Miriam Cahn

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Miriam Cahn, Brutalitätenskulptur im Skulpturenpark Sculpture at Schoenthal, 2007/08
Kleine Familie
Miriam Cahn, 2012
Pastellkreide auf Papier
84 × 70 cm
Museum für moderne Kunst, Warschau

Link zum Bild
(Bitte Urheberrechte beachten)

Miriam Cahn (* 21. Juli 1949 in Basel) ist eine Schweizer Künstlerin.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Miriam Cahn ist die Tochter von Herbert A. Cahn. Sie besuchte von 1968 bis 1973 die Grafikfachklasse der Kunstgewerbeschule in Basel (heute: Schule für Gestaltung Basel). 1978/1979 bezog sie ein Atelier in Paris, welches von der Stadt Basel zur Verfügung gestellt wurde. Schlagartig bekannt wurde sie 1979/1980 mit einer illegalen Kunstaktion, bei der sie entlang einer Autobahnbrücke bei Basel Wandzeichnungen anbrachte. Dies führte zu einem Gerichtsprozess. Viele Jahre später versuchte die Stadt die Verurteilung wieder gut zu machen, indem sie ihr sogar anbot, die Wände nach ihrer Vorstellung zu gestalten.[1]

1982 war sie zur documenta 7 eingeladen. Sie brach ihre Teilnahme jedoch ab, weil der Kurator Rudi Fuchs zu ihren Bildern entgegen der Absprache noch Werke eines anderen Künstlers hängen wollte.[2] Eine Einladung zur Teilnahme an der Biennale Venedig erhielt sie 1984. Es folgte 1985 ein DAAD-Stipendium für einen einjährigen Arbeitsaufenthalt in Berlin,[3] wo sie bis 1989 blieb.

Adam Szymczyk wählte sie für die Teilnahme an der documenta 14 im Jahr 2017 aus, die als „Weltschau politischer Konfliktkunst“ geplant war.[2] In Miriam Cahns Bildern ist die Thematik Flucht schon seit den Jugoslawienkriegen präsent, in ihren neuesten Serien spiegelt sich die aktuelle Flüchtlingskrise.[2]

Sie lebt und arbeitet in Basel und Maloja.

Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Miriam Cahn ist vorwiegend eine figurative Malerin, aber auch andere künstlerische Ausdrucksformen wie Kohle- und Bleistiftzeichnungen, Pastellzeichnungen, Rauminstallationen und Performances gehören zu ihrem Werk.

Miriam Cahns Werk pendelt zwischen extremen Polen menschlicher Emotionen. Ihre inhaltlichen und stilistischen Hauptthemen sind „die Verletzlichkeit des Körpers und die Anziehungskraft von Lust und Gewalt“.[2] Nach Cahns Anschauung hat Moral „sowieso nichts zu suchen in der Kunst“.[2]

atombombe (blutungsarbeit)
Miriam Cahn, 1999
Aquarell auf Papier
145 × 200 cm
Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main

Link zum Bild
(Bitte Urheberrechte beachten)

Geprägt wurde sie von der Friedens- und Frauenbewegung, in der sie auch aktiv beteiligt war. Ihre Themen bewegen sich häufig um die Rolle der Frauen oder auch um Krieg und dessen Darstellung in unseren Massenmedien. In den 90er Jahren beschäftigte sie sich in zwei Zyklen mit dem Golfkrieg und dem Krieg auf dem Balkan.[4]

Auch wenn sie gesellschaftspolitische Themen in Angriff nimmt, ist sie jedoch keine plakative politische Künstlerin: „Wenn ich die Wahl habe zwischen L’art pour l’art und Betroffenheitskunst, finde ich L’art pour l’art doch besser.“[2]

Ihre Arbeitsweise ist meist intuitiv, sie öffnet sich dem künstlerischen Prozess so weit, dass sie Einblicke in frühe Stadien ihrer künstlerischen Produktion gewährt. So sind ihre ausgestellten Arbeiten oft skizzenhaft, da sie beabsichtigt, den kreativen Prozess der rationalen Kontrolle zu entziehen. Ihre Bildproduktion zeugt „von einer tiefgründigen Suche nach Gerechtigkeit“.[2] In ihrer Moral „wird den unbewussten, psychischen Zusammenhängen Gerechtigkeit getan, die mit großer Gewalt das Leben beeinflussen“.[2]

working girl/unklar
Miriam Cahn, 1999
Öl auf Leinwand
97,6 × 55,5 cm
Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main

