Endlager (Kerntechnik)

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In der Kerntechnik bezeichnet Endlager eine Lagerstätte, in der radioaktive Abfälle endgültig und abgesichert auf lange Zeit abgelagert werden sollen. Nach menschlichem Ermessen wird aufgrund der Halbwertszeit von diesen Endlagern immer eine Gefahr ausgehen, so dass entsprechende Vorkehrungen getroffen werden müssen, um zu verhindern, dass z.B. Menschen zukünftiger Generationen mit der Radioaktivität in Kontakt geraten.

Zu lagernder Atommüll[Bearbeiten]

Hauptartikel: Radioaktiver Abfall und Spaltprodukt

Radioaktiver Abfall, umgangssprachlich Atommüll, entsteht durch

Radioaktiver Abfall enthält je nach Herkunft sehr unterschiedliche Gemische verschiedener Radionuklide. Die Aktivität einzelner Nuklide nimmt in jeder Halbwertszeit um die Hälfte ab. In einem Nuklidgemisch dominiert zunächst die intensive Strahlung der kurzlebigen Nuklide, bis diese soweit abgeklungen ist, dass die schwächere Strahlung der längerlebigen Nuklide in den Vordergrund tritt.

Schwach- und mittelradioaktiven Abfall mit kurzen Halbwertszeiten kann man entsorgen, indem man ihn so lange zwischenlagert, bis die Aktivität unter den zulässigen Grenzwert gefallen ist. Die Strahlenschutzverordnung legt fest, wie abgeklungener Abfall gemessen und für konventionelle Entsorgung oder Wiederverwendung freigegeben wird. Enthält der Abfall auch Nuklide mit Halbwertszeiten von Jahrzehnten oder länger, muss er in ein Endlager entsorgt werden. Auch für kürzerlebigen schwachaktiven Abfall kann die direkte Endlagerung wirtschaftlicher sein als eine Zwischenlagerung.

Hochradioaktiver Abfall entsteht ganz überwiegend durch die Nutzung der Kernenergie in Kernreaktoren. Abgebrannte Brennelemente enthalten ein Gemisch verschiedenster Spaltprodukte sowie erbrütete Transurane (Uran, Neptunium, Plutonium). Sie müssen zunächst einige Jahre lang in einem Abklingbecken aufbewahrt werden, bevor die Aktivität der kürzerlebigen Spaltprodukte soweit abgefallen ist, dass keine ständige Wasserkühlung mehr erforderlich und ein Abtransport möglich ist. In einer Wiederaufbereitungsanlage können dann die spaltbaren Isotope abgetrennt und in Mischoxid-Brennelementen eingebracht werden. Das Gemisch mit den überwiegend nicht spaltbaren Isotopen wird verglast und in ein Zwischenlager gebracht, wo es einige Jahrzehnte lang weiter abklingen muss, bevor die Wärmeentwicklung soweit zurückgegangen ist, dass eine Endlagerung möglich ist. Bei einem großen Kernkraftwerk fallen pro Jahr etwa 7 m³ hochradioaktiver Abfälle an (das entspricht einem Würfel von knapp 2 m Seitenlänge) sowie größere Mengen schwach- und mittelaktiver Abfälle. In Deutschland sind infolge des Atomausstiegs seit 2005 Transporte zur Wiederaufbereitung nicht mehr zugelassen; stattdessen werden abgebrannte Brennelemente (etwa 50 m³ pro Jahr in einem großen Kernkraftwerk) in neu errichteten Zwischenlagern an den Kraftwerksstandorten zwischengelagert mit dem Ziel, sie später der direkten Endlagerung zuzuführen.

Prinzipiell könnte man das Problem langlebiger hochradioaktiver Abfälle dadurch entschärfen, dass man die problematischsten Nuklide abtrennt und durch Neutronenbestrahlung in kurzlebige oder stabile Isotope überführt. Ob diese Transmutation technisch und wirtschaftlich machbar ist, wird gegenwärtig noch untersucht.

