Martin Mutschmann

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Martin Mutschmann

Martin Mutschmann (* 9. März 1879 in Hirschberg; † 14. Februar 1947 in Moskau) war ein deutscher Unternehmer, nationalsozialistischer Politiker und NSDAP-Gauleiter von Sachsen von 1925 bis 1945. Ab 1930 war er Mitglied des Reichstags, ab 1933 Reichsstatthalter in Sachsen und zudem ab 1935 sächsischer Ministerpräsident.

Familie[Bearbeiten]

Mutschmann war der Sohn des Schuhmachermeisters August Louis und seiner Frau Sopie Karoline Henriette, geborene Lieber. Sein Vater war Bürgermeister von Göritz. Die Mutter war die Tochter eines Buchmachers aus Rudolstadt. Beide entstammten proletarisch-kleinbürgerlichen Verhältnissen.[1] Sein älterer Bruder Hugo war später Funktionär der NSDAP in Plauen, die Schwester Klara heiratete nach Soest. 1909 heiratete Martin Mutschmann die Tochter eines Ziegelei- und Gutsbesitzers. Minna Auguste Mutschmann, geborene Popp, arbeitete zunächst in der Fabrik ihres Mannes. 1927 trat sie der NSDAP bei. Von 1934 bis 1945 war sie aufgrund der Stellung ihres Ehemanns Landesleiterin des Deutschen Roten Kreuzes. Die Ehe blieb kinderlos. Im Rahmen der Waldheimer Prozesse wurde sie am 16. Juni 1950 zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. 1952 wurde die Strafe durch einen generellen Gnadenerweis auf zehn Jahre verkürzt. Am 31. Dezember 1955 wurde die 71-jährige aus ihrer Haft entlassen, reiste 1957 in die Bundesrepublik aus und starb 1971 in Jülich.[2]

Biographie[Bearbeiten]

Herkunft, Ausbildung und Berufstätigkeit bis zum Kriegsende[Bearbeiten]

Die Plauener Handelsschule (links) in der Melanchtonstraße um 1905.

