießen niederkämpfen können, doch es trafen immer mehr Meldungen ein, dass die Truppen selbst nicht mehr zuverlässig seien. Souchon entschloss sich, mit den Aufständischen zu verhandeln.[4]

Souchon wurde insbesondere Anfang der 1930er Jahre vorgeworfen, er hätte den Aufstand durch entschiedeneres Handeln unterdrücken können. Der Aufstand war jedoch von der Seekriegsleitung provoziert worden, die dann dem Druck der Besatzungen hatte nachgeben müssen und vom Auslaufen zur Seeschlacht abgerückt war. Nach Dähnhardt hatten die Schüsse in der Karlstraße gezeigt, dass sich die lange angestaute, tiefsitzende Unzufriedenheit nicht mehr mit Gewalt unterdrücken ließ und dass diese Gewalt vielmehr den Solidarisierungsprozess der Matrosen untereinander, aber auch mit den Kieler Arbeitern verstärkte. Damit hätte Souchon in Kiel vor kaum lösbaren Aufgaben gestanden. Er musste sich auf seine Untergebenen verlassen, die die Lage viel zu optimistisch einschätzten oder nicht den Mut hatten, eigene Versäumnisse einzugestehen. Zum anderen breitete sich der Aufstand so schnell aus, dass die Offiziere resignierten. Souchon bewies jedoch Verantwortungsbewußtsein, denn rücksichtslose Gewaltanwendung hätte den Aufstand nicht mehr unterdrücken können, hätte aber ein Chaos mit unabsehbaren Folgen heraufbeschworen. Dähnhardt misst der Frage, ob die nach Kiel entsandten Heerestruppen in der Lage gewesen wären, den Aufstand niederzuschlagen, insofern nur sekundäre Bedeutung bei.[5]

Soldatenrat an Bord des Linienschiffs Prinzregent Luitpold

Am Abend des 4. November war Kiel fest in der Hand der Aufständischen. Überall wurden Soldatenräte gebildet. Nur wenig später gründete sich auch ein Arbeiterrat, der im Wesentlichen aus Vertretern beider sozialdemokratischer Parteien, aus Gewerkschaftsfunktionären und Vertrauensleuten bestand. Vorsitzender des Arbeiterrats wurde Gustav Garbe. Die Soldatenräte bildeten in den nächsten Tagen auf Initiative Popps den Obersten Soldatenrat auf der Basis von Vertrauensmänner-Abstimmungen in allen Einheiten. Am 5. November morgens wurden die 14 Kieler Punkte in Kraft gesetzt:

  1. Freilassung sämtlicher Inhaftierten und politischen Gefangenen.
  2. Vollständige Rede- und Pressefreiheit.
  3. Aufhebung der Briefzensur.
  4. Sachgemäße Behandlung der Mannschaften durch Vorgesetzte.
  5. Straffreie Rückkehr sämtlicher Kameraden an Bord und in die Kasernen.
  6. Die Ausfahrt der Flotte hat unter allen Umständen zu unterbleiben.
  7. Jegliche Schutzmaßnahmen mit Blutvergießen haben zu unterbleiben.
  8. Zurückziehung sämtlicher nicht zur Garnison gehöriger Truppen.
  9. Alle Maßnahmen zum Schutze des Privateigentums werden sofort vom Soldatenrat festgesetzt.
  10. Es gibt außer Dienst keine Vorgesetzten mehr.
  11. Unbeschränkte persönliche Freiheit jedes Mannes von Beendigung des Dienstes bis zum Beginn des nächsten Dienstes.
  12. Offiziere, die sich mit den Maßnahmen des jetzt bestehenden Soldatenrates einverstanden erklären, begrüßen wir in unserer Mitte. Alles Übrige hat ohne Anspruch auf Versorgung den Dienst zu quittieren.
  13. Jeder Angehörige des Soldatenrates ist von jeglichem Dienste zu befreien.
  14. Sämtliche in Zukunft zu treffenden Maßnahmen sind nur mit Zustimmung des Soldatenrates zu treffen.

