Massaker von Butscha

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Als Massaker von Butscha wird eine Reihe von Kriegsverbrechen in der Stadt Butscha (Oblast Kiew) bezeichnet, die während der Schlacht um Kiew mutmaßlich durch Angehörige der russischen Streitkräfte an der Zivilbevölkerung begangen wurden. Während der russischen Besetzung des Vorortes von Kiew fanden laut ukrainischen Angaben mindestens 420[1] (Stand: 19. April) Zivilisten den Tod, deren Leichen teilweise auf den Straßen lagen.[2][3] Russland wird vorgeworfen, gezielt Massaker an ihnen verübt zu haben.[4][5] Die russische Regierung bestreitet eine Beteiligung russischer Soldaten.[6][7]

Allgemeine Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zerstörtes russisches Militärgerät in Butscha. (Quelle: Ukrainische Regierung)

Laut einem Bericht der New York Times vom 11. April 2022 zum ersten Kriegsmonat näherten sich am 24. Februar 2022, dem ersten Tag des Krieges, russische Spezialeinheiten zu Fuß durch den Wald und schossen auf Autos auf der Straße. Eine Kolonne gepanzerter Fahrzeuge fuhr in den Vorort, schoss auf eine Frau in ihrem Garten und tötete sie.[8]

Eine Gemeinderätin berichtete laut Meduza, es habe spätestens ab dem 8. März 2022 keinen Strom und kein Wasser mehr gegeben und Kommunikationsantennen seien absichtlich zerstört worden. Die russischen Truppen seien derart hart vorgegangen, dass es im Gegensatz zu anderen Orten keine Kundgebungen gegen die Besetzer gegeben habe, obwohl darüber diskutiert worden sei. Verschiedene Einheiten hätten sich unterschiedlich brutal verhalten. Eine Einheit, die für den Abtransport der getöteten und verletzten Russen zuständig war, habe Diesel an das Krankenhaus abgegeben. Trotzdem seien Menschen auch an Mangel von Nahrung und Medikamenten gestorben.[9]

Die New York Times berichtet am 11. April weiter, als der russische Vormarsch auf Kiew angesichts des erbitterten Widerstands ins Stocken geriet, habe sich die feindliche Besetzung in einen "Terror- und Rachefeldzug" verwandelt. Als sich eine "besiegte und demoralisierte" russische Armee schließlich zurückgezogen habe, habe sie ein "Bild des Grauens" hinterlassen: Leichen toter Zivilisten auf Straßen, in Kellern oder Hinterhöfen, viele mit Schusswunden am Kopf, einige mit auf den Rücken gefesselten Händen.[8] Die ukrainische Armee drang am 1. April kampflos in die Stadt ein. Am 2. April 2022 wurde ein erstes Video auf Twitter veröffentlicht, das neun tote Menschen auf der Straße zeigt. Die Echtheit wurde von der Washington Post bestätigt.[10]

Zu ähnlichen Taten wie in Butscha kam es auch in anderen von Russland besetzten Orten in der Region Kiew. Nach Angaben von Andrij Njebytow, dem Polizeichef der Region Kiew, wurden bis zum 20. April 2022 über 1000 Leichen geborgen, von denen 75 Prozent mit automatischen Waffen oder Scharfschützengewehren erschossen worden waren.[11][12] Bis zum 4. Mai 2022 wurden in der Region Kiew 1.235 getötete Zivilisten identifiziert. Die Identitäten von 282 weiteren Toten war zu diesem Zeitpunkt noch unklar.[13]

Vorkommnisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Massaker[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine erschossene Frau in Butscha (Quelle: Ukrainisches Militär)
Gefesselte und erschossene Zivilisten in Butscha (Quelle: Ukrinform)
Open-Source-Foto: Mit Kabelbindern gefesselte und hingerichtete Zivilisten in einem Keller in Butscha

Laut dem Kyiv Independent wurden am 4. März 2022 zwei Männer und eine Frau getötet, als ihr Auto von einem russischen gepanzerten Fahrzeug beschossen wurde.[14] Wie Human Rights Watch mit Interviews dokumentierte, wurden am gleichen Tag fünf Männer gezwungen, am Straßenrand zu knien, ihnen wurde ihre T-Shirts über den Kopf gezogen und einem der Männer wurde in den Hinterkopf geschossen.[15]

