Kowel

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Kowel
(Ковель)
Wappen von Kowel
Kowel (Ukraine)
Kowel
Kowel
Basisdaten
Oblast: Oblast Wolhynien
Rajon: Kreisfreie Stadt
Höhe: 170 m
Fläche: 47,3 km²
Einwohner: 66.400 (2004)
Bevölkerungsdichte: 1.404 Einwohner je km²
Postleitzahlen: 45000-45014
Vorwahl: +380 3352
Geographische Lage: 51° 13′ N, 24° 43′ O51.21666666666724.716666666667170Koordinaten: 51° 13′ 0″ N, 24° 43′ 0″ O
KOATUU: 710400000
Verwaltungsgliederung: 1 Stadt
Bürgermeister: Serhij Koscharuk
Adresse: вул. Незалежності 73
45000 м. Ковель
Website: http://www.kowel.com.ua
Statistische Informationen
Kowel (Oblast Wolhynien)
Kowel
Kowel
i1

Kowel (ukrainisch und russisch Ковель) ist eine ukrainische Stadt mit etwas mehr als 66.000 Einwohnern. Sie ist ein Verkehrsknotenpunkt in der nordwestlichen Ukraine.

Lage[Bearbeiten]

Die Stadt liegt in der Oblast Wolhynien an der Turija und befindet sich nordwestlich der Bezirkshauptstadt Luzk. Die nächsten größeren Städte sind Luzk (73 km südöstlich) und Wolodymyr-Wolynskyj (65 km südwestlich). Sie ist die nächstgrößere ukrainische Stadt zu dem ukrainisch-polnischen Grenzübergang Jahodyn / Dorohusk (50 km westlich).

Geschichte[Bearbeiten]

Kowel, Woksalnaja uliza (Bahnhofstraße) 1918
König Ludwig III. von Bayern besucht am 3. November 1916 die bayerische Feldflieger Abteilung 4 b in Kowel an der Ostfront

Der Name der Stadt kommt von der ukrainischen Bezeichnung für Schmied (Ковка, Kowka) (vergl. polnisch: „Kowal“). Ausgrabungen belegen, dass es bereits im 12. bis 14. Jahrhundert vor Ort Eisenverarbeitung gab. 1850 wurden bei Kowel eiserne Speerspitzen mit Runen ausgegraben.

Am 24. Dezember 1518 erhielt die Stadt als ein Teil Halytsch-Wolhyniens das Magdeburger Stadtrecht. Nach zwischenzeitlicher Zugehörigkeit zum Großfürstentum Litauen wurde sie 1569 Teil der Corona Regni Poloniae. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden die ersten öffentlichen Schulen gegründet. Nach der Dritten Teilung Polens kam sie 1795 zum Russischen Kaiserreich.

Im Ersten Weltkrieg eröffnete Russland im Juni 1916 die so genannte Brussilow-Offensive gegen die Ostfront der Mittelmächte. Eines ihrer Ziele war, den wichtigen Eisenbahnknotenpunkt Kowel zu erobern. Dieser Angriff wurde jedoch unter großen Verlusten zurückgeschlagen.

In der Zwischenkriegszeit lag die Stadt in der polnischen Woiwodschaft Wolhynien. Wie im deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vereinbart, griff die Sowjetunion Polen 1939 von Osten an und die Stadt geriet im September 1939 zunächst unter sowjetische, dann mit dem Beginn des Deutsch-sowjetischen Kriegs 1941 für knapp drei Jahre unter deutsche Herrschaft. Seit 1944, nach der erneuten Annexion Ostpolens durch die Sowjetunion, gehörte Kowel zur Ukrainischen SSR und damit nach dem Zerfall der Sowjetunion zur unabhängigen Ukraine.

Jüdische Gemeinde[Bearbeiten]

Im Jahre 1939 lag der Anteil der jüdischen Einwohner von Kowel mit 17.000 bei etwa 50 % der Bevölkerung. Kurz nach dem mit dem deutsch-russischen Pakt vom August 1939 vereinbarten Übergang der seit 1921 Ostpolen genannten Gebiete östlich des Bugs besetzte sie die Sowjetunion und machte sie bis zum Juni 1941 zu einem Teil der Sowjetrepublik Westukraine Nur einem kleinen Teil der jüdischen Einwohner gelang es weiter nach Osten zu fliehen, als die Stadt am 28. Juni 1941, im Zuge des Unternehmens Barbarossa von der deutschen Wehrmacht besetzt wurde. Bereits in den ersten Tagen der Besetzung wurden etwa 1000 Juden getötet. Im Mai 1942 wurde von zwei Vertretern des jüdischen Untergrunds aus dem Warschauer Ghetto in Kowel noch eine Widerstandsgruppe gegründet. Gemäß einem Beschluss deutscher Stellen wurde am 21. Mai 1942 sogar ein Judenrat eingerichtet und zwei Ghettos eröffnet – eines für die Nichtbehinderten und ihre Familien (etwa 8000 Personen) und ein zweites für alle anderen Juden, etwa 6000 Menschen. Vom 2. bis zum 4. Juli 1942 wurden alle Einwohner des zweiten Ghettos eliminiert und am 19. August 1942 begann man mit der Vernichtung der Bewohner des ersten Ghettos. Am 6. Oktober 1942 registrierte man den Erfolg der Aktion, nahezu alle Ghettoinsassen waren je nach Lesart getötet, ermordet oder vernichtet worden.

