Gregor Strasser

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Gregor Strasser (1928), Aufnahme aus dem Bundesarchiv

Gregor Strasser, andere Schreibweise auch Straßer (* 31. Mai 1892 in Geisenfeld; † 30. Juni 1934 in Berlin), war ein deutscher Politiker der NSDAP. Als nationalistisch gesinnter Kriegsveteran und Paramilitär trat er 1921 in die Partei ein, beteiligte sich aktiv am missglückten Hitlerputsch und stieg bei der Neugründung der Partei 1925 zu einem führenden Politiker der Bewegung auf. Trotz sich früh abzeichnender ideologischer und realpolitischer Differenzen mit Adolf Hitler wurde er von diesem erst zum Reichspropagandaleiter und 1928 zum Reichsorganisationsleiter ernannt. In dieser Position, die der Tätigkeit eines Generalsekretärs gleichkam, erlangte er eine für Hitler bedrohliche Machtposition, die 1932 in der Strasser-Krise mündete. Trotz Strassers freiwilligem Rückzug und der Versicherung, sich politisch nicht mehr betätigen zu wollen, fiel er 1934 im Rahmen des „Röhm-Putsches“ der Ausschaltung vermeintlicher oder tatsächlicher Gegenspieler Hitlers zum Opfer.

Leben[Bearbeiten]

Herkunft, Ausbildung und Militär[Bearbeiten]

Gregor Strasser wurde 1892 als ältestes von fünf Kindern des bayerischen Juristen und Staatsbeamten Peter Strasser (1855-1928) und seiner Ehefrau Pauline Strobel (1873-1943) geboren. Zu Gregors Geschwistern zählten der Benediktinermönch Bernhard Strasser (1895–1981) und Otto Strasser (1897–1974), der die politische Laufbahn seines Bruders einige Jahre lang begleitete. Strassers Schwester Olga und der jüngste Bruder Anton „Toni“ (1906–1943), der Anwalt wurde und im Zweiten Weltkrieg umkam, spielten dagegen politisch keine Rolle.

Seine Kindheit verbrachte Strasser in der oberbayerischen Marktgemeinde Geisenfeld und im mittelfränkischen Windsheim. Nach seinem Abitur machte er von 1910 bis 1914 in der Marien-Apotheke in Frontenhausen eine Lehre zum Drogisten. 1914 begann er an der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Studium der Pharmazie, das er noch im selben Jahr aussetzte, um als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teilzunehmen. Er kämpfte mit dem 1. Fußartillerie-Regiment „vakant Bothmer“ der Bayerischen Armee an der Westfront. 1918 wurde er im Rang eines Oberleutnants, ausgezeichnet mit dem Militärverdienstordens sowie beiden Klassen des Eisernen Kreuzes, aus der Armee entlassen.

Nach seiner Rückkehr in die Heimat zum Jahresende 1918 nahm Strasser sein kriegsbedingt unterbrochenes Studium an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen wieder auf. Im Mai 1919 schloss er sich zusammen mit seinem Bruder Otto dem Freikorps Epp an, mit dem er sich an der Zerschlagung der Münchner Räterepublik beteiligte. Im selben Jahre legte Strasser sein Staatsexamen ab, das er mit der Note „sehr gut“ bestand. Nach einer kurzen Volontärzeit in Traunstein ließ Strasser sich 1920 in Landshut nieder, wo er eine Medizinaldrogerie übernahm. Im selben Jahr heiratete er Else Vollmuth (1893–1982), die Tochter des wohlhabenden Holzwarenfabrikanten Lorenz Vollmuth. Aus der Ehe gingen die am 7. Dezember 1920 geborenen Zwillinge Günter und Helmut hervor, die am 30. Juli 1941 bzw. am 27. Mai 1942 in Russland starben.

1919 beteiligte Strasser sich an der Gründung des Nationalverbandes deutscher Soldaten. Aus diesem Verband, der andernorts kaum Bedeutung erlangte, entstand in Landshut das von Strasser geführte „Sturmbataillon Niederbayern“. Dem Sturmbataillon gehörten zeitweise bis zu 2.000 Mann an, darunter auch der junge Heinrich Himmler, der zeitweise als Adjutant Strassers fungierte. Mitte März 1920 stand Strassers Freikorps zur Teilnahme am gescheiterten Kapp-Putsch bereit. Zum selben Zeitpunkt kommandierte sein Bruder Otto auf der Gegenseite eine „Rote Hundertschaft“, um den Staatsstreich zu bekämpfen.