Die New York Times veröffentlichte am 19. Mai 2022 Belege für die Hinrichtung von neun ukrainischen Männern am 4. März. Ein Überwachungsvideo und ein heimlich von einem Anwohner gedrehtes Video zeigen, wie die Männer von russischen Soldaten abgeführt und vor einem Zaun zu Boden gezwungen werden. Zeugenaussagen und ein Drohnenvideo vom 5. März bestätigen, dass die Männer anschließend hinter ein russisches Quartier geführt und erschossen wurden.[16][17]

Am 5. März 2022 wurden zwei Familien, die in ihren Autos aus Butscha zu fliehen versuchten, von einem russischen gepanzerten Fahrzeug beschossen. Dabei kamen laut dem Kyiv Independent vier Menschen ums Leben.[18]

Am 12. März waren nach unterschiedlichen Angaben im Stadtzentrum von Butscha 57 bis 67 Zivilisten hinter einer Kirche in einem Massengrab beigesetzt worden. Zu den Todesumständen liegen keine Angaben vor.[19][20] Nach Darstellung von Meduza suchten die russischen Truppen wohl systematisch ehemalige Militärangehörige – auch ein Sohn eines verstorbenen ATO-Veteranen (ATO war die Bezeichnung für das militärische Vorgehen gegen die regierungsfeindlichen Kräfte in der Ostukraine 2014) sei erschossen worden.[9] Eine Person beschrieb Folterspuren bei aufgefundenen Körpern.[21][22]

Nach Abzug der russischen Truppen berichteten Vertreter der Ukraine, in Butscha noch lebende Bewohner sowie dort eingetroffene Journalisten von während der russischen Besatzung erschossenen Frauen und Kindern, von vergewaltigten und anschließend getöteten Frauen, deren Leichname nackt hinter Hecken oder in Gebäuden zurückgelassen wurden, von beispielsweise durch Abschneiden von Körperteilen gefolterten Bewohnern, von Leichnamen von erschossenen Zivilisten, die überall im Stadtgebiet in Gebäuden und Kellern, in der Kanalisation oder auf offener Straße aufgefunden wurden. Die Vorfälle wurden durch zahlreiche Foto- und Videoaufnahmen sowie erste Zeugenaussagen dort noch lebender Bewohner dokumentiert.[23] Mehrere Zeugen aus der Stadt berichteten, russische Truppen hätten gezielt Hunderte Zivilisten in Gebäuden und auf offener Straße erschossen, egal ob es sich dabei um Männer, Frauen, Kinder oder ältere Menschen gehandelt habe.[24] Laut Angaben des Bürgermeisters von Butscha, Anatolij Fedoruk, wurden dort (mit Stand 2. April 2022) 280 Menschen in Massengräbern beigesetzt.[25] Unabhängige Journalisten der Nachrichtenagentur AFP zählten 20 Leichen in ziviler Kleidung allein auf einer Straße.[4]

Verschiedene Medien veröffentlichten Bilder von Erschossenen in Zivilkleidung, deren Hände auf den Rücken gebunden waren.[5][26] Laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) berichtete eine Angehörige eines Getöteten, dass sechs unbewaffnete Männer wenige Tage nach der Invasion in Butscha festgenommen und später erschossen worden seien. Laut dem Kyiv Independent haben russische Soldaten vier Zivilisten in einem Auto mit der Aufschrift „де́ти“ (Kinder) erschossen.[27] Eine nicht näher beschriebene Person, die während der ganzen russischen Besatzung in Butscha ausgehalten hatte, berichtete dem Schweizer Fernsehen RTS, dass es „wie auf einer Safari“ gewesen sei; die Russen hätten auf jeden und alles geschossen. „Sie waren alle betrunken. Sie sagten: ‚Wir haben den Befehl, euch alle zu töten.‘ Sie gingen von Eingang zu Eingang, von Keller zu Keller und holten die Leute heraus.“ Ein anderer Mann schilderte, die Russen hätten Tränengasgranaten in den Keller geworfen, die Menschen herausgetrieben, der erste, der herausrannte, ein Jugendlicher, sei direkt in den Kopf geschossen worden.[28]

Systematische Vergewaltigungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ähnlich den Berichten aus anderen besetzten Gebieten über systematische Vergewaltigungen ukrainischer Kinder und Frauen, berichtete die Menschenrechtsbeauftragte des ukrainischen Parlamentes, Ljudmyla Denissowa, dass auch im Rahmen des Massakers etwa 25 Mädchen und Frauen im Alter von 14 bis 25 Jahren systematisch vergewaltigt worden seien, während sie im Keller eines Hauses festgehalten wurden. Die Mädchen hätten ihr mitgeteilt, die russischen Soldaten hätten zu ihnen gesagt, sie würden die ukrainischen Mädchen und Frauen bis zu dem Punkt vergewaltigen, an dem sie keinen sexuellen Kontakt mehr mit Männern haben wollten, so dass sie keine ukrainischen Kinder mehr bekommen würden.[29] Dabei sei ein 14-jähriges Mädchen von 5 russischen Soldaten vergewaltigt worden und dadurch schwanger geworden. Vergewaltigungen werden nach Aussage der britischen Ukraineborschafterin Melinda Simmons von der russischen Armee gezielt als Kriegswaffe eingesetzt. Denisowa berichtete auch, dass eine Frau in Butscha an einen Tisch gefesselt und gezwungen worden sei, dabei zuzusehen, wie russische Soldaten ihren 11-jährigen Sohn vergewaltigten.[30]

