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Brasilianische Wanderspinne

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Brasilianische Wanderspinne
Brasilianische Wanderspinne (Phoneutria nigriventer), Weibchen

Brasilianische Wanderspinne (Phoneutria nigriventer), Weibchen

Systematik
Ordnung: Webspinnen (Araneae)
Unterordnung: Echte Webspinnen (Araneomorphae)
Teilordnung: Entelegynae
Familie: Kammspinnen (Ctenidae)
Gattung: Phoneutria
Art: Brasilianische Wanderspinne
Wissenschaftlicher Name
Phoneutria nigriventer
(Keyserling, 1891)

Die Brasilianische Wanderspinne (Phoneutria nigriventer), manchmal auch Brasilianische Kammspinne genannt, ist eine Spinne aus der Familie der Kammspinnen (Ctenidae). Die Art wird auch zusammen mit anderen Spinnen der Familie schlicht als Wanderspinne oder ebenso wie andere Vertreter der Gattung Phoneutria als Bananenspinne bezeichnet. Sie erlangte überdies durch die von ihr ausgehende Gefahr eine große Bekanntheit.

Die englischen und in dieser Sprache mehrdeutigen Trivialnamen Brazilian Wandering Spider und Banana spider sind von der Bedeutung her mit den deutschen Bezeichnungen „Brasilianische Wanderspinne“ und „Bananenspinne“ identisch. Der Name Bananenspinnen wird allerdings auch für einige südamerikanische Vertreter der Gattung Cupiennius aus der Familie der Fischerspinnen (Trechaleidae) sowie im Englischen für die Warmhaus-Riesenkrabbenspinne (Heteropoda venatoria) verwendet.

Merkmale und Körperbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Männchen

Das kräftigere Weibchen der Brasilianischen Wanderspinne erreicht eine Körperlänge von 30 bis 50 mm, das schmaler gebaute Männchen 30 bis 40 mm. Die Spannweite der Beine beider Geschlechter, die die Art äußerst agil und schnell werden lassen, kann 130 bis 150 mm betragen, wobei die Beine der Weibchen ebenfalls kräftiger gebaut sind.[1] Ein einzelnes Bein erreicht eine Länge von etwa 60 Millimetern.[2] Diese Maße lassen die Brasilianische Wanderspinne zu den größten Vertretern der Kammspinnen zählen, deren typischem Körperbau die Spinne weitestgehend entspricht. Wie alle Kammspinnen verfügt die Brasilianische Wanderspinne außerdem über gut entwickelte Augen sowie Sensillen (Sinneshaare).[1]

Färbung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Grundfarbe, die je nach Gebiet variieren kann, besteht im Regelfall aus einem braunen Farbton. Auf dem Prosoma (Vorderkörper) befindet sich ein schwarzer und vertikal verlaufenden Streifen sowie zwei weitere schwarze Linien am Kopfbereich.[1] Die Beine und Pedipalpen (Umgewandelte Extremitäten im Kopfbereich) besitzen die gleiche Farbgebung und verfügen zusätzlich über schwarze Ringe, die während der Drohgebärde gezeigt werden.[1] Die Färbung der Cheliceren (Kieferklauen) ist rot und dient ebenfalls als Signalfarbe.[1][3]

Der Opisthosoma (Hinterleib) ist mit fünf Paaren ineinander verschmelzender, hellbrauner und kleeblattförmiger Flecken[1] und weißlichen Longitudinalbändern[2] versehen. Die gesamte Unterseite der Jungtiere ist rot gefärbt. bei ausgewachsenen Tieren wird diese dann dunkelbraun oder schwarz, woher auch der wissenschaftliche Artname nigriventer (lat. für „schwarze Ventralweite“) rührt.[1]

Ähnliche Arten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Große Wanderspinne (Cupiennius salei) aus der Familie der Fischerspinnen (Trechaleidae)