Das mangelnde Arbeitsplatzangebot in dem ländlich geprägten Hirschberg zwang die Familie in die Textil- und Spitzenmetropole Plauen zu ziehen.[1] Dort besuchte Mutschmann ab 1885 die evangelisch-lutherische Bürgerschule, von 1894 bis 1896 die Plauener Handelsschule und begann zugleich eine Ausbildung zum Stickermeister. Vom Lagerchef und Abteilungsleiter in verschiedenen Spitzen- und Wäschefabriken in Plauen, Herford und Köln stieg Mutschmann bald zum Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens auf. Seinen Militärdienst absolvierte er von 1901 bis 1903 beim 3. Unter-Elsässischen Infanterie-Regiment Nr. 138 in Straßburg. 1907 gründete der 28-jährige Mutschmann zusammen mit Karl Eisentraut die Plauener Spitzenfabrik Mutschmann & Eisentraut in der Bärenstraße 61 mit anfangs etwa 25 bis 30 Beschäftigten. In den Folgejahren beteiligte sich Mutschmann an weiteren Regionalunternehmen, sodass er etwa 500 Arbeiter beschäftigte. Der jährliche Umsatz inklusive Exportgeschäft belief sich umgerechnet auf bis zu eine Million Reichsmark. 1912/1913 erlitt die Plauener Spitzenbranche einen weltweiten Absatzeinbruch. Begünstigt wurde dieser durch die Balkankriege, die hohen Zollschranken in den Vereinigten Staaten sowie durch einen Wechsel des herrschenden Modetrends. Auch die Spitzenfabrik Mutschmann & Eisentraut blieb davon nicht verschont. Die Plauener Spitzenunternehmer einschließlich Mutschmann fanden in den aus Osteuropa stammenden Juden („Ostjuden“), die in der Spitzenbranche Fuß gefasst hatten, schnell ihren Sündenbock, und forderten darauf im Verbund mit der Ortsgruppe der antisemitischen Deutschsozialen Partei schärfere Maßnahmen gegen diese „jüdischen Ramscher“. Da der Oberbürgermeister Julius Dehne nicht auf diese Forderungen reagierte, kündigte die Gegenseite ihrerseits „Selbsthilfe“ an, die sich am 2. und 3. August 1914 im Ramscherkrieg entlud. In diesem Zusammenhang erfolgte Mutschmanns erste öffentliche antisemitische Entgleisung. Antisemitische Ausbrüche Mutschmanns hatte es jedoch bereits vor 1914 gegeben. Der spätere Reichswirtschaftsminister Walther Funk, als Stickermeister und Geschäftsführer eines Spitzengeschäfts in Plauen ein persönlicher Bekannter Mutschmanns, erinnerte sich, dass Mutschmann sich bei gelegentlichen Judenhetzen besonders hervorgetan habe. Außerdem wäre er wichtigen jüdischen Kunden mit Unterwürfigkeit begegnet, gegenüber ärmeren jüdischen Händlern recht brutal gewesen. In diesen Tagen verübte eine über den Kriegsausbruch erregte und aufgehetzte Volksmenge in Plauen Gewalttätigkeiten und Bedrohungen gegenüber jüdischen Geschäftsinhabern. Die Eskalation konnte nur durch ein massives Polizeiaufgebot unterdrückt werden, so wurde etwa ein Geschäftshaus durch Militär unter Verkündung des Standrechts bewacht. Laut Funk wurde Mutschmann in diesem Zusammenhang als Inspirator der Judenpogrome in der Plauener Forststraße benannt, in der eine größere Anzahl jüdischer Geschäftsleute wohnte. Obwohl Dehme die Pogrome auf das Schärfste verurteilte, kam es zu keiner Anklage. Mutschmann selbst wurde am 4. August 1914 zum Militärdienst einberufen und dem Reserve-Infanterie-Regiment 133 zugeteilt. Das Regiment war zunächst in der Festung Posen stationiert und blieb bis Kriegsende an der Ostfront. Zu einem unbekannten Zeitpunkt muss Mutschmann dieses Regiment verlassen haben, da er im April 1916 an der Westfront vor Verdun verwundet wurde. Im Dezember 1916 konnte er als kriegsuntauglich eingestuft nach Plauen zurückkehren, im Rang eines Gefreiten und als Inhaber des Eisernen Kreuzes II. Klasse sowie der Friedrich-August-Medaille. Mutschmann selbst gab dazu später an, dass er aufgrund einer chronischen Nierenentzündung aus der Armee entlassen wurde. Darüber hinaus berichtet Funk, dass Mutschmann zusammen mit seiner Frau seine Rückberufung nach Plauen sowie die Einziehung seines im Geschäft verbliebenen Partners Eisentraut anonym bei Behörden beantragt haben soll. Eisentraut wurde dann tatsächlich gegen Kriegsende zum Militärdienst eingezogen und fiel. Damit stieg Mutschmann zum alleinigen Geschäftsführer der Firma auf, die er bis Kriegsende mit Schiebergeschäften vor dem Bankrott bewahrt haben soll.

Weimarer Republik[Bearbeiten]

1919 trat Mutschmann dem antisemitischen Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund und 1922 der NSDAP mit der Mitgliedsnummer 5346 bei.[3] In den Nachkriegswirren verschmolz Mutschmanns Antisemitismus mit dem des Anti-Marxismus, dessen Gründe in der neuen politischen Situation in Sachsen zu suchen sind. So wurde im März 1919 der aus dem jüdischen Bürgertum stammende Georg Gradnauer zum sächsischen Ministerpräsidenten ernannt. Die folgenden Übergriffe des Rätekommunisten Max Hoelz im Vogtland brachten Mutschmann zur Überzeugung, dass der Marxismus sowie das Judentum den „Niedergang Deutschlands“ bedeuten würden. Der Sieg der roten Arbeiterbewegung in Sachsen und die ökonomischen Probleme im Nachkriegsdeutschland förderten Mutschmanns politische Radikalisierung.