Endlagerkonzepte[Bearbeiten]

Schutzziel[Bearbeiten]

Da Radioaktivität niemals auf Null zurückgeht, muss ein Vergleichsmaßstab herangezogen werden, um festzulegen, wie lange Atommüll sicher von der Biosphäre abgesondert bleiben muss. Bei der Einlagerung in tiefe geologische Formationen ist der allgemein akzeptierte Vergleichsmaßstab die Radioaktivität natürlicher Uranerzvorkommen. Je nach Art der betrachteten Uranerzlagerstätte kann ein wesentlich längerer oder auch kürzerer Isolationszeitraum resultieren. In Deutschland ist die Anforderung auf eine Million Jahre hinaufgesetzt worden: „In Anlehnung an Anforderungen des AkEnd (2002) sowie der Sicherheitskriterien (Baltes et al. 2002) wurde von einem notwendigen Isolationszeitraum, d. h. der Zeitraum für den die Schadstoffe im einschlusswirksamen Gebirgsbereich des Endlagers zurückgehalten werden müssen, in der Größenordnung von 1 Million Jahre ausgegangen.“[1]

Einlagerung in tiefe geologische Formationen[Bearbeiten]

Verglasung und Behälter bilden die ersten Barrieren um den eingelagerten Atommüll
Gesteinsschichten bilden natürliche Barrieren um ein Tiefenlager

Es besteht weltweit Konsens, dass hochradioaktiver Abfall durch Einlagerung in tiefe geologische Formationen entsorgt werden soll. Dadurch entsteht ein Schutzsystem aus mehreren Barrieren. Die ersten, technischen Barrieren bestehen aus dem Einschluss des Abfalls in Glaskokillen (HAW-Verglasung) sowie weiteren Umbehältern. Über einen Zeitraum von Tausenden Jahren können diese Barrieren jedoch, insbesondere durch die Einwirkung der intensiven radioaktiven Strahlung, undicht werden und es kann zu einer lokalen Diffusion radioaktiver Isotope kommen. Langfristig sollen dann die geologischen Barrieren greifen und eine Migration radioaktiver Isotope in die Biosphäre verhindern.

Einen Anhaltspunkt für die Möglichkeit eines dauerhaften geologischen Einschlusses liefert der Naturreaktor Oklo: unter den dortigen, standortspezifischen Bedingungen sind einige bei der Kernspaltung entstandene Radionuklide innerhalb von 2 Milliarden Jahren weniger als 50 m weit gewandert. Kurzlebigere Nuklide wie Jod-129 konnten allerdings nicht mehr gefunden werden. Eine entscheidende Voraussetzung für einen sicheren Einschluss ist, dass es nicht durch Zutritt von Wasser zu konvektivem Materialtransport kommt.

Tiefe Bohrlöcher[Bearbeiten]

Bisher sind Endlager für hochradioaktive Abfälle als Bergwerke konzipiert worden; die Kammern für die Einlagerung befinden sich typischerweise in Tiefen von einigen Hundert Metern. Aufgrund von Fortschritten in der Tiefbohrtechnologie erscheint es inzwischen auch möglich, Atommüll in Bohrlöcher von mehreren Tausend Metern Tiefe einzulagern, was die dauerhafte Entfernung aus der Biosphäre erheblich sicherer machen kann.[2] Allerdings läuft dieses Konzept dem Trend zur rückholbaren Einlagerung entgegen.

Weiterhin ist vorgeschlagen worden, diese Bohrlöcher in Subduktionszonen einzubringen, so dass der Atommüll aufgrund der Plattentektonik zuverlässig zum Erdinneren hin transportiert wird.