Karriere in der frühen NSDAP[Bearbeiten]

1921 stieß Strasser mit seinem „völkischen Wehrverband“ – wie sich nationalistische paramilitärische Gruppen in den 1920er Jahren nannten – zur ein Jahr zuvor in München gegründeten NSDAP. Im November 1923 beteiligte er sich aktiv am missglückten Hitlerputsch. Nachdem er zunächst unbehelligt geblieben war, wurde er im Februar 1924 aufgrund seiner anhaltenden Betätigung für die verbotene NSDAP in Haft genommen. In einem Sonderverfahren zum Hochverratsprozess gegen Adolf Hitler wurde er daraufhin vom Volksgericht München I im April 1924 zu eineinhalb Jahren Festungshaft in der Justizvollzugsanstalt Landsberg verurteilt. Bereits nach wenigen Wochen wurde Strasser wieder aus der Haft entlassen, da er am 4. Mai 1924 für den NS-nahen „Völkischen Block“ in den bayerischen Landtag gewählt wurde. Am 7. Dezember 1924 errang er ein Mandat zum dritten Reichstag für die Listenverbindung Deutschvölkische Freiheitspartei/Nationalsozialistische Freiheitsbewegung, die als Ersatzorganisation der verbotenen NSDAP diente. Strasser behielt diesen Abgeordnetensitz bis Dezember 1932.

Nach der Wiedergründung der NSDAP durch Hitler am 26. Februar 1925 im Münchner Bürgerbräukeller wurde Strasser eines der ersten Mitglieder der neuen NSDAP (Mitgliedsnr. 9) und erster Gauleiter von Niederbayern/Oberpfalz und nach der Teilung des Gaus vom 1. Oktober 1928 bis 1929 von Niederbayern. Gemeinsam mit seinem Bruder Otto entwickelte er ein eigenständiges ideologisches Profil gegenüber dem völkisch-nationalen Parteiflügel. Die Brüder verfochten – zunächst gemeinsam mit Joseph Goebbels – einen „linken“, d. h. antikapitalistischen, sozialrevolutionären Kurs der NSDAP, mit dem die Arbeiterschaft für die Partei gewonnen werden sollte. Strasser unterstützte daher teilweise Streiks der sozialdemokratischen Gewerkschaften, forderte die Verstaatlichung von Industrie und Banken und trat bei allem Festhalten an einem radikalen Antikommunismus für eine Zusammenarbeit Deutschlands mit der Sowjetunion ein. Mit der im September 1925 gegründeten „Arbeitsgemeinschaft Nordwest“, einem Zusammenschluss der nord- und westdeutschen Gauleiter der NSDAP unter seiner Leitung (Geschäftsführer war Goebbels), hatte Strasser zunächst ein Instrument zur Durchsetzung der sozial- und wirtschaftspolitischen Vorstellungen des linken NSDAP-Flügels geschaffen. Auf einer Führertagung in Bamberg am 14. Februar 1926 setzte sich Hitler erfolgreich gegen die „nationalbolschewistische“ Fraktion durch und beanspruchte die uneingeschränkte Führerschaft innerhalb der NSDAP für sich. Die Auflösung der „Arbeitsgemeinschaft Nordwest“ wurde am 1. Juli 1926 per Richtlinie aus München angeordnet, der Richtungsstreit mit eher bürgerlichen Nationalsozialisten wie z. B. Alfred Rosenberg ging aber weiter. Gemeinsam mit seinem Bruder gründete Strasser im März 1926 den Berliner „Kampfverlag“, der u. a. von 1926 bis 1930 das programmatische Wochenblatt Der Nationale Sozialist herausgab. Um den Gegensatz nicht zu groß erscheinen zu lassen, betonte Strasser in einem Artikel für den Völkischen Beobachter vom 15. Februar 1927, Antisemitismus und Sozialismus seien im Grunde zwei Seiten derselben Medaille:

