Martin Mutschmann

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Martin Mutschmann

Martin Mutschmann (* 9. März 1879 in Hirschberg; † 14. Februar 1947 in Moskau) war ein mittelständischer Unternehmer und Politiker der NSDAP, NSDAP-Gauleiter von Sachsen von 1925 bis 1945. Ab 1930 war er Mitglied des deutschen Reichstags, ab 1933 Reichsstatthalter in Sachsen und zudem ab 1935 sächsischer Ministerpräsident.

Inhaltsverzeichnis

Familie [Bearbeiten]

Faksimilie von Martin Mutschmann. Ohne Fleiß keinen Preis, Ohne Kampf keinen Sieg, Dem Mutigen gehört die Welt.

Mutschmann war der Sohn des Schuhmachermeisters August Louis und seiner Frau Sopie Karoline Henriette geborene Lieber. Sein Vater war Bürgermeister von Göritz. Die Mutter war die Tochter eines Buchmachers aus Rudolstadt. Beide entstammten kleinbürgerlichen Verhältnissen.[1] Sein älterer Bruder Hugo war später Funktionär der NSDAP in Plauen und verheiratet mit Elsa Mutschmann geborene Schleicher. Über dessen Schicksal nach Kriegsende ist nichts bekannt. Die Schwester hieß Klara und heiratete nach Soest. 1909 heiratete Mutschmann die Tochter eines Ziegelei- und Gutsbesitzers. Minna Auguste Mutschmann, geborene Popp (1884–1971), arbeitete zunächst in der Fabrik ihres Mannes. 1927 trat sie der NSDAP bei. Von 1934 bis 1945 war sie aufgrund der Stellung ihres Ehemanns Landesleiterin des Deutschen Roten Kreuzes in Sachsen. Die Ehe blieb kinderlos. Nach ihrer Verhaftung durchlief sie mehrere Gefängnisse und Lager in der sowjetischen Besatzungszone bzw. in der DDR. Von 1946 bis 1950 saß sie im Speziallager Bautzen ein. Von dort wurde sie im Februar 1950 in das Zuchthaus Waldheim verbracht und war später Angeklagte im Waldheimer Prozess. Sie wurde am 16. Juni 1950 zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilt. 1952 wurde die Strafe durch einen generellen Gnadenerweis durch Wilhelm Pieck auf zehn Jahre verkürzt. Am 31. Dezember 1955 wurde die 71-jährige aus ihrer Haft entlassen und kam in einem Altersheim in Dießbar-Seußlitz unter. 1957 reiste sie in die BRD aus und kam bei einem Schwager unter. 1971 starb sie in Jülich ohne je vom Tod ihres Mannes erfahren zu haben. Bis zuletzt hatte sie auf die Rückkehr Mutschmanns gehofft.[2]

Biographie [Bearbeiten]

Jugend und Ausbildung [Bearbeiten]

Die Plauener Handelsschule (links) in der Melanchtonstraße um 1905.

Mutschmann entstammte einer proletarisch-kleinbürgerlichen Handwerkerfamilie. Das mangelnde Arbeitsplatzangebot in dem ländlich geprägten Hirschberg zwang die Familie in die Textil- und Spitzenmetropole Plauen zu ziehen.[1] Dort besuchte er ab 1885 die evangelisch-lutherische Bürgerschule. Im Anschluss hieran absolvierte Mutschmann von 1894 bis 1896 die Plauener Handelsschule und begann zugleich, der handwerklichen Tradition seiner Familie folgend, eine Ausbildung zum Stickermeister. Nach deren erfolgreichen Abschluss arbeitete er sich rasch empor. Vom Lagerchef und Abteilungsleiter in verschiedenen Spitzen- und Wäschefabriken in Plauen, Herford und Köln stieg Mutschmann bald zum Geschäftsführer eines mittelständigen Unternehmens auf. Seinen Militärdienst absolvierte er von 1901 bis 1903 beim 3. Unter-Elsässischen Infanterie-Regiment Nr. 138 in Straßburg.