Endlagerung im Meer[Bearbeiten]

Die Endlagerung auf oder unter dem Meeresboden ist durch die Londoner Konvention[3] ab 1974 für HAW und ab 1993 vollständig verboten worden. Diese Vereinbarung gilt vorerst bis 2018. Hintergrund ist die umfangreiche, problematische Atommüllentsorgung im Meer, die vorher stattfand.[4] Dennoch wird als Alternative zu landbasierten Entsorgungskonzepten gelegentlich wieder diskutiert, radioaktiven Abfall in stabilen Tonformationen unter dem Meeresboden endzulagern, eine künstliche Insel für diesen Zweck anzulegen[5], oder von Land durch Tunnel unter den Meeresboden zu einem Endlager zu gelangen. Nennenswerte Forschungsaktivitäten dazu gibt es aber seit 1990 nicht mehr. Einige Expertenstudien sehen diese Option auch längerfristig als wenig erfolgversprechend an.[6]

Rückholbare Endlagerung[Bearbeiten]

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In den ersten Jahrzehnten der Kernenergienutzung sahen Endlagerkonzepte in der Regel eine Einbringung der Abfälle in tiefe geologische Formationen vor, so dass keine Rückholmöglichkeit besteht. Inzwischen gibt es eine starke Tendenz, die „Endlagerung“ rückholbar vorzunehmen, damit spätere Generationen die Möglichkeit behalten, auf veränderte Einschätzungen der Langzeitsicherheit zu reagieren oder mit fortgeschrittenen technischen Methoden aus dem, was nach heutigem Stand nicht verwertbar ist, die benötigten Rohstoffe zu extrahieren.

Gegen die rückholbare Endlagerung spricht die größere Schwierigkeit, den Zugang so zu verschließen, dass künftige Zivilisationen nicht aus Unwissenheit zum Eindringen eingeladen werden.

Weltweite Situation[Bearbeiten]

Planung und Vorgehensweise bei der Endlagerung liegen in der Verantwortung eines jeden Staates; es gibt international verbindliche Grundanforderungen durch die Internationale Atomenergieorganisation (IAEO).[7]

Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle[Bearbeiten]

Für schwach- und mittelradioaktive Abfälle existieren Endlager in vielen Ländern, beispielsweise in Frankreich, Großbritannien, Spanien, Tschechien und in den USA. In Deutschland wird derzeit kein Endlager betrieben; in das Endlager Morsleben werden seit 1998 kein Abfälle mehr eingelagert[8] und das Endlager Schacht Konrad ist noch in der Errichtungphase.

Endlager für hochradioaktive Abfälle[Bearbeiten]

Ein dauerhaftes Endlager für hochradioaktive Abfälle aus der Kernenergienutzung konnte bislang (2012) weltweit noch nicht errichtet werden.[9] Als Gründe hierfür werden genannt[10]:

  • Die Unterschätzung der Aufgabenstellung
  • Sachfremde Erwägungen bei der Aufgabenstellung
  • Mangel an öffentlicher und politischer Akzeptanz der Projekte
  • eine Kontroverse um die grundsätzliche Eignung der Endlagerung mitsamt ihrer Risiken zur Bewältigung der Problematik

In mehreren Staaten befinden sich Endlager in unterschiedlichen Phasen der Realisierung, in Finnland z.B. ist das Endlager Olkiluoto im Bau.[11] Keines dieser Projekte ist jedoch soweit vorangeschritten, dass die Umsetzung durch neuere Erkenntnisse nicht in Frage gestellt werden könnte.[12]

In Frankreich empfiehlt die französische Atommüllbehörde ANDRA (Agence Nationale pour la Gestion des Déchets Radioactifs) mittlerweile die Errichtung eines Endlagers für hoch- und mittelaktiven atomaren Abfall im Bure[13].
In New Mexico besteht in einem sehr dünn besiedelten Bezirk ein Endlager in einem Salzstock (s. WIPP in der Liste über die Endlagerung radioaktiver Abfälle in anderen Staaten) für Transuranabfälle aus der Kernwaffenproduktion. Von Kritikern wird angeführt, dass der WIPP-Salzstock nicht völlig trocken ist.[14]

Im Juli 2011 beschloss die EU-Kommission eine neue Richtlinie. Demnach müssen alle vierzehn Kernenergie nutzenden EU-Länder bis 2015 eine Lösung für die Atommüll-Endlagerung finden. Andernfalls kann Brüssel rechtlich gegen säumige Staaten vorgehen und vor dem Europäischen Gerichtshof ein Vertragsverletzungsverfahren anstrengen.[15]

In den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren entdeckte man in diesem Zusammenhang erhebliche neue Probleme, so beispielsweise eine etwaige Gasentwicklung[16][17] oder Probleme mit dem Nachweis der Langzeitsicherheit.