Ermittlungen zu den Massakern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die New York Times verglich Satellitenaufnahmen von Maxar, die während und nach der russischen Besetzung der Stadt aufgenommen wurden. Ergebnis war, dass bei den Aufnahmen die Leichen von Zivilisten schon während der russischen Besatzung an denselben Stellen lagen, an denen sie direkt nach dem Abzug der russischen Truppen aufgefunden und dokumentiert worden waren.[31] Weiter wurde ein Anfang März 2022 vom ukrainischen Militär aufgenommenes Drohnen-Video von Anfang März[32] bekannt, das den gezielten Angriff von zwei russischen Schützenpanzern auf einen Zivilisten zeigt, der ein Fahrrad über den Gehweg schiebt.

Nach dem Abzug der russischen Truppen wurde ein Leichnam mit einem Fahrrad an dieser Stelle aufgefunden und dokumentiert.[33][34] Dies sowie die exakte Zuordnung der Leichenfundorte durch während Anwesenheit russischer Militärtechnik vorgenommene Drohnenaufnahmen[35] stehen der Behauptung Russlands entgegen, die Leichen seien dort erst nach der Rückkehr der ukrainischen Armee deponiert worden. Ein mit Zeitstempel vom 1. April gefilmtes Video zeigt mehrere Leichen, die über die Jablunska-Straße verstreut sind; die Satellitenbilder von Maxar zeigen, dass mindestens 11 von ihnen seit dem 11. März 2022 (als Russland auch nach eigenen Angaben die Stadt unter seiner Kontrolle hatte) auf der Straße lagen.[36][37] Von der Frankfurter Allgemeine Zeitung in Butscha aufgefundene Prüfzettel für Mörsergranaten weisen auf die Einheit Nummer 74268, ein Regiment der 76. Garde-Luftlande-Division aus der westrussischen Stadt Pskow hin. Deren Spur führt in den Tschetschenienkrieg und zur Donbass-Invasion am Beginn des Ukrainekriegs 2014.[38] Nach Darstellung des ukrainischen Militärgeheimdienstes wurde die „größte Zahl an Verbrechen“ in Butscha „von Einheiten der 64. Motorschützen-Brigade“ des russischen Heeres begangen.[39] Der Nachrichtendienst des ukrainischen Verteidigungsministeriums veröffentlichte eine Liste[40] mit den Namen, Rängen und Passangaben der einzelnen Mitglieder und kündigte an, sie vor Gericht zu stellen.[41]

Nach Augenzeugenberichten haben die Gewalttätigkeiten stark zugenommen, als nach dem Beginn der Besatzung Butschas, „junge Soldaten“ durch andere Kräfte abgelöst worden seien. Augenzeugen berichteten in diesem Zusammenhang von „tschetschenischen Truppen“.[42] Überlebende Einwohner berichteten außerdem von „burjatischen Truppen“.[39]

Die Ermittler werden durch ausländische Spezialisten unterstützt, am 12. April trafen Forensiker vor Ort ein.[43] Das Team von 18 Experten der forensischen Abteilung der französischen nationalen Gendarmerie arbeitet mit einem Team forensischer Ermittler aus Kiew zusammen, um den "Terror zu dokumentieren, der Zivilisten während der einmonatigen Besatzung zugefügt wurde".[44]

Am 17. Mai entsandte der Internationale Strafgerichtshof ein 42-köpfiges Ermittler-Team zur Untersuchung der Vorkommnisse in Butscha und weiteren Orten in der Region Kiew. Aufgaben des Teams sind Zeugenbefragungen, Sicherung und Analyse von Beweismaterial sowie die Unterstützung ukrainischer Ermittler. Es soll auch mit den bereits in der Region tätigen französischen Ermittlern zusammenarbeiten. Laut Chefankläger Karim Ahmad Khan handelt es sich um das größte Ermittler-Team, das bislang vom Internationalen Strafgerichtshof entsendet wurde.[45]