Link zum Bild
(Bitte Urheberrechte beachten)

In frühen Perioden ihres Schaffens zog sie es vor, ihre grossformatigen Arbeiten am Boden auszuführen, um mit Einsatz ihres ganzen Körpers den räumlichen Abstand und die damit verbundene mentale Distanz aufzugeben. In dieser Phase entstanden monumentale Kreide- und Kohlezeichnungen mit symbolhaften Darstellungen von Menschen, Tieren und Pflanzen. In einem weiteren Schritt ging sie dazu über, Serien von Zeichnungen mit geschlossenen Augen auszuführen. In den letzten Jahren trat sie besonders mit starkfarbigen Ölbildern hervor. Auch Fotografien gehören zu ihrem Werk.

Für den Sculpture at Schoenthal von Kloster Schönthal schuf Miriam Cahn 2007/2008 die Brutalitätenskulptur, die auf ein Erlebnis zurückgeht:[5] Die Kronen gesunder Bäume entlang einer Allee wurden brutal gekappt. Geraume Zeit später entdeckte die Künstlerin neues Leben in den Bäumen: Sie gaben sich nicht auf. Die Skulptur legt Zeugnis von solchen Aggressionen ab und empfängt von den umstehenden Bäumen die Hoffnung, dass es aus dem Eschenbaum wieder zu sprießen beginnt.

Ausstellungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gruppenausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • seit 2018 I’m a Believer. Pop Art und Gegenwartskunst aus dem Lenbachhaus und der KiCo Stiftung, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München.[7] Die zwei ausgestellten Gemälde gehören zudem seit 2017 zum Sammlungsbestand des Hauses.[8]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Till Briegleb sah Miriam Cahns Werk „im Rang von Kolleginnen wie Maria Lassnig oder Marlene Dumas“.[2] Es ergänze deren künstlerische Positionen gegenständlicher Malerei „mit einer dunklen Liebe zum Instinkthaften“, eine Wiederentdeckung ihres Werks sei dringend geboten.[2]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filmografie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Miriam Cahn – ohne Umwege. Regie Edith Jud, CH 2005

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ludmila Vachtova: Portrait – Miriam Cahn, Künstlerin. In NZZ Folio. 01/92 (abgerufen am 27. September 2012)
  2. a b c d e f g h i j Till Briegleb: Nackter Apostelkreis. Miriam Cahns Lebensthema ist die Verletzlichkeit des Körpers. Werke der 66 Jahre alten Malerin sind in Kiel zu sehen. Sie dürfte ein Star der nächsten Documenta werden. In: Süddeutsche Zeitung. 22. März 2016, abgerufen am 21. Juli 2018.
  3. Eintrag zu Cahn, Miriam beim Berliner Künstlerprogramm des DAAD. Katalog zu ihrer Ausstellung in der DAAD-Galerie vom 15. März bis 20. April 1986 erschienen beim DAAD, Berlin 1986.
  4. Annelise Zwez: Miriam Cahn: Mir gefiel immer das Freche und das Wilde (Memento vom 14. Juli 2002 im Webarchiv archive.today). Auf: xcult.org, 2002.
  5. Mitteilung des Skulpturenparks zu Brutalitätenskulptur, www.schoenthal.ch, abgerufen am 26. März 2016.
  6. Kunsthalle Kiel 2016 (Memento vom 15. März 2016 im Internet Archive), www.kunsthalle-kiel.de, abgerufen am 26. März 2016.
  7. Lenbachhaus – I'm a Believer. Abgerufen am 13. März 2019.
  8. Detail. Abgerufen am 13. März 2019.
  9. Miriam Cahn erste Preisträgerin des neuen Basler Kunstpreises. TagesWoche, 7. Oktober 2013
  10. Text Mare Nostrum von Miriam Cahn, www.documenta14.de, abgerufen am 26. März 2016.
  11. Enthält: Armin Boehm, Miriam Cahn, Thomas Dillmann, Peter Doig, Marlene Dumas, Johannes Hüppi, Michael Kunze, Daniel Richter, Norbert Schwontkowski, Luc Tuymans