Neben den naturwissenschaftlich-technischen Problemen gibt es auch politische Probleme – in der Regel fehlt die Akzeptanz der Bevölkerung in den betroffenen Regionen für ein Endlager, wie sich beispielsweise in und um Gorleben zeigte und weiter zeigt.

Endlagerung radioaktiver Abfälle in Deutschland[Bearbeiten]

Das deutsche Entsorgungskonzept sieht vor, alle Arten radioaktiver Abfälle (aus Kernkraftwerken, Medizin und Technik) in tiefen geologischen Formationen endzulagern. Umstritten ist, ob dies in einem einzigen Endlager oder getrennt für wärmeentwickelnde und nicht oder nur schwach wärmeentwickelnde Abfälle in unterschiedlichen Endlagern geschehen soll. Für wärmeentwickelnde Abfälle (Bestand: 2007 m³ am 31. Dezember 2001, BfS) besteht ein Endlagerbedarf frühestens ab etwa 2030 (die Nachzerfallswärme erfordert einige Jahrzehnte Abkühlung, um zu große Wärmeeinbringung zu vermeiden), für nicht wärmeentwickelnde Abfälle (Bestand: 118.841 m³ am 31. Dezember 2001, BfS) früher.

Weltweit werden Salz-, Ton- und Granitformationen auf ihre Eignung als Endlager untersucht. In Deutschland kommen die Salzstöcke Zwischenahn, Gorleben, Wahn (Hümmling), Gülze-Sumte und Wattekatt in Betracht.

Bei den Tonformationen konzentriert man sich ebenfalls auf norddeutsche Standorte, weil die süddeutschen Formationen entweder in seismisch aktiven Gebieten oder in Karstregionen liegen (Schwäbische Alb), die aufgrund des hohen Wasserzutritts nur bedingt geeignet erscheinen. Im Gegensatz zu den wenig gestörten Graniten Finnlands und Schwedens, die dort im Hinblick auf eine Nutzung als Endlager untersucht werden, sind die in Deutschland auftretenden Formationen in Süddeutschland, Sachsen, Thüringen, und in der Oberpfalz nach Aussagen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) stärker zerklüftet und damit weniger geeignet. Der Vorteil von Salzformationen ist deren Verformbarkeit, mit denen sie auf mechanische Beanspruchung reagieren und das Endlager gegen die Umgebung abschirmen. Die möglichen Schäden durch eine Radiolyse des Salzes, wie sie von der Ionic Materials Group des Zernike Institute der Universität Groningen um den niederländischen Physiker H.W. den Hartog erzeugt wurden, sind nach Ansicht der Reaktorsicherheitskommission vernachlässigbar,[18] werden jedoch in der Wissenschaft noch kontrovers diskutiert.[19] Allerdings hat Salz den gravierenden Nachteil, dass es wasserlöslich ist. Bei Zutritt von Wässern besteht die Gefahr, dass das Barrierensystem im Salz versagt und die Radionuklide freigesetzt werden.

Tonformationen haben wie Salz den Vorteil der Verformbarkeit. So wird die Uranlagerstätte Cigar Lake in Saskatchewan seit mehr als einer Milliarde Jahre durch Tonschichten von der Umgebung abgeschirmt. Bei tiefen Temperaturen können radioaktive Isotope zudem in den Zwischenschichten der Tonminerale adsorbiert werden. Durch die Wärmeentwicklung beim radioaktiven Zerfall des Atommülls geht diese Fähigkeit allerdings verloren. Dem könnte aber durch eine genügend große Entfernung zwischen den verschiedenen Wärme abstrahlenden Containern vorgebeugt werden. Ein gewisser Nachteil von Tonformationen ist die im Vergleich zu Salz geringere Standfestigkeit.[20] Ein großer Vorteil von Tonstein gegenüber Salz ist seine Nicht-Löslichkeit.