Die Brasilianische Wanderspinne wird wie andere Arten der Gattung Phoneutria gelegentlich mit denen für den Menschen deutlich harmloseren Arten der Gattung Cupiennius aus der Familie der Fischerspinnen (Trechaleidae) verwechselt. Verwechslungen können auch deshalb entstehen, da gelegentlich Arten beider Gattungen auf Fruchtstauden der Dessertbanane (Musa × paradisiaca) in andere Kontinente mitexportiert werden (s. Abschnitt „Einfuhr durch Bananenfrüchte“).[3]

Die Brasilianische Wanderspinne hat allerdings wie andere Arten der Gattung eine wesentlich kontrastärmere Grundfärbung und überdies rote Cheliceren (Kieferklauen), eine Eigenschaft die fast allen Arten der Gattung Cupiennius fehlt. Außerdem übertrifft die Brasilianische Wanderspinne hinsichtlich ihrer Körpergröße alle Arten der Gattung Cupiennius.[3]

Vorkommen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verbreitungskarte der Brasilianischen Wanderspinne
Regenwald nahe der Südbrasilianischen Stadt Pindamonhangaba (Bundesstaat São Paulo); einer der Lebensräume der Brasilianischen Wanderspinne.

Die Brasilianische Wanderspinne kommt in Brasilien (Bundesstaat Minas Gerais, Goiás, Mato Grosso do Sul, Espírito Santo, Rio de Janeiro, São Paulo, Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul) und im Norden Argentiniens (im atlantischen Regenwald oder Waldinseln im Cerrado) vor. Nachweise aus Uruguay und dem Süden Argentiniens gehen vermutlich auf verschleppte und eingebürgerte Tiere zurück.[4] Durch Unklarheiten in der Synonymie und Namensverwendung (vgl. Abschnitt Systematik) sind ältere Fundortangaben manchmal auf andere Arten zu beziehen.

Die Art lebt in Wäldern, meist in Bodennähe, sie ist aber in dunklen, feuchten Habitaten in menschlichen Ansiedlungen nicht selten (synanthrope Art).[4]

Einfuhr durch Bananenfrüchte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fruchtstaude einer in der Landwirtschaft angebauten Dessertbanane (Musa × paradisiaca) in Brasilien

Die aus dem gleichen Grund auch bei anderen Arten der Gattung sowie einigen der Gattung Cupiennius aus der Familie der Fischerspinnen (Trechaleidae) angewandte Bezeichnung „Bananenspinne“ rührt daher, dass es gelegentlich zu Importen von Exemplaren der Brasilianischen Wanderspinne in anderen Kontinenten durch die Einfuhr von Stauden der Dessertbanane (Musa × paradisiaca) kommt. Dies lässt sich damit begründen, dass in den als solchen transportierten Stauden den Spinnen Versteckmöglichkeiten geboten werden und diese von der tagsüber größtenteils verborgen lebenden Art gerne als solche angenommen werden, wo sie dann übersehen werden können.[5] Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, Exemplare der Brasilianische Wanderspinne an in Europa zu verkaufenden Bananenfrüchten sehr gering, da lediglich 0,8 % der dort verkauften Bananenfrüchte aus Brasilien stammen.[6]

Fundmeldungen im deutschen Sprachraum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine vermeintliche Bananenspinne entpuppte sich Anfang Mai 2019 in einer Obsthalle in Hamm, NRW, als harmlos.[7]

In der Nacht vom 2. auf 3. Mai 2019 wurde in der Halle eines Obstgroßhändlers im Bezirk Graz-Umgebung eine Spinne entdeckt, die nach der Beschreibung einer Mitarbeiterin als Bananenspinne identifiziert wurde. Da sie trotz Einpackens eines Kartons nicht wiedergefunden wurde, wurde eine größere Sendung aus Kolumbien gekühlt und gesperrt.[8]

Im Juli 2020 wurde eine Brasilianische Wanderspinne in einer Obstkiste in einem Supermarkt in Blankenburg (Harz) entdeckt. Nachdem der Markt durch die Polizei und Feuerwehr evakuierten worden war, wurde die Spinne getötet.[9]

Bedrohung und Schutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über mögliche Bestandsbedrohungen der Brasilianischen Wanderspinne existieren keine Angaben, da ihre Bestände nicht von der IUCN gewertet werden.[10]

Lebensweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Brasilianische Wanderspinne ist wie alle Kammspinnen (Ctenidae) überwiegend nachtaktiv und versteckt sich tagsüber oft unter Blättern, Holz oder in verlassenen Termitenhügeln.[1] In der Nacht selber wird die Art dann aber deutlich aktiver und ihr Aktivitätsradius kann bis zu 100 Meter betragen.[2] Netze zum Unterschlupf oder Fangen von Beutetieren werden von der nomadisch lebenden Brasilianischen Wanderspinne nicht angelegt.[1]

Abwehrverhalten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Drohgebärde eines Weibchens

Die Brasilianische Wanderspinne gebärdet sich wie die anderen Arten der Gattung bei Störungen recht aggressiv und nimmt bei einer Begegnung mit möglichen Prädatoren (Fressfeinden) zuerst eine charakteristische Drohstellung ein, bei der sie sich sowie das erste Beinpaar und die Pedipalpen aufrichtet und die Cheliceren zeigt. Ein Biss kann folgen, sollte die Spinne weiterhin provoziert werden.[1][11] Das äußerst wirksame Gift kann auch für den Menschen Lebensbedrohliche Auswirkungen haben (s. Abschnitt „Toxizität“).

Jagdverhalten und Beutefang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch das Jagdverhalten der Brasilianischen Wanderspinne entspricht dem anderer Kammspinnen (Ctenidae) und sie jagt dementsprechend als Lauerjäger. Während der Jagd kommen der Seh- und der Vibrationssinn, der mithilfe der Sensillen funktioniert, zum Einsatz. Hat die Brasilianische Wanderspinne ein Beutetier geortet, schleicht sie sich an dieses an und schnellt auf das Beutetier zu, sobald es sich in Reichweite befindet, hält es mit den Beinen fest und injiziert ihr Gift.[1] Größere Beutetiere werden eingesponnen. Das Beutespektrum der Brasilianischen Wanderspinne umfasst andere Arthropoden und kleine Wirbeltiere wie kleinere Amphibien und Reptilien, gelegentlich auch kleinere Nagetiere.[12]

Phänologie und Fortpflanzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Brasilianische Wanderspinne ist wie viele in tropischen Regionen lebende Arten ganzjährig aktiv.[10] Die Paarungszeit fällt in die Monate April und Mai. Hat ein geschlechtsreifes Männchen ein Weibchen aufgefunden, so beginnt es mit einem Balzverhalten, bei dem es zuerst mit den Pedipalpen trommelt, bevor es diesen Prozess verlangsamt und anschließend zu einer weiteren Bewegung übergeht, bei der das Abdomen gehoben und gesenkt wird. Danach nähern sich Männchen und Weibchen, sofern letzteres paarungswillig ist, langsam einander an. Das Männchen besteigt das Weibchen von oben und führt anschließend seine Bulbi abwechselnd in die Epigyne des Weibchens ein. Das Männchen verlässt das Weibchen anschließend und es kommt zumeist nicht zu Kannibalismus seitens des Weibchens.[1]

Nach etwa zwei Wochen baut das Weibchen seinen ersten Eikokon, der über 3000 Eier enthalten kann, und bewacht diesen, bis die Jungspinnen schlüpfen. Auch die geschlüpften Jungtiere werden anschließend einige Zeit bewacht, ehe diese selbstständig werden und das Nest verlassen. Bis zu vier Kokons kann ein befruchtetes Weibchen herstellen. Die Jungspinnen benötigen bis zum Adultstadium drei Jahre, in denen sie sich mehrmals häuten. Die Anzahl der Häutungen hängt von der Temperatur und vom Nahrungsangebot ab. Im ersten Jahr häuten sich die Jungspinnen fünf bis zehn Mal, im darauf folgenden drei bis sieben Mal. Die Anzahl der Häutungen im dritten Jahr beträgt lediglich zwei oder drei. Mit der letzten Häutung geht die Geschlechtsreife einher.[1]