Gründerjahre [Bearbeiten]

1907 gründete der 28-jährige Mutschmann zusammen mit Karl Eisentraut die Plauener Spitzenfabrik Mutschmann & Eisentraut. Die Firma bezog ihren Sitz in der Bärenstraße 61. In dieser Firma waren Anfangs zwischen 25 und 30 Beschäftigte eingesetzt. In den Folgejahren beteiligte sich Mutschmann an weiteren Regionalunternehmen. Nach Eigenangaben Mutschmanns beschäftigte er während dieser Zeit etwa 500 Arbeiter. Der jährliche Umsatz inklusive Exportgeschäft belief sich umgerechnet auf bis zu einer Million Reichsmark. 1912/1913 erlitt die Plauener Spitzenbranche einen weltweiten Absatzeinbruch. Begünstigt wurde dieser durch die Balkankriege, die hohen Zollschranken in den Vereinigten Staaten sowie durch einen Wechsel des herrschenden Modetrends. Auch die Spitzenfabrik Mutschmann & Eisentraut blieb davon nicht verschont. Die Insolvenz blieb den beiden Geschfäftsführern trotz enormener wirtschaftlicher Probleme jedoch erspart.

Die Plauener Spitzenunternehmer einschließlich Mutschmann fanden in den aus Osteuropa stammenden Juden, die in der Spitzenbranche Fuß gefasst hatten, schnell ihren Sündenbock. Insbesondere richtete sich dieser Hass auf all jene „Ostjuden“, die derartige Ramscherfirmen betrieben und damit Billigwaren anbieten konnten. Die Situation spitzte sich weiter zu, als die „Altmeister“ ihres Faches zusammen mit der Plauener Ortsgruppe der antisemitischen Deutschsozialen Partei schärfere Maßnahmen gegen diese „jüdischen Ramscher“ forderte. Da der Plauener Oberbürgermeister Julius Dehne nicht auf diese Forderungen reagierte, kündigte die Gegenseite ihrerseits „Selbsthilfe“ an. Diese „Selbsthilfe“ entlud sich im August 1914 im Ramscherkrieg. Antisemitische Ausbrüche Mutschmanns hatte es jedoch bereits vor 1914 gegeben. Walther Funk, der als Stickermeister und Geschäftsführer eines Spitzengeschäfts in Plauen persönlichen Kontakt zu Mutschmann pflegte, erinnerte sich in seinen Aufzeichnungen, dass Mutschmann sich bei gelegentlichen Judenhetzen besonders hervor getan habe. Funk gibt weiter dazu an, dass Mutschmann größeren jüdischen Kunden mit Unterwürfigkeit begegnete, andererseits aber gegenüber kleineren und ärmeren jüdischen Händlern recht brutal sein konnte.

Mutschmanns erste öffentliche antisemitische Entgleisung erfolgte im Zusammenhang mit dem Ramscherkrieg vom 2. bis 3. August 1914. In diesen Tagen verübte eine über den Kriegsausbruch erregte und aufgehetzte Volksmenge in Plauen Gewalttätigkeiten und Bedrohungen gegenüber jüdischen Geschäftsinhabern. Die Eskalation konnte nur durch ein massives Polizeiaufgebot unterdrückt werden. In einem Einzelfall wurde ein Geschäftshaus durch Militär unter Verkündung des Standrechts bewacht. Nach Funk wurde Mutschmann in diesem Zusammenhang als Inspirator der Judenprogrome in der Plauener Forststraße benannt, in welcher eine größere Anzahl jüdischer Geschäftsleute wohnte. Obwohl der Plauener Oberbürgermeister Dehme die Pogrome am 4. August 1914 auf schärfste verurteilte, kam es zu keiner Anklage gegen die Beteiligten.