Mit Forschungs- und Entwicklungsarbeiten für die Endlagerung wurde erst nach der Inbetriebnahme von Kernkraftwerken begonnen. Im Rahmen des zweiten Atomprogramms der Bundesregierung (1963 bis 1967) wurde die Planung möglicher Schritte zur Realisierung einer Abfallendlagerung angekündigt.

Im Salzbergwerk Asse führte man Forschungs- und Entwicklungsarbeiten für die Endlagerung durch und entsorgte von 1967 bis 1978 im Rahmen von Versuchs- und Demonstrationsprogrammen radioaktive Abfälle (siehe dazu den Abschnitt Versuchsendlager Asse).

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) stellte im Januar 2010 einen Plan vor, alle 126.000 Fässer mit radioaktiven und chemotoxischen Abfällen aus der Asse zurückzuholen. Zuvor waren die katastrophalen Standortverhältnisse und jahrelangen Fehleinschätzungen der beteiligten Institutionen bekannt geworden.[21]

Nach dem Atomausstieg im Sommer 2011 und einem Regierungswechsel in Niedersachsen 2013 hat die schwarz-gelbe Bundesregierung (Kabinett Merkel II) ihre Politik geändert und nach langen Verhandlungen mit der Opposition und den Bundesländern ein parteiübergreifendes neues Endlagersuchgesetz erlassen. Es soll nun wieder ergebnisoffen nach einem endlager-geeigneten Standort für Atommüll gesucht werden. Der Salzstock Gorleben ist weiterhin eine mögliche Option, eine Vorfestlegung wird aber nicht getroffen.[22]

Der Salzstock bei Gorleben[Bearbeiten]

Protestaktionen gegen die Endlagerung und Atommülltransporte im Wendland

In Gorleben wurde von 1979 bis 2000 ein Salzstock auf seine Eignung als Endlagerstätte für alle Arten von radioaktiven Abfällen untersucht. Der Standort wurde nicht aufgrund seiner geologischen Eignung, sondern vor allem aus politischen und regionalwirtschaftlichen Erwägungen festgelegt. Er gehörte nicht zu den von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe durch Prof. Gerd Lüttig im Auftrag der Kernbrennstoff-Wiederaufbereitungsgesellschaft zwischen 1972 und 1975 für die Lagerung atomarer Reststoffe untersuchten Salzstöcke.[23] Die Erkundung des Salzstockes wurde 2000 auf Veranlassung der damaligen rot-grünen Bundesregierung unterbrochen. Das auf drei bis zehn Jahre angelegte Moratorium sollte zur Klärung konzeptioneller und sicherheitsrelevanter Fragen zur Endlagerung genutzt werden. Eine wichtige Frage ist die, ob das Endlager über mehrere Jahrhunderttausende geologisch sicher ist. So dürfen beispielsweise tektonische Aktivitäten nicht zu einem Eindringen von Grundwasser in den Salzstock führen. Dieses und andere Szenarien können derzeit nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Das Moratorium wurde im März 2010 von der nunmehr schwarz-gelben Bundesregierung aufgehoben.[24] Inwieweit die damalige Regierung Kohl auf den Zwischenbericht der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt aus dem Jahr 1983 zur Standortuntersuchung Einfluss nahm, wurde von der schwarz-roten Koalition 2009 geprüft[25] und war Thema eines Untersuchungsausschusses.[26] Den formalen Sofortvollzug zur Wiederaufnahme der Erkundungsarbeiten ordnete das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie am 9. November 2010 an.[27] Die geplante Endlagerung von Atommüll im Gorlebener Salzstock und die damit verbundenen Castor-Transporte sind regelmäßig Anlass für heftige Proteste, Demonstrationen und Blockadeaktionen zehntausender Atomkraftgegner.