Die gesamte Lebensdauer der Brasilianischen Wanderspinne kann bis zu sechs Jahre betragen.[1][11]

Brasilianische Wanderspinne und Mensch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weibchen auf dem Arm

Die Brasilianische Wanderspinne gilt zusammen mit der Art Phoneutria fera als die giftigste Art der Gattung und gemeinsam mit dieser als die wohl giftigste Spinne überhaupt. Ihr Gift macht die Art zu einer der wenigen, deren Wirkung auch für einen gesunden erwachsenen Menschen lebensgefährliche Folgen haben kann. Dementsprechend wird die Art oftmals gefürchtet. Gelegentlich wird sie aber auch als Heimtier gehalten (s. Abschnitt „Terraristik“).

Gefahr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bedingt durch ihre recht aggressive Wesensart und ihre Mobilität (s. Abschnitt „Bissunfälle“) sowie Giftigkeit (s. Kapitel „Toxizität“) geht von der Brasilianischen Wanderspinne ein nicht zu unterschätzender Gefahrenfaktor aus. Dies jedoch nicht nur von der hohen Aggressivität sowie Agilität der Art, sondern auch von der hohen Wahrscheinlichkeit des Zusammentreffens zwischen Mensch und Spinne, da sie sich im Gegensatz zur überwiegend abseits lebenden Phoneutria fera auch gerne in Siedlungsbereichen aufhält. Dabei suchen die Spinnen auch das Innere von menschlichen Behausungen auf, wo sie durch ihre tagsüber versteckte Lebensweise Unterschlüpfe wie Bekleidungen oder Haushaltsutensilien aufsuchen und dort unbemerkt bleiben können. Ein Biss kann bei Benutzung oder Anheben der Gegenstände und einer unerwarteten Annäherung an die Spinnen erfolgen, welche diese dazu veranlassen können, sich mit einem Biss zur Wehr zu setzen. Besonders während der Paarungszeit kommt es zu Bissen durch männliche Tiere, da diese bei der Suche nach Weibchen gehäuft in Häuser gelangen.[13]

Die Gefährlichkeit der Brasilianischen Wanderspinne für den Menschen ist allerdings weitaus geringer als oft befürchtet. Auch die weit verbreitete Annahme, dass die Art mittels Bananentransport gelegentlich nach Deutschland gelange, ist in den meisten Fällen ebenfalls nicht zutreffend. Ebenso haben die Todesfälle stark abgenommen, da ein mittlerweile verfügbares Gegengift die meisten Todesfälle heutzutage verhindert. In der Zeit zwischen 1926 und 1996 sind 14 Todesfälle dokumentiert worden, die der Brasilianischen Wanderspinne zugerechnet wurden.[1] Ferner exportiert von den Ländern innerhalb des Verbreitungsgebiets der Art lediglich Brasilien Bananen in die Europäische Union und nur 0,8 % der Bananen auf deutschen Märkten stammen aus Brasilien, was die Wahrscheinlichkeit der oft befürchteten Einfuhr ohnehin senkt. Darüber hinaus handelt es sich bei den gefundenen Spinnen zumeist um heimische Spinnenarten, die während des Transports zwischen die Früchte gelangten, oder um andere Spinnen, etwa andere Arten der Gattung Phoneutria oder ähnliche Vertreter der Kammspinnen oder der Überfamilie Lycosoidea, beispielsweise um die Große Wanderspinne (Cupiennius salei) (s. Abschnitt „Einfuhr durch Bananenfrüchte“).[6] Entsprechend selten sind Vorkommnisse in Europa.[14][15][16][17]

Bissunfälle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Brasilianische Wanderspinne besitzt wie alle Arten der Gattung Phoneutria eine verglichen mit der vieler anderen Spinnenarten sehr hohe Aggressivität, bzw. Abwehrbereitschaft (s. Abschnitt „Abwehrverhalten“).[2] Dadurch und wegen der hohen Wahrscheinlichkeit des Zusammenkommens von Mensch und Spinne sind Bissunfälle dieser Art nicht unwahrscheinlich. Ein Sicherheitsabstand zur Spinne wird deshalb empfohlen.

