Jakob Augstein

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Jakob Augstein (2012)

Thomas Jakob Augstein (* 28. Juli 1967 in Hamburg) ist ein deutscher Journalist und Verleger. Seit 2013 ist er Chefredakteur der von ihm 2008 gekauften und verlegten Wochenzeitung der Freitag.

Leben[Bearbeiten]

Jakob Augstein ist der anerkannte Sohn des Spiegel-Begründers Rudolf Augstein und der Übersetzerin Maria Carlsson.[1] Sein leiblicher Vater ist Martin Walser,[2] wie Jakob Augstein nach dem Tod von Rudolf Augstein 2002 auf Nachfrage von seiner Mutter erfuhr[3] und im November 2009 bekanntgab.[1] Die Journalistin Franziska Augstein, die Schauspielerin Franziska Walser, die Dramatikerin Theresia Walser sowie die Schriftstellerinnen Johanna Walser und Alissa Walser sind seine Halbschwestern.

Nach dem Abitur am Christianeum in Hamburg studierte Augstein von 1989 bis 1993 Politikwissenschaft, Germanistik und Theaterwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin und am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po).[4] Während des Studiums arbeitete er von 1990 bis 1993 freiberuflich für die Berliner Zeitung. Nach dem Abschluss als Diplom-Politologe und sich anschließendem Volontariat ging er von 1993 bis 2003 zur Sueddeutschen Zeitung (SZ) nach München und Berlin. Von 1999 bis 2002 war er Chef der Berlin-Seite der SZ. 2004 übernahm er die Mehrheit am Verlag Rogner & Bernhard, dessen Anteile er 2011 an Haffmans & Tolkemitt verkaufte.[5] Nach 2005 arbeitete er auch als Autor im Parlamentsbüro der Wochenzeitung Die Zeit.

Augstein vertritt als alleinvertretungsberechtigter Dauertestamentsvollstrecker in der Gesellschafterversammlung des Spiegel-Verlags den 24-Prozent-Anteil der Familie Augstein. 2003 führte er vor dem Bundeskartellamt das erfolglose Kartellverfahren gegen die von Rudolf Augstein testamentarisch verfügte Übernahme eines Prozents der Anteile durch den Gruner + Jahr-Konzern und die Spiegel-Mitarbeiter KG und den damit einhergehenden Verlust der Sperrminorität.

Am 26. Mai 2008 kaufte er die Wochenzeitung der Freitag, die er seither verlegt. Im Dezember 2011 trennte er sich von den bisherigen Herausgebern der Zeitung Daniela Dahn, György Dalos, Frithjof Schmidt und Friedrich Schorlemmer.

Seit Januar 2011 schreibt er für Spiegel Online die Kolumne S.P.O.N. – Im Zweifel links.[6]

Der Fernsehsender Phoenix entwickelte das Format Augstein und Blome. Dort diskutieren Augstein und Nikolaus Blome, der bis 2013 als stellvertretender Chefredakteur bei Bild tätig war und seitdem Chefredakteur des Hauptstadtbüros des Spiegels ist, kontrovers über aktuelle Themen. Das Format wurde für den Grimme Preis 2013 in der Kategorie „Information und Kultur“ nominiert.[7]

Seit Februar 2013 ist Augstein auch Chefredakteur des Freitag, gemeinsam mit Philip Grassman und Jana Hensel.

Augstein ist verheiratet und hat drei Kinder.[8]

Auszeichnung[Bearbeiten]

Im Dezember 2011 wurde Augstein der Bert-Donnepp-Preis 2011 mit „besonderer Ehrung“ zuerkannt. Er habe in der publizistischen Landschaft Deutschlands Pioniergeist bewiesen, so die Jury. Patrick Bahners sagte in seiner Laudatio, Augsteins Engagement stehe für eine besonders ehrenwerte, höchst seltene Spielart der Medienpublizistik, die realistisch und passioniert zugleich sei. [9]

Rezeption als Buchautor[Bearbeiten]

