Stockholm-Syndrom

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Das ehemalige Kreditbanken-Gebäude in Stockholm

Unter dem Stockholm-Syndrom versteht man ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen. Dies kann dazu führen, dass das Opfer mit den Tätern sympathisiert und mit ihnen kooperiert. Der Begriff ist wissenschaftlich nicht fundiert.[1]

Etymologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff des Stockholm-Syndroms, das kein Syndrom im eigentlichen Sinne darstellt, ist auf die Geiselnahme am Norrmalmstorg vom 23. bis 28. August 1973 in Schweden zurückzuführen. Damals wurde die Schwedische Kreditbank, eine Bank am Norrmalmstorg, im Zentrum der schwedischen Hauptstadt Stockholm, überfallen. Vier der Angestellten wurden als Geiseln genommen. Es folgten mehr als fünf Tage, in denen die Medien erstmals auch die Angst der Geiseln bei einer Geiselnahme illustrierten. Dabei zeigte sich, dass die Geiseln eine größere Angst vor der Polizei als vor ihren Geiselnehmern entwickelten.

Trotz ihrer Angst empfanden die Geiseln auch nach Beendigung der Geiselnahme keinen Hass auf die Geiselnehmer. Sie waren ihnen sogar dafür dankbar, freigelassen worden zu sein. Zudem baten die Geiseln um Gnade für die Täter und besuchten sie im Gefängnis.[2]

Fälschlicherweise wird das Stockholm-Syndrom manchmal auch als Helsinki-Syndrom bezeichnet (wie z. B. in den Filmen Stirb langsam und Knockin’ on Heaven’s Door).[3]

Symptome[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Häufig entstehen die folgenden Symptome im Zusammenhang mit dem Stockholm-Syndrom:

  • Das Opfer entwickelt ein positives Gefühl gegenüber einem Entführer oder Täter. Dieses kann sich von einer Freundschaft bis zu einer Liebesbeziehung strecken.
  • Das Opfer entwickelt Sympathie für die Meinung und Verhaltensweisen eines Entführers und glaubt, dass sein Entführer die gleichen Werte und Ziele hat.
  • Das Opfer entwickelt negative Gefühle gegenüber der Polizei oder anderen Autoritätspersonen, die versuchen ihm zu helfen.

Es ist außerdem bekannt, dass ähnliche Symptome wie bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung auftreten können. Dazu zählen z. B. Flashbacks oder Konzentrationsprobleme.[1] [4]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wissenschaftlich sind die Ursachen des Stockholm-Syndroms nicht geklärt und es kann nicht festgestellt werden, warum einige Gefangene das Syndrom entwickeln und andere nicht. Es existieren mehrere Theorien, die versuchen das Auftreten des Symptoms zu erklären. Dabei handelt es sich aber lediglich um Mutmaßungen.[1]

Theorie 1: "Technik der Vorfahren"[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laut dieser Theorie handelt es sich bei dem Stockholm-Syndrom um eine erlernte Technik unserer Vorfahren, da in früheren Generationen immer die Gefahr bestand, von Feinden gefangen genommen zu werden. Um die Überlebenschance zu erhöhen, kann eine Beziehung zu dem Entführer aufgebaut werden. Wird diese Beziehung über einen langen Zeitraum geführt, könnten sich echte Gefühle entwickeln. Einige Evolutionspsychiater glauben, dass diese uralte Technik eine menschliche Eigenschaft ist.

Theorie 2: "Extremsituation"[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Theorie geht davon aus, dass eine Gefangenschaft eine Extremsituation ist, die stark emotional aufgeladen ist. Menschen passen ihre Gefühle an diese Situation an und entwickeln Mitgefühl für ihre Entführer, sollten diese ihnen etwas Freundlichkeit entgegenbringen. Außerdem kann sich das Opfer in Sicherheit bringen, wenn es mit dem Täter zusammenarbeitet und keinen Widerstand leistet. Aus dieser Sympathie heraus könnten Gefühle für den Entführer entstehen.

