Billie Holiday

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Billie Holiday, 1947
Foto: William Gottlieb

Billie Holiday (* 7. April 1915 in Philadelphia[1]; † 17. Juli 1959 in New York; geboren als Elinore Harris[2]) zählt mit Ella Fitzgerald und Sarah Vaughan zu den bedeutendsten Jazzsängerinnen.

Kindheit (1915–1929)[Bearbeiten]

Die zweijährige Billie Holiday im Jahr 1917

Billie Holiday wurde vor der Annahme ihres Künstlernamens meist Eleanora Fagan genannt, auch wenn ihre Geburtsurkunde den Namen Elionora Harris aufweist. Später erhielt sie von ihrem Freund Lester Young den Spitznamen Lady Day.

Ein Großteil der Informationen über ihre Kindheit beruhen auf ihrer Autobiografie Lady Sings the Blues, die sie ab 1956 dem Journalisten William Dufty diktierte, deren Wahrheitsgehalt allerdings umstritten ist. Bereits der erste Satz deutet ihre ganz persönliche Sicht auf die Lebensumstände ihrer Kindheit an: „Mam und Dad waren noch Kinder, als sie heirateten. Er war achtzehn, sie war sechzehn, und ich war drei.“ Tatsächlich war ihre Mutter bei der Geburt der Tochter neunzehn Jahre alt, und sie war mit Billies vermutlichem[3] leiblichen Vater nie verheiratet und lebte mit ihm nie unter einem Dach.

Ihre Mutter Sarah „Sadie“ Fagan (geborene Harris) (1896–1945) behauptete, Clarence Halliday (1898–1937) alias: Clarence Holiday sei Billies leiblicher Vater, ein Jazz-Gitarrist, der später unter anderem im Fletcher Henderson Orchestra spielte. Nach Billies Geburt arbeitete sie eine Zeit lang als Serviererin in Zügen, weshalb Billie im Laufe ihrer ersten zehn Lebensjahre größtenteils bei der Schwiegermutter ihrer Halbschwester, Martha Miller, in Baltimore aufwuchs.[4] Als Billie elf Jahre alt war, eröffnete ihre Mutter das Restaurant The East Side Grill, in dem das Mädchen oft viele Stunden arbeiten musste. Kurze Zeit später brach sie die Schule ab.[5]

Am 24. Dezember 1926, Billie war elf Jahre alt, entdeckte ihre Mutter, als sie von der Arbeit zurückkam, wie ihr Nachbar, Wilbur Rich, gerade das Kind vergewaltigte.[6] Rich wurde verhaftet, und Billie kam „zu ihrem Schutz“ in das katholische Erziehungsheim The House of the Good Shepherd. Mit zwölf wurde Billie aus dem Erziehungsheim entlassen. Kurz darauf begann ihre Mutter, in einem Bordell zu arbeiten. Billie arbeitete dort ebenfalls als Botenmädchen. Hier lernte sie auf dem Grammophon des Etablissements die Musik von Louis Armstrong und Bessie Smith kennen. Nach ein paar Monaten wurden Mutter und Tochter während einer Razzia verhaftet. Danach zog die Mutter nach Harlem und ließ ihre Tochter abermals bei Martha Miller zurück.[7] Billie arbeitete damals vermutlich noch einige Zeit in einem Bordell in Baltimore als Prostituierte. In dieser Zeit begann sie mit dem Singen. Anfang 1929 folgte sie dann ihrer Mutter nach New York. Die New Yorker Vermieterin, Florence Williams, betrieb ein Bordell, in dem Mutter und die dreizehnjährige Tochter „für 5$ pro Freier“ als Prostituierte arbeiteten.[8] Am 2. Mai 1929 kam es erneut zu einer Razzia, und wieder wurde Billie verhaftet und kam ins Gefängnis. Erst im Oktober des gleichen Jahres wurde sie wieder entlassen.

