Hermann Brill

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Hermann Brill (1930)

Hermann Louis Brill (* 9. Februar 1895 in Gräfenroda; † 22. Juni 1959 in Wiesbaden) war ein deutscher Politiker (USPD, SPD) und Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus.

Hermann Brill war mit Martha Brill, geb. Pluskat (1904–1980) verheiratet. Er wurde auf dem Nordfriedhof Wiesbaden beerdigt.

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Herkunft und Ausbildung[Bearbeiten]

Hermann Brill wurde im thüringischen Gräfenroda als ältestes von fünf Kindern eines Schneidermeisters geboren. Von 1901 bis 1909 besuchte er die Bürgerschule in Ohrdruf und von 1909 bis 1914 das Herzog-Ernst-Seminar in Gotha, um Lehrer zu werden. Das erste Lehrerexamen legte er 1914, das zweite 1920 ab. Zwischenzeitlich nahm er als Offiziersanwärter bei der Feldluftschifftruppe am Ersten Weltkrieg teil. Danach arbeitete er bis 1921 als Lehrer an einer Volksschule und war anschließend als Hilfsreferent beim Thüringischen Ministerium für Volksbildung beschäftigt. Im Gebiet Gotha war er zugleich von 1921 bis 1923 Staatsrat unter August Frölich. Zwischen 1923 und 1924 war er Ministerialdirektor im Thüringischen Ministerium des Innern und dort für die Polizei- und die politische Abteilung verantwortlich. Als Beamter im Wartestand studierte Brill von 1924 bis 1926 Rechtswissenschaften, Politische Ökonomie, Soziologie und Philosophie in Jena, wo er 1929 zum Doktor der Rechtswissenschaften promoviert wurde.

Landtagsabgeordneter und Mitglied des Reichstags[Bearbeiten]

Sein politisches Engagement begann 1918, als er in die USPD eintrat. 1919 wurde er in den Landtag des damals noch selbständigen Freistaates Sachsen-Gotha gewählt. Nach Bildung des Landes Thüringen 1920 wurde er dort Landtagsabgeordneter. 1922 verließ er die USPD und wechselte zur SPD. Brill blieb im Landtag, bis ihm – wie allen Sozialdemokraten – 1933 das Mandat entzogen wurde. Von Juli bis November 1932 war Brill außerdem Mitglied des Reichstages

Widerstand und Verfolgung[Bearbeiten]

Nachdem im Januar 1930 eine bürgerlich-nationalsozialistische Koalition die Regierung in Thüringen übernommen hatte, begann für Brill der Kampf gegen den Nationalsozialismus. Als Mitglied des thüringischen Staatsgerichtshofes sowie als Landtagsabgeordneter kämpfte er vor allem gegen die Politik des nationalsozialistischen Innen- und Volksbildungsministers Wilhelm Frick. Als Vorsitzender eines Untersuchungsausschusses, den der thüringische Landtag zur Untersuchung der Praktiken Fricks 1932 eingesetzt hatte, lud Brill auch Adolf Hitler als Zeugen vor. Nachdem Hitler in Deutschland an die Macht gekommen war, trat Brill aus der SPD im Mai 1933 aus, weil er von der passiven Haltung der Sozialdemokraten gegenüber Hitler enttäuscht war. Ein Jahr später gründete er in Berlin zusammen mit dem Buchhändler Otto Brass die Widerstandsgruppe Deutsche Volksfront, zuvor war er führend in der Widerstandsbewegung „Neu Beginnen“. Brill schrieb während dieser Zeit Aufsätze und Flugblätter und wurde mehrfach von der Gestapo verhaftet. Wegen Hochverrats wurde er schließlich zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt und verbrachte vier Jahre im Zuchthaus Brandenburg-Görden.

KZ Buchenwald und das Buchenwalder Manifest[Bearbeiten]

Ende 1943 wurde er ins Konzentrationslager Buchenwald gebracht. Dort gründete er am 5. Juli 1944 ein illegales Volksfrontkomitee und wurde dessen Vorsitzender. Weitere Mitglieder waren Werner Hilpert, Walter Wolf und Ernst Thape. Auf Brills Initiative hin fand am 19. April 1945 nach der Befreiung des KZ Buchenwald ein Treffen statt, auf dem das Buchenwalder Manifest der demokratischen Sozialisten verabschiedet wurde.

Grabmal Hermann Brills auf dem Nordfriedhof Wiesbaden

Regierungspräsident in Thürigen[Bearbeiten]

Nach der Befreiung aus dem Lager entwickelte er im Auftrag der damals noch amerikanischen Besatzungsmacht einen Plan zum administrativen Wiederaufbau Thüringens. Im Mai 1945 gründete er den Bund demokratischer Sozialisten. Nach Ansicht Brills hatten sowohl SPD als auch KPD in der Weimarer Republik versagt. Um den demokratischen Sozialismus zu verwirklichen, mussten nach seiner Auffassung beide Parteien miteinander verschmelzen. Im Juni 1945 wurde er zum Thüringer Regierungspräsidenten ernannt, verlor aber dieses Amt bereits im Juli wieder, nachdem Thüringen Teil der sowjetischen Besatzungszone geworden war. Seine Vorstellungen über den Neubeginn der deutschen Arbeiterbewegung kollidierten mit denen der sowjetischen Besatzungsmacht. Zweimal wurde Brill verhaftet und verhört. Schließlich erklärten ihn die sowjetischen Machthaber in seinem Heimatland Thüringen zur Unperson.

