Adolf Muschg

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Adolf Muschg, 2008 in Lausanne

Friedrich Adolf Muschg (* 13. Mai 1934 in Zollikon, Kanton Zürich) ist ein Schweizer Dichter, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler.

Leben[Bearbeiten]

Adolf Muschg wurde 1934 als Sohn von Adolf Muschg senior (1872–1946) und seiner zweiten Frau geboren. Sein Halbbruder Walter Muschg war damals bereits Mitte dreissig.

Von 1946 bis 1953 besuchte Adolf Muschg ein Gymnasium in Zürich. Er verbrachte zwei Jahre auf einem Internat in Schiers und legte schließlich die Matura am Literargymnasium Rämibühl in Zürich ab. Anschließend studierte er Germanistik, Anglistik sowie Philosophie in Zürich und Cambridge und promovierte über Ernst Barlach.

Von 1959 bis 1962 unterrichtete er als Hauptlehrer für Deutsch an der Kantonalen Oberrealschule, dann folgten verschiedene Stellen als Hochschullehrer, unter anderem in Deutschland (Universität Göttingen), Japan und den USA. 1967 heiratete er Hanna Meyer.

1969 gehörte er mit Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Peter Bichsel und anderen zu den Sezessionisten, die aus dem Schweizer Dchriftstellerverband austraten und die Gruppe Olten ins Leben riefen, die formal am 25. April 1971 in Biel gegründet wurde.

1970 bis 1999 war er Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich.

1975 war Muschg Kandidat der Zürcher Sozialdemokratischen Partei für den Ständerat. Er wurde zwar nicht gewählt, äusserte sich aber nach wie vor regelmässig zu politischen Zeitfragen.

Von 1988 bis 1993 moderierte er im Fernsehprogramm Südwest 3 die Sendung Baden-Badener Disput; danach übernahm Gertrud Höhler die Moderation.

1997 hielt er die Rede zur Eröffnung des Deutschen Germanistentages in Bonn.[1]

Seit 1976 ist er Mitglied der Akademie der Künste in Berlin, daneben ist er Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz sowie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und der Freien Akademie der Künste Hamburg. 2003 wurde er zum Präsidenten der Akademie der Künste in Berlin gewählt. Von diesem Amt trat er am 15. Dezember 2005 überraschend zurück. Grund für diese Entscheidung seien «unüberbrückbare Differenzen mit dem Senat der Akademie». Er befand, der Umzug in den Neubau am Pariser Platz sei nicht dafür genutzt worden, die Aktivitäten der Akademie stärker in die Öffentlichkeit zu tragen. Im Februar 2009 erklärte Muschg nach 35 Jahren das Ende seiner Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag und seinen Wechsel zum Verlag C. H. Beck.[2]

Muschg lebt in Männedorf bei Zürich. Seit 2014 ist er Ehrenbürger der Gemeinde. Sein Archiv befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

Am 15. März 2010 veröffentlichte er in der Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel und im Schweizer Tages-Anzeiger einen Beitrag, in dem er den ehemaligen Direktor der Odenwaldschule Gerold Becker gegen den Vorwurf des Missbrauchs mehrerer seiner Schüler verteidigte. Die Berichterstattung über die Missbrauchsvorwürfe bezeichnete er als „Kampagne“ und „Heuchelei“. Er stellte vielmehr eine Verbindung zwischen dem von dem griechischen Philosophen Platon formulierten „pädagogischen Eros“ und den von Becker nicht bestrittenen sexuellen Handlungen an mehreren seiner Schüler her.[3] Am 16. März distanzierte sich der Chefredakteur des Tagesspiegels, Lorenz Maroldt, von Muschgs Beitrag in dem Leitartikel der Zeitung.[4]

Hypochondrie[Bearbeiten]

Schon früh litt Muschg unter einer extremen Form der Hypochondrie, die so weit ging, daß er sich einmal einer Gehirnoperation unterzog, um von einem nicht vorhandenen Tumor geheilt zu werden, und einmal einer Blinddarmoperation, zu der aus den Vereinigten Staate nach Zürich flog.[5]