Fléchettes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Obduktion dutzender Opfer des Massakers fanden Pathologen und Gerichtsmediziner in Massengräbern in der Region nördlich von Kiew kleine Metallpfeile, sogenannte Flechettes. Wladyslaw Pirowskyj, ein ukrainischer Gerichtsmediziner, äußerte gegenüber dem Guardian, die Mehrheit der Leichen stamme aus der Region Butscha-Irpin.[46] Diese Projektile verursachen besonders schwere Verletzungen.[47] Sie stammen von 122 mm 3Sh1 Artillerie-Geschossen, die nach Angaben von Neil Gibson, einem Munitionsexperten der in Großbritannien ansässigen Fenix Insights-Gruppe, nur in der russischen, nicht in der ukrainischen Artillerie zum Einsatz kommen.[48] Nach Aussage von Zeugen fand der Beschuss in Butscha einige Tage vor dem Rückzug der Streitkräfte Ende März statt.[49]

Verantwortlichkeit Russlands[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verantwortlichkeit der Armee[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Geheimdienst (GUR) des Verteidigungsministeriums der Ukraine hat eine Liste von Soldaten der 64. selbstständigen motorisierten Schützenbrigade Russlands veröffentlicht, die in Butscha Verbrechen begangen haben sollen. Die Quelle ist der Hauptnachrichtendienst des Verteidigungsministeriums der Ukraine. Die veröffentlichte Liste enthält Namen und Personalien der Soldaten vom Gefreiten bis zum Oberst.[50]

Verantwortlichkeit der russischen Regierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Butschas Bürgermeister Anatolij Fedoruk äußerte, man habe den Eindruck, dass russische Truppen vom russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem russischen Verteidigungsminister Sergei Schoigu „grünes Licht“ erhalten hätten, Zivilisten anzugreifen.[51]

In einem Interview mit der New York Times äußerte der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, er glaube nicht, dass Putin die Verantwortung für die immer offenbarer werdenden russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine trage. Er glaube nicht, dass der Befehl dazu von Putin gekommen sei, "niedrigere Stellen" seien gegebenenfalls verantwortlich. Die Verbrechen müssten aufgeklärt werden.[52][53]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fernsehansprache des ukrainischen Präsidenten Selenskyj zum Massaker von Butscha

National

International
Mehrere Vertreter europäischer Länder, der EU sowie der USA verurteilten die Vorkommnisse scharf.[55]

  • Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz nannte die Ermordung von Zivilisten ein Kriegsverbrechen und kündigte weitere Sanktionen an.[56]
  • Die Biden-Administration kündigte an, dass weitere Sanktionen in Anbetracht der Ereignisse wahrscheinlich nötig seien.[57] Sie bemühten sich zudem um einen Ausschluss Russlands aus dem UN-Menschenrechtsrat.[58]
  • Der französische Präsident Emmanuel Macron nannte auf Twitter die Ermordung von hunderten Zivilisten „feige“ und schrieb, dass sich die russische Regierung für diese Verbrechen verantworten müsse.[59]
  • Der polnische Präsident Andrzej Duda sagte, die Fotos aus Butscha leugneten, dass um jeden Preis ein Kompromiss gesucht werden sollte.
  • Der Sprecher des US-Außenministeriums, Ned Price, kündigte neue Sanktionen gegen Russland an.[60]