Schacht Konrad[Bearbeiten]

Hauptartikel: Schacht Konrad
Schachtanlage Konrad

Die ehemalige Eisenerzgrube Konrad in Salzgitter wird derzeit in ein Endlager ("Schacht Konrad") für nicht oder nur schwach wärmeproduzierende radioaktive Abfälle umgebaut. Der Planfeststellungsbeschluss wurde 2002 erteilt; das letzte Rechtsmittel scheiterte 2008.[28] Nach Angaben der beauftragten Baufirma Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe (DBE) aus dem Jahr 2010 wird von einer Fertigstellung und Inbetriebnahme nicht vor 2019 ausgegangen.[29]

Morsleben[Bearbeiten]

Hauptartikel: Endlager Morsleben
Eingang zum Atommüllendlager Morsleben

1979 hatte die DDR mit der Nutzung des stillgelegten Salzbergwerks als Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle begonnen. Das Endlager wurde im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung vom Bund übernommen. Bis zur Beendigung des Einlagerungsbetriebs im Jahr 1998 wurden insgesamt rund 37.000 m³ radioaktive Abfälle in Morsleben eingelagert. Derzeit läuft das Genehmigungsverfahren für die Stilllegung.

Versuchsendlager Asse[Bearbeiten]

Hauptartikel: Schachtanlage Asse
Zufuhrkammer für radioaktive Abfälle in der Schachtanlage Asse

Im ehemaligen Kali- und Steinsalzbergwerk Asse II wurde die Endlagerung radioaktiver Abfälle zwischen 1967 und 1978 großtechnisch erprobt und praktiziert. Es wurden 125.787 Gebinde mit schwachradioaktiven Abfällen und 16.100 Behälter mit mittelradioaktivem Müll eingelagert. In den Jahren 1979 bis 1995 wurden Versuche zur Einlagerung von mittel- und hochradioaktiven Abfällen durchgeführt, und zwar unterhalb des bestehenden Grubengebäudes im jungfräulichen Gebirge, unter sehr ähnlichen Bedingungen wie in dem avisierten Endlager Gorleben. Nachdem Kritiker schon früh auf die mangelnde Standsicherheit des Grubengebäudes und die Gefahr des Ersaufens hingewiesen hatten und 1988 Lösungszutritte aus dem Nebengebirge bekannt wurden, wurden von 1995 bis 2004 ungenutzte Abbauhohlräume verfüllt. Nach weiteren negativen Beurteilungen der Standsicherheit und dem Fund radioaktiv kontamierter Lauge wurde 2010 beschlossen, sämtliche radioaktiven Abfälle zurückzuholen.

Endlagerung radioaktiver Abfälle in anderen Staaten[Bearbeiten]

Eingang in den Stollen Yucca Mountain
Zugemauerter Zugang des im Einschluss befindlichen Endlagers Hostím

Gegenwärtig sind in 19 der 41 Länder, die Kernenergie nutzen, Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Betrieb.[11] Zumeist werden dabei Abfälle mit kurzer Halbwertszeit (< 30 Jahre) in oberflächennahe Kammern in bis zu 10 m Tiefe eingelagert. Nach Beendigung des Einlagerungsbetriebs schließt sich eine ca. 300 Jahre lange Überwachungsphase an, während deren die Nutzung des Geländes normalerweise eingeschränkt ist. In Schweden und Finnland gibt es Endlager in Form von oberflächennahen Felskavernen in Tiefen von etwa 70 bis 100 m unter der Erdoberfläche.

Für hochradioaktive und langlebige Abfälle wird weltweit die Endlagerung in tiefen geologischen Formationen angestrebt. In Yucca Mountain (USA), Olkiluoto (Finnland) und in Forsmark (Schweden) sind entsprechende Endlager konkret geplant. In Forsmark geht man dabei auch von der in Schweden gültigen Prämisse aus, abgebrannte Brennelemente so wenig wie möglich transportieren zu wollen.
Geplante Endlager für verschiedenste Arten radioaktiver Abfälle sowie bestehende Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle nennt die folgende (unvollständige) Liste (siehe auch Liste von Kernkraftanlagen):