In der in Sachsen 1921 gegründeten NSDAP machte Mutschmann rasch Karriere. Profitieren konnte er dabei von seinen unternehmerischen Vernetzungen. Dabei drängte er den ersten Vorsitzenden der sächsischen NSDAP Fritz Tittmann aus der Führung und anschließend ganz aus Sachsen.[4] Karrierefördernd wirkten sich Mutschmanns frühe Verbindungen zu Adolf Hitler aus, den er 1924 in der Haft in Landsberg besuchte und finanziell förderte. Während des Verbotes der NSDAP gründete Mutschmann in Sachsen den Völkischsozialen Block. Nach der erneuten Gründung der NSDAP wurde Mutschmann von Hitler im Juni 1925 zum Gauleiter für Sachsen ernannt und überführte den Block in die Partei. Den Aufbau der sächsischen NSDAP delegierte Mutschmann von Plauen aus, wo sich der Sitz der Gauleitung befand. Wahlkämpfe finanzierte er vermutlich mit den Erlösen seiner Firma. Mit angeblichen weiteren großzügigen Geldspenden sicherte er sich eine Karriere in der NSDAP. Der Gau Sachsen wurde nach der Mitgliederzahl einer der größten der NSDAP. Im Sommer 1930 gründete Mutschmann die Tageszeitung Der Freiheitskampf. 1930 ging Mutschmanns Firma aufgrund der Weltwirtschaftskrise in Konkurs. Bei der Reichstagswahl 1930 wurde Mutschmann Reichstagsabgeordneter für den Wahlkreis 30 Chemnitz-Zwickau. In der dortigen NSDAP-Fraktion übernahm er das Sachgebiet Handel und Industrie und gehörte dem interfraktionellen Reichstagsausschuss für Handelspolitik an. In Sachsen unterhielt Mutschmann freundschaftliche Kontakte zu Gregor Strasser. Im Juli 1932 ernannte dieser Mutschmann zum Landesinspekteur der neu geschaffenen NSDAP-Reichsinspektion. Innerhalb der sächsischen NSDAP war Manfred von Killinger Mutschmanns schärfster Rivale. Killinger, seit 1929 Chef der sächsischen SA und Fraktionsführer in Sachsen, stieg 1932 zum Inspekteur Ost der Obersten SA-Führung auf.

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Martin Mutschmann mit Adolf Hitler auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1934
Mutschmann links neben Goebbels

Persönliche Machtergreifung (1933–1935)[Bearbeiten]

Nach der Machtübergabe an die NSDAP im Januar 1933 bezichtigte Mutschmann seinen Förderer Strasser öffentlich als Juden. Strasser war im Dezember 1932 von all seinen Ämtern zurückgetreten (siehe Strasser-Krise). Mutschmann hatte Hitler gegenüber die „Strasser-Verschwörung“ aufgedeckt und damit sein Vertrauensverhältnis zu ihm gestärkt. Nach dem Verlust des Titels des Landesinspekteurs von Sachsen und Thüringen infolge des organisatorischen Umbaus der Reichsparteistruktur wurde Mutschmann am 5. Mai 1933 neben seinem Posten als Gauleiter der NSDAP auch Reichsstatthalter von Sachsen. Zwischen ihm und dem aus dem Freikorps stammenden redegewandten SA-Führer und nun sächsischen Ministerpräsidenten Manfred von Killinger verschärfte sich der Machtkampf um die Führungspositionen innerhalb Sachsens. Nachdem Mutschmann von Amts wegen versuchte, die Geschäfte des Ministerpräsidenten zu kontrollieren, beendete der „Röhm-Putsch“ im Sommer 1934 den Zwist. Mutschmann erwies sich als Sieger, Killinger wurde zunächst in ein Konzentrationslager verbracht und später im Auswärtigen Dienst „abserviert“. Anfang 1935 ernannte Hitler Mutschmann zum Ministerpräsidenten, der damit die Position des Partei-Gauleiters, des Reichsstatthalters und des Ministerpräsidenten in einer Person vereinigte. Darüber hinaus sicherte sich Mutschmann, seit 1933 Ehrenführer der SA bei der SA-Standarte 100, mit Übernahme der Funktion eines SA-Obergruppenführers die Loyalität von Killingers ehemaliger Parteiarmee.

