Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg

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Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg
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Thekla Walker und Oliver Hildenbrand  Bündnis 90 - Die Grünen Logo.svg
Basisdaten
Gründungsdatum: 30. September 1979
Gründungsort: Sindelfingen
Vorsitzende: Thekla Walker und Oliver Hildenbrand
Schatzmeister: Wolfgang Kaiser
Parlamentsmandate:
36/138
Mitglieder: 8.770 (Stand: 09/2012)[1]
Website: www.gruene-bw.de

Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg ist einer der Landesverbände der Partei Bündnis 90/Die Grünen. Mit etwa 8.700 Mitgliedern (im Jahre 2011) gehört der Landesverband zu den größeren der grünen Partei in Deutschland.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Landesverband der Grünen in Baden-Württemberg wurde am 30. September 1979 in Sindelfingen gegründet. Vorläufer waren mehrere Bürgerbewegungen, die sich zur Anti-Atomkraft-Bewegung zählen lassen. Besonders stark war die Bewegung gegen das für Südbaden geplante Kernkraftwerk Wyhl. Bei der Landtagswahl am 16. März 1980 gelang mit 5,3 Prozent der Stimmen der erstmalige Einzug in den Landtag von Baden-Württemberg. Seit 1980 kamen die Grünen bei jeder Neuwahl des Landtags über die Fünf-Prozent-Hürde. Seit der Landtagswahl 2011 stellen die Grünen die zweitstärkste Fraktion.

Der Landesverband hatte von Anfang an einen im Vergleich mit anderen Bundesländern hohen Anteil an realpolitisch ausgerichteten Protagonisten. Den realpolitischen Kern bildeten die führenden Personen der Landtagsfraktion. Von 1980 bis 1984 waren dies Wolf-Dieter Hasenclever und Winfried Kretschmann, danach insbesondere Fritz Kuhn und Rezzo Schlauch. Dabei war dieses strategische Zentrum um die Landtagsfraktion während der 1980er Jahre in manche Auseinandersetzung mit dem teilweise fundamentalistisch besetzten Landesvorstand und dem fundamentalistisch dominierten Bundesvorstand verwickelt.

Auf der Landesdelegiertenkonferenz im Juli 1986 in Asperg trat der Fundi-Realo-Konflikt in aller Schärfe zu Tage. Die anstehenden sachpolitischen Themen aus den Bereichen Frieden, Tschernobyl, Frauenpolitik, Landwirtschaft und Finanzen traten gegenüber der Frage, welche Kandidaten auf der Landesliste zur Bundestagswahl 1987 platziert werden sollten, völlig in den Hintergrund. Jutta Ditfurth scheiterte in ihrem Bemühen, einen aussichtsreichen Platz auf der Liste zu bekommen.[2] Zum Ende des Jahrzehnts hatten sich die Realos endgültig gegen die Fundis durchgesetzt. Diese Entwicklung wurde auch dadurch befördert, dass die Grünen seit Mitte der 1980er Jahre in vielen Gemeinderäten und Kreistagen Baden-Württembergs stark vertreten sind.[3]

Fritz Kuhn stellte im September 1987 auf einem Positionspapier Überlegungen an, ob die Grünen durch die partielle Tolerierung in wechselnden Mehrheiten eine mögliche CDU-Minderheitsregierung nach 1988 unterstützen könnten und somit politisch mehr an grünen Inhalten erreicht würde als in der bisherigen Oppositionsrolle.[2] Bei der Landtagswahl am 20. März 1988 konnte die CDU aber noch einmal die absolute Mehrheit der Mandate verteidigen, so dass Fritz Kuhns Überlegungen hinfällig waren.

Von 1988 bis 1990 trat die Landtagsfraktion unter Führung von Birgitt Bender verstärkt mit umweltpolitischen Themen hervor, so etwa 1989 mit Leitlinien für eine Öko-Abgabe.[4] Im Wahlkampf für die Landtagswahl 1992 dominierte bei den Grünen die Frauenpolitik, 1996 die Bildungs- und Hochschulpolitik.[5] Nach dem Einbruch der CDU bei der Landtagswahl 1992 wäre eine Schwarz-Grüne Koalition rechnerisch möglich gewesen, jedoch scheiterten diesbezügliche Gespräche, sodass dem Ministerpräsidenten Erwin Teufel nur die Möglichkeit zur Bildung einer Großen Koalition blieb.