Als sowjetische Truppen am 7. Juni 1944 Kowel zurückeroberten, lebten in der Stadt noch etwa 40 Juden. Im Jahr 1970 lebten in Kowel wieder 250 Juden (50 Familien). Nach einer landesweiten Volkszählung im Jahr 2001 lebten keine bekennenden Juden mehr in Kowel.

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Die letzte erfolgreiche Kesselschlacht der Wehrmacht fand vom 17. März bis zum 7. April 1944 hier statt.[1] Die Kampfgruppe Gille mit 5000 Mann, davon 2000 Verwundete, Überlebende der vorhergehenden Kesselschlacht von Tscherkassy, wurde durch zehn sowjetische Divisionen in der Stadt eingeschlossen. Unter den Eingeschlossenen waren auch 500 Angehörige der Deutschen Reichsbahn, auch weil Kowel seit Ende 1941 zu einem stark frequentierten Knoten für Fronturlauberzüge aus dem Südosten ausgebaut wurde.[2] Während der 21 Tage des Kessels konnten die Eingeschlossenen nur aus der Luft versorgt werden. Ein Entsatzangriff der 131. Infanterie-Division, der 4. und 5. Panzer-Division und der 5. SS-Panzer-Division „Wiking“ schuf am 4. April 1944 eine Verbindung zu den deutschen Linien. Binnen zweier Tage konnten alle Truppen und Panzer aus dem Kessel befreit werden.[3]

Wirtschaft[Bearbeiten]

In Kowel gibt es Maschinen-, Nahrungs- und Holzindustrie.

Infrastruktur[Bearbeiten]

Eisenbahn[Bearbeiten]

Empfangsgebäude
Der (im September 2011 eingestellte) Kurswagen Odessa-Berlin wartet auf den Zug Kiew-Berlin zur Weiterfahrt

1873 wurde die Eisenbahnlinie von Brest nach Kiew und 1877 die Strecke nach Lublin und Warschau eröffnet, 1908 kam noch eine Anbindung nach Wolodymyr-Wolynskyj (Bahnstrecke Jarosław–Kowel) hinzu.

Kowel ist auch heute ein wichtiger Eisenbahnknoten mit Rangierbahnhof in der Ukraine, insbesondere für den Verkehr nach Polen und weiter in die EU nach Westen. Die Eisenbahnstrecke zwischen Kowel und der Grenze weist auf einer gemeinsamen Trasse zwei nebeneinander liegende Gleise auf: Ein nördliches in Normalspur und ein davon südlich verlaufendes in Breitspur. In der Regel werden die Wagen des grenzüberschreitenden Verkehrs zwar im ukrainischen Grenzbahnhof Jahodyn umgespurt. Es ist aber durch das normalspurige Gleis möglich, Züge aus dem Westen grenzüberschreitend ohne Umspurung bis Kowel fahren zu lassen. Das geschieht gelegentlich, allerdings nur im Güterverkehr. Die von Osten auf Kowel zuführenden Strecken sind elektrifiziert, die nach Westen zur Grenze führende Strecke dagegen nicht. Hier werden Diesellokomotiven eingesetzt.

Im Personenverkehr ist der Bahnhof Kowel ebenfalls ein wichtiger Schnittpunkt. Sowohl für die Verbindung KiewWarschauBerlin als auch für die Verbindung Odessa – Warschau – Berlin.

Straße[Bearbeiten]

Strecke Kowel-Jahodyn. Links: Normalspurgleis, rechts: Breitspur
Ausfädelung des normalspurigen Gleises im Bahnhof Kowel, das nach rechts führt, aus dem Breitspurgleis, das nach links führt

Kowel liegt am Schnittpunkt der Europastraße 85 und der Europastraße 373 (ukrainische Klassifizierung M 19 und M 07).

Städtepartnerschaft[Bearbeiten]

Städtepartnerschaft

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

  • Abraham Zapruder (* 1905 in Kowel; † 1970 in Dallas, Texas) Textilunternehmer und Amateurkameramann

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Wehrmachtbericht vom 8. April 1944
  2. Die Deutsche Reichsbahn im Ostfeldzug 1939–1944 von Hans Pottgiesser, Kurt-Vowinkel-Verlag Neckargemünd 1960
  3. Hinze: Mit dem Mut der Verzweiflung, Das Schicksal der Heeresgruppen Nordukraine, Südukraine, Süd-Ostmark 1944/45.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Kowel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien