VOC-202012/01

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Bestätigte Fälle von VOC-202012/01 in der Welt (Stand: 29. Dezember 2020)

VOC-202012/01 (Variant of Concern-202012/01, früher VUI-202012/01, auch B.1.1.7) ist eine Variante des SARS-CoV-2 (das Virus, das seit 2019 die Coronavirus-Krankheit COVID-19 verursacht). Die Variante ist deutlich ansteckender als das bisher grassierende COVID-19-Virus. B.1.1.7 hat unter anderem eine N501Y-Mutation innerhalb der Rezeptorbindungsdomäne des Spike-Glykoproteins, das als Andockprotein für die Bindung an das Angiotensin-konvertierende Enzym 2 (ACE2) in menschlichen Zellen erforderlich ist.

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

B.1.1.7 wurde erstmals im November 2020 während der COVID-19-Pandemie im Südosten Englands bekannt.[1][2] Laut Nicholas G. Davies vom Center for Mathematical Modeling of Infectious Diseases (CMMI) verursachte die neue Variante Anfang November 2020 in London rund 28 Prozent, einen Monat später 62 Prozent aller Fälle.[3] Im Südosten Englands waren mehr als die Hälfte der COVID-Infizierten von der neuen Variante betroffen.[4] Die COVID-19-Pandemie im Vereinigten Königreich hat trotz Lockdown stark zugenommen: Am 1. Januar 2021 wurden 55.892 Neuinfizierte an einem einzigen Tag registriert, am 1. Dezember waren es noch 12.330.[5] In Teilen Londons lag die Kennziffer Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen Anfang 2021 bei über 1100;[6] Eine Woche danach waren es schon bis zu 1600; Bürgermeister Sadiq Khan rief den Katastrophenfall für London aus.[7] Bis zum 10. Januar wurden in England 1,2 Millionen Menschen geimpft, dazu einige Hunderttausend in Schottland, Wales und Nordirland. Mitte Januar berichten offizielle Quellen von 333.000 weiteren Impfungen pro Woche. Bis Mitte Februar möchte die Regierung alle priorisierten Gruppen (15 Millionen Briten = 23 Prozent der Bevölkerung) geimpft haben.[8]

In Irland hat die Zahl der Neuinfizierten noch weitaus stärker zugenommen als in Großbritannien (siehe COVID-19-Pandemie in Irland#Verlauf).

In Deutschland tauchte die Variante im November 2020 auf, was erst am 29. Dezember bekannt wurde. Betroffen waren in Niedersachsen ein inzwischen verstorbener älterer Patient mit Vorerkrankungen und seine Ehefrau. Die Tochter der beiden war im November in Großbritannien gewesen und hatte sich vermutlich dort infiziert. Den Virusnachweis führte die Medizinische Hochschule Hannover, die Kontrolluntersuchung die Charité.[9]
In Deutschland wurde bis etwa Jahresende 2020 nur jeder 900. positive Corona-Test auf Mutationen geprüft (dazu muss das Erbgut des Virus sequenziert werden). In Großbritannien wurde dagegen jeder 15.[10] bis 20. positive Test sequenziert. Die Bundesregierung möchte diese Quote ebenfalls erreichen.[11] Die ECDC hat Ende 2020 dringend empfohlen, mehr zu sequenzieren.[12]

Im Dezember 2020 wurde die neue Variante in der Schweiz nachgewiesen.[13] Am 2. Januar 2021 war die Variante bereits in 33 Ländern nachgewiesen, darunter in China, Indien, Pakistan, Japan, Süd-Korea, Taiwan, Norwegen, Italien, Libanon, Kanada, Dänemark, Frankreich und Island.

Am 15. Januar 2021 gab das US CDC die Prognose heraus, die neue Variante werde in den USA im März 2021 zur vorherrschenden Variante werden. Dies könne die medizinische Infrastruktur in den USA weiter anspannen.[14] Joe Biden möchte bewirken, dass in den ersten 100 Tagen seiner am 20. Januar 2021 beginnenden Amtszeit 100 Millionen Amerikaner geimpft werden.[15]

zu anderen Ländern: en:COVID-19 pandemic cases#2021 und COVID-19-Pandemie/Statistik

Bezeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Abkürzung VUI steht für englisch Variant Under Investigation (Zu untersuchende Variante), gefolgt von Jahr, Monat und einer Nummer.[16] Nach der Risikobewertung durch den zuständigen Expertenausschuss in Großbritannien wurde sie in englisch Variant of Concern (VOC) (Besorgniserregende Variante) umbenannt.[17]

Eigenschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die N501Y-Mutation ist eine Mutation in der RNA von SARS-CoV-2, die zu einem Austausch von Asparagin (N) gegen Tyrosin (Y) an Position 501 der Aminosäuresequenz des Spikeproteins führt. Eine nachlassende Wirkung der Impfung und eine geringere Bildung von Antikörpern durch die N501Y-Mutation wird nicht ausgeschlossen. Die neue Variante VOC-202012/01 zeichnet sich durch 23 Mutationen aus, darunter sind 13 nichtsynonyme Mutationen, 4 Deletionen und 6 synonyme Mutationen. Eine stille Mutation (=synomyme Mutation) ist eine Mutation in der codierenden Abfolge von Nukleinsäuren, die sich nicht auf die Aminosäuresequenz (Proteinbiosynthese) eines neu entstehenden Proteins auswirkt.[18] Sie ist meist eine Punktmutation durch Substitution. Dabei wird ein Nukleotid gegen ein anderes getauscht, das betroffene Codon wird dabei geändert, aber die codierte Aminosäure bleibt gleich. Bei einer Deletion fehlt ein Teil einer Nukleotidsequenz und dadurch ein Teil der Aminosäuresequenz. VOC 202012/01 wird durch multiple Spike-Protein-Veränderungen (Deletion 69-70, Deletion 144, N501Y, A570D, D614G, P681H, T716I, S982A, D1118H) sowie durch Mutationen in anderen genomischen Regionen definiert.[19] Die Mutation N501Y ist eine von sechs Änderungen von Aminosäuren in der Rezeptorbindungsdomäne im S-Protein. Auch die Deletion von 2 Aminosäuren (69-70del) im S-Protein könnte sich negativ auf das Bindungsverhalten des Virus auswirken. Die Variante gehört zur Nextstrain-Klade 20B, zur GISAID-Klade GR, Linie B.1.1.7. Das COVID-19 Genomics UK Consortium hat bisher 157.439 Genome (von etwa 285.000 Genomen, die der Datenbank GISAID übermittelt wurden) sequenziert.[20]

Konsequenzen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einer am 23. Dezember 2020 veröffentlichten Studie (noch ohne Peer-Review) schätzten Forscher, dass VOC 202012/01 um 56 % ansteckender ist als die bereits existierenden Varianten von SARS-CoV-2. Sie fanden keine eindeutigen Beweise dafür, dass VOC 202012/01 zu einem schwereren oder leichteren Verlauf von COVID-19 führt als die bereits existierenden Varianten.[21]

Mit Stand vom 23. Dezember 2020 gab es keine Hinweise darauf, dass das Virus von bestehenden Antikörpern gegen das S-Protein anderer Stämme nicht erkannt oder dass die bis dahin entwickelten Impfstoffe in ihrer Wirksamkeit abgeschwächt würden.[22] Im Vereinigten Königreich laufen derzeit Untersuchungen, um diese Frage zu klären.[23][Anmerkung 1]

Weitere Varianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

501.V2 (alias N501Y.V2) ist eine weitere mutierte Variante des SARS-CoV-2. Die Variante wurde in Südafrika entdeckt und am 18. Dezember 2020 vom Gesundheitsministerium des Landes gemeldet.[24][25] In 501.V2 wurden zwei weitere Mutationen gefunden, die in der Variante VOC-202012/01 fehlen: E484K und K417N; umgekehrt fehlt in 501.V2 die in VOC-202012/01 festgestellte Mutation 69-70del.[26][27]