Russland

  • Russland bestritt am 3. April 2022 die Tötung von Zivilisten in Butscha[61] und behauptete, die Bilder aus der Stadt seien von den USA und der NATO „bestellt“ worden.[62] Russlands Außenminister Sergei Lawrow nannte die Berichte „eine Fake-Attacke, die Tage nach dem Abzug unserer Truppen inszeniert wurde“.[63] Indizien dafür konnte er jedoch nicht vorlegen. Es wurden Ermittlung nicht wegen mutmaßlicher Verbrechen aufgenommen, sondern wegen der Verbreitung angeblicher Falschmeldungen.[64] Der russische Botschafter in den USA, Anatoli Antonow, sagte, das russische Verteidigungsministerium habe diese falschen Anschuldigungen vollständig zurückgewiesen. Die russischen Truppen hätten Butscha am 30. März verlassen. „Die ukrainischen Behörden haben all diese Tage geschwiegen, und jetzt haben sie plötzlich sensationelles Filmmaterial veröffentlicht, um das Image Russlands zu beschmutzen und Russland dazu zu bringen, sich zu verteidigen.“ Kein einziger Zivilist habe Gewalt erlitten, als die Stadt von den russischen Streitkräften kontrolliert wurde, es seien sogar 452 Tonnen humanitäre Hilfe für die Zivilbevölkerung geliefert worden. Die Tatsache, dass die ukrainischen Streitkräfte die Stadt Butscha direkt nach dem Abzug der russischen Truppen beschossen hätten sei in den USA bewusst ignoriert worden. „Das hätte zu zivilen Opfern führen können. Allerdings versucht das Kiewer Regime eindeutig, Russland für seine Gräueltaten verantwortlich zu machen.“[65] Russland beantragte eine Sondersitzung des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen. Darin bezeichnete Russland die Gräuelnachrichten als „abscheuliche Provokation ukrainischer Radikaler“. Die Aufnahmen von Leichen in Butscha seien inszeniert.[66] Die Interpretation der russischen Seite wurde von der BBC im Einzelnen widerlegt.[67] Alexander Bastrykin, der den russischen Untersuchungsausschuss leitet, ordnete eine Untersuchung an und beschuldigte die ukrainischen Behörden, „absichtlich falsche Informationen“ über die Aktionen der russischen Streitkräfte zu verbreiten.[68]
  • Der 64. motorisierten Infanteriebrigade, die nach ukrainischen Angaben die Hauptverantwortung an dem Massaker von Butscha tragen soll, wurde am 18. April 2022 von Russlands Präsident Putin der Garde-Ehrentitel verliehen. Zur Begründung sagte Putin unter anderem, die Brigade sei „Vorbild für die Ausführung der militärischen Pflichten, für Mut, Entschlossenheit und große Professionalität“.[41]

Vereinte Nationen

  • Bei der Sitzung des UN-Sicherheitsrats am 6. April 2022 forderte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer per Video übertragenen Rede, sofort zu handeln und Russland für die begangenen Gräuel zur Rechenschaft zu ziehen. Unter anderem verlangte er, Russland aus dem UN-Menschenrechtsrat auszuschließen, als Option nannte er den Rauswurf Russlands aus dem Sicherheitsrat.[69]
  • Als Reaktion auf Berichte über russische Menschenrechtsverletzungen im Ukraine-Krieg setzte der UN-Menschenrechtsrat am 7. April 2022 Russlands Mitgliedschaft aus. Russland beendete daraufhin selbst seine Mitgliedschaft.[70]

Erklärungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Russische Militärstrategie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Meinung des Militärexperten und Professors an der Universität der Bundeswehr in München Carlo Masala handelt es sich bei dem Massaker um einen wesentlichen Bestandteil der regelmäßigen russischen Militärstrategie, um die Bevölkerung der Ukraine zu demoralisieren, die man schon aus anderen russischen Militäreinsätzen her kenne.[73][74]

Ein Grund für Verbrechen in früheren Kriegen falle weg, so der Historiker Boris Sokolow: Morde, Vergewaltigungen und Plünderungen seien in anderen Fällen einer langen Dauer des Krieges geschuldet gewesen, was aber im Falle des Überfalls auf die Ukraine nach kürzester Zeit nicht der Fall sein könne. „Zu diesem Zeitpunkt konnten die Soldaten noch nicht des Krieges müde werden, sie konnten diesbezüglich keine Rachegefühle gegenüber den Ukrainern haben und es gab keine Kriminellen in ihren Reihen“. Ein Hauptmotiv sei vielmehr mutmaßlich das Gefühl der Straffreiheit.[75]

Anti-ukrainische Propagaganda in Russland[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 3. April erschien ein Meinungsartikel des Politologen Timofei Sergeizew bei der staatlichen Medienagentur RIA Novosti unter dem Titel "Was Russland mit der Ukraine tun sollte". Der Text ruft zur Vernichtung der Ukraine und der ukrainischen Identität auf.

Bekannte Opfer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den Opfern des Massakers gehört der Übersetzer Oleksandr Kysljuk. Er wurde in der Nähe seines Hauses erschossen.