Die frühe Gesangskarriere (1929–1935)[Bearbeiten]

1929 begann Elinore Harris in Clubs unter dem Namen aufzutreten, unter dem sie bekannt wurde: Billie Holiday. Er setzt sich zusammen aus dem Vornamen der Schauspielerin Billie Dove und dem Nachnamen ihres Vater Clarence Holiday,[9] wobei sie ihren Nachnamen anfänglich noch Halliday schrieb.

1929–31 trat sie zusammen mit ihrem Nachbarn, dem Tenorsaxofonisten Kenneth Hollan, in Clubs wie dem Grey Dawn, dem Pod’s and Jerry’s und dem Brooklyn Elks’ Club auf.[10]

Anfang 1933 entdeckten sie die Plattenproduzenten John Hammond und Bernie Hanighen, die von ihrem Improvisationstalent beeindruckt waren. Man organisierte im November 1933 Aufnahmen mit Benny Goodman für die Achtzehnjährige. Sie nahmen die Songs Your Mother’s Son-In-Law und Riffin’ the Scotch auf; Letzterer wurde mit einer Auflage von 5.000 Stück Billie Holidays erster Hit.

1935 sang sie Saddest Tale in Duke Ellingtons Symphony in Black: A Rhapsody of Negro Life.

Teddy Wilson (1935–1938)[Bearbeiten]

Im gleichen Jahr nahm Hammond die aufstrebende Künstlerin für Brunswick Records unter Vertrag. Hier nahm sie bekannte Stücke im neu aufkommenden Swing-Stil für die immer populärer werdenden Jukeboxes auf. Holiday konnte bei diesen Aufnahmen frei improvisieren und erfand dabei jenen einzigartigen, höchst eigenwilligen Stil, mit den Melodien frei zu spielen, der zu ihrem Markenzeichen werden sollte. Zu ihren Aufnahmen aus der ersten Session gehörten What a Little Moonlight Can Do und Miss Brown to You, zwei Titel, die der Plattenfirma anfangs nicht besonders zusagten. Doch als die Platten erfolgreich verkauft wurden, begann man auch Platten unter ihrem eigenen Namen zu produzieren.[11] Wilson und Holiday nahmen viele populäre Songs der damaligen Zeit auf und machten sie damit zu Jazzklassikern. Stephan Richter schreibt hierzu: (...) in Wahrheit lebten in Holidays Liedern nicht die Komponisten auf, sondern ihre Stimme, ihre Persönlichkeit, die jedes Wort zu ihrem eigenen macht, jede Textzeile in ihrem Sinn neu schreibt.[12]

An vielen dieser Aufnahmen wirkte auch Lester Young mit, mit dem sie fortan eine lebenslange Freundschaft verbinden sollte. Er gab ihr den Spitznamen Lady Day, sie nannte ihn Prez. Außerdem meinte Young, ihre Mutter sollte den Spitznamen The Duchess ("Die Herzogin") erhalten, wenn ihre Tochter Lady heißt.

Da die Lieder nicht aufwendig arrangiert, sondern über weite Teile improvisiert wurden, waren diese Aufnahmen für Brunswick nicht teuer. Holiday bekam dafür eine Einmalzahlung und erhielt keinerlei Geld aus den Plattenverkäufen und Radioaufführungen, obwohl sich Aufnahmen wie I Cried for You 15.000 Mal und mehr verkauften, was ungefähr das Fünffache sonstiger Brunswick-Platten ausmachte.[13]

Count Basie und Artie Shaw (1937–1938)[Bearbeiten]

Als Nächstes sang sie bei Count Basie. Basie gewöhnte sich schnell daran, dass Billie starken Einfluss auf die Melodiefindung nahm, denn sie wusste schon damals genau, wie ihr Gesang klingen sollte.[14] Auch wenn sie nie mit Basie ins Studio ging – es gibt nur die Liveaufnahme I Can’t Get Started, They Can’t Take That Away from Me und Swing It Brother Swing aus der Zeit – so nahm sie doch viele seiner Musiker mit ins Studio zu Aufnahmen mit Teddy Wilson.[15] Im Februar 1938 kam es zum Bruch; laut Billie Holiday wegen eines Streits über zu niedrige Bezahlung und Änderungswünsche an ihrem Gesangsstil, laut Basie aufgrund ihrer Unzuverlässigkeit.[16]

