Oberleitungsbus Caen

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Begegnung in der Innenstadt
Linienführung
Endhaltestelle Hérouville Saint-Clair
Ein- und Ausfädelstelle an der Station Maréchal Juin, den Weg von und zum nahen Depot legen die Fahrzeuge mit dem Hilfsdieselmotor zurück
Einfädelrichter vor der Station Maréchal Juin

Der Oberleitungsbus Caen, auch Tramway de Caen genannt, in der französischen Stadt Caen in der Normandie ist eines von zwei existierenden spurgeführten Oberleitungsbussystemen des Typs TVR (Transport sur voie réservée) von Bombardier Transportation. Die beiden Linien wurden zunächst vom Verkehrsunternehmen Companie des Transports de l’Agglomération Caennaise (CTAC) betrieben. Mittlerweile ist Keolis, eine Tochtergesellschaft der SNCF, Betreiber des Systems, das auch unter der Marketingbezeichnung „Twisto“ auftritt.[1]

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das System in Caen wird als Tramway sur pneumatiques (Straßenbahn auf Luftreifen) klassifiziert und stellt eine Mischung aus Oberleitungsbus und Straßenbahn dar. Die Spurführung erfolgt über eine mittig im Fahrweg angeordnete Leitschiene, auf der ein Metallrad mit U-förmigem Profil beidseitig geführt wird. Gefahren wird auf herkömmlichen, gasgefüllten Gummireifen. Von der einpoligen Oberleitung nimmt das Fahrzeug über einen Einholm-Pantographen – wie bei einer gewöhnlichen Straßenbahn – den Strom ab, dessen Rückführung erfolgt über die Mittelschiene. Durch das Fahren mit Gummirädern auf der Spurbusfahrbahn wird nicht der Fahrkomfort eines richtigen Schienenverkehrsmittels erreicht. Die 24 Doppelgelenkfahrzeuge sind Einrichtungsfahrzeuge, sie besitzen reguläre Kraftfahrzeugkennzeichen. Sie sind 24,5 m lang, 2,5 m breit, und können 154 Fahrgäste befördern. Ihre Leermasse beträgt 25,5 t, die Leistung des Elektromotors ist 300 kW.[2]

Die Fahrzeuge sind weitgehend mit denen des Oberleitungsbus Nancy identisch, unterschiedlich ist die Art der Stromzuführung. Damit die Zufahrt zum auf dem Gebiet der Gemeinde Hérouville-Saint-Clair befindlichen Depot handgelenkt über eine öffentliche Straße, ohne Leitschiene und Fahrdraht, erfolgen kann, sind sie mit einem 200 kW leistenden Dieselaggregat zur Stromerzeugung ausgestattet.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit den Planungen für ein neues ÖPNV-System wurde bereits im Jahr 1988 begonnen. Da man eine Straßenbahn für zu teuer erachtete, fiel die Wahl auf dieses neue System. Dennoch regte sich Widerstand in der Bevölkerung, der erst nach langen Verhandlungen überwunden wurde. Nach einer Bauzeit von drei Jahren und zahlreichen Probefahrten wurde der Spur-Obus schließlich am 18. November 2002 eröffnet. Bis heute sind insgesamt 15,7 Kilometer Strecke in Betrieb genommen worden, auf denen die beiden Linien A und B, verkehren. Sie teilen sich eine Stammstrecke, die die Stadt in Nord-Süd-Richtung durchquert, und verzweigen sich an deren Enden. Geplant war zudem eine Verlängerung der Linie A.

Die Linie A verläuft zwischen den Endstationen Caen Campus 2 im Norden und Ifs Jean Vilar im Süden. Von Hérouville Saint-Clair nach Caen Grâce de Dieu führt die Linie B. Beiden gemeinsam ist die Stammstrecke Copernic–Innenstadt–Poincaré, die auch den Bahnhof bedient. Die Strecken liegen komplett auf besonderem Bahnkörper, alle Endpunkte weisen Wendeschleifen auf. In Ifs und Hérouville existieren vollständig überdachte Umsteigeanlagen zu den Zubringerbussen.[3] Es existieren 34 Haltestellen, die durchschnittliche Geschwindigkeit der Fahrzeuge ist 18,5 km/h.[2]

Durch eine hohe Fahrtenfrequenz weist der Spur-Obus mit durchschnittlich 34.000 Fahrgästen täglich eine gute Nutzung auf. Damit wurden die Beförderungszahlen gegenüber der Zeit vor der Einführung des Systems um 14 Prozent gesteigert. Dabei ist der Anstieg unterschiedlich verteilt. Während unter der Woche rund zehn Prozent mehr Fahrgäste gezählt wurden, stieg der Anteil an Sonntagen um bis zu 50 Prozent. Insgesamt hat der Spur-Obus 2003 einen Anteil von 42 Prozent am gesamten Fahrgastaufkommen.