Land Name des Endlagers bzw. Region Abfallklasse Zustand
ArgentinienArgentinien Argentinien Sierra del Medio hochradioaktive Abfälle geplant
BulgarienBulgarien Bulgarien Nowi Chan schwachradioaktive Abfälle in Betrieb
China VolksrepublikChina Volksrepublik China Kernwaffentestgelände Lop Nor hochradioaktive Abfälle geplant
FinnlandFinnland Finnland Loviisa schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Betrieb
FinnlandFinnland Finnland Olkiluoto schwach- und mittelradioaktive Abfälle (hochradioaktive Abfälle in Bau) in Betrieb
FrankreichFrankreich Frankreich Bure (Felslabor) mittel- und hochradioaktive Abfälle (reversible Versuchseinrichtung) geplant
FrankreichFrankreich Frankreich Centre de l’Aube schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Betrieb
FrankreichFrankreich Frankreich Centre de la Manche schwach- und mittelradioaktive Abfälle stillgelegt
Vereinigtes KonigreichVereinigtes Königreich Vereinigtes Königreich Drigg schwachradioaktive Abfälle in Betrieb
JapanJapan Japan Rokkasho schwachradioaktive Abfälle in Betrieb
NorwegenNorwegen Norwegen Himdalen in Betrieb
SchwedenSchweden Schweden SFR Forsmark schwach- und mittelradioaktive Abfälle (hochradioaktive Abfälle in Planung) in Betrieb
SchwedenSchweden Schweden Oskarshamn geplant
SchweizSchweiz Schweiz Zürich Nord-Ost (Weinland) schwach-, mittel- und hochradioaktive Abfälle in Evaluation (siehe auch unter NAGRA)
SchweizSchweiz Schweiz Südranden schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Evaluation
SchweizSchweiz Schweiz Nördlich Lägern schwach-, mittel- und hochradioaktive Abfälle in Evaluation
SchweizSchweiz Schweiz Jura Südfuss schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Evaluation
SchweizSchweiz Schweiz Wellenberg schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Evaluation
SchweizSchweiz Schweiz Jura Ost (Bözberg) schwach-, mittel- und hochradioaktive Abfälle in Evaluation
SpanienSpanien Spanien El Cabril schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Betrieb
TschechienTschechien Tschechien Bratrství Abfälle mit natürlichen Radionukliden in Betrieb
TschechienTschechien Tschechien Dukovany schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Betrieb
TschechienTschechien Tschechien Hostím schwach- und mittelradioaktive Abfälle im Einschluss
TschechienTschechien Tschechien Richard Abfälle mit künstlich erzeugten Radionukliden in Betrieb
UngarnUngarn Ungarn Püspökszilágy schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Betrieb[30]
Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Vereinigte Staaten WIPP Transuranabfälle in Betrieb
Vereinigte StaatenVereinigte Staaten Vereinigte Staaten Yucca Mountain hochradioaktive Abfälle geplant