Mit Selbstironie erzählt er von seiner nachgeholten Hochzeitsreise 1968 auf einem Frachtschiff, wie er zum Schrecken des Kapitäns wurde, als er, einige Tage vom nächsten Hafen (und Krankenhaus) entfernt, behauptete, er habe einen vereiterten Blinddarm, der sofort operiert werden müßte. Der Erste Offizier ließ sich die Symptome schildern, gab sie per Funk an eine Klinik in Danzig weiter und kam dann mit der beruhigenden Mitteilung zu Muschg, es wäre kein Blinddarmdurchbruch, sondern ein Magenkrebs, und der ließe noch viel Zeit für eine Operation. Selbstverständlich war Muschg kerngesund.[6]

Das Thema der Hypochondrie erscheint auch in seinem Werk, zum Beispiel in der Erzählung "Ihr Herr Bruder" [7]. In den „Frankfurter Vorlesungen“ wird die Entstehung der Geschichte unter der Überschrift analysiert: „Wie ich Raimund für mich sterben ließ.“ [8] Im Theaterstück Rumpelstilz (uraufgeführt 1968) hat der Protagonist, der Gymnasialprofessor Viktor Leu, Schluckbeschwerden und bildet sich Kehlkopfkrebs ein.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Werke[Bearbeiten]

Autograph
  • Im Sommer des Hasen, 1965
  • Gegenzauber, 1967
  • Fremdkörper, 1968
  • Rumpelstilz. Ein kleinbürgerliches Trauerspiel, 1968
  • Mitgespielt, 1969
  • Papierwände, 1970
  • Die Aufgeregten von Goethe. Ein politisches Drama, 1971
  • Liebesgeschichten, 1972 (2005/2006 aufgenommen in der Schweizer Bibliothek)
  • Albissers Grund, Kriminalroman, 1974
  • Entfernte Bekannte, 1976
  • Kellers Abend. Ein Stück aus dem 19. Jahrhundert, 1976
  • Noch ein Wunsch, 1979
  • Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft, 1980
  • Leib und Leben, 1982
  • Das Licht und der Schlüssel. Erziehungsroman eines Vampirs, 1984
  • Goethe als Emigrant, 1986
  • Der Turmhahn und andere Liebesgeschichten, 1987
  • Der Rote Ritter. Eine Geschichte von Parzival, 1993
  • Herr, was fehlt Euch? Zusprüche und Nachreden aus dem Sprechzimmer des heiligen Grals, 1994
  • Nur ausziehen wollte sie sich nicht, 1995
  • Die Insel, die Kolumbus nicht gefunden hat. Sieben Gesichter Japans, 1995
  • O mein Heimatland!, 1998
  • Sutters Glück, 2001
  • Das gefangene Lächeln. Eine Erzählung, 2002
  • Gehen kann ich allein und andere Liebesgeschichten, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2003, ISBN 3-518-41462-3.
  • Der Schein trügt nicht. Über Goethe, Insel-Verlag, Frankfurt a.M. u. Leipzig 2004, ISBN 3-458-17201-7.
  • Eikan, du bist spät, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2005, ISBN 3-518-41669-3.
  • Wenn es ein Glück ist. Liebesgeschichten aus vier Jahrzehnten, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2008, ISBN 978-3-518-41957-1.
  • Kinderhochzeit, Roman, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2008, ISBN 978-3-518-42032-4.
  • Sax, Roman, C. H. Beck Verlag, München 2010, ISBN 978-3-406-60517-8.
  • Löwenstern, Roman, C. H. Beck Verlag, München 2012, ISBN 978-3-406-63951-7.
  • Im Erlebensfall. Versuche und Reden 2002–2013, C. H. Beck Verlag, München 2014, ISBN 978-3-406-65956-0.

Sonstige Schriften[Bearbeiten]

  • Gottfried Keller, Biographie, 1977
  • Literatur als Therapie? Ein Exkurs über das Heilsame und das Unheilbare. Frankfurter Vorlesungen, 1981
  • Zeichenverschiebung, Über japanische Lebens- und Denkart, 1991
  • Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt, 1997
  • Was ist europäisch? Reden für einen gastlichen Erdteil, 2005

Tonträger[Bearbeiten]

  • Baiyun oder die Freundschaftsgesellschaft; Läufer und Brücken – eine unveröffentlichte Erzählung. Ausschnitte aus der Lesung in Hoser's Buchhandlung am 4. Oktober 1979. (Hoser's Buchhandlung, Stuttgart, ohne Nummer) (1 LP) ISBN 3-921414-05-9.
  • Der Zusenn oder das Heimat. Lesung Walo Lüönd. 1 CD. Christoph Merian Verlag, Basel 2009, ISBN 978-3-85616-414-0.