Danach sang sie bei Artie Shaw, der bereits im März 1936 ihre erste Radioübertragung beim Sender WABC organisiert hatte. Aufgrund des großen Erfolgs der Sendung ließ ABC im April eine Sondersendung folgen. Da Shaw weniger Gesangsstücke im Programm hatte als Basie, konnte Holiday bei ihm weniger singen. Außerdem übte das Management Druck auf den Bandleader aus, lieber die weiße Sängerin Nita Bradley zu beschäftigen, mit der sie sich nicht sehr gut verstand. Als sie im November 1938 im Lincoln Hotel aufgrund von Beschwerden des Hotelmanagements gezwungen wurde, den Lastenaufzug und den Hinterausgang zu benutzen, war das Maß voll, und sie entschloss sich, die Band zu verlassen. Die einzige erhaltene Aufnahme aus dieser Zeit ist Any Old Time.

Sie trat als eine der ersten Jazzsängerinnen mit weißen Musikern auf und überwand damit rassistische Grenzen. Trotz dieser Vorreiterrolle wurde sie weiterhin gezwungen, Hintereingänge zu benutzen. Sie berichtete später, dass sie in dunklen, abgelegenen Räumen auf ihre Auftritte warten musste. Auf der Bühne verwandelte sie sich in Lady Day mit der weißen Gardenie im Haar. Die tiefe emotionale Wirkung ihres Gesangs erklärte sie mit der Bemerkung: „Ich habe diese Songs gelebt“.

Billie Holiday litt unter ihrer Diskriminierung als Schwarze. Vor allem bei den Tourneen mit gemischten Bands wie der von Artie Shaw 1938 machten sie und die anderen schwarzen Musiker täglich entwürdigende Erfahrungen. Als besonders demütigend empfand sie Auftritte, für die ihr Gesicht mit Make-up geschwärzt wurde, da dem weißen Publikum angeblich Billie Holidays Teint zuweilen als zu hell erschien.

Trotz aller Schwierigkeiten wurde 1938 ein sehr erfolgreiches Jahr für die Sängerin; im September erreichte ihre Aufnahme I’m Gonna Lock My Heart Platz 6 in den Charts.

Mainstream-Erfolg (1939–1947)[Bearbeiten]

1939 sang sie erstmals den Song Strange Fruit, der auf dem gleichnamigen Gedicht des jüdischen Lehrers Abel Meeropol (alias Lewis Allan) basiert und eindringlich die Lynchjustiz an Schwarzen thematisiert. Während die Produzenten von Columbia das Thema „zu heiß“ fanden, erklärte Commodore Records sich bereit, es aufzunehmen, und die Platte wurde einer ihrer größten Erfolge. Seither verband das Publikum Billie Holiday mit diesem Stück und wollte es immer wieder von ihr hören. Die Aufführungen im Café Society waren minutiös inszeniert; Bevor sie das Stück sang, ließ sie das Publikum vorher von den Kellnern um Ruhe bitten. Das Licht wurde während des langen Intros heruntergedimmt und ein einziger Scheinwerfer erhellte Billie Holidays Gesicht. Mit dem Verklingen des letzten Tons erlosch das Licht, worauf sie dann im Dunkeln verschwand.[17]

Billie Holiday war ein Star geworden. Ihre Mutter Sadie Fagan nannte ihr Restaurant jetzt Mom Holiday. Gleichzeitig verspielte sie das Geld ihrer Tochter beim Würfeln. Als Billie Holiday eines Abend Geld von ihr haben wollte, zeigte ihre Mutter ihr die kalte Schulter. Angeblich verließ Billie Holiday daraufhin fluchend das Restaurant und rief: God bless the child that’s got its own!, woraus später die Titelzeile des Liedes God Bless the Child werden sollte. Der Song erreichte Platz 3 in den Billboards des Jahres und verkaufte sich über eine Million Mal.[18]

