Vara (Einheit)

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Die Vara (spanische Elle, wörtlich „Stab“ oder „Rute“)[1] war eine aus Kastilien stammende Längeneinheit, die hauptsächlich auf der Iberischen Halbinsel und in den von ihr abhängigen Gebieten benutzt wurde, besonders in Spanien, Portugal und Lateinamerika, sowie informell auch nach 1898 noch auf Kuba und den Philippinen. Ihre Entsprechung im angelsächsischen Maßsystem ist das Yard. In Form der Quadrat-Vara war sie auch ein verbreitetes Flächenmaß. Die Vara wird in einigen Ländern Lateinamerikas bis heute als Raummaß genutzt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die alfonsinische Vara geht auf die erste Vereinheitlichung der kastilischen Maße und Gewichte durch König Alfons den Weisen in einem Privileg für Toledo aus dem Jahr 1261 zurück. Ihr Maß, die Stablänge, auch toledanische Vara genannt, entsprach der wenige Jahrzehnte zuvor von der Krone Aragons bei der Rückeroberung von Valencia eingeführten Länge, die alna („Elle“) genannt wurde und vier palms („Spannen“) oder quarts („Viertel“) besaß. Damit ist eine über Kastilien hinausgreifende Vereinheitlichung der auf der Iberischen Halbinsel verwendeten Längenmaße bereits im Mittelalter ersichtlich. Unter Alfons XI. wurde die Vara von Toledo 1345 für ganz Kastilien allgemeinverbindlich und 1348 mit den Ordonnanzen von Alcalá durch eine kürzere Elle ersetzt, die Vara de Burgos. Der als Etalon (Mustermaß) zugrundeliegende kastilische Fuß wurde nach dem Aufbewahrungsort Burgos Pie de Burgos genannt und war das Richtmaß: Eine Vara entsprach drei Fuß und war eingeteilt in vier Palmos („Spannen“) oder Cuartos („Viertel“).[2]

1435 kehrte Johann II. zur alten toledanischen Vara als Linearmaß Kastiliens zurück.[2] In der Zeit der katholischen Könige wurden keine weiteren Vereinheitlichungsbemühungen unternommen. Als kastilische Vara galt diejenige von Toledo, allerdings war vielerorts dennoch die Vara von Burgos oder auch die Vara von Medina in Gebrauch. Die Unterschiede waren beträchtlich, 12 toledanische Varas entsprachen 13 burgalesischen. Dies bot Anlass für Betrügereien und zahllose Irritationen. Besonders die Verwendung der gegenüber der offiziellen toledanischen Vara nur leicht verkürzten medinesischen Vara bei der bedeutenden Handelsmesse von Medina del Campo führte zu Unzufriedenheit. Das Pragmatische Gesetz von 1568 restaurierte schließlich die Vara von Burgos und machte sie erneut zur maßgeblichen kastilischen, später spanischen Elle. Alle Städte und Gerichtsorte wurden verpflichtet, eine Kopie des Musters aus Burgos anzuschaffen; diese Vara sollte das einzige in Kastilien verwendete Maß für sämtliche Textilien sein. Die Regelung erstreckte sich auch auf Galicien, Andalusien und das Baskenland, während das 1512 von Kastilien annektierte Navarra sein eigenständiges Maßsystem behalten konnte, das demjenigen Aragoniens ähnelte. Warum sich Philipp II. für die Vara von Burgos statt der alfonsinischen Vara Toledos entschied, ist nicht völlig geklärt. Wahrscheinlich handelte er unter dem Einfluss seines Hofmathematikers und Beichtvaters Pedro de Esquivel, der das burgalesische Maß aus historischen Gründen bevorzugte und für authentisch altrömisch hielt.[3]

Das 17. Jahrhundert ist durch zunehmendes Interesse der Cortes an der Kontrolle und Regelung der Maße und Gewichte charakterisiert, was die Bemühungen um Vereinheitlichung zum Teil bremste.[4] Dennoch wurde der „kastillianische Fuß“ (Pie castellano) in ganz Spanien und den abhängigen Gebieten des spanischen Kolonialreiches gebräuchlich und verbreitete sich auch darüber hinaus als gängiges Verkehrs- und Verrechnungsmaß, wobei er mit anderen Maßorientierungen wie der französischen Toise (auf spanisch toesa genannt) und dem Pariser „königlichen Fuß“ (Pied du Roi) konkurrierte. Im 18. Jahrhundert wurde die kastillianische Vara von dem spanischen Marineingenieur und Universalgelehrten Jorge Juan auf 30 Zoll (pouces) und 11 Linien (lignes) der toesa (toise) bestimmt, woraus sich ein Verhältnis zwischen der Vara und dem Pariser Fuß von 144 : 371 ergab (1 Pied du Roi = 0,388 varas).[5] Später wurde die in Madrid verwendete Vara mit 375,9 Pariser Linien gleichgesetzt.[6] In Frankreich wurde die „spanischen Elle“ verge espagnole genannt.

1801 schrieb König Karl IV. gegenüber Bestrebungen zur Einführung des metrischen Systems in Spanien das Festhalten an der Vara als dem grundlegenden spanischen Längenmaß vor.[5] Eine gesetzliche Festlegung der Vara im metrischen System erfolgte am 29. Januar 1848 in Chile, dabei wurde

  • 1 Vara = 0,836 m festgelegt.[7]

Am 19. Juli 1849 wurde auch in Spanien ein Gesetz erlassen, wonach das französische Maß- und Gewichtssystem ab 1. Januar 1859 gültig werden sollte.[6][8] Damit wurde die Vara durch das Meter (metro) ersetzt.

Einzelbeispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2 kastilische Vara (Richtwert für Madrid) waren 1 Codo. Die Brazza, der Estado und Toesa hatten die Maße 2 Vara oder 6 Fuß. Der Estadal wurde mit 4 Varas angegeben. Die Schnur oder Cuerda hatte 4 ½ Varas.

Das Meilenmaß mit 8000 Varas hatte eine metrische Länge von 6782 m. Diese Länge wurde auch als königliche Legua bezeichnet und hieß Legua real.

Verschiedene Längen wurden für das Ellenmaß dennoch aus der Praxis bekannt. So hatte eine Vara 33 ⅜ englische Zoll. Im Gegenwert waren 100 Yard = 108 Varas; 100 m = 119 Varas.

Bei Seidenwaren setzte man 138 Varas und bei Woll- und anderen Geweben 140 Varas für 100 alte Pariser Auns. Das Referenzmaß für Brabanter Elle waren 81 Varas.

  • Valencia hatte die alte Vara 0,906 m und das entsprach 1,083855 der kastilische Vara
  • Montevideo: 1 Vara mit 0,86 m = 1,028825 kastilische Vara
  • San Sebastian: 1 alte Vara = 0,837 m = 1,0013 kastilische Vara
  • Saragossa: 1 alte Vara = 0,772 m= 0,92 355 kastilische Vara

Auf Kuba wurde das Maß Vara cubana genannt und entsprach den oben genannten Maßen. Der Cordel wurde 24 Varas gleichgesetzt, was 72 Fuß entsprach. Auch war hier die Verwendung als Flächenmaß üblich: 186.624 Quadrat-Varas waren etwa 13 Hektar. In Lima hatte 1 Vara 101,4 kastilische Vara, das entsprach 375,7 Pariser Linien.

Philippinen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Provinzen und auch auf den Inseln der Philippinen waren die Werte recht unterschiedlich:

Holzmaß[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Süden Chiles wird die kubische Vara noch heute als Holzmaß (Raummaß für Brennholz) genutzt; die gebräuchlichen Werte schwanken zwischen der Vara legal („gesetzliche Elle Holz“) mit einer Würfelkantenlänge von 33 Zoll (Rauminhalt von 35.937 angloamerikanischen Kubikzoll) und informellen Handelsgrößen von 30 oder 29 Zoll im Würfel.[10] Die chilenische Vara entspricht damit etwa ½ Raummeter.

Historisch leitet sich diese Maßeinheit aus der spanischen Quadrat-Vara zu 3 × 3 Fuß her, was unter Zugrundelegung des in Chile gebräuchlichen kastillianischen Fußes von 27,79 cm eine Kantenlänge von 83,36 cm ergab. Diese ursprünglich zu 33 ⅜ englischen Zoll umgerechnete Vara wurde mit dem Vordringen des internationalen Holzhandels mit 33 Zoll (83,82 cm) gleichgesetzt.[7][10]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Federico Salvador (Universität Valencia): Les monarchies espagnoles et les essais d’unifications des poids et mesures. In: Suzanne Débarbat, Antonio E. Ten (Hrsg.): Mètre et système métrique. Artes Gráficas Soler, Valencia 1993, S. 111–121.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wortbedeutung in Pons’ Online-Wörterbuch, gesehen im August 2018.
  2. a b Federico Salvador: Les monarchies espagnoles et les essais d’unifications des poids et mesures. Valencia 1993, S. 111–113.
  3. Mariano Esteban Piñeiro (Universität Valencia): Las medidas en la época de Felipe II. La uniformación de las medidas (PDF; 127 KB). In: Museo Virtual de las Ciencias (Sala de la Medida, Kap. 3), CSIC, Madrid 2000 (Ausstellungsdokumentation, unpaginiertes PDF-Dokument, Druckseiten 2 bis 6 von 8).
  4. Federico Salvador: Les monarchies espagnoles et les essais d’unifications des poids et mesures. Valencia 1993, S. 118.
  5. a b Federico Salvador: Les monarchies espagnoles et les essais d’unifications des poids et mesures. Valencia 1993, S. 119.
  6. a b Leopold Carl Bleibtreu: Handbuch der Münz-, Maaß- und Gewichtskunde. Verlag J. Engelhorn, Stuttgart 1863, S. 263 in der Google-Buchsuche.
  7. a b Leopold Carl Bleibtreu: Handbuch der Münz-, Maaß- und Gewichtskunde. Verlag J. Engelhorn, Stuttgart 1863, S. 103 in der Google-Buchsuche
  8. Gustav Wagner, Friedrich Anton Strackerjan: Compendium der Münz-, Maass-, Gewichts- und Wechselcours-Verhältnisse sämmtlicher Staaten und Handelsstädte der Erde. Verlag Teubner, Leipzig 1855, S. 212 in der Google-Buchsuche.
  9. a b c d e f J. P. Sanger: Census of the Philippine Islands. Band 4, U.S. Bureau of the census, Washington 1905, S. 453.
  10. a b Medidas de Vara. Onlineerläuterung von La Leñería de Don Benito, Juli 2017, abgerufen im August 2018.