In Die Tage des Gärtners. Vom Glück, im Freien zu sein nutzt Augstein die Struktur eines Gartensachbuchs, um über die vordergründig dargestellten Ratschläge zur Gartenarbeit eigentlich die Fragen zu behandeln, die ihm dabei durch den Kopf gehen. Nils Hoff hat die Texte mit Illustrationen versehen. Für die FAZ schreibt Nils Minkmar: „Es ist ein Buch gegen das Zaudern, aber es verspricht keine Erlösung. Viele verbinden mit dem Garten den Einklang mit der Natur und erwarten von so einem Buch eine Wegbeschreibung dorthin. Dem widerspricht der Autor und nimmt eine in Deutschland sehr seltene, ja radikale Position ein: Die Natur, schreibt er, gelte es zu beherrschen.“[10] Petra Steinberger erinnert das Buch für die Süddeutsche Zeitung am 11. Februar 2012 „an das wunderbare ‚Jahr des Gärtners‘ des tschechischen Schriftstellers Karel Capek von 1929, der zwischen Beeten vielleicht ebenso Abstand finden konnte von seinen ansonsten eher schwermütigen Themen […]“.

In Sabotage – Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen setzt sich Jakob Augstein mit der Frage auseinander, was den Deutschen wichtiger ist: Demokratie oder Kapitalismus. Kerstin Decker attestierte Augstein für den Tagesspiegel, dass er zwar „gewinnend formuliere“, den Prolog mit seinen umfänglichen Ausführungen zum Herstellen von Farbbeuteln als Mittel der politischen Auseinandersetzung wertete sie jedoch als Wortmeldung „eine[r] seltsame[n] Vorhut einer Nachhut“ zur eigentlich „längst abgeschlossen[en] ... linken Diskussion über Gewalt als Mittel der Politik“.[11] Für die FAZ befindet Rainer Blasius, Augstein hätte mit Sabotage „zur Bundestagswahl eine meinungsstarke Politik-Diagnose vor(gelegt), bei der neben anderen Angela Merkel und Peer Steinbrück ihr Fett abbekommen.“[12] In der Cicero schreibt Alexander Wallasch: „Die Augsteinsche Kapitalismuskritik ist (...) überhaupt keine, sondern lediglich ein Update der Diskussion des Gewaltbegriffs, dieser an RAF, Brockdorf, Startbahn West und zuletzt Stuttgart 21 ausgeleierten Diskussion auf Marcuses Spuren um Gegengewalt und Widerstand.“ Und Wallasch befindet, Augsteins Auseinandersetzung sei „Ein Ringen um Worte. Verweigerte Klarheit. Und ersatzweise ein großes Abschweifen in die Niederungen gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse in Deutschland. Der Mann hat ja ein respektables Anliegen, aber er ist leider ein denkbar schlechter Dramaturg.“[13]

Kontroversen[Bearbeiten]

Der deutsche Publizist Henryk M. Broder erhob im September 2012 scharfe Vorwürfe gegen Jakob Augstein wegen dessen Äußerungen über die Politik der Regierung Israels in verschiedenen Kolumnen auf Spiegel Online und warf Augstein u. a. vor, ein „lupenreiner Antisemit“ zu sein, da er judenfeindliche Ressentiments auf Israel projiziere.[14] Augstein erwiderte in einer Spiegel-Online-Kolumne im November 2012, es gebe einen „inflationären Gebrauch“ und einen der Sache schadenden Missbrauch des Antisemitismus-Vorwurfs.[15] Im weiteren Verlauf der Debatte entschuldigte sich Broder für seine „Dramatisierungen". Von diesen abgesehen hielt Broder seine Kritik an Augstein aufrecht.[16] Das Simon Wiesenthal Center (SWC) setzte Augsteins Aussagen 2012 auf Platz 9 seiner „Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs“ und zitierte dabei Henryk M. Broders Einschätzungen zu Augstein.[17]