1943 schrieb das Life Magazine über Billie Holiday, sie besitze den individuellsten Stil aller populären Sängerinnen und werde damit von Vielen kopiert.[19]

Bevor sie 1944 Lover Man für Decca aufnahm, flehte sie ihren Produzenten Milt Gabler an, wie Ella Fitzgerald und Frank Sinatra Streicher für die Aufnahme zu bekommen. Als sie dann am 4. Oktober ins Studio kam, war sie zu Tränen gerührt, weil sie dort tatsächlich ein Streicherensemble erwartete. Von da an wurde ihre Stimme häufiger von Streichern untermalt.[20]

Einen weiteren Erfolg erlebte Holiday, als sie 1944 in der Metropolitan Opera in New York als erste Jazz-Sängerin gefeiert wurde.

Der Auftritt im Film New Orleans (1946) neben ihrem Vorbild Louis Armstrong war für sie und ihre Fans hingegen enttäuschend. Sie durfte nur eine solche Rolle spielen, wie sie Hollywood damals für Schwarze meistens vorgesehen hatte, nämlich das „Dienstmädchen“. Billie, die glaubte, sich selbst spielen zu dürfen, war maßlos enttäuscht. Während der Dreharbeiten ließ sich außerdem ein Problem nicht mehr verbergen, das sie schon seit den frühen 1940er Jahren begleitete: ihre Heroinsucht. Joe Guy, ihr Ehemann und Dealer, erhielt deshalb Set-Verbot.[21]

Billie Holiday, 1949
Foto: Carl van Vechten

Carnegie Hall, Probleme mit dem Gesetz (1947–1949)[Bearbeiten]

Am 16. Mai 1947 wurde Billie Holiday wegen Drogenbesitzes verhaftet. Im darauffolgenden Prozess bekannte sie sich schuldig und bat darum, in ein Krankenhaus eingewiesen zu werden, nachdem ihr Anwalt ihr hatte ausrichten lassen, er habe keine Lust, sie in dem Verfahren zu vertreten.[22] Sie erhielt eine Gefängnisstrafe, kam ins Alderson Federal Prison Camp in West Virginia und wurde am 16. März 1948 wegen guter Führung vorzeitig entlassen. Ihr Manager Ed Fishman wollte daraufhin ein Konzert in der Carnegie Hall veranstalten, doch Holiday zögerte, da sie nicht wusste, ob das Publikum nach ihrer Verhaftung noch zu ihr stehen würde. Schließlich gab sie nach. Das ausverkaufte Konzert vom 27. März 1948 wurde zu einem beispiellosen Erfolg.

Aufgrund ihrer Vorstrafe hatte Holiday ihre Cabaret-Lizenz verloren und durfte nicht an Orten mit Alkoholausschanklizenz auftreten, was ihre Einkommen erheblich minderte, zumal sie immer noch nicht angemessen an den Lizenzen beteiligt wurde (1958 erhielt sie einen Scheck über 11 Dollar für Lizenzgebühren).[23]

Am 22. Januar 1949 wurde sie erneut wegen Drogenbesitzes festgenommen.

Die letzten Jahre (1950–1959)[Bearbeiten]

Mit den 1950er Jahren begann ihr gesundheitlicher Abstieg. Weiterhin hatte sie Beziehungen mit gewalttätigen Männern, Entzugsversuche blieben erfolglos. Der Drogenkonsum wirkte sich auch auf ihre Stimme aus: In ihren späteren Aufnahmen bei Verve Records weicht ihr jugendlicher Elan zusehends einer merklichen Schwermut.