Dirk Dähnhardt bemerkt dazu: „Bei den 14 Kieler Punkten handelte es sich … im Wesentlichen um einen Angriff auf das militärische System, eine politische Zielsetzung ging ihnen dagegen weitgehend ab.“[6] Er führt dies zum einen auf die heterogene Zusammensetzung der Gremien zurück, zum anderen darauf, dass zunächst nur ein Katalog von Sofortmaßnahmen verabschiedet werden sollte. An diesen 14 Punkten sollten sich dann im Verlauf der Novemberrevolution viele weitere Räte in ganz Deutschland orientieren. In der politischen Kurzsichtigkeit sieht Dähnhardt jedoch eine wesentliche Ursache, dass die Soldatenräte nach ca. sechs Monaten wieder aufgelöst wurden.

Der Regierungsbeauftragte, Reichstagsabgeordneter Gustav Noske (SPD), der zusammen mit Staatssekretär Conrad Haußmann von der Fortschrittlichen Volkspartei eigens aus Berlin nach Kiel eilte und von den Arbeitern und Soldaten begeistert begrüßt wurde (4. November), ließ sich am folgenden Tag zum Vorsitzenden des Soldatenrats wählen.

Am 5. November morgens bei Sonnenaufgang hissten die Kriegsschiffe im Hafen nicht die Kriegs-, sondern rote Flaggen. Nur auf dem im Dock liegenden Schlachtschiff König hatte der Kommandant vorher die Kriegsflagge setzen lassen. Er beorderte zwei Offiziere zur Verteidigung der Fahne an den Mast. In einem längeren Schusswechsel wurden diese und der Kommandant selbst schwer verwundet. Danach wurde auch auf der König die rote Fahne gesetzt. Ein Matrose und die Offiziere (Bruno Heinemann, Wolfgang Zenker) starben, der Kommandant (Carl Wilhelm Weniger) überlebte. Insgesamt war bei den Marineoffizieren, die durch viele Ungerechtigkeiten gegenüber den Mannschaften und ihren überholten Ehrenkodex den Anlass für den Aufstand geliefert hatten, keine selbstkritische Haltung feststellbar.[7] Obwohl sie keine Kommandogewalt mehr besaßen, ließ das Gerücht, der Kaiser würde sie bald von ihrem Eid entbinden, die große Mehrheit auf ihren Posten bleiben, in der Hoffnung, sie könnten das Rad bald wieder zurückdrehen.[8] Die Nationalsozialisten benannten Mitte der 1930er Jahre zwei Zerstörer nach Bruno Heinemann und Wolfgang Zenker.

Am 7. November erklärte der Arbeiter- und Soldatenrat in einem Aufruf: „Die politische Macht ist in unserer Hand.“ Später übernahm Popp den Vorsitz des Obersten Soldatenrats und Noske übernahm den Posten des Gouverneurs von Souchon. Noske, ein außerordentlich begabter Politiker, setzte damit auf die Fortführung der alten Strukturen. Die beispielhafte Erprobung eines zukunftsorientierten republikanischen Reformprogramms, dessen Test in Kiel durchaus möglich gewesen wäre, wie Wolfram Wette vom militärgeschichtlichen Forschungsamt feststellte, hat er im Keim erstickt.[9]

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurden die Gefallenen am 10. November auf dem Parkfriedhof Eichhof bestattet. Gustav Garbe und Lothar Popp hielten die Grabreden. Die Militärangehörigen wurden einen Tag später auf dem Nordfriedhof bestattet. Hier hielt Gustav Noske die Grabrede.