Erster Weltkrieg [Bearbeiten]

Mutschmann selbst wurde am 4. August 1914 zum Militärdienst einberufen und dem Reserve-Infanterie-Regiment 133 zugeteilt. Das Regiment war zunächst in der Festung Posen stationiert und blieb bis Kriegsende an der Ostfront im Einsatz. Zu einem unbekannten Zeitpunkt muss Mutschmann dieses Regiment verlassen haben, da er im April 1916 an der Westfront vor Verdun verwundet wurde. Im Dezember 1916 konnte er als kriegsuntauglich eingestuft nach Plauen zurückkehren. Mutschmann im Range eines Gefreiten war Inhaber des Eisernen Kreuzes II. Klasse und der Friedrich-August-Medaille. Bis heute halten sich Vermutungen, ob Mutschmann nicht aufgrund seiner zugezogenen Verwundung ausgemustert wurde, sondern dass simulierte Krankheitsbilder ihn vor weiteren Feldverwendung bewahrten. Mutschmann selbst gab dazu später an, dass er aufgrund einer chronischen Nierenentzündung aus der Armee entlassen wurde. Darüber hinaus berichtet Funk, dass Mutschmann zusammen mit seiner Frau anonymisierte Eingaben bei Behörden getätigt haben soll, um seine Rückberufung nach Plauen sowie die Einziehung seines Geschäftspartners Eisentraut zu erwirken. Eisentraut, der die Geschäfte des gemeinsamen Unternehmens weiterbetrieben hatte, wurde dann tatsächlich gegen Kriegsende zum Militärdienst eingezogen und ist gefallen. Damit stieg Mutschmann zum alleinigen Geschäftsführer der Firma auf, die er bis Kriegsende mit Schiebergeschäften vor dem Bankrott bewahrt haben soll.

Weimarer Republik [Bearbeiten]

1919 fand Mutschmann seinen Weg in die Politik. Der Kriegsausgang sowie die vermeintliche Bedrohung einer jüdischen Hochfinanz bewegten Mutschmann zum Beitritt des organisierten deutschen Antisemitismus. Erste Station war 1919 sein Beitritt zum Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund, wo er im Vogtland tätig war. 1922 trat er der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) mit der Mitgliedsnummer 5346 bei. Bis dahin war er gleichzeitig in beiden Organisationen tätig.[3] In den Nachkriegswirren verschmolz Mutschmanns Antisemitismus mit dem des Anti-Marxismus, dessen Gründe in der neuen politischen Situation in Sachsen zu suchen sind. So wurde im März 1919 der aus dem jüdischen Bürgertum stammende Georg Gradnauer zum sächsischen Ministerpräsidenten ernannt. Die folgenden Übergriffe des Rätekommunisten Max Hoelz im Vogtland ließen in Mutschmann die Erkenntnis reifen, dass der Marxismus sowie das Judentum den „Niedergang Deutschlands“ bedeuten würden. Der Sieg der roten Arbeiterbewegung in Sachsen und die ökonomischen Probleme im Nachkriegsdeutschland sorgten dafür, dass sich der Textilunternehmer politisch radikalisierte.

In der in Sachsen 1921 gegründeten NSDAP machte Mutschmann rasch Karriere. Profitieren konnte er dabei von seinen unternehmerischen Vernetzungen. Mutschmanns wachsender Machthunger machte auch vor innerparteilichen Mitgliedern nicht halt. Sein erstes Opfer war der der 1. Vorsitzende der sächsischen NSDAP Fritz Tittmann, den er zunächst aus der Führung und anschließend aus Sachsen drängen konnte. Karrierefördernd wirkten sich Mutschmanns frühe Verbindungen zu Hitler aus, den er 1924 in Haft besuchte und zu dessen frühen Geldgebern er zählte. Während des Verbotes der NSDAP gründete Mutschmann in Sachsen den Völkischen Block. Nach der erneuten Gründung der NSDAP wurde Mutschmann von Hitler im Juni 1925 zum Gauleiter für Sachsen ernannt. Zugleich überführte er seinen Völkischen Block in die Partei. Den Aufbau der sächsischen NSDAP delegierte Mutschmann von Plauen aus, wo sich der Sitz der Gauleitung befand. Angeblich finanzierte er mit den Erlösen seiner Firma die Wahlkämpfe der Partei. Mit angeblichen weiteren großzügigen Geldspenden sicherte er sich eine Karriere in der NSDAP. Der Gau Sachsen wurde nach der Mitgliederzahl einer der größten der NSDAP. Im Sommer 1930 gründete Mutschmann die Tageszeitung Der Freiheitskampf. 1930 ging Mutschmanns Firma aufgrund der Weltwirtschaftskrise in Konkurs und stürzte den ehemaligen Fabrikbesitzer in wirtschaftliche Nöte. Verantwortlich für den Zusammenbruch waren für Mutschmann die „Juden und Marxisten“. Zugleich baute er während dieser Zeit seine innerparteiliche Stellung weiter aus.