1956 erschien ihre Autobiografie Lady Sings the Blues. Die gleichnamige LP enthielt bis auf den Titelsong keine neuen Aufnahmen, wurde jedoch vom Billboard Magazine als „würdige musikalische Ergänzung ihrer Autobiografie“ gelobt.[24]

Im November dieses Jahres hatte sie ihre letzten beiden ausverkauften Konzerte in der Carnegie Hall, was für jeden Künstler eine große Auszeichnung ist, besonders jedoch für eine schwarze Sängerin in den späten 50er Jahren. 13 Aufnahmen aus dem zweiten Konzert erschienen 1961 posthum auf dem Album The Essential Billie Holiday. Gilbert Milstein von der New York Times schrieb dazu in seinem ergreifenden Covertext:

„Die Probe war zusammenhangslos, ihre Stimme klang dünn und schleppend, ihr Körper müde gebeugt. Aber ich werde niemals die Metamorphose an diesem Abend vergessen. Das Licht erlosch, die Musiker begannen zu spielen und die Erzählung begann. Miss Holiday trat zwischen den Vorhängen hervor in das sie erwartende Scheinwerferlicht, in eine weiße Robe gehüllt und mit einer weißen Gardenia im schwarzen Haar. Aufrecht und schön, souverän und lächelnd. Und als sie den ersten Teil ihrer Erzählung beendet hatte, begann sie zu singen – mit unverminderter Kraft – mit all ihrer Kunst. Ich war sehr bewegt. Mein Gesicht und meine Augen brannten in der Dunkelheit. Und ich erinnere mich an eine Sache. Ich lächelte.“

Billie Holiday, 1949
Foto: Carl van Vechten

Tod[Bearbeiten]

Anfang 1959 fand ihr Arzt heraus, dass sie unter Leberzirrhose litt, und verbot ihr das Trinken. Nach kurzer Abstinenz trank sie allerdings weiter. Im Mai hatte sie zehn Kilogramm Gewicht verloren. Am 31. Mai 1959 wurde sie ins Metropolitan Hospital eingeliefert, wo sie unter entwürdigenden Umständen verstarb; Polizisten standen um das Krankenbett herum, um sie wegen Drogenbesitzes zu verhaften.

Als sie starb, hatte sie 0,70 US-Dollar auf dem Konto.[25]

Holiday wurde auf dem Saint Raymonds Cemetery in der Bronx bestattet.

Würdigungen[Bearbeiten]

Billie Holiday wurde in die Blues Hall of Fame und auf dem Hollywood Walk of Fame aufgenommen.

Bekannte Beziehungen[Bearbeiten]

  • Orson Welles (Schauspieler/Regisseur)[26] [27]
  • Tallulah Bankhead (Schauspielerin)[28] [29] [30]
  • John Levy
  • Jimmy Monroe, Ehemann, Hochzeit am 25. August 1941, geschieden 1947
  • Joe Guy, Ehemann nach common law, getrennt 1957 (Trompeter und Drogendealer)
  • Louis McKay, Ehemann nach common law, Hochzeit am 28. März 1957, bis zu ihrem Tod.[31]

Einfluss[Bearbeiten]

Holiday hatte in allen Phasen ihrer Karriere einen großen Einfluss auf andere Künstler. Nach ihrem Tod beeinflusste sie Sängerinnen wie Janis Joplin und Nina Simone.

Ihre späten Aufnahmen für das Schallplattenlabel Verve, darunter Solitude 1952 und Music for Torching 1955, haben genauso überlebt wie jene früheren Aufnahmen, die von 1933 an für Columbia Records, Commodore (The Complete Commodore Recordings) und Decca Records entstanden. Viele ihrer Stücke, unter anderem God Bless the Child, George Gershwins I Loves You Porgy und ihr reuevoller Blues Fine and Mellow sind Jazzklassiker geworden.

Billie Holiday besaß eine unverwechselbare Stimme. Obwohl sie keine musikalische Ausbildung hatte und nur über einen begrenzten Stimmumfang verfügte, war sie eine außergewöhnliche Sängerin; zugleich herb und zerbrechlich, sowohl unterkühlt als auch leidenschaftlich.

Bei Holiday gerät man in einen existentiellen Strudel, ein wirkliches Einlassen auf diese Musik schaltet das Gehirn aus wie eine Droge. Nur mit größten Schwierigkeiten wird man sich zu einem analytischen Hören dieser Lieder zwingen können, Holidays Stimme allein greift direkt an die Nervenbahnen.

