Fritz Sauckel

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Fritz Sauckel während des Nürnberger Prozesses
Villa Sauckel in Weimar, Straßenseite
Villa Sauckel in Weimar, Gartenseite
Acht der Angeklagten in Nürnberg (vordere Reihe v.l.n.r.: Hermann Göring, Rudolf Heß, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel, dahinter: Karl Dönitz, Erich Raeder, Baldur von Schirach, Fritz Sauckel)
Aufruf des Gauleiters Sauckel zum Hitlergruß als Zeichen der Dankbarkeit.

Ernst Friedrich Christoph Sauckel (* 27. Oktober 1894 in Haßfurt, Unterfranken; † 16. Oktober 1946 in Nürnberg) war seit 1927 NSDAP-Gauleiter in Thüringen und von 1942 bis 1945 Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz unter Adolf Hitler.

Sauckel gehörte zu den 24 angeklagten Personen im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof und wurde am 1. Oktober 1946 in zwei von vier Anklagepunkten schuldig gesprochen, zum Tod durch den Strang verurteilt und hingerichtet.

Leben[Bearbeiten]

Sauckel kam 1894 in Haßfurt am Main als einziger Sohn eines Postbeamten und einer Näherin zur Welt. Mit 15 Jahren verließ er das Gymnasium ohne Abschluss und ging dann als Matrose zur kaiserlichen Marine. Als solcher erlebte er den Ersten Weltkrieg in einem französischen Internierungslager, wo er begann, sich politisch und insbesondere antisemitisch zu orientieren. Ähnlich wie Adolf Hitler lebte auch Sauckel zunächst sehr ärmlich als Hilfsarbeiter. Er übernahm die NS-Ideologie, wonach die Juden an seiner Lage schuld seien, und glaubte an die Notwendigkeit der Bekämpfung des „Weltjudentums“. In den frühen 1920er Jahren war Sauckel Kreisleiter von Unterfranken im Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund.[1] 1923 wurde er Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, wenig später wurde er zum Ortsgruppenleiter in Ilmenau sowie zum Bezirksleiter der Partei in Thüringen gewählt. Nach dem gescheiterten Hitler-Ludendorff-Putsch 1923 versuchte er die Parteigefolgschaft in Thüringen zusammenzuhalten. 1924 gründete er die völkische Kampfzeitung „Der Deutsche Aar“, 1925 wurde er Geschäftsführer im Landesverband Thüringen der NSDAP und 1927, nach dem von ihm organisierten Sturz des bisherigen Amtsinhabers Artur Dinter, Gauleiter des NSDAP-Gaues Thüringen.[2] Der Gau entwickelte sich in dieser Zeit zum „Trutzgau“ des Reiches.

Mit den Wahlerfolgen der NSDAP 1929 zog Sauckel in den Thüringer Landtag ein und wurde Fraktionsvorsitzender unter der Baum-Frick-Regierung, in der die NSDAP zum ersten Mal an einer deutschen Landesregierung beteiligt war. Nach dem Wahlsieg im Juli 1932 stellte die NSDAP mit 42,5 % der Stimmen die Regierung, und der VI. Thüringer Landtag wählte Sauckel am 26. August 1932 zum Staatsminister des Inneren. Er übernahm auch den Vorsitz der Landesregierung. Nach der Reichstagswahl März 1933 wurde er am 5. Mai Reichsstatthalter in Thüringen, am 12. November 1933 Mitglied des Reichstages und wurde 1934 zum SS-Gruppenführer ehrenhalber ernannt.

Verheiratet war er seit 1924 mit seiner Jugendliebe Elisabeth Wetzel, mit der er zehn Kinder hatte. In Weimar bewohnte er die Villa Sauckel.