Verschiedene deutsche Politiker, Journalisten, Nahost- und Antisemitismusexperten, darunter der Linken-Politiker Gregor Gysi und die stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Julia Klöckner, nahmen Augstein ausdrücklich gegen Antisemitismusvorwürfe in Schutz, distanzierten sich dabei aber teilweise von Augsteins Aussagen.[18][19][20][21]

Buchveröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Sieben Schüsse in Glienicke. Gerichtsreportagen aus Berlin. Mit einem Nachwort von Gerhard Mauz. Carl Hanser Verlag, München/Wien 1998.
  • Die Tage des Gärtners. Vom Glück, im Freien zu sein. Carl Hanser Verlag, München 2012, ISBN 978-3-446-23875-6.
  • Sabotage: Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen. Carl Hanser Verlag, München 2013, ISBN 978-3-446-24348-4.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Jakob Augstein – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Christina Maria Berr: Rudolf und Jakob Augstein „Spiegel“-Erbe: Martin Walser ist mein Vater. In: Sueddeutsche.de, 27. November 2009.
  2. Ulrike Simon: Jakob Augstein – Erfolg und Geheimnis. In: Frankfurter Rundschau, 27. November 2009; Ulrike Simon: Walser ist wahrer Vater von Augstein-Sohn. In: Frankfurter Rundschau, 28. November 2009.
  3. Alexander Cammann: Lebenslauf der Liebe, in: Die Zeit, 3. Dezember 2009, S. 66.
  4. Jakob Augstein im Munzinger-Archiv, abgerufen am 20. Mai 2011 (Artikelanfang frei abrufbar)
  5. Haffmans & Tolkemitt übernimmt Mehrheit an Rogner & Bernhard. In: boersenblatt.net. 7. Oktober 2011. Abgerufen am 3. November 2011.
  6. S.P.O.N. – Im Zweifel links, Kolumne bei Spiegel Online
  7. [1]. In: PHOENIX: „Augstein und Blome“ für Grimme-Preis nominiert. 29. Januar 2013.
  8. „Das Netz hat gewonnen“. In: Frankfurter Rundschau. 10. Juni 2009. Abgerufen am 16. November 2011 (Interview).
  9. Bert-Donnepp-Preis 2011. In: Grimme-Institut. 22. Dezember 2011. Abgerufen am 5. Januar 2012.
  10. http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/jakob-augstein-im-gruenen-die-politischen-tugenden-eines-gaertners-11653397.html
  11. http://www.tagesspiegel.de/kultur/in-der-debatte-jakob-augstein-der-radikale-gaertner/8730440.html
  12. http://www.faz.net/aktuell/politik/politische-buecher/jakob-augstein-sabotage-koerpereinsatz-in-der-politik-12546294.html
  13. http://www.cicero.de/salon/kapitalismuskritik-jakob-augsteins-flirt-mit-der-gewalt/55380
  14. http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/ein_lupenreiner_antisemit_eine_antisemitische_dreckschleuder/
  15. Jakob Augstein: Überall Antisemiten. Beitrag in der Kolumne S.P.O.N. – Im Zweifel links vom 26. November 2012, abgerufen im Portal spiegel.de am 31. Dezember 2012
  16. Henryk M. Broder: Henryk M. Broder: Das war nicht hilfreich. Ich entschuldige mich. In: welt.de vom 11. Januar 2013
  17. Simon Wiesenthal Center: 2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs (PDF; 904 kB). Ohne Datum. Abgerufen am 27.Dezember 2012.
  18. Gysi und Klöckner verteidigen Augstein gegen Antisemitismus-Vorwurf, Spiegel Online, 31. Dezember 2012
  19. Antisemitismus-Vorwurf: Eine offene Gesellschaft, FAZ, 1. Januar 2013
  20. Kritik an Antisemitismus-Vorwurf gegen Augstein, Deutschlandradio, 3. Januar 2013
  21. Broder diffamiert Augstein, Berliner Zeitung, 2. Januar 2013