Novemberrevolution[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Novemberrevolution
„Roter Matrose“ von Hans Kies in Strausberg

Ihren Ausgang hatte die Revolution mit der Gehorsamsverweigerung der Matrosen in Kiel genommen. Soldatenräte sollten ihren Forderungen Ausdruck verleihen. Eine spontane Bewegung erfasste weitere Hafenstädte und auch Mittel- und Süddeutschland. Beauftragte der Arbeiterparteien und Gewerkschaften übernahmen als Arbeiterräte vor Ort die politischen Funktionen.

Die Beendigung der Aufstandsbewegung in Kiel gelang nicht zuletzt deshalb, weil die meisten Matrosen ohnehin die Stadt verließen. Sie marschierten, da die Bahnlinie außer Betrieb war, nach Neumünster und schwärmten von dort in alle größeren Städte des Deutschen Reichs aus, um auch dort Arbeiter- und Soldatenräte nach Kieler Vorbild zu gründen. Damit erfasste die Novemberrevolution ganz Deutschland.

Bereits am 6. November war Nordwestdeutschland unter Kontrolle der Räte. Am 7. November wurde von Kurt Eisner in Bayern die Republik proklamiert. Am 8. November erreichte die Revolution Sachsen, Hessen, Franken und Württemberg. Die dortigen Fürsten dankten ab. Am 9. November gab Reichskanzler Max von Baden unter dem Druck der Ereignisse die Abdankung Kaiser Wilhelms II. bekannt, dessen Thronverzicht die SPD-Führung gefordert hatte.

Anschließend übergab er die Regierungsgeschäfte an den SPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Philipp Scheidemann rief daraufhin vom Balkon des Reichstags die erste Deutsche Republik aus, während Karl Liebknecht am Stadtschloss die „Freie Sozialistische Republik“ proklamierte.

Gedenken in Kiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute erinnert in Kiel ein 1982 errichtetes Denkmal im Ratsdienergarten an den Matrosenaufstand. An der DGB-Zentrale in der Legienstraße weist eine Tafel auf den Arbeiter- und Soldatenrat hin, der in jenem Gebäude seinen Sitz hatte. In der Feldstraße markiert eine Gedenktafel den Ort, an dem die ersten Toten zu beklagen waren. Die Gefallenen des Matrosenaufstands sind auf dem Parkfriedhof Eichhof und dem Nordfriedhof beigesetzt. Dokumentiert sind die Ereignisse auch im Kieler Schifffahrtsmuseum.[10]

Am 7. November 2009 fand zum ersten Mal ein Gedenkmarsch statt, der von der Stadt Kiel selbst organisiert wurde.[11] Es wurde geplant, dem Bahnhofsvorplatz einen Namen zu geben, der an die Geschehnisse von damals erinnert.[12] Am 17. Juni 2011 wurde der Bahnhofsvorplatz offiziell durch Oberbürgermeister Torsten Albig in „Platz der Kieler Matrosen“ umbenannt.[13]

Umstrittene Fotografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Irrtümlich Kiel zugeordnet, tatsächlich Beisetzung getöteter Arbeiter und Soldaten in Berlin am 20. November 1918; Matrosen im Trauerzug am Halleschen Tor.

Das nebenstehende Foto galt lange Zeit als wichtiges Dokument der Kieler Ereignisse im Revolutionsjahr 1918. Im Jahr 2009 gab es eine intensive Diskussion in der Tageszeitung Kieler Nachrichten. Im Ergebnis wurde davon ausgegangen, dass das Bild mit großer Wahrscheinlichkeit im Rahmen der Beerdigungsfeierlichkeiten in Kiel an der Ecke Brunswiker-/Karlstraße aufgenommen wurde.[14]

Im Februar 2015 gelang es dem Kieler Stadtarchiv mit Hilfe eines Archivnutzers den Namen des Fotografen Robert Sennecke festzustellen und seine Fotoserien im Bundesarchiv ausfindig zu machen.[15] Demnach zeigt das Foto die Beisetzung getöteter Arbeiter und Soldaten in Berlin am 20. November 1918, mit Matrosen im Trauerzug am Halleschen Tor.[16]