Am 27. Mai 1936 gründete er die Wilhelm-Gustloff-Stiftung in Weimar und wurde durch Adolf Hitler zum Stiftungsführer dieses Rüstungskonzerns ernannt. Am 1. September 1939 wurde er Reichsverteidigungskommissar für den Wehrkreis IX in Kassel. Am 21. März 1942 wurde Sauckel Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz (GBA). Als solcher war er für die Deportation und Organisation von etwa fünf Millionen ausländischer Arbeitskräfte nach Deutschland verantwortlich, die für die deutsche Industrie und Landwirtschaft Zwangsarbeit verrichten mussten. In Belgien waren bis 1942 über 300.000 Arbeitskräfte für den Einsatz im Reich auf freiwilliger Basis angeworben worden; Sauckel setzte gegen den Widerstand von General Alexander von Falkenhausen (Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich) durch, dass sie ab dann zwangsrekrutiert wurden. Falkenhausen lehnte Anfang 1944 den von Sauckel verlangten geschlossenen Einsatz des Jahrganges 1925 entschieden ab; Sauckel erklärte Falkenhausen zu seinem persönlichen Feind und bewirkte, dass er vier Tage später seiner Stellung enthoben wurde. [3]

Sauckel und der Nürnberger Prozess[Bearbeiten]

Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess fiel Sauckel durch seinen starken fränkischen Akzent auf,[4] so dass er oft sowohl von den Dolmetschern als auch von den Richtern aufgefordert wurde, verständlicher zu sprechen. Sauckels Verteidiger Robert Servatius versuchte nachzuweisen, dass die zwangsweise Überführung von mehr als fünf Millionen Fremdarbeitern in das Reich unter häufig entsetzlichen Bedingungen weder illegal noch unmenschlich gewesen sei. Es wurde behauptet, Sauckel habe keine absolute Vollmacht bei der Abwicklung dieses Programms gehabt, er sei von Natur aus keineswegs grausam und habe „nur seine Pflicht getan“.

In der Vorberatung plädierten die Vertreter der Sowjetunion auf schuldig in allen vier Anklagepunkten. Bei zwei Gegenstimmen wurde er für schuldlos nach Punkt I und II (Gemeinsamer Plan oder Verschwörung und Verbrechen gegen den Frieden) befunden, einstimmig hingegen für schuldig nach III und IV (Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit wegen der Verschleppung von Millionen Menschen) befunden und deshalb zum Tode durch den Strang verurteilt. Sauckel hatte ein Todesurteil nicht erwartet, brach in Tränen aus und hielt Übersetzungsfehler seiner Aussagen für ursächlich. Er selbst sei nie ein grausamer Mensch gewesen. Ein völliges Unverständnis gegenüber dem Todesurteil zeigt auch sein letztes Schriftzeugnis, betitelt „Mein Vermächtnis für das deutsche Volk“.[5]

Sauckel konnte nicht fassen, dass der Mitangeklagte Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion Albert Speer, auf dessen Anforderung Sauckel immer neue Schübe von Zwangsarbeitern geliefert hatte, lediglich mit einer Gefängnisstrafe davonkam. Von Sauckel sind aus der Haftzeit zwei längere biografische Rechtfertigungsschreiben erhalten. In einem davon bestreitet Sauckel eine antisemitische Gesinnung, obwohl „zahlreiche Einsprengsel in seinen Ausführungen dies ad absurdum führen.“[6] In seiner Selbstdarstellung zeichnet er von sich ein Bild als nationaler Sozialist und vaterlandsliebender Idealist; die gute Idee sei von wenigen Fehlgeleiteten schlecht ausgeführt worden. Sein Glaube an seinen „Führer“ war ungebrochen: Ohne Goebbels, Himmler und Bormann wäre Hitler die „lichtvollste Gestalt der deutschen Geschichte“ geworden. [7]

Sauckel wurde am 16. Oktober 1946 hingerichtet, der Leichnam eingeäschert.[8]

Siehe auch Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher#Vollzug der Urteile (Sauckel war einer von zehn Hingerichteten)

Dokument[Bearbeiten]

Der Erlass Hitlers vom 21. März 1942 über die Ernennung eines Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz[9] leitete die massenhafte und generell die teilweise bereits vorher praktizierte Zwangsdeportation von Millionen europäischer Arbeitskräfte zum Einsatz in der deutschen Rüstungswirtschaft ein:

„Die Sicherstellung der für die gesamte Kriegswirtschaft, besonders für die Rüstung erforderlichen Arbeitskräfte bedingt eine einheitlich ausgerichtete, den Erfordernissen der Kriegswirtschaft entsprechende Steuerung des Einsatzes sämtlicher verfügbaren Arbeitskräfte einschließlich der angeworbenen Ausländer und der Kriegsgefangenen sowie die Mobilisierung aller noch unausgenutzten Arbeitskräfte im Großdeutschen Reich einschließlich des Protektorats sowie im Generalgouvernement und in den besetzten Gebieten. Diese Aufgabe wird Reichsstatthalter und Gauleiter Fritz Sauckel als Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz im Rahmen des Vierjahresplanes durchführen. In dieser Eigenschaft untersteht er dem Beauftragten für den Vierjahresplan unmittelbar. Dem Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz stehen zur Durchführung seiner Aufgaben die zuständigen Abteilungen III (Lohn) und V (Arbeitseinsatz) des Reichsarbeitsministeriums und dessen nachgeordnete Dienststellen zur Verfügung.“

Schriften[Bearbeiten]

  • Kampf und Sieg in Thüringen, 1934.
  • Kampfreden. Dokumente aus der Zeit der Wende und des Aufbaus, Ausgewählt und herausgegeben von Fritz Fink, Fink: Weimar 1934.
  • Die Wilhelm-Gustloff-Stiftung. ein Tatsachen- und Rechenschaftsbericht über Sozialismus der Gesinnung und der Tat in einem nationalsozialistischen Musterbetrieb des Gaues Thüringen der NSDAP... Weimar, 30. Januar 1938, hrsg. vom Stiftungsführer Fritz Sauckel, Weber: Leipzig/Berlin 1938.
  • Bekenntnis zum Kinderreichtum der Tüchtigen. Rede des Gauleiters und Reichsstatthalters Fritz Sauckel am 26. Juni 1938 in Weimar, Gauorganisationsamt der NSDAP: Weimar 1938.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Film[Bearbeiten]

  • Fritz Sauckel: Hitlers Mann in Thüringen. Dokumentation, Deutschland, 2009, 45 min., Autorin: Winifred König, Regisseur: Dirk Otto, Fachberater: Steffen Raßloff, Produktion: MDR, Erstausstrahlung: 16. August 2009 (Informationen zum Film)
  • Lebensläufe. Fritz Sauckel - Gauleiter der NSDAP in Thüringen. Der größte Sklavenhalter seit den Pharaonen. Dokumentation, Deutschland, 2007, 45 Min., Buch und Regie: Ernst-Michael Brandt, Produktion: MDR, Erstausstrahlung: 4. November 2007, Inhaltsangabe vom MDR

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Fritz Sauckel – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Uwe Lohalm: Völkischer Radikalismus : Die Geschichte des Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes. 1919–1923. Leibniz-Verlag, Hamburg 1970, S. 311. ISBN 3-87473-000-X.
  2. Frank Boblenz: Zur Gaueinteilung Thüringens in der NS-Zeit. In: Boblenz, Frank/ Bernhard Post: Die Machtübernahme in Thüringen 1932/32 (THÜRINGEN gestern & heute; 37). Landeszentrale für politische Bildung Thüringens. Erfurt 2013, S. 55-109. ISBN 978-3-943588-19-4.
  3. zeit.de 1950: letzter Absatz
  4. Vgl. Adam Tooze Wages of Destruction: The Making and Breaking of the Nazi Economy. Penguin, London/New York 2006. S. 515. Deutsch: Ökonomie der Zerstörung. Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus. Aus dem Englischen von Yvonne Badal. Siedler Verlag, München 2007, 927 Seiten, ISBN 978-3-88680-857-1.
  5. Stephan und Kurt Lehnstaedt: „Fritz Sauckels Nürnberger Aufzeichnungen – Dokumente“, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 57 (2009), S. 128.
  6. Stephan und Kurt Lehnstaedt: Fritz Sauckels Nürnberger Aufzeichnungen – Dokumente. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 57 (2009), S. 123; Siehe auch Steffen Raßloff: Fritz Sauckel. Hitlers „Muster-Gauleiter“ und „Sklavenhalter“. 3. Auflage, Erfurt 2008. S. 119-133. Online siehe Weblinks
  7. Stephan & Kurt Lehnstaedt: Fritz Sauckels Nürnberger Aufzeichnungen. Dokumente., S. 126
  8. Steffen Raßloff: Fritz Sauckel. Hitlers „Muster-Gauleiter“ und „Sklavenhalter“. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2008, S. 117. Online siehe Weblinks
  9. Reichsgesetzblatt I/1942, S. 179.