Politisches Programm[Bearbeiten]

Mutschmann war ein besonderer Verfechter der nationalsozialistischen Ideologie. Besonderen Hass entwickelte er gegen die Vertreter des demokratischen Systems und Juden. Er setzte alle Kraft für deren Vertreibung oder Vernichtung ein. Dies galt auch Menschen, die er persönlich kannte. So ließ er Hermann Liebmann, den ehemaligen sächsischen Innenminister und SPD-Vorsitzenden von Leipzig, 1933 in Haft nehmen und sorgte dafür, dass er ständig misshandelt wurde. Liebmann starb direkt nach der Entlassung an den Folgen dieser Folterungen im September 1935. Nach der Machtergreifung konnte sich der Antisemitismus frei entfalten. Zusammen mit Julius Streicher hetzte Mutschmann für „judenreine“ Dresdener Wohnbezirke. Im Dresdener Landtagsgebäude machte Mutschmann zusammen mit SS-Männern und vorgehaltener Pistole Jagd auf NS-abtrünnige Parteigenossen und Mitglieder anderer Parteien. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Karl Böchel musste nach Misshandlungen in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Ein jüdischer Parlamentsjournalist überlebte Mutschmanns Jagd knapp. Ebenso wenig scheute sich Mutschmann, das mörderische Handeln der Wachmannschaften der ersten Konzentrationslager, z. B. die des KZ Hohnstein, zu legitimieren und diese sogar anzufeuern. Ob Mutschmann direkten oder indirekten Einfluss auf die Ermordung von Hermann Liebmann, Eugen Fritsch und Julius Brandeis hatte, bleibt ungeklärt. Als Personen der Wachmannschaften des KZ Hohenstein wegen der dort vorgefallenen Morde und Misshandlungen vor dem Landgericht Dresden angeklagt wurden, setzte sich Mutschmann erfolgreich bei Hitler für die vorzeitige Entlassung der Täter ein.

Seine untersetzte Gestalt, sein uncharismatisches, mitunter jähzorniges Auftreten sowie seine sächsische Mundart bildeten eine Grundlage für Spötteleien und Karikaturdarstellungen, gegen die er sich vehement wehrte. Mutschmann galt als selbstherrlich und egozentrisch. Er wurde vom Volk als König Mu(h) bezeichnet. Auf sein Betreiben hin galt aber paradoxerweise Sächsisch als unheldisch.

Mutschmann war Jäger und bekleidete das Amt des Gaujägermeisters für das Land Sachsen. Im Tharandter Wald wurde auf seinen Befehl hin im Jagdschloss Grillenburg 1936 der Sächsische Jägerhof eingerichtet und dazu 1938/39 das Neue Jägerhaus als Gästehaus gebaut. Weil Mutschmann dieses Gebäude mitunter auch gern privat nutzte, wurde es im Volksmund ebenso wie auch sein Dresdner Wohnsitz als „Mutschmann-Villa“ betitelt.

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten]