Stephan Richter[32]

Einige der bekanntesten Standards, die sie mit ihrer Interpretation geprägt hat, sind A Fine Romance, All of Me, As Time Goes By, Autumn in New York, But Beautiful, Do You Know What It Means, Embraceable You, Fine and Mellow (Billie Holiday 1939), Gloomy Sunday, God Bless the Child (Billie Holiday 1939), Good Morning Heartache, I Cover the Waterfront, I Gotta Right to Sing the Blues, I Loves You Porgy, It’s Easy to Remember (And So Hard to Forget), Yesterdays, Lover Come Back to Me, Love for Sale, Lover Man, The Man I Love, Mean to Me, Nice Work If You Can Get It, Night and Day, Solitude, Stormy Weather, Summertime, There Is No Greater Love, These Foolish Things (Remind Me of You), The Way You Look Tonight und Willow Weep for Me.

Filme[Bearbeiten]

Das Leben von Billie Holiday wurde 1972 unter dem Titel Lady Sings the Blues verfilmt. Die Hauptrolle spielte die amerikanische Soul-Sängerin Diana Ross, die für ihre Rolle für den Oscar als beste Schauspielerin nominiert wurde.

  • Billie Holiday forever. Dokumentarfilm, Frankreich, 2012, 52:40 Min., Buch und Regie: Frank Cassenti, Produktion: arte France, Oléo Films, Erstsendung: 12. Dezember 2012 bei arte, Inhaltsangabe von arte.
  • Ansonsten existieren von ihr nur noch einige wenige Dokumentarfilmaufnahmen, unter anderem aus der TV-Sendung The Sound of Jazz.

Zitate[Bearbeiten]

Bobby Tucker mit Billie Holiday (Club Bali, Washington DC, 1948)

„Ich glaube nicht, dass ich singe. Ich improvisiere mit meiner Stimme wie auf einem Instrument, wie Lester Young, Louis Armstrong oder sonst jemand, den ich bewundere. Es kommt alles, wie ich's fühle. Ich hasse es, ein Lied so zu singen, wie es auf dem Papier steht. Ich muss eine Melodie so ändern, dass sie zu mir passt. Das ist alles, was ich weiß.“

Billie Holiday [33]

„Es war ... ganz einfach, für sie zu spielen. Sie wehrte sich nicht. Sie fand den Groove, egal, wo man ihn hintat. Sie konnte in jedem Tempo ohne Probleme swingen, auch wenn es etwas eher Trauriges war. ... Egal, was es war, sie ließ sich einfach treiben.

Bobby Tucker [34]

„Im Süden waren wir alle fremd, und die Leute konnten mit uns nicht besonders viel anfangen ... Wir spielten für Schwarze, aber wir waren ihnen fremd. Das ist eine Frage des Territoriums; die Schwarzen aus dem Norden waren für Schwarze aus dem Süden was anderes, jedenfalls für die, vor denen wir aufgetreten sind.

Melba Liston: über eine wirtschaftlich katastrophale Tournee in die Südstaaten (1950)[35]

„Sie war ... nicht der Typ, der sich beklagt. Aber sie hat immer gesagt: »Ich darf in der Carnegie Hall singen und da, wo sie den Kindern Eis verkaufen, aber wo getrunken wird, darf ich nicht singen.« Ich glaube, es fehlte ihr, in New York in die Clubs zu gehen.

Alice Vrbsky: Privatsekretärin von Billie Holiday[36]

„Sie war mit Ella Fitzgerald die Schöpferin des modernen Jazzgesangs.