Am 24. Dezember 2020 wurde in Nigeria eine neue Variante von SARS-CoV-2 entdeckt. Diese unterscheidet sich offenbar sowohl von der südafrikanischen 501.V2 durch die auch bei der englischen VOC-202012/01 vorhandene P681H-Mutation (ebenfalls im S-Gen). An Position 681 war Histidin anstelle des ursprünglichen Prolins vorhanden, die sich unmittelbar neben der Furinspaltungsstelle befindet. Sie beeinflusst nach der Bindung das weitere Eindringen des Virus in die Zelle.[28][29]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nikil Mukerji, Adriano Mannino: Covid-19: Was in der Krise zählt. Über Philosophie in Echtzeit. Reclam Taschenbuch 2020, ISBN 978-3-150-14053-6[30]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nicholas G. Davies u. a.: Estimated transmissibility and severity of novel SARS-CoV-2 Variant of Concern 202012/01 in England (en) MedRxiv. 24. Dezember 2020. Abgerufen am 8. Januar 2021.
  2. vgl. RKI; neuartiges Coronavirus, virologische Basisdaten
  3. Clive Cookson: Scientists alarmed at spread of Covid mutant (en) Financial Times. 20. Dezember 2020. Abgerufen am 10. Januar 2021.
  4. Studie: Neue SARS-CoV-2-Variante aus England zu 56 % ansteckender (en) Ärzteblatt. 28. Dezember 2020. Abgerufen am 10. Januar 2021.
  5. covid19.who.int/table
  6. Meldung vom 3. Januar 2021 12:06 Uhr
  7. zeit.de 10. Januar 2021: Aufstand im Hotspot (Reportage)
  8. spiegel.de 16. Januar 2021
  9. Neue Coronavirus-Variante seit November in Niedersachsen, ndr.de, 29. Dezember 2020.
  10. tagesschau.de 7. Januar 2021: Spahn ignorierte Virologen-Warnung
  11. tagesschau.de 14. Januar 2021
  12. www.ecdc.europa.eu: Risk Assessment: Risk related to spread of new SARS-CoV-2 variants of concern in the EU/EEA (29.12.2020)
  13. Thomas Häusler: Abwasserproben - Britische Corona-Variante seit Mitte Dezember in der Schweiz. In: Schweizer Radio und Fernsehen. 11. Januar 2021, abgerufen am 11. Januar 2021.
  14. Emergence of SARS-CoV-2 B.1.1.7 Lineage — United States, December 29, 2020–January 12, 2021
  15. faz.net 16. Januar 2021: „Wir sind im Krieg mit diesem Virus“
  16. NERVTAG meeting on SARS-CoV-2 variant under investigation VUI-202012/01, New and Emerging Respiratory Virus Threats Advisory Group, 18. Dezember 2020. Abgerufen am 26. Dezember 2020.
  17. New and Emerging Respiratory Virus Threats Advisory Group: Note of meeting (21. Dezember 2020)
  18. Julia E. Richards: The Human Genome. Academic Press, 2010, ISBN 978-0-080-91865-5, S. 571.
  19. Risk related to spread of new SARS- CoV-2 variants of concern in the EU/EEA, European Centre for Disease Prevention and Control, 29. Dezember 2020. Abgerufen am 1. Januar 2021.
  20. COVID-19 Genomics UK Consortium. Abgerufen am 26. Dezember 2020.
  21. Estimated transmissibility and severity of novel SARS-CoV-2 Variant of Concern 202012/01 in England, CMMID Repository, 23. Dezember 2020. Abgerufen am 27. Dezember 2020.
  22. Brian Resnick: The new UK coronavirus mutations, explained. 22. Dezember 2020, abgerufen am 27. Dezember 2020 (englisch).
  23. COVID-19 (SARS-CoV-2): information about the new virus variant. Abgerufen am 27. Dezember 2020 (englisch).
  24. Sheri Fink: South Africa announces a new coronavirus variant, auf: nytimes.com vom 18. Dezember 2020
  25. COVID-19 Coronavirus UK and World News Update and UK Briefing 21st December 2020, auf: The Brick Castle vom 21. Dezember 2020
  26. Expert reaction to South African variant of SARS-CoV-2, as mentioned by Matt Hancock at the Downing Street press briefing. Science Media Centre. 23. Dezember 2020. Abgerufen am 24. Dezember 2020: „The South African variant ‘501.V2’ is characterised by N501Y, E484K and K417N mutations in the S protein – so it shares the N501Y mutation with the UK variant, but the other two mutations are not found in the UK variant. Similarly, the South African variant does not contain the 69-70del mutation that is found in the UK variant.“
  27. Salim Abdool Karim: The 2nd Covid-19 wave in South Africa: Transmissibility & a 501.V2 variant. CAPRISA. 19. Dezember 2020. Abgerufen am 24. Dezember 2020.
  28. Investigation of novel SARS-COV-2 variant – Variant of Concern 202012/01, Public Health England. 21. Dezember 2020. Abgerufen am 26. Dezember 2020.
  29. Cara Anna: Separate new strain of coronavirus detected in Nigeria: African CDC, auf: cp24.com vom 24. Dezember 2020. Quelle: Associated Press
  30. katastrophenethik.de (mit weiteren Links)

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Siehe auch: UK Covid variant extremely unlikely to evade vaccines, scientists say. In: The Guardian, 10. Januar 2021: “Akiko Iwasaki, a professor of immunobiology at Yale University, said: ‘The B.1.1.7 variant is unlikely to escape recognition by antibodies generated by prior infection with [older versions of the] virus or the vaccines.’”