Im September 1930 wurde Mutschmann Reichstagsabgeordneter für den Wahlkreis 30 Chemnitz-Zwickau. In der dortigen NS-Fraktion übernahm er das Sachgebiet Handel und Industrie während er dem interfraktionellen Reichstagsausschuss für Handelspolitik angehörte. In Sachsen unterhielt Mutschmann freundschaftliche Kontakte zu Gregor Strasser. Im Juli 1932 ernannte dieser Mutschmann zum Landesinspekteur der neu geschaffenen NS-Reichsinspektion. Innerhalb der sächsischen NSDAP war Manfred von Killinger Mutschmanns schärfster Rivale. Killinger, seit 1929 Chef der sächsischen SA und Fraktionsführer der NSDAP in Sachsen, stieg 1932 zum Inspekteur Ost der Obersten SA-Führung auf. In seiner steigenden Popularität erblickte der bis dato unangefochtene Mutschmann einen mächtigen Widersacher.

Drittes Reich [Bearbeiten]

Martin Mutschmann mit Adolf Hitler auf der Leipziger Frühjahrsmesse 1934
Mutschmann links neben Goebbels

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933 bezichtigte Mutschmann seinen Förderer Strasser öffentlich als Juden. Strasser war im Dezember 1932 von all seinen Ämtern zurückgetreten (siehe Strasser-Krise). Mutschmann nutzte die Situation zu seinen Gunsten aus, indem er Hitler gegenüber die „Strasser-Verschwörung“ aufgedeckt und ihm offenbart hatte. Damit hatte Mutschmann sein Vertrauensverhältnis zu Hitler gestärkt. Nach dem Verlust des Titels des Landesinspekteurs von Sachsen und Thüringen infolge des organisatorischen Umbaus der Reichsparteistruktur wurde Mutschmann am 5. Mai 1933 neben seinem Posten als Gauleiter der NSDAP auch Reichsstatthalter von Sachsen. Zwischen ihm und dem aus dem Freikorps stammenden redegewandten SA-Führer und nun sächsischen Ministerpräsidenten Manfred von Killinger verschärfte sich der Machtkampf um die Führungspositionen innerhalb Sachsens. Der Machtkampf eskalierte, als Mutschmann von Amts wegen versuchte, die Geschäfte des Ministerpräsidenten zu kontrollieren. Der Röhm-Putsch im Sommer 1934 beendete den Zwist, aus dem Mutschmann als Sieger hervorgehen konnte. Killinger wurde zunächst in ein Konzentrationslager verbracht und später im Auswärtigen Dienst „abserviert“.

Nach der Machtergreifung konnte sich der Antisemitismus frei entfalten. Zusammen mit Julius Streicher hetzte Mutschmann für „judenreine“ Dresdner Wohnbezirke. Im Dresdner Landtagsgebäude machte Mutschmann zusammen mit SS-Männern und vorgehaltener Pistole Jagd auf NS-abtrünnige Parteigenossen und Mitglieder anderer Parteien. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Karl Böchel musste nach Misshandlungen in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Ein jüdischer Parlamentsjournalist überlebte Mutschmanns Jagd knapp. Ebenso wenig scheute sich Mutschmann, das möderisches Handeln der Wachmannschaften von den ersten Konzentrationslagern, z.B. die des Konzentrationslagers Hohenstein, zu legimitieren und diese sogar anzufeuern. Ob Mutschmann direkten oder indirekten Einfluss auf die Ermordung von Hermann Liebmann, Eugen Fritsch und Julius Brandeis hatte, bleibt ungeklärt. Als Personen der Wachmannschaften des KZ Hohenstein wegen der dort vorgefallenen Morde und Misshandlungen vor dem Landgericht Dresden angeklagt wurden, setzte sich Mutschmann erfolgreich bei Hitler für die vorzeitige Entlassung der Täter ein.

