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Schrei nach Liebe

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Schrei nach Liebe
Die Ärzte
Veröffentlichung 10. September 1993
Länge 4:13
Genre(s) Punkrock
Autor(en) Bela B., Farin Urlaub
Album Die Bestie in Menschengestalt

Schrei nach Liebe ist ein Lied der Berliner Punkrock-Band Die Ärzte, das sich gegen Neonazis richtet und erstmals 1993 als erste Single nach der Wiedervereinigung der Band veröffentlicht wurde.

Lied[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Besetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Strophen des Liedes wird in personaler Erzählweise ein fiktiver Rechtsextremist beschimpft (Textauszug: „Du bist wirklich saudumm […] Alles muss man dir erklären, weil du wirklich gar nichts weißt …“), während im Refrain eher scheinbares Mitleid mit ihm zum Ausdruck kommt (Textauszug: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe […] Deine Eltern hatten niemals für dich Zeit“). Die Mitleidsbekundungen werden am Ende des Refrains mit dem Ausruf „Arschloch!“ abgeschlossen.

Text und Musik des Liedes stammen aus einer Gemeinschaftsarbeit von Farin Urlaub und Bela B., wobei die Strophen überwiegend von Bela B. stammen, der Refrain jedoch von Farin Urlaub. Die Idee mit dem Ausruf „Arschloch!“ stammt ebenfalls von Bela B. Auf der Aufnahme des Liedes singen die Komponisten jeweils die Textteile des anderen.[1]

Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Lied wird durch ein eingängig melodisches Leadgitarren-Riff geprägt, im Refrain werden dagegen zur textlichen Untermalung Streicher verwendet. Als eine Art einminütiges „Outro“ ist am Ende nur noch eine Akustikgitarre zu hören, zu der die Melodie des Refrains gepfiffen wird.

Musikvideo[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auch ein Musikvideo wurde für das Lied unter Regie von Detlev Buck gedreht. In diesem werden Die Ärzte gezeigt, wie sie besonders alten und jungen Menschen helfen, die von drei Rechtsextremisten in einer Kirche bedroht werden.

Besonders emotional wirkt hierbei das Ende des Musikvideos, in dem zu sehen ist, wie ein hell- und ein dunkelhäutiges Mädchen einem der Neofaschisten die Kampfbemalung aus dem Gesicht wischen, wodurch ein viel freundlicher aussehendes Gesicht zum Vorschein kommt.

Bedeutung für die Band[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schrei nach Liebe war das erste Lied, das Die Ärzte nach ihrer Reunion und fünfjähriger Pause veröffentlichten. Gleichzeitig war es auch das erste Lied der Gruppe, in dem sie sich öffentlich politisch positionierte. Zwar ist auch vorher weitgehend unstrittig gewesen, dass Die Ärzte eher linke Positionen vertreten; dies fand vor ihrer vorläufigen Auflösung 1988 in ihren Liedern jedoch keinen Niederschlag, da sie bewusst auf politische Aussagen verzichteten und den Spaßfaktor ihrer Musik in den Vordergrund stellten, um sich vom Politpunk abzugrenzen. In den Anfangsjahren der Band fanden sich vereinzelt Rechtsradikale unter ihren Fans, jedoch nur weil die Band auf Deutsch sang. Die Ärzte hatten in ihren Anfangsjahren ein (unveröffentlichtes) Lied namens Eva Braun in ihrem Repertoire, dessen ironischen Umgang mit der Hitler-Geliebten die wenigen Rechtsradikalen unter den Fans ignorierten. Gerade um jegliche Missverständnisse ihrer politischen Gesinnung zu vermeiden, schrieben Die Ärzte Schrei nach Liebe.[2]

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung (10. September 1993) war die Thematik des Rechtsradikalismus aufgrund gewaltsamer Übergriffe auf Ausländer (so beispielsweise in Rostock, Solingen oder Mölln) aktuell.