Cem Özdemir (2007)

1996 erzielten die Grünen in Baden-Württemberg mit 12,1 Prozent ihr bis dahin bestes Ergebnis bei den Landtagswahlen. Bemerkenswert ist, dass Erwin Teufel auf der Landesdelegiertenkonferenz der Grünen im April 1997 in Bruchsal eine Rede halten durfte. Im Jahre 2000 veranstalte der Landesverband einen ersten virtuellen Parteitag.[6] 2010 spielte die Partei eine wichtige Rolle beim Protest gegen Stuttgart 21 und konnte mit 24,2 Prozent als zweitstärkste Partei aus der darauffolgenden Landtagswahl 2011 hervorgehen. Am 12. Mai 2011 wurde mit Winfried Kretschmann erstmals ein Grüner zum Ministerpräsidenten gewählt und die erste grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg gebildet.

In Baden-Württemberg werden außerdem mehrere Städte und Gemeinden von grünen Bürgermeistern regiert. Prominente Beispiele sind die Oberbürgermeister Horst Frank in Konstanz (1996–2012), Dieter Salomon in Freiburg (seit 2002) und Boris Palmer in Tübingen (seit 2007). Rezzo Schlauch scheiterte 1996 knapp im zweiten Wahlgang beim Versuch, Oberbürgermeister von Stuttgart zu werden. Bei den Kommunalwahlen am 7. Juni 2009 wurden die Grünen in Stuttgart mit 25,3 % der Wählerstimmen und 16 Mandaten erstmals stärkste Fraktion im Gemeinderat einer Landeshauptstadt.[7] Am 21. Oktober 2012 gelang es Fritz Kuhn mit seinem Wahlsieg in Stuttgart, erster grüner Oberbürgermeister einer deutschen Landeshauptstadt zu werden.[8]

Obwohl der Landesverband bis 2011 an keiner Regierung des Landes Baden-Württemberg beteiligt war, spielte er schon früh in der Bundespolitik eine gewichtige Rolle, vor allem durch Personen, die hier ihre politischen Wurzeln haben, wie Fritz Kuhn, Rezzo Schlauch, Reinhard Bütikofer oder Cem Özdemir.

Struktur[Bearbeiten]

Organisation[Bearbeiten]

Der Landesverband organisiert sich in Ortsverbänden, die zu 46 Kreisverbänden zusammengefasst sind. An der Spitze des Landesverbands steht der Landesvorstand. Der Landesvorstand setzt sich aus dem dreiköpfigen Geschäftsführenden Landesvorstand (GLV) und dem 17-köpfigen Parteirat zusammen. Der GLV besteht aus den beiden gleichberechtigten Landesvorsitzenden und dem Landesschatzmeister. Der Landesvorstand wird in der Regel alle zwei Jahre auf einer Landesdelegiertenkonferenz neu gewählt.

Im April 1991 entstand ein eigener, zunächst noch parteiunabhängiger Jugendverband („Grün-Alternative Jugend“). Erst 1999 wurde die Grüne Jugend Baden-Württemberg eine offizielle Teilorganisation der Partei.[9]

Mitglieder[Bearbeiten]

Nach der Gründung des Landesverbands im Jahre 1979 wuchs die Anzahl der Mitglieder rasch von einigen hundert auf rund 4.000 Mitglieder[10] im Jahre 1983. Bis zum Jahre 1987 kletterte die Zahl stetig weiter auf bis zu 7.000 Mitglieder. Vor dem Hintergrund der sich zuspitzenden Auseinandersetzungen zwischen Fundis und Realos in der Partei auf Bundesebene und der politischen Großwetterlage um die Deutsche Wiedervereinigung entwickelte sich die Zahl der Mitglieder des Landesverbands nach 1987 leicht rückläufig und sank bis zum Jahre 1992 auf rund 5.500 Mitglieder. In den letzten Jahren der Ära Kohl kehrte sich der Trend um und die Zahl der Mitglieder stieg wieder an. In den Jahren 1998 und 1999 lag die Zahl deutlich über 7.000. In der Zeit der Regierung Schröder sank die Zahl wieder und lag 2009 bei rund 6.800 Mitgliedern. Im September 2010 überstieg die Mitgliederzahl den Rekordwert von 7.378 auf 7.390. Im Oktober 2011 wurden 8700 Mitglieder gezählt.

Vorsitzende[Bearbeiten]

Die 2009 gewählten Landesvorsitzenden, Silke Krebs und Christian Kühn nach ihrer Wahl.