Literatur[Bearbeiten]

  • Judith Ricker-Abderhalden (Hrsg.): Über Adolf Muschg. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-518-10686-4.
  • Renate Voris: Adolf Muschg. C.H. Beck, München 1984, ISBN 3-406-30165-7.
  • Manfred Dierks (Hrsg.): Adolf Muschg. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-518-38586-0.
  • Fausia Hassan: Die Beziehungsmuster der Frauen in Adolf Muschgs literarischer Welt. Dissertation. Marburg 1991.
  • Brigitte Marschall: Adolf Muschg. In: Andreas Kotte (Hrsg.): Theaterlexikon der Schweiz. Band 2, Chronos, Zürich 2005, ISBN 3-0340-0715-9, S. 1297 f.
  • Andreas Dorschel: Tüchtig nach Hause geleuchtet. In: Süddeutsche Zeitung Nr. 103 (5. Mai 2004), S. 16.
  • Rüdiger Schaper: Wer im Glashaus schwitzt. Akademie-Präsident Adolf Muschg gibt auf. In: Der Tagesspiegel Nr. 19047 (16. Dezember 2005), S. 25.
  • Anne Meinberg: „Von der Liebe will ich erzählen.“ Liebe und Sexualität im Erzählwerk von Adolf Muschg. Eine vergleichende Textanalyse ausgewählter Erzählungen unter Einbeziehung des Romans „Eikan, du bist spät“. Bouvier, Bonn 2007, ISBN 978-3-416-03204-9.
  • Klaus Isele, Adrian Naef (Hrsg.): Dasein als Da Sein. Adolf Muschg zum 75. Geburtstag. Isele, Eggingen 2009, ISBN 978-3-86142-463-5.
  • Alexandre Mirlesse: En attendant l’Europe (Rencontre avec Adolf Muschg). La Contre Allée, Lille 2009, ISBN 978-2-917817-01-8.
  • Christoph Gellner: Westöstlicher Brückenschlag. Literatur, Religion und Lebenskunst bei Adolf Muschg. Pano, Zürich 2010, ISBN 978-3-290-22004-4.
  • Hans-Bernd Bunte: Das Lächeln von Antikratos. Mythos, Liebe und Tod in Adolf Muschgs Roman „Kinderhochzeit“. Tectum, Marburg 2012, ISBN 978-3-8288-3070-7.
  • Hans-Bernd Bunte: Vom Ende aller Zeiten. Spuk, Kunst und Religion in Adolf Muschgs Roman „Sax“. Tectum, Marburg 2013, ISBN 978-3-8288-3271-8.
  • Manfred Dierks: Adolf Muschg. Lebensrettende Phantasie. Ein biographisches Porträt. C. H. Beck, München 2014, ISBN 978-3-406-65962-1.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Adolf Muschg – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. A. Muschg: Die Gegenwart des abwesenden Gottes. Rede zur Eröffnung des Germanistentages 1997 in Bonn. In: Die Zeit, 10. Oktober 1997.
  2. Spiegel Online: Adolf Muschg verlässt Suhrkamp-Verlag, 9. Februar 2009
  3. Adolf Muschg: Nähe ist ein Lebensmittel, kein Missbrauch. In: Der Tagesspiegel, 15.März 2010
  4. Lorenz Maroldt: Gefährlich nah. In: Der Tagesspiegel, 16. März 2010
  5. Manfred Dierks: Adolf Muschg: Lebensrettende Phantasie, Verlag C.H. Beck 2014
  6. Manfred Dierks: Adolf Muschg: Lebensrettende Phantasie, Verlag C.H. Beck 2014
  7. Adolf Musch: "Leib und Leben", Erzählungen, Suhrkamp 1982
  8. [1]