Als der Zweite Weltkrieg begann, wurde Mutschmann zusätzlich zu seinen zahlreichen Posten auch noch Reichsverteidigungskommissar. Vorher war er schon für die Umstellung aller sächsischen Industriebetriebe auf die Produktion von kriegswichtigen Gütern zuständig gewesen. Während des Krieges vernachlässigte er den Bau von Luftschutzbunkern, ließ sich allerdings 1943 an seinem Dresdner Wohnsitz Comeniusstraße 32 einen Privatbunker errichten. Im Dezember 1944 erklärte er Dresden zum Verteidigungsbereich. Nach den Luftangriffen vom 13. und 14. Februar 1945, bei dem seine Villa ausgebombt worden war, führte Mutschmann die Geschäfte als Reichsstatthalter von Sachsen in Grillenburg aus und die des Gauleiters in seinem provisorischen Befehlsstand im Lockwitzgrund bei Dresden.[5] Einen Unterstützer dieser Idee fand der Gauleiter bei Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner, dessen Heeresgruppe Mitte auf dem Gebiet Sachsens und Böhmens aufmarschiert war. Ab März 1945 wurde Mutschmann der Korvettenkapitän Werner Vogelsang als militärischer Berater zur Seite gestellt, der zugleich Stellvertreter des Gauleiters wurde. Noch im April 1945 befahl Mutschmann Schüler zum Stellungsbau in der Dresdner Altstadt und erklärte am 14. April 1945 Dresden zur Festung. Am 17. April 1945, als die US-Armee zum Sturm auf Leipzig ansetzte und die Rote Armee in Ostsachsen stand, rief er zum Widerstand auf und zur Fortsetzung des Kampfes „bis zum Letzten“. Jede Zuwiderhandlung gegen diese Order, z. B. das Heraushängen von weißen Tüchern, wertete Mutschmann als Landesverrat, der mit dem Tod gesühnt wurde. Bis Kriegsende gab es in Sachsen noch Dutzende derartiger Todesurteile gegen eigene Soldaten und Zivilisten.[6] Ende April 1945 betraute Mutschmann seinen Stellvertreter mit der Aufstellung von Widerstandsgruppen nach Wehrwolf-Methoden, die den Kampf verdeckt weiterführen sollten. Als Vogelsang diese Idee für nicht realisierbar hielt, beschimpfte ihn Mutschmann als „Kapitulanten“. Am 1. Mai 1945, dem Tag der Arbeit, demonstrierte Mutschmann in Meißen an seinem letzten öffentlichen Auftritt erneut Kampfbereitschaft. Vier Tage später versammelte er im Lockwitzgrund seine Kreisleiter, denen er u. a. die Vernichtung aller wichtigen Dokumente verordnete. Außerdem befahl er, die Ordnung bis zum letzten Tag aufrechtzuerhalten und die Versorgung der Flüchtlinge zu klären. Drei Tage später rief er im Freiheitskampf dazu auf, nicht eher zu ruhen, bis der „verhasste und mitleidlose Feind vernichtet oder vertrieben worden“[7] sei.

Flucht und Verurteilung[Bearbeiten]