Geschichtswissenschaftliche Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dirk Dähnhardt: Revolution in Kiel. Der Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik 1918/19. Karl Wachholtz Verlag, Neumünster, 1978, ISBN 3-529-02636-0, (Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte 64), (Zugleich: Kiel, Univ., Diss., 1977).
  • Wilhelm Deist: Die Politik der Seekriegsleitung und die Rebellion der Flotte Ende Oktober 1918. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. 14, 1966, 4, ISSN 0042-5702, S. 341–369, online (PDF; 6,2 MB).
  • Rolf Fischer (Hrsg.): Revolution und Revolutionsforschung – Beiträge aus dem Kieler Initiativkreis 1918/19. Reihe: Sonderveröffentlichungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte (Band 67), Ludwig Verlag, Kiel 2011, ISBN 978-3-86935-059-2.
  • Werner Rahn: Von Gehorsamsverweigerungen zur Revolution. Der Zusammenbruch der Kaiserlichen Marine 1918. In: Militärgeschichte Heft 3/2008, ISSN 0940-4163, S. 8–13, online (PDF; 8,54 MB).
  • Wolfram Wette: Gustav Noske – eine politische Biographie. Droste Verlag, Düsseldorf 1987, ISBN 3-7700-0728-X.
  • Wolfram Wette: Gustav Noske und die Revolution in Kiel 1918. Boyens Buchverlag, Heide 2010, ISBN 978-3-8042-1322-7; erschienen als Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, herausgegeben von Jürgen Jensen, Band 64

Romane und Essays[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Volker Griese: Meuterei, Revolte, Revolution. Der Aufstand der Matrosen, Kiel November 1918. In: Schleswig-Holstein. Denkwürdigkeiten der Geschichte. Historische Miniaturen, Norderstedt 2012, ISBN 978-3-8448-1283-1.
  • Sebastian Haffner: Die deutsche Revolution 1918/1919. Rowohlt, Reinbek 2004, ISBN 3-499-61622-X, (früher mit dem Titel „Der Verrat“ veröffentlicht).
  • Klaus Kordon: Die roten Matrosen oder ein vergessener Winter. Süddeutsche Zeitung, München 2005, ISBN 3-86615-110-1, (Junge Bibliothek 9).
  • Theodor Plievier: Des Kaisers Kulis. Roman der deutschen Kriegsflotte. Dtv, München 1984, ISBN 3-423-10237-3.
  • Joachim Ringelnatz: Als Mariner im Krieg. Diogenes Verlag, Zürich 2004, ISBN 3-257-23441-4.
  • Ernst Toller: Feuer aus den Kesseln. In: Herbert A. Frenzel, Elisabeth Frenzel: Daten deutscher Dichtung - Chronologischer Abriss der deutschen Literaturgeschichte. Band 2: Vom Biedermeier bis zur Gegenwart. 6. Auflage. Deutscher Taschenbuch-Verlag 1970, ISBN 3-423-03102-6, (dtv 3102).
  • Adrian Vogt: Das Signal veränderte Deutschland. In: Kieler Nachrichten vom 8. November 2003.