Ein sich bedroht fühlendes Exemplar der Art nimmt für gewöhnlich eine für einige Spinnen typische Drohgebärde ein (s. Kapitel „Abwehrverhalten“ und Bild). Es gibt allerdings auch Berichte von Bissen, die sich ohne Vorwarnungen seitens der Spinne ereignet haben. Bedingt durch ihre Agilität ist es der Brasilianischen Wanderspinne auch möglich, Fressfeinde oder vermeintliche Fressfeinde im Sprung anzugreifen.[2] Gelegentlich übt die Brasilianische Wanderspinne sog. Trockenbisse aus (Bisse, bei denen die Spinne zwar mit den Cheliceren zubeißt, aber kein Gift verabreicht.), die dann mit Ausnahme des Schmerzes durch den Biss selber sowie womöglichen bakteriellen Infektionen keine Komplikationen hervorrufen.[13]

Toxizität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Toxizität umfasst die Wirkung und deren Ausmaß verschiedener Gifte, einschließlich dem neurotoxisch wirkendem Nervengift[2] der Brasilianischen Wanderspinne, welches mehrfach untersucht wurde.[13]

Toxikologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mithilfe der Toxikologie (Giftlehre) konnten die Bestandteile des Giftes der Brasilianischen Wanderspinne bisher in Teilen analysiert werden. Dieses enthält neben einigen Enzymen unter anderem neurotoxisch wirkende Peptide und Proteine, die die Ionenkanäle und Rezeptoren des neuromuskulären Systems sowohl von Wirbeltieren als auch von Wirbellosen beeinflussen können. Es sind im Giftsekret vermutlich bis zu 150 Verbindungen enthalten, von denen bislang 54 dokumentiert wurden. Ferner sind cysteinhaltige arteigene Toxine, sogenannte „PnTxs“ (Phoneutria nigriventer toxins), enthalten. Mehrere Proteine mit hoher Molekülmasse werden vermutet, von denen bislang nur wenige beschrieben wurden. Diese Eigenschaften machen das Gift deutlich wirkungsvoller als etwa die Gifte anderer gefährlicher Spinnen wie der Sydney-Trichternetzspinne (Atrax robustus) oder der Südlichen Schwarzen Witwe (Latrodectus mactans).[13] Ferner kann die vergleichsweise große Brasilianische Wanderspinne Injektionen in achtfacher Menge der der wesentlich kleineren Echten Witwen (Latrodectus) verabreichen.[18]

Toxische Wirkung beim Menschen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Biss der Brasilianischen Wanderspinne kann beim Menschen mit verschiedenen Symptomen einhergehen. Als erstes tritt ein großer lokaler Schmerz an der Bissstelle ein. Ebenso können Ödeme (Schwellung von Körpergewebe), Erythem (Hautrötung), Hyperhidrose (übermäßige Schweißproduktion), Parästhesien (starke Empfindungen in den Versorgungsgebieten von Hautnerven) und Muskelfaszikulationen (feine Zuckungen kleiner Muskelfaserbündel) an der Bissstelle auftreten. Tachykardie (Herzrasen), Bluthochdruck, Priapismus (schmerzhafte Erektion), Erbrechen und Sialorrhoe (übermäßiger Speichelfluss) können Anzeichen für akutere durch das Gift hervorgerufene Körperschäden (systemische Effekte) sein. Weitere starke Symptome, die besonders bei Kindern auftreten, sind Erbrechen, Priapismus, Durchfall, Bradykardie (verminderter Herzschlag), Arterielle Hypotonie (zu niedriger Blutdruck), Herzrhythmusstörungen, akutes Lungenödem und Schockzustände. Bei ausbleibender Behandlung kann das Gift der Brasilianischen Wanderspinne zum Tod führen.[13]

Toxische Wirkungen bei Tieren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bedingt durch die Forschungen im Rahmen der Toxikologie (Giftkunde) des Gifts der Brasilianischen Wanderspinne, die auch an Versuchstieren durchgeführt wurden, konnten demzufolge auch Resultate der Giftwirkung bei diesen erfasst und dokumentiert werden.