Eine Person namens Ilya Ivanowich Nawalny wurde getötet. Neben der Leiche fand man auch sein Ausweisdokument. Der russische Oppositionspolitiker Alexei Nawalny und Namensvetter beschuldigt die russischen Soldaten, dass sie die Person nur aufgrund seines Nachnamens getötet haben.[76] Laut Nawalny stamme die ermordete Person aus dem gleichen Dorf Salissja (Oblast Kiew) wie sein Vater.[77]

Reportagen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Massaker von Butscha – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Allgemein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Faktenchecks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Schon 420 Leichen in Butscha gefunden. In: ukrinform.de. 19. April 2022, abgerufen am 19. April 2022.
  2. Ukraine Says Killing of Civilians in Bucha a ‘Deliberate Massacre’. In: The Moscow Times. 3. April 2022.
  3. Ukraine crisis: 67 civilians killed, buried in mass grave. In: The Siasat Daily, 13. März 2022. 
  4. a b Ulrich von Schwerin: Russen hinterlassen Szenen des Grauens in Vororten von Kiew. In: Neue Zürcher Zeitung. 3. April 2022 (nzz.ch).
  5. a b Tote Zivilisten in Butscha – EU verspricht Untersuchung der „Gräueltaten“. ZDF, 3. April 2022.
  6. Russland bestreitet Tötung von Zivilisten. In: Die Zeit. 3. April 2022 (zeit.de).
  7. Ivana Sokola: Russland dementiert Tötung von Zivilisten in Butscha. Liveblog: Ukraine-Krieg. In: Zeit Online. 3. April 2022, abgerufen am 3. April 2022.
  8. a b Carlotta Gall: Bucha’s Month of Terror. In: New York Times. 11. April 2022, abgerufen am 12. April 2022 (englisch).
  9. a b «Кто-то перед смертью ехал на велосипеде. Кто-то гулял парой» Буча. Депутат местного совета Катерина Украинцева — о том, как этот город жил под российской оккупацией, Meduza, 3. April 2022
  10. David L. Stern, Meg Kelly und Claire Parker: Bodies, rubble line the streets of Bucha following Russian retreat. In: Washington Post. 3. April 2022, abgerufen am 3. April 2022 (englisch).
  11. Wioletta Orlowa: На Київщині вже виявлено тіла 1045 цивільних, 75% розстріляні – поліція. In: unian.ua. 20. April 2022, abgerufen am 20. April 2022.
  12. Myroslava Petsa: 1045 bodies of civilians collected in Kyiv region - Andriy Nebytov, chief of Kyiv regional police, tells Ukraine24 TV station. He says 80% of victims were shot dead, all of them were defenceless and posed no threat whatsoever to Russian troops. Excavation of bodies is ongoing. In: Twitter. 20. April 2022, abgerufen am 20. April 2022.
  13. In Region Kyjiw weitere 20 Leichen von Zivilisten gefunden, die von Russen getötet wurden. In: ukrinform.de. 4. Mai 2022, abgerufen am 12. Mai 2022.
  14. Anna Myroniuk: Russian soldiers murder volunteers helping starving animals near Kyiv. In: The Kyiv Independent. 8. März 2022, abgerufen am 3. April 2022.
  15. Ukraine: Apparent War Crimes in Russia-Controlled Areas, Human Rights Watch vom 3. April 2022.
  16. Videos sollen Hinrichtung Unbewaffneter in Butscha belegen. In: t-online.de. 20. Mai 2022, abgerufen am 20. Mai 2022.
  17. New Evidence Shows How Russian Soldiers Executed Men in Bucha. In: New York Times, 19. Mai 2022.
  18. Daniel Boffey: ‘A war crime’: two young boys among Ukrainians shot dead during attempted evacuation. In: The Kyiv Independent. 3. April 2022, abgerufen am 3. April 2022.
  19. Ukraine crisis: 67 civilians killed, buried in mass grave. In: The Siasat Daily. 13. März 2022, abgerufen am 3. April 2022 (englisch).
  20. Mass Grave of 57 Bodies in Bucha – Ukrainian Official. In: The Moscow Times. 3. April 2022, abgerufen am 3. April 2022 (englisch).
  21. Louise Callaghan: Bodies of mutilated children among horrors the Russians left behind, The Sunday Times, 2. April 2022, Additional reporting: Anna Mosinian
  22. Guardian Titelblatt vom 4. April 2022
  23. Videoreportage aus Butscha »Sie werden sehen, wie viele friedliche Menschen erschossen wurden«. In: Spiegel Online. 6. April 2022, abgerufen am 6. April 2022.
