Stockholm-Syndrom

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Das ehemalige Kreditbanken-Gebäude in Stockholm

Unter dem Stockholm-Syndrom versteht man ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert. Der Begriff ist wissenschaftlich nicht fundiert.

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff des Stockholm-Syndroms, das kein Syndrom im eigentlichen Sinne darstellt, ist auf die Geiselnahme am Norrmalmstorg vom 23. bis 28. August 1973 in Schweden zurückzuführen. Damals wurde die Schwedische Kreditbank, eine Bank am Norrmalmstorg, im Zentrum der schwedischen Hauptstadt Stockholm, überfallen. Vier der Angestellten wurden als Geiseln genommen. Es folgten mehr als fünf Tage, in denen die Medien erstmals auch die Angst der Geiseln bei einer Geiselnahme illustrierten. Dabei zeigte sich, dass die Geiseln eine größere Angst vor der Polizei als vor ihren Geiselnehmern entwickelten.

Trotz ihrer Angst empfanden die Geiseln auch nach Beendigung der Geiselnahme keinen Hass auf die Geiselnehmer. Sie waren ihnen sogar dafür dankbar, freigelassen worden zu sein. Zudem baten die Geiseln um Gnade für die Täter und besuchten sie im Gefängnis.

Fälschlicherweise wird das Stockholm-Syndrom manchmal auch als Helsinki-Syndrom bezeichnet (z. B. in den Filmen Stirb langsam, Knockin’ on Heaven’s Door).

Übertragung des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nachträgliche Begründungstendenz wird auch als Buyer’s Stockholm Syndrome („Käufer-Stockholm-Syndrom“) bezeichnet, weil eine schlechte Kaufentscheidung im Nachhinein und unbewusst als richtig empfunden wird.

Begriffskritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit von 2008 kam zur Erkenntnis, dass trotz breiter medialer Rezeption wenig wissenschaftliches Material zum Begriff des „Stockholm-Syndroms“ existiert. Insbesondere konnten keine eindeutigen Diagnosekriterien ausgemacht werden.[1] Nachdem das Stockholm-Syndrom einige Zeit lang im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders aufgeführt war, ist es seit der fünften Auflage von 2013 nicht mehr enthalten.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Robert Harnischmacher, Josef Müther: Das Stockholm-Syndrom: zur psychischen Reaktion von Geiseln und Geiselnehmern. In: Archiv für Kriminologie 180 (1987), 1–2, S. 1–12.
  • Rolf Köthke: Das Stockholm-Syndrom: eine besondere Betrachtung des Verhältnisses von Geiselnehmer und Geisel. In: Praxis der Rechtspsychologie 9 (1999), 1, S. 78–85.
  • Arnold Wieczorek: Das so genannte Stockholm-Syndrom: zur Psychologie eines polizeilich vielbeachteten Phänomens. In: Kriminalistik 57 (2003), 7, S. 429–436.
  • James F. Campbell: Hostage: Terror and Triumph, Greenwood Press 1992, ISBN 0-313-28486-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Namnyak M, Tufton N, Szekely R, Toal M, Worboys S, Sampson EL (Januar 2008). „Stockholm syndrome“: psychiatric diagnosis or urban myth? Acta Psychiatrica Scandinavica. 117 (1): 4–11.