Von 1979 bis 1980 war Wolf-Dieter Hasenclever erster Landesvorsitzender der Grünen in Baden-Württemberg. 1980 übernahm Marieluise Beck-Oberdorf den Vorsitz im Landesvorstand.[11] Auf der Landesdelegiertenkonferenz vom 26. bis 27. Juni 1982 in Baden-Baden wurde ein aus fünf Personen bestehender Geschäftsführender Landesvorstand mit vier Beisitzern gewählt, wobei niemandem eine namentlich führende Rolle zugewiesen wurde. Dieses blieb so im Prinzip für alle Landesvorstände bis 1991. Prominenteres Mitglied der Geschäftsführenden Landesvorstände der 1980er Jahre war von 1987 bis 1990 die spätere Bundesvorsitzende Heide Rühle.

Seit der Landesdelegiertenkonferenz in Freiburg vom 15. bis 17. März 1991 gab es zwei so genannte Sprecher des Geschäftsführenden Landesvorstands. Ab der Landesdelegiertenkonferenz in Bruchsal vom 11. bis 13. April 1997 gibt es zwei gleichberechtigte Landesvorsitzende.

Die nachfolgende Liste nennt die seit 1991 gewählten Sprecher bzw. seit 1997 Vorsitzenden des Landesverbands:

Zeitraum Sprecher bzw. Vorsitzende
März 1991–Juli 1992 Dagmar Dehmer und Fritz Kuhn
Juli 1992–April 1993 Dagmar Dehmer und Winfried Hermann
Mai 1993–April 1997 Barbara Graf und Winfried Hermann
April 1997–April 1999 Monika Schnaitmann und Reinhard Bütikofer
April 1999–Juni 2001 Monika Schnaitmann und Andreas Braun
Juni 2001–Juni 2003 Renate Thon und Andreas Braun
Juni 2003–Dezember 2005 Sylvia Kotting-Uhl und Andreas Braun
Dezember 2005–November 2006 Petra Selg und Andreas Braun
November 2006–November 2009 Petra Selg und Daniel Mouratidis
November 2009–Oktober 2011 Silke Krebs und Christian Kühn
Oktober 2011–November 2013 Thekla Walker und Christian Kühn
seit November 2013 Thekla Walker und Oliver Hildenbrand

Für die Vorsitzenden der grünen Landtagsfraktion siehe: Landtag von Baden-Württemberg

Landtagswahlergebnisse[Bearbeiten]

Landtagswahlergebnisse
in Prozent
25%
20%
15%
10%
5%
0%
Ergebnisse der Landtagswahlen[12]
Jahr Stimmen Sitze
1980 5,3 % 6
1984 8,0 % 9
1988 7,9 % 10
1992 9,5 % 13
1996 12,1 % 19
2001 7,7 % 10
2006 11,7 % 17
2011[13][14] 24,2 % 36

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. gruene.de: Grüne Urwahl in Zahlen
  2. a b Stefan Gänzle: Bündnis 90/Die Grünen, Stuttgart 2004, S. 131
  3. Stefan Gänzle: Bündnis 90/Die Grünen, Stuttgart 2004, S. 138
  4. Stefan Gänzle: Bündnis 90/Die Grünen, Stuttgart 2004, S. 132
  5. Stefan Gänzle: Bündnis 90/Die Grünen, Stuttgart 2004, S. 136
  6. Magisterarbeit von Till Westermayer zum ersten virtuellen Parteitag (PDF; 1,2 MB)
  7. Der Fischer Weltalmanach 2010. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-596-72910-4, S. 151
  8. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/stuttgart-gruener-fritz-kuhn-wird-oberbuergermeister-a-862575.html
  9. Stefan Gänzle: Bündnis 90/Die Grünen, Stuttgart 2004, S. 134
  10. Stefan Gänzle: Bündnis 90/Die Grünen, Stuttgart 2004, S. 125
  11. Historie von Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg (Siehe 6. LDK Schornbach: 8./9. November 1980; PDF; 169 kB)
  12. Ergebnisse der Landtagswahlen in Baden-Württemberg
  13. Endgültiges Ergebnis der Landtagswahl am 27. März 2011 mit Vergleichsangaben von 2006: Land Baden-Württemberg
  14. Wahlergebnisse in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz auf FocusOnline, abgerufen am 27. März 2011

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]