  24. WDR: Gräueltaten in Butscha: „Sie haben jeden erschossen, der vorbeikam“. In: t-wdr.de. 6. April 2022, abgerufen am 6. April 2022.
  25. Almost 300 people buried in ‘mass grave’ in Bucha outside Kyiv: Mayor. In: Alarabiya News. 2. April 2022, abgerufen am 3. April 2022 (englisch).
  26. Olga Rudenko: National Hundreds of murdered civilians discovered as Russians withdraw from towns near Kyiv (GRAPHIC IMAGES). In: The Kyiv Independent. (kyivindependent.com [abgerufen am 3. April 2022]).
  27. Florian Hassel: Putins blutige Spur in Butscha. In: Tages-Anzeiger. (tagesanzeiger.ch [abgerufen am 3. April 2022]).
  28. Fokus: Gräueltaten in Butscha. In: SRF 1, 10vor10, 4. April 2022, bei Min 3:33 (Video).
  29. Wachsende Sorge vor Chemiewaffeneinsatz, Berichte über Vergewaltigungen. In: Spiegel Online. 12. April 2022, abgerufen am 15. April 2022.
  30. ‘Part Of Russia’s Arsenal’: Allegations Of Rape By Russian Forces In Ukraine Are Increasing. In: rferl.org. 12. April 2022, abgerufen am 15. April 2022 (englisch).
  31. Massaker in Butscha – Diese Satellitenbilder sollen russische Kriegsverbrechen beweisen. In: Welt.de. 5. April 2022, abgerufen am 6. April 2022.
  32. Russian soldiers opened fire on a cyclist in Bucha, new video shows. In: New York Times, 5. April 2022, abgerufen am 7. April 2022.
  33. Frank Stocker, Jean Mikhail, Leonhard Landes: Massaker in Butscha – Ukraine veröffentlicht Namensliste von russischen Soldaten. In: Welt.de. 5. April 2022, abgerufen am 6. April 2022.
  34. Rahel Zahlmann, Arno Wölk: Erstes Video des Massakers – Drohnenbilder zeigen Angriff auf Fahrradfahrer in Butscha. In: t-online.de. 6. April 2022, abgerufen am 6. April 2022.
  35. Убитые жители Бучи и войска РФ на одной улице. Съемка с дрона, Meduza, 7. April 2022; „Der Film konnte nicht nach dem 26. März entstanden sein.“
  36. Malachy Browne, David Botti, Haley Willis.: Satellite images show bodies lay in Bucha for weeks, despite Russian claims. In: The New York Times. 4. April 2022 (nytimes.com [abgerufen am 4. April 2022]).
  37. Der Kampf um die Wahrheit von Butscha. In: Spiegel.de, 5. April 2022.
  38. Wer waren die Täter von Butscha?, In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6. April 2022 ([1])
  39. a b Christian Esch: (S+) Ukraine - Generalmajor über russische Armee: »Putin hat seine Pläne nicht aufgegeben«. In: Der Spiegel. 17. April 2022, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 17. April 2022]).
  40. Военные преступники непосредственно участвующие в совершении военных преступлений против народа Украины в г. Буча – военнослужащие 64 отдельной мотострелковой бригады 35 ОА ВВО. In: gur.gov.ua, 4. April 2022, abgerufen am 18. April 2022.
  41. a b Putin verleiht Ehrentitel an Butscha-Brigade. In: spiegel.de. 18. April 2022, abgerufen am 18. April 2022.
  42. Melanie Amann, Matthias Gebauer, Fidelius Schmid: (S+) Russische Soldaten besprachen Gräueltaten gegen Zivilisten über Funk. In: Der Spiegel. 7. April 2022, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 18. April 2022]).
  43. f, Swissinfo/reuters, 12. April 2022
  44. Dozens of Bucha civilians were killed by metal darts from Russian artillery. 24. April 2022, abgerufen am 27. April 2022 (englisch).
  45. Mögliche Kriegsverbrechen: Weltstrafgericht schickt Ermittler in die Ukraine. In: tagesschau.de. 17. Mai 2022, abgerufen am 17. Mai 2022.
  46. Dozens of Bucha civilians were killed by metal darts from Russian artillery. 24. April 2022, abgerufen am 27. April 2022 (englisch).
  47. Lorenzo Tondo: Dozens of Bucha civilians were killed by metal darts from Russian artillery. In: The Guardian. 24. April 2022 (theguardian.com [abgerufen am 25. April 2022]).
  48. Lethal darts were fired into a Ukrainian neighborhood by the thousands. Washington Post, 18. April 2022, abgerufen am 1. Mai 2022 (englisch).
  49. Dozens of Bucha civilians were killed by metal darts from Russian artillery. 24. April 2022, abgerufen am 27. April 2022 (englisch).