„Beide, ich halte das für notwendig nochmals zu betonen, sind unter sich weder gegensätzlich noch decken sie einzeln den Begriff des Nationalsozialismus, den ich im Gegenteil als den alle diese Komplexe umfassenden und einschließenden empfinde. Wir sind deshalb, genau gesprochen, nicht nur ‚nationale Sozialisten‘, sondern auch ‚Antisemiten‘, mit einem Wort: ‚Nationalsozialisten‘!“[1]

Strassers Organisationsreformen[Bearbeiten]

Trotz des in Bamberg erstmals offen ausgebrochenen Konflikts setzte Hitler den von ihm weiterhin hoch geschätzten Strasser am 30. Juni 1926 als Reichspropagandaleiter der NSDAP ein, ein Amt, das er bis Anfang 1928 bekleidete. Im Anschluss daran übernahm Strasser den Posten des Reichsorganisationsleiters der NSDAP, den er bis zum Dezember 1932 innehaben sollte.

Strasser reorganisierte in den folgenden Jahren die gesamte Struktur der Partei. Änderungen nahm er dabei sowohl in Hinsicht auf ihre regionale Gliederung, als auch hinsichtlich ihres vertikalen Aufbaus vor: Die NSDAP wurde schrittweise zu einer straff zentralistischen Organisation mit parteieigenem Kontrollapparat und hohem Propagandapotential ausgebaut. Durch sein Organisationsgeschick gelang der NSDAP der Schritt von einer randständigen süddeutschen Splitterpartei zu einer „großdeutschen“ Massenpartei. Die Zahl der Parteimitglieder wuchs von ca. 27.000 (1925) auf über 800.000 (1931). Strasser gelang es insbesondere, die NSDAP in Nord- und Westdeutschland zu einer starken politischen Vereinigung zu entwickeln, die schließlich sogar über eine größere Mitgliederbasis verfügte als Hitlers Parteisektion im Süden.

Den Höhepunkt seiner Laufbahn erreichte Strasser 1932: Nachdem bereits 1930 auf Strassers Drängen hin eine weitreichende Reform der Organisationsstruktur der NSDAP durchgeführt worden war, wurde die Reichsorganisationsleitung – also der Führungsapparat der Partei – mit der Dienstvorschrift der „Politischen Organisation (P. O.)“ der NSDAP vom 15. Juli 1932 endgültig zur wichtigsten Schaltstelle innerhalb der Masse der NSDAP-Gliederungen ausgebaut. Der Reichsorganisationsleiter Gregor Strasser galt zu diesem Zeitpunkt längst als der nach Hitler mächtigste Mann in der Partei: Als Einzelperson galt er als der beliebteste und fähigste Mann im Führungszirkel der NSDAP und als Reichsorganisationsleiter verfügte er nun de facto über die Machtstellung eines Generalsekretärs der NSDAP, ohne diesen Titel zu führen. Bis zur Reichspräsidentenwahl des Jahres 1932 galt Strasser für den Fall einer Regierungsbildung unter Führung der NSDAP allgemein als der aussichtsreichste Anwärter auf den Posten des Reichskanzlers. Hitler selbst wurde bis zu diesem Zeitpunkt öffentlich kaum mit diesem Amt in Verbindung gebracht, hatte es auch nie für sich gefordert. Stattdessen wurde weithin angenommen, dass der „Bohèmien“ Hitler, dem selbst Mitglieder der NS-Führung attestierten, dass er „eine regelmäßige, disziplinierte Gedankenarbeit gar nicht zu leisten“ vermöge,[2] nach seiner Wahl zum Reichspräsidenten, Strasser mit dem Amt des Reichskanzlers betrauen würde: „Gregor Straßer erschien […] als der Mann der praktischen Politik, der die harte Tagesarbeit verrichtete, während der legendäre Führer Adolf Hitler die großen Ziele und Wege der deutschen völkischen Erneuerung aufzeigte.“[3] Den Forschungen des Strasser-Biografen Udo Kissenkötter zufolge „scheint die Möglichkeit einer Kanzlerschaft Hitlers innerhalb der Führungsgremien der NSDAP ernsthaft […] erst in den Tagen nach der [erfolglosen] Wahl […] erwogen worden zu sein.“[4]

Arno Schickedanz warnte 1932 im Zusammenhang mit der damals von vielen in der NS-Führung befürworteten Verstoßung des Stabschefs der SA, Ernst Röhm, vor der gewaltigen Machtfülle Strassers, indem er Hitler als den Führer, Strasser aber als den eigentlichen „Beherrscher“ der Partei identifizierte, dem im Falle einer Ausschaltung Röhms gar kein Gegengewicht mehr im Wege stünde:

„Und doch wird mit der Beseitigung Röhms zugleich der Schicksalsweg der Partei für die Zukunft entschieden, so unglaublich das klingen mag. Verschwindet er, ist niemand mehr da, der auch nur mit der geringsten Aussicht auf Erfolg dieser Gegenseite Paroli bieten kann! Er war es alleine noch, solange er die SA hatte! […] Während alle übrigen entweder ihren Ämtern nachgingen oder sich sonnten [,], froh[,] einmal zu einer ihnen nicht gebührenden Rolle gekommen zu sein, hat einer von langer Hand seine Stellung ausgebaut – Gregor Strasser. In einem Satz: Adolf Hitler ist wohl der Führer der Partei, aber beherrscht wird sie heute schon von Gregor Strasser. Wie die Parallele Moskau zeigt: Schon zu Lebezeiten Lenins […] brachte Stalin die Partei in seine Hände. Auch Gregor Strasser hat die NSDAP. Und wie diese in die Machtstellung im heutigen Staate hineinwächst, so wächst die Stellung Strassers in die Erbfolge herein. Ganz natürlich! Und es wäre die Höhe, wenn Gregor […] je einmal über die Sicherheit im nationalsozialistischen Staate zu entscheiden hätte. Auch über diejenige des Führers! Das einzige Hindernis war noch Röhm – und die SA! Es wird beseitigt werden! Der kleine Doktor spielt gar keine Rolle. Der befindet sich schon längst im Netz. Er mag nach außen krähen so viel er will, gegebenenfalls kann ihm Gregor über Schulz [-…] die Kehle abschnüren! Und Göring – dass ich nicht lache! Und wer sonst noch? Sie werden sich alle beugen, sie tun es ja jetzt schon, wenn sie auch den Drahtzieher im Hintergrunde noch nicht kennen.“[5]

Zu den wichtigsten Mitarbeitern Strassers in der Reichsorganisationsleitung zählten die Reichsinspekteure I und II Paul Schulz (Strassers Stellvertreter) und Robert Ley sowie der Reichsorganisationsleiter II und spätere Reichsarbeitsführer Konstantin Hierl, mit dem er seit 1925 über den Tannenbergbund Kontakt hatte. Des Weiteren der Schlesier Kurt Daluege, der auf Strassers Veranlassung im März 1926 die Gründung der Sturmabteilung Berlin organisiert hatte. Hinzu kamen der Zahnarzt Hellmuth Elbrechter und der ehemalige Generalstäbler Cordemann, die als Strassers Mittelsmänner zu wichtigen Regierungspolitikern wie Heinrich Brüning und Kurt von Schleicher dienten.

Kontakte zu Industriellen[Bearbeiten]

Trotz seiner Reputation als Vertreter der Linken innerhalb der NSDAP verfügte Strasser seit Anfang der dreißiger Jahre über gute Kontakte zu Unternehmerkreisen, deren Vorstellungen von einer Zähmung der NSDAP durch Einbindung in die Regierungsverantwortung er entgegenkam. Die Deutschen Führerbriefe, eine unter dem Einfluss des Industriellen Paul Silverberg stehende Privatkorrespondenz, lobten Strasser im Mai 1932, weil er für einen „Übergang der N.S.D.A.P. von der Opposition zur gouvernementalen Position“ stehe. Um die Regierungsfähigkeit seiner Partei zu beweisen, verkündete Strasser am 20. Oktober 1932 im Berliner Sportpalast das neue „Wirtschaftliche Aufbauprogramm“ der NSDAP. Darin wurden die schrillen antikapitalistischen Töne und die Forderungen nach einer Autarkie Deutschlands deutlich zurückgenommen, wie sie etwa in seinem eigenen „Wirtschaftlichen Sofortprogramm“ noch vom Juli 1932 laut geworden waren. Statt Steuererhöhungen für Reiche forderte er jetzt Steuersenkungen, statt mit Preiskontrollen wollte er die Deflation nun mit einer Freigabe der Preise bekämpfen. Zwar redete er weiterhin einem Agrarprotektionismus und einem Vorrang für deutsche Produkte das Wort, betonte aber gleichzeitig, dass dadurch die Exporte nicht behindert werden dürften. Zur Überwindung der Massenarbeitslosigkeit schlug er vor, die Bindung der Reichsmark an das Gold aufzugeben, die Banken zu verstaatlichen und durch eine massive Kreditaufnahme der öffentlichen Hand öffentliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu ermöglichen.[6] Im selben Jahr äußerte er sich in einem Interview mit dem amerikanischen Journalisten Hubert Renfro Knickerbocker ausgesprochen wirtschaftsfreundlich:

„Wir erkennen das Privateigentum an. Wir erkennen die private Initiative an. Wir erkennen unsere Schulden an und unsere Verpflichtung, sie zu zahlen. Wir sind gegen die Verstaatlichung der Industrie. Wir sind gegen die Verstaatlichung des Handels. Wir sind gegen Planwirtschaft im Sowjetsinne.“[7]

Strasser erhielt von verschiedenen Industriellen finanzielle Zuwendungen. Der Lobbyist August Heinrichsbauer organisierte im Frühjahr 1931 eine monatliche Zahlung von Unternehmern des Ruhrbergbaus an ihn in Höhe von 10.000 Reichsmark.[8] Auch von dem Kölner Eisenindustriellen Otto Wolff, der den Nationalsozialisten an sich ablehnend gegenüberstand, soll Strasser auf Bitten des Reichskanzlers Kurt von Schleicher Spenden erhalten haben. Aus diesen Zuwendungen speist sich die verbreitete These, die Großindustrie hätte durch ihre Spenden zum Aufstieg der NSDAP beigetragen.[9] Der britische Historiker Peter Stachura vertritt die These, dass es Strasser nicht um die Durchsetzung linker Programmanteile innerhalb der NSDAP gegangen sei, vielmehr sei er ein realpolitisch denkender Opportunist gewesen, der der NSDAP möglichst breite, neue Rekrutierungsfelder erschließen und damit sich selbst eine Hausmacht sichern wollte.[10]

Konflikt mit Hitler und Ausscheiden aus der Parteiführung[Bearbeiten]

Siehe auch: Strasser-Krise

Die programmatische und persönliche Rivalität mit Adolf Hitler verschärfte sich dramatisch, als Hitler sich durch sein bedingungsloses Beharren auf einer Kanzlerschaft vorübergehend in eine politische Sackgasse manövriert hatte und Reichskanzler Kurt von Schleicher Gregor Strasser im Dezember 1932 die Vizekanzlerschaft und das Amt des preußischen Ministerpräsidenten anbot. Er hoffte, mit Strasser die NSDAP zu spalten und ihren linken Flügel auf seine Seite ziehen zu können. Spätere Schätzungen von Zeitgenossen Strassers gingen davon aus, dass von 196 nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten 60 bis 100 bei einem offenen Bruch zwischen Strasser und Hitler mit Strasser gegangen wären.[11]