Übertragung des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nachträgliche Begründungstendenz wird auch als Buyer’s Stockholm Syndrome („Käufer-Stockholm-Syndrom“) bezeichnet, weil eine schlechte Kaufentscheidung im Nachhinein und unbewusst als richtig empfunden wird.[5]

Begriffskritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit von 2008 kam zur Erkenntnis, dass trotz breiter medialer Rezeption wenig wissenschaftliches Material zum Begriff des „Stockholm-Syndroms“ existiert. Insbesondere konnten keine eindeutigen Diagnosekriterien ausgemacht werden.[6] Das Stockholm-Syndrom wurde deshalb noch nie im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders aufgeführt.[7]

Beispiele aus Filmen und Serien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Haus des Geldes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Serie Haus des Geldes verliebt sich die Sekretärin des Direktors der Banknotendruckerei, Mónica Gaztambide, in den Verbrecher Denver. Dieser wurde zuvor gezwungen Mónica zu töten, kann dies jedoch nicht tun und versteckt Mónica anschließend in einem Tresorraum. Da Denver sich liebevoll um sie kümmert, verliebt sich Mónica schließlich in ihn. In Staffel drei der Serie schließt sich Mónica den Kriminellen an und erhält ironischerweise den Namen Stockholm als Deckname. Ob die Liebe von Bestand ist oder tatsächlich dem Stockholm-Syndrom entspringt, ist jedoch nicht erkennbar.[8]

Die Schöne und das Biest[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Märchenverfilmung Die Schöne und das Biest (2017) handelt von einem jungen Prinzen, der zur Strafe für seine Taten in ein Biest verwandelt wird. Erst wenn es dem Prinzen gelingt, die Liebe einer Frau zu gewinnen, wird sein Fluch aufgehoben. Die junge Frau Belle wird von dem Biest entführt, verliebt sich jedoch gegen Ende in das Biest und der Fluch ist gebrochen. Auch hier könnte es sich um das Stockholm-Syndrom handeln.[9]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Robert Harnischmacher, Josef Müther: Das Stockholm-Syndrom: zur psychischen Reaktion von Geiseln und Geiselnehmern. In: Archiv für Kriminologie 180 (1987), 1–2, S. 1–12.
  • Rolf Köthke: Das Stockholm-Syndrom: eine besondere Betrachtung des Verhältnisses von Geiselnehmer und Geisel. In: Praxis der Rechtspsychologie 9 (1999), 1, S. 78–85.
  • Arnold Wieczorek: Das so genannte Stockholm-Syndrom: zur Psychologie eines polizeilich vielbeachteten Phänomens. In: Kriminalistik 57 (2003), 7, S. 429–436.
  • James F. Campbell: Hostage: Terror and Triumph, Greenwood Press 1992, ISBN 0-313-28486-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Stockholm Syndrome: What It Is, Symptoms & How to Treat. Abgerufen am 5. Juli 2022.
  2. stockholm | Etymology, origin and meaning of the name stockholm by etymonline. Abgerufen am 5. Juli 2022 (englisch).
  3. Helsinki Syndrom | Wolfgang Matejka. Abgerufen am 5. Juli 2022 (englisch).
  4. Stockholm Syndrome: Causes, Symptoms, Examples. 11. November 2019, abgerufen am 5. Juli 2022 (englisch).
  5. Deepstash: The Buyer's Stockholm Syndrome. Abgerufen am 5. Juli 2022 (englisch).
  6. Namnyak M, Tufton N, Szekely R, Toal M, Worboys S, Sampson EL (Januar 2008). „Stockholm syndrome“: psychiatric diagnosis or urban myth? Acta Psychiatrica Scandinavica. 117 (1): 4–11.
  7. Michael Adorjan, Tony Christensen, Benjamin Kelly, Dorothy Pawluch: Stockholm Syndrome as Vernacular Resource. In: The Sociological Quarterly. Band 53, Nr. 3, August 2012, ISSN 0038-0253, S. 454–474, doi:10.1111/j.1533-8525.2012.01241.x (tandfonline.com [abgerufen am 29. März 2022]).
  8. Stockholm. Abgerufen am 5. Juli 2022.
  9. Emma Watson spricht über das Stockholm-Syndrom und "Die Schöne und das Biest" - Kultur - 2022. Abgerufen am 5. Juli 2022.