„Nach Hoyerswerda […] konnten wir halt nicht mehr schweigen!“

Bela B. Felsenheimer: im MTV Masters "Die Ärzte" (November 2007)

Um sich vom so genannten Politrock abzugrenzen, wie Herbert Grönemeyer oder Wolfgang Niedecken ihn vertreten, komponierten sie Schrei nach Liebe zwar als ironisches, aber auch ernst zu nehmendes Lied.[2]

Nach dem Willen der Schallplattenfirma Metronome sollte Schrei nach Liebe ursprünglich nicht die erste Single nach der Neugründung der Band werden, sondern Mach die Augen zu, da dieses Lied kommerziell besser zu vermarkten sei. Die Band drängte jedoch darauf, Schrei nach Liebe als erste Single veröffentlichen zu wollen, da ihr die politische Aussage wichtiger erschien als der kommerzielle Erfolg, und einigte sich mit der Plattenfirma darauf, Mach die Augen zu als zweite Single zu veröffentlichen.[3]

Boykott und Erfolg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weil in dem Lied mehrfach „Arschloch!“ gerufen wird, wurde es zuerst von zahlreichen Radiosendern nicht gespielt. Die Plattenfirma drängte darauf, schnell die erfolgversprechende Single Mach die Augen zu zu veröffentlichen, obwohl die Band darauf baute, Schrei nach Liebe noch „etwas wirken zu lassen“. Lidia Antonini, eine Radioredakteurin beim Hessischen Rundfunk, hatte an dem Lied Gefallen gefunden und verfasste ein Schreiben an andere Redakteure mit der Aufforderung, das Lied im Radio zu spielen, obwohl es aufgrund der „Arschloch!“-Ausrufe unter dem Niveau der Sender läge.

Entgegen den Erwartungen der Band und der Plattenfirma erhielt das Lied daraufhin sehr viel Airplay. Für die Gruppe war das Lied bis zum damaligen Zeitpunkt die erfolgreichste Single. Von ihrem Hit Westerland aus dem Jahr 1988 hatte die Band 40.000 Singles verkaufen können, Schrei nach Liebe verkaufte sich innerhalb kurzer Zeit 450.000 Mal. Die Single erreichte damals Platz neun der deutschen Singlecharts.[3]

„Aktion Arschloch“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Aktion Arschloch

Ende August 2015 rief Gerhard Torges[4] die Social-Media-Bewegung „Aktion Arschloch“ ins Leben. Der Musiklehrer[5] will damit so viele Menschen wie möglich gegen die fremdenfeindlichen Ausschreitungen gegen Flüchtlinge im Sommer 2015 und für Toleranz sensibilisieren. Sein Ziel ist es, das Lied Schrei nach Liebe in Anlehnung an die Ausschreitungen von 1993 wieder in die Charts zu befördern.[6] Der Aufruf empfiehlt dazu neben dem Kauf der Single auf CD oder als MP3 auch wiederholtes Anschauen des Musikvideos auf Videoplattformen, positive Bewertung bei Onlineshops und das Verbreiten der Aktion auf diversen Social-Media-Plattformen.[7]

Die Ärzte gaben daraufhin auf ihrer Website bekannt, dass sie die Aktion unterstützen und sämtliche Einnahmen durch die Aktion (auch die GEMA-Einnahmen durch Airplays) an Pro Asyl spenden werden.[8][9] Tatsächlich schaffte das Lied es auf Anhieb wieder auf Platz 12 der deutschen Singlecharts.[10] In der darauffolgenden Woche, am 11. September 2015, erreichte das Lied zum ersten Mal in seiner 22-jährigen Geschichte Platz 1 der Charts.[11] Besonders als Download war es erfolgreich: Bereits am vierten Tag nach Beginn der Aktion war es das meistgeladene Lied des Tages mit mehr abgesetzten Exemplaren als Platz 2 bis 7 zusammen.[12]

In Österreich stieg das Lied ebenfalls bis auf Platz 1 (1993 Platz 6); in der Schweiz konnte es sich erstmals in den Charts platzieren und erreichte den 2. Platz.[13]

Kontroverse mit den angegriffenen Bands[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die letzte Zeile der zweiten Strophe lautet „zwischen Störkraft und den Onkelz steht 'ne Kuschelrock-LP“. Diese war als Seitenhieb auf die Bands Störkraft und Böhse Onkelz zu verstehen; während erstere eindeutig dem Rechtsrock zuzuordnen war, hatten sich letztere Mitte der achtziger Jahre davon distanziert, waren aber weiterhin scharfer Kritik ausgesetzt, da ihnen vorgeworfen wurde, noch immer bewusst ein „rechtes“ Publikum anzusprechen.[2]

Farin Urlaub, von dem diese Zeile stammt und der sie auch singt, veränderte bei den Auftritten der Band die Zeile Ende der 1990er Jahre zu „Zwischen Störkraft und den andern steht ne Kuschelrock-LP“. Zu hören ist sie in dieser Version auch auf dem Unplugged-Ärzte-Album Rock ’n’ Roll Realschule. Diese kleine Veränderung des Textes führte dazu, dass von den Fans der Band Böhse Onkelz angenommen wurde, dass Urlaub die Band nun nicht mehr als Vertreter der rechtsradikalen Musik ansähe, da er sie nicht mehr in einem Atemzug mit der rechtsradikalen Band Störkraft nennt. Farin Urlaub verfolgte jedoch mit dieser Veränderung die Intention, rechtsradikale Bands nicht nur auf Störkraft und die Böhsen Onkelz zu beschränken, sondern eben auch auf „die andern“ auszuweiten:

„Wir haben daraufhin tatsächlich begeisterte E-Mails von Onkelz-Fans gekriegt, mit dem Tenor ‚Endlich habt ihr’s verstanden!‘ Was ich eigentlich meinte, war viel härter: ‚Störkraft und die anderen‘ – das ist für mich noch viel deutlicher, dass die Onkelz ’ne Naziband sind. Wir singen jetzt auch wieder ‚Onkelz‘ für die ganzen Stumpfen. Ich weiche da keinen Deut von ab. Ich mag die nicht, nach wie vor.“

Farin Urlaub

Da die Textänderung teilweise missverstanden wurde, entschloss sich Urlaub, fortan wieder die ursprüngliche Textversion zu singen. Im Zuge dieser Auseinandersetzung veröffentlichten die Onkelz 1996 auf dem Album E.I.N.S. das Lied Ihr sollt den Tag nicht vor dem Abend loben, in dem sie bewusst Die Ärzte ansprechen:

„Schöne Grüße nach Düsseldorf und Berlin […]
Opium fürs Volk, Scheiße für die Massen, ja Ihr habt es geschafft, ich beginne euch zu hassen,
wenn ich so etwas sage, ist das nicht gelogen, Ihr sollt den Tag nicht vor dem Abend loben!“

Opium fürs Volk heißt ein Album von der Band Die Toten Hosen aus Düsseldorf.

Eine weitere Abwandlung lautet „Zwischen Frei.Wild und den Onkelz steht ne Kuschelrock-LP“, da die Band Frei.Wild ebenfalls für ihre Texte kritisiert wird (siehe dort im Abschnitt Kontroversen und politische Einordnung).[14]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eigene Tonträger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schrei nach Liebe erschien auf folgenden Die-Ärzte-Tonträgern:

Cover-Versionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Am 25. August 2000 sangen die The Dome Allstars, im Rahmen der Kampagne The Dome gegen Rechts, ihre Interpretation des Songs.[15]
  • Der belgische Mädchenchor Scala & Kolacny Brothers veröffentlichte 2003 eine Chorversion von Schrei nach Liebe.
  • Die deutsche Rap-Formation DNP (Das neue Prekariat) coverte den Song auf ihrem Album HIV EP.
  • Das Intro des 2006 erschienenen Albums Böhse Enkelz der Berliner Hip-Hop-Formation K.I.Z. verwendet im Refrain die Melodie von Schrei nach Liebe. Statt Arschloch wird hier (als Running Gag der Gruppe) Hurensohn gesungen. Ein Abschnitt aus dem Outro des Originals wird ebenfalls verwendet.
  • Im Jahr 2009 coverte der deutsche Rapper Fler den Song, indem er den Refrain von Schrei nach Liebe änderte und selbst sang. Fler's Song Schrei nach Liebe stellt einen Disstrack gegen den Rapper Kollegah dar.
  • Im Oktober 2009 verhinderten Die Ärzte erfolgreich die Veröffentlichung einer Coverversion der Popsängerin LaFee, die ihre Version auf einer Best-of-Kompilation und zudem als eigenständige Single veröffentlichen wollte.[16]
  • Die Band The Chainsaw Hollies verfasste unter dem Titel Cry for Love eine englische Version des Liedes.
  • Am 4. Mai 2012 erschien auf dem Jubiläums-Album Die Geister, die wir riefen der Band Die Toten Hosen eine Coverversion von Schrei nach Liebe.
  • Von der deutschen Metalcore-Band Callejon existiert ebenfalls eine Coverversion dieses Liedes, die auf dem im Januar 2013 erschienenen Album Man spricht Deutsch enthalten ist. Bela B. hat bei den Aufnahmen als Gast mitgewirkt.[17]

Literatur und Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Markus Karg: Die Ärzte – Ein überdimensionales Meerschwein frisst die Erde auf. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, Januar 2001, ISBN 3-89602-369-1

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Markus Karg: Die Ärzte – Ein überdimensionales Meerschwein frisst die Erde auf. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin, Januar 2001, ISBN 3-89602-369-1, S. 185
  2. a b c Markus Karg: Die Ärzte, S. 227
  3. a b Markus Karg: Die Ärzte, S. 226
  4. „Aktion Arschloch“ Musik gegen Fremdenfeindlichkeit. Abgerufen am 3. September 2015.
  5. "Oh-ho-hooo – ARSCHLOCH!" Abgerufen am 3. September 2015.
  6. Ärzte-Hymne gegen Neonazis von 1993 stürmt die Charts. Abgerufen am 3. September 2015.
  7. „Aktion Arschloch!“: „Schrei nach Liebe“ von Die Ärzte soll wieder charten. Abgerufen am 3. September 2015.
  8. Die Ärzte aktuell: Aktion Arschloch
  9. Ärzte spenden Einnahmen von „Schrei nach Liebe“. In: welt.de. 4. September 2015, abgerufen am 5. September 2015.
  10. Charts: Motörhead und „Schrei nach Liebe“ erfolgreich. In: Focus Online. 4. September 2015, abgerufen am 5. September 2015.
  11. „Aktion Arschloch“: „Schrei nach Liebe“ führt Charts an. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. September 2015, abgerufen am 12. September 2015.
  12. Dank „Aktion Arschloch“: Gigantischer Download-Run auf „Schrei nach Liebe“. GfK Entertainment, 4. September 2015, abgerufen am 4. September 2015.
  13. https://www.offiziellecharts.de/news/item/109-jetzt-ist-es-offiziell-schrei-nach-liebe-auf-platz-1-der-offiziellen-deutschen-charts
  14. Christoph Schroeter und Christian Sieben: Frei.Wild wollen den Erfolg der Onkelz. In: Rheinische Post. 7. März 2013. Abgerufen am 23. Juli 2013.
  15. 25. August 2000 THE DOME GEGEN RECHTS (PDF; 96 kB)
  16. "Die Ärzte" machen Zoff: Änderung der neuen LaFee-Single! In: smago.de. 17. Oktober 2009, abgerufen am 5. September 2015.
  17. CALLEJON Schrei nach Liebe feat. BELA B.. youtube.com. Abgerufen am 25. März 2013.
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