Filme[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • WDR (gesendet 5. Januar 1975): „War Opa revolutionär?“ von Stefan Bartmann und Karl Mertes, wiss. Beratung Imanuel Geiss. Sendung zum Schülerwettbewerb im Rahmen des Gustav-Heinemann Preises. Enthält u.a. Interviews mit Lothar Popp und Gertrud Völcker.
  • WDR (gesendet 1986): Augenzeugen berichten über die Marineunruhen 1917/18 von Wolfgang Semmelroth und Claus-Ferdinand Siegfried (Regie), ca. 44 Min. Enthält viele interessante Interviews mit wichtigen Zeitzeugen
  • NDR (gesendet 1. November 1978): Matrosen, Räte, Republiken von Hartmut Idzko und Jörg Knickrehm, ca. 23 Minuten. Enthält mehrere Schilderungen u.a. von Lothar Popp
  • DEFA (1958): Das Lied der Matrosen, Regie Kurt Maetzig, 126 Min., sw. In der DDR produzierter Film Übersicht (Memento vom 26. Dezember 2007 im Internet Archive)
  • 1968: November-Verbrecher, 85 Min., Lichtton, sw, D; dieser Film kann in der Regel über Stadtbildstellen ausgeliehen werden. In einer reportagehaften, fiktiven Befragung historischer Personen will der Film die Vorgänge jener Novembertage erhellen. Ihre Diskussionen und Verhandlungen werden meist in Form von Interviews mit Vertretern der Regierung, des Reichstags, der obersten Heeresleitung, mit Soldaten und Journalisten nachvollzogen. Deren Aussagen stützen sich auf historische Akten, Protokolle, Reden, Tagebücher und anderes Material.
  • Klaus Kuhl (1991): Videofilm mit Zeitzeugen: Kiel schreibt Geschichte - Matrosenaufstand im November 1918. Spieldauer 60 Minuten, Format: VHS oder DVD.
  • Kai Zimmer (Nov. 2012): "Revolution 18", 25 Min., 16:9, Farbe und s/w. Ein eher künstlerisch ausgerichteter experimenteller Dokumentarfilm, der die Zeit vom August 1917 bis zum November 1918 aus der Perspektive der Tagebuchaufzeichnungen des Ingenieurs Nicolaus Andersen[17] schildert. Andersen arbeitete auf der Kieler Germaniawerft. Der Film wurde am 22. November 2012 in der Kieler Stadtgalerie uraufgeführt.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. De Telegraaf vom 2. Oktober 1918.
  2. Kuhl, K.: Was geschah in Kiel am Abend des 3. November 1918? Neue Erkenntnisse zum Zusammenstoß zwischen kaisertreuen Patrouillen und aufbegehrenden Demonstranten. Werkstattbericht. [1]
  3. Dirk Dähnhardt: Revolution in Kiel. Neumünster 1978, S. 66 f., 74.
  4. Dirk Dähnhardt: Revolution in Kiel. Neumünster 1978, S. 74.
  5. Dirk Dähnhardt: Revolution in Kiel. Neumünster 1978, S. 78 f.
  6. Dirk Dähnhardt: Revolution in Kiel. Neumünster 1978, S. 91.
  7. Dirk Dähnhardt: Revolution in Kiel. Neumünster 1978, S. 97.
  8. Karl von Kunowski: Erinnerungen an: Die letzten Tage der Kaiserlichen Marine 1918 beim III. Geschwader auf SMS Markgraf als wachhabender Offizier, unveröffentlichtes Manuskript, undatiert. pdf.
  9. Wolfram Wette: Als bei der Torpedo-Division der erste Soldatenrat gebildet wurde. In: Frankfurter Rundschau vom 12. Dezember 1988.
  10. Kieler Schiffahrtsmuseum
  11. Gedenkmarsch startet an der Waldwiese; Kieler Nachrichten online, 23. Oktober 2009 (Memento vom 12. April 2010 im Internet Archive)
  12. Quelle: Cathy Kietzer, Stadtpräsidentin, am 7. November 2009 in ihrer Rede auf dem Bahnhofsvorplatz
  13. „Platz der Kieler Matrosen“ wird eingeweiht
  14. K. Kuhl: Informationen zum Foto „Kieler Matrosenaufstand“ pdf
  15. Bundesarchiv Bilddatenbank (2015). Aufgerufen 18. Februar 2015, unter http://www.bild.bundesarchiv.de/cross-search/search/_1424287453/
  16. vgl. auch Historisches Foto zeigt etwas völlig anderes, Artikel des TV-Nachrichtenportals N24 vom 18. Februar 2015 (n24.de, abgerufen am 19. Februar 2015)
  17. Eine Transkription des Tagebuchs findet sich auf www.kurkuhl.de