Anfang 1935 hatte Mutschmann sein Ziel erreicht, als Hitler ihm das Amt des Ministerpräsidenten überantwortete. Damit vereinigte er die Position des Partei-Gauleiters, des Reichstatthalters und des Ministerpräsidenten in einer Person. Darüber hinaus sicherte sich Mutschmann, seit 1933 Ehrenführer der SA bei der SA-Standarte 100, mit Übernahme der Funktion eines SA-Obergruppenführers die Loyalität von Killingers ehemaliger Parteiarmee.

Mutschmann war ein besonderer Verfechter der nationalsozialistischen Ideologie. Besonderen Hass entwickelte er gegen die Vertreter des demokratischen Systems und Juden. Er setzte alle Kraft für deren Vertreibung oder Vernichtung ein. Dies galt auch Menschen, die er persönlich kannte. So ließ er Hermann Liebmann, den ehemaligen sächsischen Innenminister und SPD-Vorsitzenden von Leipzig, 1933 in Haft nehmen und sorgte dafür, dass er ständig misshandelt wurde. Liebmann starb direkt nach der Entlassung an den Folgen dieser Folterungen im September 1935. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde Mutschmann zusätzlich zu seinen zahlreichen Posten auch noch Reichsverteidigungskommissar. Vorher war er schon für die Umstellung aller sächsischen Industriebetriebe auf die Produktion von kriegswichtigen Gütern zuständig gewesen.

Seine untersetzte Gestalt, sein uncharismatisches, mitunter jähzorniges Auftreten sowie seine sächsische Mundart bildeten eine Grundlage für Spötteleien und Karikaturdarstellungen, gegen die er sich vehement wehrte. Mutschmann galt als selbstherrlich und egozentrisch. Er wurde vom Volk als König Mu(h) bezeichnet. Auf sein Betreiben hin galt aber paradoxerweise Sächsisch als unheldisch.

Mutschmann war Jäger und bekleidete das Amt des Gaujägermeisters für das Land Sachsen. Im Tharandter Wald wurde auf seinen Befehl hin im Jagdschloss Grillenburg 1936 der Sächsische Jägerhof eingerichtet und dazu 1938/39 das Neue Jägerhaus als Gästehaus gebaut. Weil Mutschmann dieses Gebäude mitunter auch gern privat nutzte, wurde es im Volksmund ebenso wie auch sein Dresdner Wohnsitz als „Mutschmann-Villa“ betitelt.

Letzte Kriegsmonate [Bearbeiten]

Während des Krieges vernachlässigte er den Bau von Luftschutzbunkern, ließ sich allerdings 1943 an seinem Dresdner Wohnsitz Comeniusstraße 32 einen Privatbunker errichten. Im Dezember 1944 erklärte er Dresden, noch vor den Luftangriffen, zum Verteidigungsbereich. Nach dem 13./14. Februar 1945, bei dem seine Villa ausgebombt worden war, führte Mutschmann die Geschäfte als Reichsstatthalter von Grillenburg und die des Gauleiters in seinem provisorischen Befehlsstand im Lockwitzgrund bei Dresden.[4] Am 24. Februar 1945 nahm Mutschmann an der Gauleiter-Besprechung in Berlin, wo er in seinem Glauben an den Endsieg bestärkt wurde.[5] Einen Unterstützer dieser Idee fand der Gauleiter bei Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner, dessen Heeresgruppe Mitte auf dem Gebiet Sachsens und Böhmens aufmarschiert war. Beide Männer pflegten engen Kontakt zueinander.[6] Da Mutschmann, außer Schörner, keine allzugute Meinung von Militärs hatte, wurde ihm ab März 1945 Korvettenkapitän Werner Vogelsang als militärischer Berater zur Seite gestellt. Vogelsang nahm daneben das Amt des stellvertretenden Gauleiters wahr.[6] Vogelsang gelang es in der Folge nicht, Mutschmann von dem Ernst der Lage zu überzeugen. Noch im April 1945 befahl Mutschmann Schüler zum Stellungsbau in der Dresdner Altstadt und erklärte am 14. April 1945 Dresden zur Festung. Seine Order angesichts der Trümmer lautete: „Halten bis zum Letzten!“. Mutschmann war in diesem Monat überzeugt, dass von „seinem“ Sachsen aus, die entscheidenden Kämpfe ausgehen werden, die letztlich den Sieg Deutschlands bringen würden. Die für die Wehrmacht erfolgreiche Schlacht um Bautzen Ende April 1945 mag dazu beigetragen haben.[7] Die letzten Kriegswochen war Mutschmann damit beschäftigt die Kriegsproduktion am Laufen zu halten und die Lebensmittellage weitestgehend zu stabilisieren. Am 17. April 1945, als die US-Armee auf den Sturm auf Leipzig ansetzte und die Rote Armee in Ostsachsen stand, rief der fanatisierte Mutschmann zum Widerstand auf und den Kampf bis zum letzten fortzusetzen.