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Konzeptionelle und sicherheitstechnische Fragen der Endlagerung radioaktiver Abfälle. Wirtsgesteine im Vergleich. Synthesebericht des Bundesamtes für Strahlenschutz, Salzgitter, 4. November 2005, S. 39.
  2. http://www.nda.gov.uk/documents/upload/A-review-of-the-deep-borehole-disposal-concept-for-radioactive-waste-Nirex-Report-N-108-June-2004.pdf
  3. http://www.imo.org/OurWork/Environment/SpecialProgrammesAndInitiatives/Pages/London-Convention-and-Protocol.aspx
  4. IAEA TECDOC-1105 Inventory of radioactive waste disposals at sea August 1999 http://www-pub.iaea.org/MTCD/Publications/PDF/te_1105_prn.pdf
  5. http://www.scientiapress.com/nuclearwaste
  6. http://www.nda.gov.uk/documents/upload/Nirex-review-of-CoRWM-Document-No-625-Sub-seabed-disposal-April-2005.pdf
  7. Radioactive Waste Disposal Facilities. IAEO, abgerufen am 17. März 2011.
  8. http://www.bfs.de/de/endlager/endlager_morsleben/morsleben_einstieg/historie.html
  9. Julia Mareike Neles, Christoph Pistner(Hrsg.), Kernenergie. Eine Technik für die Zukunft?, Berlin - Heidelberg 2012, S. 181.
  10. Julia Mareike Neles, Christoph Pistner(Hrsg.), Kernenergie. Eine Technik für die Zukunft?, Berlin - Heidelberg 2012, S. 181-183.
  11. a b Weltweite Aktivitäten zur Errichtung von Endlagern, DBE GmbH
  12. Julia Mareike Neles, Christoph Pistner(Hrsg.), Kernenergie. Eine Technik für die Zukunft?, Berlin - Heidelberg 2012, S. 183.
  13. APA/AFN, 22. November 2011: Franzosen arbeiten mit Hochdruck an Atommüll-Endlager In: wirtschaftsblatt.at, International (3. Dezember 2011)
  14. http://www.cardnm.org/repository_a.html
  15. Brüssel erzwingt Antwort auf die deutsche Endlagerfrage
  16. Bundesamt für Strahlenschutz: Untersuchung der Gasbildungsmechanismen in einem Endlager für radioaktive Abfälle und der damit verbundenen Auswirkungen auf die Führung des Nachweises der Endlagersicherheit: Abschlussbericht (PDF; 775 kB) bfs.de. 2005. Abgerufen am 10. Juli 2011.
  17. Gase im Endlager – Stellungnahme des RSK (PDF; 86 kB) rskonline.de. 27. Januar 2005. Abgerufen am 10. Juli 2011.
  18. Strahlenschäden im Steinsalz (PDF; 44 kB)
  19. Stand der Wissenschaft
  20. Deutschlandfunk - Wissenschaft im Brennpunkt - Drum prüfe, wer sich ewig bindet
  21. endlager-asse.de
  22. spiegel.de 7. April 2013: Atommüll: Altmaier rechnet mit Milliardenkosten für Endlager-Suche
  23. Video Frontal21: Interview mit Prof. Lüttig zum Thema Gorleben (April 2010) in der ZDFmediathek, abgerufen am 26. Januar 2014
  24. Gorleben wird weiter erkundet: Transparenz und Verlässlichkeit des Entscheidungsprozesses stehen im Vordergrund
  25. Pressemitteilung (10. September 2009) des BMU zur Vereinbarung zwischen Kanzleramt, BMU, BMWi und BMBF die Gorleben-Akten zu überprüfen. Die Regierung wurde kurz darauf abgewählt (Bundestagswahl 2009).
  26. 1. Untersuchungsausschuss (Gorleben)
  27. Endlager Gorleben kann weiter erkundet werden
  28. Artikel Schacht Konrad: Stadt nicht beschwerdefähig, Webseite der Stadt Salzgitter mit weiterführenden Belegen
  29. M. Bauchmüller: Atommüll-Endlager wird nicht rechtzeitig fertig. Atompolitik: Schacht Konrad. sueddeutsche.de, 23. September 2010, abgerufen am 25. März 2011.
  30. Seit die ungarische Sicherheitsbehörde vor einigen Jahren die Rückholbarkeit der Abfälle angeordnet hat, werden die Abfälle nicht mehr mit Zement fixiert. Die Anlage dient nur noch als Zwischenlager. Vgl. DBE GmbH: Weltweite Aktivitäten

Literatur[Bearbeiten]

  • Julia Mareike Neles, Christoph Pistner (Hrsg.), Kernenergie. Eine Technik für die Zukunft?, Berlin - Heidelberg 2012, ISBN 978-3-642-24329-5.
  • Klaus-Jürgen Röhlig, Horst Geckeis, Kurt Mengel: Endlagerung radioaktiver Abfälle. Teil 1: Fakten und Konzepte. In: Chemie in unserer Zeit 46(3), S. 140–149 (2012), ISSN 0009-2851
  • Klaus-Jürgen Röhlig, Horst Geckeis, Kurt Mengel: Endlagerung radioaktiver Abfälle. Teil 2: Die Wirtsgesteine: Tonstein, Granit, Steinsalz. In: Chemie in unserer Zeit 46(4), S. 208–217 (2012), ISSN 0009-2851
  •  Klaus-Jürgen Röhlig, Horst Geckeis, Kurt Mengel: Endlagerung radioaktiver Abfälle. Teil 3: Chemie im Endlagersystem. In: Chemie in unserer Zeit. 46, Nr. 5, 2012, ISSN 0009-2851, S. 282-293, doi:10.1002/ciuz.201200583.

Weblinks[Bearbeiten]