  50. ГУР оприлюднило список російських військових, причетних до звірств у Бучі (Ukrainisch) Ukrajinska Prawda, abgerufen am 8. Mai 2022
  51. Mayor of Bucha on slain civilians: We ‘get the impression’ Russian troops had ‘green light from Putin’. Abgerufen am 27. April 2022 (amerikanisches Englisch).
  52. „Ich mache jetzt nicht einen auf mea culpa“. In: Der Tagesspiegel Online. 24. April 2022, ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 27. April 2022]).
  53. tagesschau.de: Ukraine-Krieg: Altkanzler Schröder bietet erneut Vermittlung an. Abgerufen am 27. April 2022.
  54. Krieg in der Ukraine im News-Ticker – Schweiz unterstützt Untersuchungen zu mutmasslichem Massaker | Ukraine meldet 410 tote Zivilisten bei Kiew | Selenski spricht von «Völkermord». In: tagesanzeiger.ch/. 3. April 2022, abgerufen am 3. April 2022.
  55. Jakob von Lindern: Ukraine: Die Gräuel von Butscha. In: Zeit Online. 3. April 2022, abgerufen am 3. April 2022.
  56. Ukraine: Germany’s Scholz vows response over Bucha deaths. In: Deutsche Welle. (dw.com [abgerufen am 3. April 2022]).
  57. U.S. weighs tougher Russia sanctions after evidence of Bucha killings. In: Washington Post. ISSN 0190-8286 (englisch, washingtonpost.com [abgerufen am 3. April 2022]).
  58. US to seek Russia’s suspension from UN Human Rights Council. In: guardian.ng. 4. April 2022, abgerufen am 5. April 2022 (englisch).
  59. Massacre de Boutcha: «Les autorités russes devront répondre de ces crimes», prévient Macron. In: Le Parisien. (französisch, leparisien.fr [abgerufen am 3. April 2022]).
  60. ГУР оприлюднило список російських військових, причетних до звірств у Бучі (Ukrainisch) Ukrajinska Prawda, abgerufen am 8. Mai 2022
  61. Krieg in der Ukraine im News-Ticker. In: Tages-Anzeiger. 3. April 2022.
  62. Russland behauptet, USA hätten Aufnahmen in Butscha „bestellt“. In: spiegel.de. 4. April 2022, abgerufen am 4. April 2022.
  63. Sendung vom 04.04.2022, 20:00 Uhr. Tagesschau (ARD), 4. April 2022, abgerufen am 5. April 2022 (ab Minute 2:05).
  64. Vorwürfe an die USA und die Nato: Russland nennt Bilder aus Butscha „bestellte Nachrichten“. In: tagesspiegel.de. 4. April 2022, abgerufen am 6. April 2022.
  65. Will Stewart, Milo Boyd: Hunt for Butchers of Bucha after 'women and children raped and shot by Russians'. 4. April 2022, abgerufen am 27. April 2022 (englisch).
  66. AFP: Russia Seeks UN Security Council Meeting on Bucha, Ukraine. 4. April 2022, abgerufen am 27. April 2022 (englisch).
  67. Bucha killings: Satellite image of bodies site contradicts Russian claims. In: BBC News. 11. April 2022 (bbc.com [abgerufen am 27. April 2022]).
  68. Reuters: Russia orders probe of Ukrainian 'provocation' over civilian deaths in Bucha. In: Reuters. 4. April 2022 (reuters.com [abgerufen am 27. April 2022]).
  69. Selenskyj vergleicht Gräueltaten von Butscha mit Guernica im spanischem Bürgerkrieg. In: Deutschlandfunk. 6. April 2022, abgerufen am 6. April 2022.
  70. Trotz zahlreicher Enthaltungen: Russland von UN-Menschenrechtsrat suspendiert. In: n-tv.de. 7. April 2022, abgerufen am 8. April 2022.
  71. faz.net vom 28. April 2022: Guterres fordert Ahndung von Kriegsverbrechen
  72. faz.net vom 29. April 2022: Raketenangriffe auf Kiew während des Besuchs von UN-Chef Guterres
  73. Michael Lueg: Gräueltaten in Butscha: Wie können Menschen so etwas anderen antun? In: swr.de. 5. April 2022, abgerufen am 7. April 2022.
  74. Systematische, geplante und bewusste Taten, die Teil der Kriegsführung sind. In: welt.de. 6. April 2022, abgerufen am 7. April 2022.
  75. Не то повторили. Как Красная армия бесчинствовала на территориях, занятых в ходе Второй мировой (russisch, deutsch: Es ist keine Wiederholung. Wie die Rote Armee durch die im Zweiten Weltkrieg besetzten Gebiete wütete), The Insider, 9. April 2022
  76. David M. Herszenhorn: Navalny accuses Russian forces of killing a namesake in Ukraine. In: Politico (Hrsg.): politico.eu. 19. April 2022 (politico.eu [abgerufen am 19. April 2022]).
  77. Navalny Twitter. Abgerufen am 19. April 2022.