Jedwege Widersetzung gegen diese Order, z.B. das Heraushängen von weißen Tüchern, wertete Mutschmann als Landesverrat, der mit dem Tod gesühnt wurde. Dass diese Todesurteile umgesetzt wurden beweist, dass es bis Kriegsende in Sachsen noch Dutzende von Todesurteilen gegen eigene Soldaten und Zivilisten gab.[7] Ende April 1945 erlebte Mutschmanns Umgebung seinen Gauleiter als „kampfeslustig“. Er betraute Vogelsang mit der Aufstellung von Widerstandsgruppen nach Wehrwolf-Methoden, die den Kampf verdeckt weiterführen sollten. Als Vogelsang diese Idee für nicht realisierbar hielt, beschimpfte Mutschmann seinen Stellvertretenden Gauleiter als „Kapitulanten“. Am 1. Mai 1945, dem Tag der Arbeit, hatte Mutschmann seinen letzten öffentlichen Auftritt, den er in Meißen hielt. Dabei demonstrierte er erneut seine Kampfbereitschaft.[8] Am 5. Mai 1945 versammelte Mutschmann im Lockwitzgrund seine Kreisleiter. Von den insgesamt 27 Kreisleitern erschienen nur 15.[9] Auf dieser Sitzung gab Mutschmann die Direktive heraus, die Ordnung bis zum letzten Tag aufrechtzuerhalten und die Versorgung der Flüchtlinge zu klären. Einen Tag zuvor hatte er in der Zeitung „Freiheitskampf“ noch einmal zum Kampf aufgerufen: nicht eher zu ruhen, bis der „verhasste und mitleidlose Feind vernichtet oder vertrieben worden“ sei. In der Gauleiterversammlung wurde ferner die Vernichtung aller wichtigen Dokumente angeordnet.[9] Der Historiker Schmeitzner geht davon aus, dass in dieser Versammlung auch die Order erteilt wurde, dass sich die Gauleitung im Falle der Besetzung der Landeshauptstadt in Altenberg sammeln sollte.

Flucht und Verhaftung [Bearbeiten]

Am 7. und 8. Mai 1945 wurde Dresden kampflos von der Roten Armee besetzt. Vorausgegangen war eine Entscheidung der Wehrmachtsführung, die Einstufung Dresdens als Verteidigungsbereich aufzuheben und die verbliebenen Truppen auf den Erzgebirgskamm zurückzunehmen. An jenem 7. Mai 1945 brach für Mutschmann in seiner Befehlszentrale im Lockwitzgrund seine bisherige Welt zusammen. Gegenüber seinem Gauhauptstellenleiter Alexander Mackowitz sagte er: "Es ist alles verloren.". Für Mutschmann gab es drei Alternativen. Den Suizid, sich den Alliierten ergeben oder fliehen. Mutschmann entschied sich für Letzteres.[10] An seiner Seite befand sich mit dem Gauleiter von Köln-Aachen Joseph Grohé eine weitere hochrangige NS-Person. Der Fluchtplan sah vor, dass die verbliebene Gauleitung nach Altenberg und die Regierung samt seiner Frau nach Oberwiesenthal verbracht werden sollten. Diese brachen am 7. Mai 1945 auf.[11] Mutschmann und sein Vertrauter Werner Schmiedel, NS-Wirtschaftsführer und Direktor der staatlichen Aktiengesellschaft Sächsische Werke (ASW), flohen einen Tag später. Am 8. Mai 1945 setzten sie sich per PKW Richtung Altenberg ab, mussten jedoch bereits in Pirna ein neues Fahrzeug beschaffen. Der weitere Weg über das enge Müglitztal war durch abziehende Wehrmachtseinheiten unpassierbar, so dass Mutschmann und Schmiedel in Glashütte übernachten mussten. Hier wurden die beiden Flüchtigen am Morgen des 9. Mai von Einheiten der Roten Armee überrascht. Mutschmann und Schmiedel konnten sich gerade noch in die nahen Wälder retten und harrten dort bis zum Morgen des 10. Mai 1945 aus. Anschließend machten sie sich zu Fuß auf den Weg nach Grillenburg. Da dieser Ort bereits von der Roten Armee besetzt war, versteckten sie sich drei Tage in einer Jagdhütte außerbalb des Ortes. Während dieser Zeit entledigte sich Mutschmanns seiner Dienstpistole sowie seines Parteiausweises und anderer Dokumente.