Stephan Richter [37]

Kompositionen[Bearbeiten]

Holiday hat mehrere Songs allein geschrieben, einige auch in Zusammenarbeit mit anderen Autoren.[38]

  • 1936: Billie’s Blues alias: I Love My Man
  • 1939: Our Love Is Different
  • 1939: Long Gone Blues
  • 1939: Fine and Mellow
  • 1939: Everything Happens for the Best (mit Tab Smith)
  • 1940: Tell Me More and More and Then Some
  • 1941: God Bless the Child (mit Arthur Herzog, Jr.)
  • 1944: Don’t Explain (mit Arthur Herzog, Jr.)
  • 1949: Somebody’s on My Mind
  • 1949: Now or Never (mit Curtis R. Lewis)
  • 1950: You Gotta Show Me
  • 1954: Stormy Blues
  • 1956: Lady Sings the Blues (mit Alberta Nichols)
  • 1956: My Man

Diskografie[Bearbeiten]

Siehe Hauptartikel: Billie Holiday/Diskografie und Liste der Billboard-Top-30-Schellackplatten von Billie Holiday.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Billie Holiday – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. hierzu die Angaben vom Accuracy Project. Geburtsnamen und -datum sind in vielen Nachschlagewerken falsch angegeben.
  2. Manchmal wird auch „Gough“, der Namen ihres späteren Stiefvaters, angegeben. Bis sie ihren Künstlernamen annahm, nannte sie selbst sich Eleanora Fagan. Es handelte sich dabei um den Nachnamen ihres Großvaters mütterlicherseits, den auch ihre Mutter benutzte.
  3. Die Geburtsurkunde listet einen Frank DeVriese als ihren Vater.
  4. Stuart Nicholson: Billie Holiday, S. 18-23, ISBN 978-1-55553-303-8.
  5. Nicholson, S. 22–24.
  6. Nicholson, S. 25.
  7. Nicholson, S. 27 und S. 31.
  8. Nicholson, S. 32.
  9. Billie Holiday biography. In: biography.com
  10. Ken Vail: Lady Day’s Diary. Sanctuary Publishing, London 1997, ISBN 1-86074-131-2, S. 32.
  11. Nicholson, S. 65.
  12. Peter Niklas Wilson (Hrsg.): Jazz Klassiker. Reclam, ISBN 978-3-15-030030-5, S. 221.
  13. Billie Holiday Companion: Seven Decades of Commentary (Companion Series) von Leslie Gourse, S. 73f.
  14. Nicholson, S. 93f.
  15. Billie Holiday Live Songs. [Billieholidaysongs.com], abgerufen am 2. Juni 2012.
  16. Nicholson, S. 96f.
  17. Nicholson, S. 113.
  18. Jazz History: The Standards (1940s). Jazzstandards.com.
  19. Nicholson, S. 133.
  20. Lover Man (Oh, Where Can You Be?) (1942). In: jazzstandards.com
  21. Nicholson, S. 152–157.
  22. Lady Sings the Blues. ISBN 978-84-399-2465-4, S. 147–149.
  23. Nicholson, S. 167.
  24. Billboard Magazine 22. Dezember 1956.
  25. Biography. In: lyricsfreak.com
  26. Orson Welles. In: NNDB
  27. Orson Welles Fan Page.
  28. Gettin' Funky With Billie Holiday And Tallulah Bankhead! 3. Februar 2009.
  29. Billie Holiday and Tallulah Bankhead.
  30. Sheela Lambert: Tallulah Bankhead: actress, wit, legend, beauty and bisexual icon. In: Examiner.com, 15. März 2010.
  31. Billie Holiday. In: NNDB
  32. Jazz Klassiker, Reclam S. 226.
  33. zitiert nach Nat Hentoff & Nat Shapiro: Jazz erzählt – Hear Me Talkin’ To Ya. Nymphenburger, München 1959, S. 195. Will Friedwald gibt das Zitat in seinem Buch Swinging Voices ähnlich wieder: Die Basis meines Gesangs ist mein Gefühl. Wenn ich nichts fühle, kann ich nicht singen. (S. 95)
  34. zitiert nach Julia Blackburn: Billie Holiday, S. 202.
  35. zitiert nach Julia Blackburn: Billie Holiday, S. 277.
  36. zitiert nach Julia Blackburn: Billie Holiday, S. 353.
  37. Peter Niklas Wilson (Hrsg.): Jazz Klassiker. Reclam, S. 221.
  38. vgl. billieholidaysongs.com