Am 7. und 8. Mai 1945 wurde Dresden kampflos von der Roten Armee besetzt und Mutschmann floh am 8. Mai mit seinem Vertrauten Werner Schmiedel, NS-Wirtschaftsführer und Direktor der staatlichen Aktiengesellschaft Sächsische Werke (ASW), aus der Stadt. Am Morgen des 9. Mai wurden sie von Einheiten der Roten Armee in Glashütte überrascht. Beide konnten sich jedoch in die nahen Wälder retten. Einen Tag später machten sie sich zu Fuß auf den Weg nach Grillenburg. Da dieser Ort bereits von der Roten Armee besetzt war, versteckten sie sich drei Tage in einer Jagdhütte außerhalb des Ortes.[8] Am Morgen des 14. Mai entschlossen sich die beiden Männer, der Gauregierung und seiner Frau in das 90 Kilometer entfernte Oberwiesenthal zu folgen. Dass der 66-jährige physisch schwer gezeichnete Mutschmann diese Strecke binnen eines Tages zu Fuß zurückgelegt hat, ist zu bezweifeln. Vielmehr geht der Historiker Mike Schmeitzner davon aus, dass die beiden Männer auf ihrer Flucht teilweise ein Fortbewegungsmittel genutzt haben und der Fußmarsch von Mutschmann später nur ausgesagt wurde, um Helfer zu schützen. Am 15. Mai erreichten sie den Ort, trafen aber niemanden an. Mutschmanns persönlicher Referent Eugen Schramm hatte sich schon am 10. Mai aus Angst vor einer sowjetischen Verhaftung per Kopfschuss getötet. Am gleichen Tag beging die mitgereiste Stenotypistin der Gauregierung ebenfalls Suizid. Am 12. Mai wurde auch Martin Hammitzsch mit Kopfschuss tot aufgefunden. Grohé und Mutschmanns Frau hingegen flüchteten weiter. Seine Frau floh erst in Richtung Tellerhäuser und dann weiter nach Rittersgrün, weshalb sie am nächsten Tag in das 5 Kilometer entfernte Tellerhäuser weiterzogen und dort in einem abgelegenen Haus unterkamen.[9] Am frühen Abend des 16. Mai 1945 erfuhr der erst vor wenigen Tagen eingesetzte Oberwiesenthaler Bürgermeister Hermann Klopfer durch einen anonymen Anruf aus Tellerhäuser, dass sich Mutschmann im Haus des Kohlehändlers Kaufmann aufhalte. Am Abend wurde das Haus umstellt und die beiden wurden verhaftet. Am 17. Mai wurde Mutschmann in Annaberg verhört und auf dem Marktplatz öffentlich zur Schau gestellt. Die Anprangerung unter Duldung der sowjetischen Truppen wurde durch eine Rede des KPD-Bürgermeisters Max Schmitt begleitet, in der er zum Ausdruck brachte, dass der Verbrecher endlich gefasst sei.[10] Danach wurde Mutschmann über Chemnitz nach Moskau in das Gefängnis Lubjanka gebracht. Dort wurde er am 22. Juni 1946 vor einem Militärgericht angeklagt, am 30. Januar 1947 zum Tode verurteilt und am 14. Februar 1947 im Gefängnis erschossen.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  • Markante Worte aus den Reden des Gauleiter und Reichsstatthalter Pg. Martin Mutschmann. Aus den Zeiten des Kampfes um die Macht bis zur Vollendung des Grossdeutschen Reiches, Schriftleitung Kurt Haupt, Dresden, Gauverlag 1939.
  • Oskar Kramer: Der Sächsische Jägerhof Grillenburg. In: Mitteilungen des Landesvereines Sächsischer Heimatschutz. Bd. 25, Heft 9/12, 1936, S. 193–210.
  • Walter Bachmann: Grillenburg. In: Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz. Bd. 25, Heft 5/8, 1936, ISSN 0941-1151, S. 97–149.

Film und Ton[Bearbeiten]

  • Gnadenlos mächtig – Sachsens Gauleiter Martin Mutschmann. Dokumentation, Deutschland 2002, 30 Minuten, Buch und Regie: Ernst-Michael Brandt, Produktion: MDR, Erstsendung: 28. Oktober 2007, Inhaltsangabe des MDR.
  • Martin Mutschmann. Reportage in der Sendereihe: Geschichte Mitteldeutschlands, Deutschland, 2007, Produktion: MDR, Inhaltsangabe des MDR.
  • König Mu – der Diktator von Dresden. Gespräch Peter Neumanns mit Mike Schmeitzner über Aufstieg und Fall des Martin Mutschmann. Deutschland, 2012, 55 Minuten, Produktion: MDR 1 Radio Sachsen, Ausstrahlung: 15.  Februar 2012, Inhaltsangabe des MDR.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Martin Mutschmann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Andreas Wagner: Mutschmann gegen von Killinger - Konfliktlinien zwischen Gauleiter und SA-Führer während des Aufstiegs der NSDAP und der Machtergreifung in Sachsen, Sax-Verlag 2001, S. 17.
  2. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 152.
  3. Uwe Lohalm: Völkischer Radikalismus. Die Geschichte des Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes 1919–1923. (= Hamburger Beiträge zur Zeitgeschichte, Band 6), Leibniz-Verlag, Hamburg 1970, S. 317, ISBN 3-87473-000-X.
  4.  Andreas Peschel: Fritz Tittmann – Der „vergessene“ Gauleiter. Eine biografische Skizze (= Sächsische Heimatblätter. Heft 2, Nr. 56). 2010, S. 122–126.
  5. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 49.
  6. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 52.
  7. zitiert nach Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal. Sax-Verlag 2012, S. 54.
  8. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 55f.
  9. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 57-59.
  10. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 63, 66.