Am Morgen des 14. Mai entschlossen sich die beiden Männer, der Gauregierung und seiner Frau in das 90 Kilometer entfernte Oberwiesenthal zu folgen. Dass der 66-jährige physisch schwer gezeichnete Mutschmann diese Strecke binnen eines Tages zu Fuß zurückgelegt hat, wird angezweifelt. Vielmehr geht der Historiker Schmeitzner davon aus, dass die beiden Männern auf ihrer Flucht teilweise ein Fortbewegungsmittel genutzt haben und der Fußmarsch von Mutschmann später nur ausgesagt wurde, um Helfer zu schützen.[12] Am 15. Mai erreichten Mutschmann und Schmiedel Oberwiesenthal, trafen aber weder auf die Gauregierung noch auf Mutschmanns Frau. Mutschmanns persönlicher Referent Eugen Schramm hatte sich schon am 10. Mai aus Angst vor einer sowjetischen Verhaftung per Kopfschuss getötet. Am gleichen Tag beging die mitgereiste Stenotypistin der Gauregierung ebenfalls Suizid. Am 12. Mai wurde auch Martin Hammitzsch mit Kopfschuss tot aufgefunden. Grohé und Mutschmanns Frau hingegen flüchteten weiter. Seine Frau erst in Richtung Tellerhäuser und dann weiter nach Rittersgrün. Diese Fluchtroute muss Mutschmann in Oberwiesenthal erhalten haben, denn dies erklärt, warum die beiden Männer am 16. Mai in das fünf Kilometer entfernte Tellerhäuser weiterflüchteten.[13] Dort kamen die beiden in einem abgelegenen Haus unter. Inzwischen waren Antifa-Suchkommandos Mutschmann und Schmiedel auf den Fersen.

Am frühen Abend des 16. Mai 1945 erfuhr der erst vor wenigen Tagen eingesetzte Oberwiesenthaler Bürgermeister Hermann Klopfer durch einen anonymen Anruf aus Tellerhäuser, dass sich Mutschmann im Haus des Kohlehändlers Kaufmann aufhielte. Gegen 20 Uhr an diesem Abend fuhren zwei Autos mit neun Personen von Oberwiesenthal Richtung Tellerhäuser, darunter drei Gendarmen. Sie umstellten das Haus und verhafteten Mutschmann und Schmiedel. Kurz vor Mitternacht des 16. Mai wurden beide nach Oberwiesenthal verbracht und am frühen Morgen des 17. Mai durch Paul Schwarzer (KPD), einen Vertreter der Kreisverwaltung Annaberg, dorthin verbracht.[14] In Annaberg wurde Mutschmann intensiv verhört. Noch am selben Tag wurde der ehemalige Gauleiter auf dem Annaberger Marktplatz öffentlich zur Schau gestellt. Die Anprangerung unter Duldung der sowjetischen Truppen wurde durch eine Rede des Annaberger Bürgermeisters Max Schmitt (KPD) begleitet, in welcher er zum Ausdruck brachte, dass der Verbrecher endlich gefasst sei. Schmitt ging es hierbei jedoch mehr um die Demütigung und Demontage Mutschmanns.[15]

Nachkriegszeit [Bearbeiten]

Danach wurde Mutschmann über Chemnitz nach Moskau in das Gefängnis Lubjanka gebracht. Dort wurde er am 22. Juni 1946 vor einem Militärgericht angeklagt, am 30. Januar 1947 zum Tode verurteilt und am 14. Februar 1947 im Gefängnis erschossen.