Wegen der großen Pannenanfälligkeit, die auch zu Kapazitätsproblemen während der Hauptverkehrszeit führen kann, und der hohen Unterhaltungskosten von 500.000 Euro hat sich der ursprünglich erwartete finanzielle Vorteil des Spur-Obusses ins Gegenteil verkehrt.[4] Zugunsten des Baus einer konventionellen Straßenbahn soll das System Anfang 2018 stillgelegt werden,[5] zumal Bombardier angekündigt hat, das Konzept TVR nicht weiter zu verfolgen.[2]

Ausblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 14. Dezember 2011 wurde entschieden, das Spur-Obus-System im Jahr 2016 stillzulegen und bis zum Jahr 2018 auf gleicher Strecke eine Straßenbahn zu bauen.

Joël Bruneau von der konservativen UMP, seit dem 5. April 2014 Bürgermeister von Caen, hatte zunächst angekündigt, den spurgeführten Oberleitungsbus beizubehalten.[6] Sechs Monate später bekräftigte er jedoch die ursprüngliche Entscheidung für die Straßenbahn.[7] Die Arbeiten für den Bau der Straßenbahnstrecke sollen im Herbst 2017 beginnen, im Jahr 2018 soll der Spur-Obus-Verkehr eingestellt werden. Im Frühjahr 2019 sollen die Probefahrten der Straßenbahn beginnen. Für den September 2019 ist die Betriebsaufnahme vorgesehen.[8]

Im Januar 2016 wurden weitere Einzelheiten der zukünftigen Straßenbahn Caen bekannt: Es sollen drei Linien eingerichtet werden:

  • T1: Die Linie T1 ersetzt im südlichen Bereich zwischen den Haltestellen Ifs Jean Vilar bis Copernic die jetzige Linie A und übernimmt anschließend die Trasse der Linie B nach Hérouville Saint Clair.
  • T2: Die Linie T2 fährt zwischen Caen Campus 2 und Quai de Juillet auf der Trasse der jetzigen Linie A und biegt anschließend - auf einer neu zubauenden Stichstrecke mit den neuen Haltestellen Quai Hamelin und Presqu'Ile - nach Osten ab.
  • T3: Die Linie T3 beginnt an einer neu zu errichtenden Haltestelle Théâtre, mündet dann - noch vor Saint-Pierre - in die gemeinsame Stammstrecke der Linien A und B, welche sie bis Raymond Poincaré benützt. Anschließend folgt sie dem südlichen Endstück der Linie B nach Caen Grâce de Dieu. Auf einer Verlängerungsstrecke mit zwei Haltestellen kommt sie dann bis nach Fleury-sur-Orne.

Insgesamt sind 1,5 km Neubaustrecken vorgesehen. Die Schienen werden auf den bisherigen Fahrbahnen der Obus-Strecken verlegt, wobei rund die Hälfte des Strecke als Rasengleis vorgesehen ist. Die Haltestellen werden verlängert, damit Straßenbahnzüge von 34 m Länge eingesetzt werden können. Die Baukosten werden mit knapp 250 Millionen Euro veranschlagt.[9]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Tramway de Caen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. La gestion du réseau Twisto bei twisto.fr, abgerufen am 2. Februar 2017
  2. a b c Caen - Trolleybus guidé bei amtuir.org, abgerufen am 3. Februar 2017
  3. a b Christoph Groneck, Robert Schwandl: Tram Atlas Frankreich. 1. Auflage. Robert Schwandl, Berlin 2014, ISBN 978-3-936573-42-8, S. 31.
  4. Jean-Pierre Beuve: Un nouveau tramway circulera en 2018. Ouest-France. 15. September 2011. Abgerufen am 22. April 2012.
  5. Arbeitsgemeinschaft Blickpunkt Straßenbahn e. V. (Hrsg.): Blickpunkt Straßenbahn. Nr. 2 2016, ISSN 0173-0290, S. 125.
  6. Blickpunkt Straßenbahn 4/2014, S. 127.
  7. Blickpunkt Straßenbahn 1/2015, S. 137.
  8. Caen: un tramway "fer" va remplacer l'actuel TVR (tramway sur pneus) en 2019. 5. November 2014, abgerufen am 1. Februar 2015 (französisch).
  9. Mobilicites.com vom 4. Februar 2016: Caen : le projet de tramway se précise (französisch) abgerufen am 5. Februar 2015