Gedenktafel für Hermann Brill in Weimar, William-Shakespeare-Strasse 8

Ende 1945 verließ er Thüringen und ging bald nach Hessen, wo er von Juli 1946 bis 1949 Chef der hessischen Staatskanzlei wurde. Er schloss sich dort erneut der SPD an.

Chef der Staatskanzlei und Verwaltungsreform in Hessen[Bearbeiten]

Die Hessische Landesregierung rief am 31. März 1947 eine Kabinettskommission zur Vorbereitung der Verwaltungsreform ins Leben; Vorsitzender der Kommission war Hermann Brill. Die Ergebnisse der Kommission[1], insbesondere die Auflösung von „Zwerggemeinden“ unter 300 Einwohnern und die Reduzierung der Zahl der Landkreise auf 31 waren Grundlage einer permanenten Reform[2], die schließlich mit der Territorialreform von 1972 bis 1977 ihren Abschluss fand.

Herrenchiemsee und Grundgesetz[Bearbeiten]

1948 war er Mitglied des Verfassungskonvents in Herrenchiemsee und arbeitete am Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland mit. Von 1949 bis 1953 war er für die SPD Mitglied des Deutschen Bundestags und u.a. im Auswärtigen Ausschuss, im Rechts- und Verfassungsausschuss und im Berlin- und Gesamtdeutschen Ausschuss tätig. Er wurde im Wahlkreis Frankfurt am Main I direkt ins Parlament gewählt. 1949 wurde Brill erster Vorsitzender des Königsteiner Kreises, einer Vereinigung früherer Juristen, Volkswirte und Beamter aus der SBZ und DDR.

Professor in Frankfurt am Main und Speyer[Bearbeiten]

Später unterrichtete Hermann Brill als Honorarprofessor an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main und als Lehrbeauftragter an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften Speyer Staatslehre und Verfassungsgeschichte.[3] In seinem letzten Lebensjahrzehnt verfasste Brill zahlreiche Publikationen zu Themen wie den Rechtsfragen der Wiedervereinigung und einer Verwaltungsreform.

Ehrungen[Bearbeiten]

Gedenktafel am Haus Karlsruher Straße 13 in Berlin-Wilmersdorf

In Wiesbaden, Frankfurt am Main und Erfurt sind Straßen und in Weimar ist ein Platz nach ihm benannt. Das Haus der Friedrich-Ebert-Stiftung Thüringen in Erfurt ist ebenfalls nach Hermann Brill benannt.

Schriften[Bearbeiten]

  • Gegen den Strom (= Wege zum Sozialismus. Heft 1, ZDB-ID 525955-1). Bollwerk-Verlag Drott, Offenbach 1946.
  • Gewaltenteilung im modernen Staat. In: Gewerkschaftliche Monatshefte, 7. Jg., Heft 7, 1956, S. 385–393, online (PDF; 92 KB).
  • Das sowjetische Herrschafts-System. Der Weg in die Staatssklaverei (= Rote Weißbücher. Bd. 2). Rote Weißbücher, Köln 1951.

Literatur[Bearbeiten]

  • Renate Knigge Tesche, Peter Reif-Spirek (Hg.): Hermann Louis Brill 1895-1959. Widerstandskämpfer und unbeugsamer Demokrat. Wiesbaden 2011, ISBN 9783980951364
  • Manfred Overesch: Hermann Brill in Thüringen 1895–1946. Ein Kämpfer gegen Hitler und Ulbricht (= Politik- und Gesellschaftsgeschichte. Bd. 29, ISSN 0941-7621). Dietz, Bonn 1992
  • Marlis Gräfe, Bernhard Post, Andreas Schneider (Hrsg.): Die Geheime Staatspolizei im NS-Gau Thüringen 1933–1945 (= Quellen zur Geschichte Thüringens. Bd. 24, Halbbd. 2). 3., unveränderte Auflage. Landeszentrale für Politische Bildung Thüringen, Erfurt 2005, ISBN 3-931426-83-1, darin Biografie von Hermann Brill, (PDF; 1,47 MB).
  • Siegfried Mielke (Hrsg.) unter Mitarbeit von Marion Goers, Stefan Heinz, Matthias Oden, Sebastian Bödecker: Einzigartig. Dozenten, Studierende und Repräsentanten der Deutschen Hochschule für Politik (1920–1933) im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Lukas-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-86732-032-0, S. 228–235.
  • Kurzbiografie zu: Brill, Hermann. In: Wer war wer in der DDR? 5. Ausgabe. Band 1, Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4.
  • Renate Knigge-Tesche, Peter Reif-Spirek (Hrsg.): Hermann Louis Brill (1895–1959). Widerstandskämpfer und unbeugsamer Demokrat. Thrun-Verlag, Wiesbaden 2011, ISBN 978-3-9809513-6-4.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Verwaltungsreform in Hessen, Wiesbaden 1947 (Band I), 1948 (Band II-Materialien)
  2. HdMI (Hrsg.): Verwaltungsreform in Hessen – Bestandsaufnahme, Maßnahmen, Überlegungen, Voraussschau, Carl Ritter & Co., Wiesbaden 1968 S. 7 f.
  3. Dietfrid Krause-Vilmar: Hermann Brill und die Gründung des Instituts für Zeitgeschichte Uni Kassel, Fritz Bauer Institut, Newsletter Ausgabe 29
    Hermann Louis Brill auf www.mdr.de

Weblinks[Bearbeiten]