Literatur [Bearbeiten]

  • Agatha Kobuch: Mutschmann, Martin. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 18, Duncker & Humblot, Berlin 1997, ISBN 3-428-00199-0, S. 659 f. (Digitalisat).
  • Walter Bachmann: Grillenburg. In: Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz. Bd. 25, Heft 5/8, 1936, ISSN 0941-1151, S. 97–149.
  • Oskar Kramer: Der Sächsische Jägerhof Grillenburg. In: Mitteilungen des Landesvereines Sächsischer Heimatschutz. Bd. 25, Heft 9/12, 1936, S. 193–210.
  • Andreas Wagner: Mutschmann gegen von Killinger. Konfliktlinien zwischen Gauleiter und SA-Führer während des Aufstiegs der NSDAP und der „Machtergreifung“ im Freistaat Sachsen. Sax-Verlag, Beucha 2001, ISBN 3-934544-09-6.
  • Mike Schmeitzner, Andreas Wagner (Hrsg.): Von Macht und Ohnmacht. Sächsische Ministerpräsidenten im Zeitalter der Extreme 1919–1952. Sax-Verlag, Beucha 2006, ISBN 3-934544-75-4.
  •  Erich Stockhorst: 5000 Köpfe. Wer war was im Dritten Reich. Arndt, Kiel 2000, ISBN 3-88741-116-1.
  • Oliver Reinhard: Tod in der Lubjanka. In: Sächsische Zeitung (Kultur), 4. Oktober 2011.
  • Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann. Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal. Sax-Verlag, Beucha u. a. 2011, ISBN 978-3-86729-090-6.
  • Mike Schmeitzner: Martin Mutschmann und Manfred von Killinger. Die "Führer der Provinz", in: Christine Pieper, Mike Schmeitzner, Gerhard Naser (Hrsg.): Braune Karrieren. Dresdner Täter und Akteure im Nationalsozialismus. Sandstein-Verlag, Dresden 2012, S. 22-31, ISBN 978-3-942422-85-7.

Film und Ton [Bearbeiten]

  • Gnadenlos mächtig – Sachsens Gauleiter Martin Mutschmann. Dokumentation, Deutschland 2002, 30 Min., Buch und Regie: Ernst-Michael Brandt, Produktion: MDR, Erstsendung: 28. Oktober 2007, Inhaltsangabe des MDR.
  • Martin Mutschmann. Reportage (Reihe: Geschichte Mitteldeutschlands), Deutschland, 2007, Produktion: MDR, Inhaltsangabe des MDR.
  • König Mu – der Diktator von Dresden. Gespräch Peter Neumanns mit Mike Schmeitzner über Aufstieg und Fall des Martin Mutschmann. Deutschland, 2012, 55 Min., Produktion: MDR 1 Radio Sachsen, Ausstrahlung: 15. Februar 2012, Inhaltsangabe des MDR.

Weblinks [Bearbeiten]

 Commons: Martin Mutschmann – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. a b Andreas Wagner: Mutschmann gegen von Killinger - Konfliktlinien zwischen Gauleiter und SA-Führer während des Aufstiegs der NSDAP und der Machtergreifung in Sachsen, Sax-Verlag 2001, S. 17.
  2. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 152.
  3. Uwe Lohalm: Völkischer Radikalismus. Die Geschichte des Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes 1919–1923. (= Hamburger Beiträge zur Zeitgeschichte, Band 6), Leibniz-Verlag, Hamburg 1970, S. 317, ISBN 3-87473-000-X.
  4. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 49.
  5. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 50.
  6. a b Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 51.
  7. a b Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 52.
  8. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal. Sax-Verlag 2012, S. 53.
  9. a b Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal. Sax-Verlag 2012, S. 54.
  10. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 55.
  11. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 56.
  12. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 57.
  13. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 59.
  14. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 63.
  15. Mike Schmeitzner: Der Fall Mutschmann - Sachsens Gauleiter vor Stalins Tribunal', Sax-Verlag 2012, S. 66.