Bei Versuchen, bei denen Mäusen Injektionen des Gifts der Art verabreicht wurden, konnte man u. A. analgetische (schmerzlindernde) Effekte feststellen (auch im Falle einer Morphintoleranz). Diese Effekte wurden durch das Neurotoxin (Nervengift) Phα1β hervorgerufen.[19] Bei ausgewachsenen Ratten und welchen in einem Alter von acht Wochen wurden Perivaskuläre Ödeme (Aufquellung von Blutgefäßen), Schädigungen der Blut-Hirn-Schranke als auch Krämpfe nachgewiesen.[20] Bei Versuchen mit Kaninchen kam es zur Entstehung von Schwellkörpern, die durch die Polypeptide des Gifts der Spinne entstanden.[21]

Mögliche Nutzung des Giftes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die bei Mäusen auftretenden analgetischen Effekte nach einer Injektion des Gifts der Brasilianischen Wanderspinne durch das darin enthaltene Neurotoxin Phα1β ergibt die Möglichkeit, dieses Neurotoxin als Schmerzstiller zu verwenden.[22] Das Peptid Tx2-6, das die beim Biss Priapismus (schmerzhafte Erektionen) hervorrufen kann, birgt eventuell Nutzen als Potenzmittel.[23]

Terraristik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gelegentlich wird die Brasilianische Wanderspinne auch als Heimtier in der Terraristik gehalten. Für die erfolgreiche Haltung sollte das tropische Klima ihres natürlichen Verbreitungsgebiets bestmöglich simuliert werden. Auch müssen Versteckmöglichkeiten aufgrund der nachtaktiven und tagsüber versteckten Lebensweise der Spinne angeboten werden. Vor dem Kauf einer oder mehrerer Exemplare der Art sollte man allerdings der von ihr ausgehenden Gefahr bewusst sein.[1]

Systematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Art wurde, als Ctenus nigriventer 1891 durch Eugen von Keyserling, nach einem von Hermann von Ihering im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande del Sul gesammelten Weibchen, erstbeschrieben. 1936 transferierte der brasilianische Arachnologe Cândido Firmino de Mello-Leitão die Art, als Phoneutria nigriventer in die von Maximilian Perty bereits 1833 beschriebene Gattung Phoneutria, in der sie seitdem verblieb. Die Abgrenzung von der Gattung Ctenus war von der Forschung bis zur Revision durch Mello-Leitão als zweifelhaft angesehen worden. Sie wurde in der neueren Forschung aber bestätigt.[4]

Die Abgrenzung und Umschreibung der Arten innerhalb der Gattung ist bis in jüngste Zeit unklar und umstritten gewesen. Wolfgang Bücherl hielt Phoneutria nigriventer irrtümlich für ein Synonym von Phoneutria fera. Die heute wieder als valide angesehenen Arten Phoneutria keyserlingi und Phoneutria pertyi wurden bei einer Revision 2001 mit Phoneutria nigriventer synonymisiert[24], diese Synonymie aber 2007 wieder aufgehoben[4]. Die Arten werden vor allem nach Genitalmerkmalen (Details in der Gestalt der weiblichen Epigyne und des männlichen Embolus) unterschieden. Daneben ist ein Färbungsmerkmal charakteristisch: Bei Phoneutria nigriventer ist das Opisthosoma auf der Ventralseite einheitlich braun bis schwarz gefärbt, bei den meisten verwandten Arten heller.

In der heutigen Fassung werden folgende Namen als Synonyme von Phoneutria nigriventer angesehen:[25] Ctenus rufichelis Mello-Leitão, 1917 (= Phoneutria rufichelis), Ctenus paca Mello-Leitão, 1922 (= Phoneutria paca), Ctenus luederwaldti Mello-Leitão, 1927 (= Phoneutria luederwaldti).

Galerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j k l m n o p Phoneutria nigriventer (Keyserling, 1891) bei Minax Tarantulas, aufgerufen am 8. Mai 2019.
  2. a b c d e f S. Borelli: Dermatologischer Noxen-Katalog: Krankheiten der Haut und Schleimhaut durch Kontakte in Beruf und Umwelt, Springer-Verlag, 2019, S. 201–1542, 9783642703119.
  3. a b c R. S. Vetter & S. Hillebrecht: Distinguishing Two Often-Misidentified Genera (Cupiennius, Phoneutria) (Araneae: Ctenidae) of Large Spiders Found in Central and South American Cargo Shipments, American Entomologist, Volume 54, Issue 2, 2008, S. 88–93, abgerufen am 15. März 2020.
  4. a b c d Rosana Martins & Rogério Bertani (2007): The non-Amazonian species of the Brazilian wandering spiders of the genus Phoneutria Perty, 1833 (Araneae: Ctenidae), with the description of a new species. Zootaxa 1526: 1–36.
  5. Portal Niedersachsen: Bananenspinnen – und was dahinter steckt, abgerufen am 15. März 2020.
  6. a b Naturkundemuseum Karlsruhe: Bananenspinnen von Claudia Wesseloh, abgerufen am 15. März 2020
  7. Nordrhein-Westfalen: Angebliche Bananenspinne entpuppte sich als harmlos kleinezeitung.at, 3. Mai 2019, abgerufen 2. Juni 2019.
  8. Alarm in Lager: Gefährliche Spinne kroch aus Bananenschachtel krone.at, 3. Mai 2019, abgerufen 2. Juni 2019.
  9. Giftige Spinne in Obstkiste: Supermarkt in Blankenburg evakuiert. Mitteldeutscher Rundfunk, 12. Juli 2020, abgerufen am 12. Juli 2020.
  10. a b Phoneutria nigriventer (Keyserling, 1891) bei Global Biodiversity Information Facility, abgerufen am 15. März 2020
  11. a b Phoneutria (Perty, 1833) bei der University of Florida, Institute of Food and Agricultural Sciences, aufgerufen am 8. Mai 2019
  12. Phoneutria nigriventer (Keyserling, 1891) bei Animal Corner, aufgerufen am 8. Mai 2019.
  13. a b c d e M. R. V. Diniz, A. L. B. Paiva, C. Guerra-Duarte, M. Y. Nishiyama, Jr., M, A. Mudadu, U. de Oliveira, M. H. Borges, J. R. Yates, I. de L. Junqueira-de-Azevedo: An overview of Phoneutria nigriventer spider venom using combined transcriptomic and proteomic approaches. In: PLOS ONE. Band 13, Nummer 8, 2018, S. e0200628, doi:10.1371/journal.pone.0200628, PMID 30067761, PMC 6070231 (freier Volltext).
  14. Focus: Böse Sache, 2005
  15. Spiegel: Britische Familie findet tödliche Spinne beim Bananeneinkauf, 2013
  16. Stimme: Hochgiftige Spinne in Bananenkiste, 2016
  17. Bild: Brite findet tödlichste Spinne der Welt in Bananen, 2018
  18. Z. Maretić, D. Lebez: Araneism: With Special Reference to Europe, Araneism: With Special Reference to Europe, Band 73, Ausgabe 56021 von TT (United States. National Technical Information Service), Nolit Publishing House, 1979, S. 86.
  19. F. Rosa, G. Trevisan, F. Rigo, R. Tonello, E. L. de Andrade, M. N. Cordeiro, J. B. Calixto, M. V. Gomez, J. Ferreira: Phα1β, a peptide from the venom of the spider Phoneutria nigriventer shows antinociceptive effects after continuous infusion in a neuropathic pain model in rats. In: Anesthesia and analgesia. Band 119, Nummer 1, Juli 2014, S. 196–202, doi:10.1213/ANE.0000000000000249, PMID 24836473.
  20. Q. Ashton Acton, PhD: Arthropod Venoms — Advances in Research and Application: 2013 Edition: Scholarly Brief, ScholarlyEditions, 2013, S. 29, ISBN 9781481685320.
  21. University of Texas: Revista brasileira de genética, Band 20, Ausgaben 3-4, Sociedade Brasileira de Genética, 1997, S. 767.
  22. C. J. Castro-Junior, J. Milano, A. H. Souza, J. F. Silva, F. K. Rigo, G. Dalmolin, M. N. Cordeiro, M. Richardson, A. G. Barros, R. S. Gomez, M. A. Silva, C. Kushmerick, J Ferreira, M. V. Gomez: Phα1β toxin prevents capsaicin-induced nociceptive behavior and mechanical hypersensitivity without acting on TRPV1 channels. In: Neuropharmacology. Band 71, August 2013, S. 237–246, doi:10.1016/j.neuropharm.2013.04.001, PMID 23597507.
  23. Wissenschaft.de: Erektion nach Spinnenbiss, abgerufen am 5. März 2020.
  24. Miguel Simó & Antonio D. Brescovit (2001): Revision and cladistic analysis of the Neotropical spider genus Phoneutria Perty, 1833 (Araneae, Ctenidae), with notes on related Cteninae. Bulletin of the British arachnological Society) 12 (2): 67–82.
  25. Phoneutria nigriventer (Keyserling, 1891) im WSC World Spider Catalog, abgerufen am 15. März 2020

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • R. S. Vetter, S. Hillebrecht: Distinguishing Two Often-Misidentified Genera (Cupiennius, Phoneutria) (Araneae: Ctenidae) of Large Spiders Found in Central and South American Cargo Shipments. In: American Entomologist. Volume 54, Issue 2, 2008, S. 88–93.
  • S. Borelli: Dermatologischer Noxen-Katalog: Krankheiten der Haut und Schleimhaut durch Kontakte in Beruf und Umwelt. Springer-Verlag, 2019, ISBN 978-3-642-70311-9.
  • M. R. V. Diniz, A. L. B. Paiva, C. Guerra-Duarte, M. Y. Nishiyama, Jr., M, A. Mudadu, U. de Oliveira, M. H. Borges, J. R. Yates, I. de L. Junqueira-de-Azevedo: An overview of Phoneutria nigriventer spider venom using combined transcriptomic and proteomic approaches. In: PLOS ONE. Band 13, Nummer 8, 2018, S. e0200628, doi:10.1371/journal.pone.0200628. PMID 30067761, PMC 6070231 (freier Volltext).
  • F. Rosa, G. Trevisan, F. Rigo, R. Tonello, E. L. de Andrade, M. N. Cordeiro, J. B. Calixto, M. V. Gomez, J. Ferreira: Phα1β, a peptide from the venom of the spider Phoneutria nigriventer shows antinociceptive effects after continuous infusion in a neuropathic pain model in rats. In: Anesthesia and analgesia. Band 119, Nummer 1, Juli 2014, S. 196–202, doi:10.1213/ANE.0000000000000249. PMID 24836473.
  • Z. Maretić, D. Lebez: Araneism: With Special Reference to Europe. With Special Reference to Europe, Band, Araneism 73, Ausgabe 56021 von TT (United States. National Technical Information Service), Nolit Publishing House, 1979, S. 86.
  • Q. Ashton Acton: Arthropod Venoms — Advances in Research and Application: 2013 Edition: Scholarly Brief. ScholarlyEditions, 2013, ISBN 978-1-4816-8532-0, S. 29.
  • University of Texas: Revista brasileira de genética, Band 20, Ausgaben 3-4. Sociedade Brasileira de Genética, 1997, S. 767.
  • C. J. Castro-Junior, J. Milano, A. H. Souza, J. F. Silva, F. K. Rigo, G. Dalmolin, M. N. Cordeiro, M. Richardson, A. G. Barros, R. S. Gomez, M. A. Silva, C. Kushmerick, J. Ferreira, M. V. Gomez: Phα1β toxin prevents capsaicin-induced nociceptive behavior and mechanical hypersensitivity without acting on TRPV1 channels. In: Neuropharmacology. Band 71, August 2013, S. 237–246, doi:10.1016/j.neuropharm.2013.04.001. PMID 23597507.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Brasilianische Wanderspinne (Phoneutria nigriventer) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
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