Das Vorhaben misslang, weil Strasser sich nicht zu einem solchen Bruch mit dem angeschlagenen Hitler durchringen und dieser führende Köpfe der Partei bei einer Führertagung im Dezember 1932 noch einmal auf sich einschwören konnte. Am 8. Dezember 1932 trat Strasser überraschend von allen Parteiämtern zurück, blieb jedoch Parteimitglied. Aus Angst vor einer Spaltung war Hitler peinlich darauf bedacht, den Eindruck eines offenen Machtkampfes zu vermeiden und bedauerte öffentlich Strassers Rückzug. Sein Reichstagsmandat behielt Strasser vorerst ebenfalls, weil seine parlamentarische Immunität die Vollstreckung mehrerer Gerichtsurteile im Zusammenhang mit Beleidigungsprozessen verhinderte. Eine Erholungsreise nach Italien in der kritischen Phase des Dezembers 1932, die für den Historiker Hans-Ulrich Wehler den „durchschlagenden Beweis seiner politischen Mediokrität“ darstellt,[12] schwächte Strassers Position in der Partei weiter. Trotzdem wurde Strasser noch im Januar 1933 von Schleicher heimlich bei Reichspräsident von Hindenburg als potenzieller Vizekanzler vorgestellt, wobei das Staatsoberhaupt einen günstigen Eindruck von Strasser gewann. Nach der Landtagswahl in Lippe am 15. Januar, die einen Wahlerfolg für die NSDAP brachte und den Hitler-Kurs zu bestätigen schien, wurde er jedoch endgültig an den Rand gedrängt. Nach dem 30. Januar 1933 zog Strasser sich aus der Politik ins Privatleben zurück: Mit Hitlers Genehmigung übernahm er eine Direktionsstelle bei der Firma Schering Kahlbaum in Berlin. Außerdem übernahm er das Amt des ersten Vorsitzenden Reichsfachschaft der Pharmazeutischen Industrie.[13]

Ermordung[Bearbeiten]

Nachdem er noch am 23. Juni 1934 das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP erhalten hatte,[14] wurde Strasser am 30. Juni 1934 von Beamten der Geheimen Staatspolizei verhaftet und in das Gestapo-Hauptquartier in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße verschleppt. Die Verhaftung erfolgte im Rahmen des sogenannten Röhm-Putsches, einer politischen Säuberungsaktion, in deren Verlauf Hitler und andere nationalsozialistische Führer ihre tatsächlichen oder angeblichen Rivalen in den eigenen Reihen sowie weitere unliebsame Personen verhaften und zum Teil ermorden ließen. Für Strasser war die Verhaftung eine Überraschung – im ersten Augenblick glaubte er, Hitler lasse ihn holen, um ihn in die Parteiführung zurückzurufen. Im Gegensatz dazu steht allerdings eine Erklärung von Strassers ehemaligem Mitarbeiter Paul Schulz aus dem Jahr 1951, in der dieser angibt, Strasser habe ihm nach dem Januar 1933 häufig gesagt: „Hitler wird uns umbringen lassen, wir werden keines natürlichen Todes sterben.“[15]

Fritz Günther von Tschirschky, ein Mitarbeiter von Hitlers Vize-Kanzler Franz von Papen, der ebenfalls in die Prinz-Albrecht-Straße verschleppt wurde, gibt in seinen Memoiren an, er sei Zeuge der Ermordung Strassers gewesen. Tschirschky zufolge wurde Strasser von mehreren SS-Leuten in einen schmalen Gang im Keller des Gestapo-Hauptquartiers geführt, der an die provisorische „Massenzelle“, in der er untergebracht gewesen sei, gegrenzt haben soll, und dort durch drei Schüsse in Schläfe und zwei in den Hinterkopf exekutiert.[16] (Tschirschky gibt an, die Erschießung selbst nicht gesehen zu haben, da die Beamten die Türe zwischen Zelle und Gang geschlossen hätten. Stattdessen hätte ihm aber der Aufsicht führende SS-Mann einige Minuten später erklärt „das Schwein wäre erledigt“ und die Durchführung der Hinrichtung in lebhafter Weise, „mit den Fingern illustrierend“, nachgespielt.[16]). Wenige Minuten später seien einige blutige Säcke an den Häftlingen vorbeigetragen worden und im Gang nur noch eine Blutlache und einige Einschusslöcher zu sehen gewesen. Tschirschky folgerte daraus, dass „der Ermordete […] offenbar sofort nach der Tat an Ort und Stelle zerstückelt und die Leichenteile in den Säcken […] herausgebracht“ worden seien.[16]

Einige Indizien sprechen dafür, dass Theodor Eicke, der Kommandeur des Konzentrationslagers Dachau, der am 30. Juni 1934 vom KZ Lichtenburg über Berlin nach Dachau reiste, Strasser während seines Aufenthaltes in Berlin persönlich erschoss: So rühmte sich Eicke unter anderen gegenüber dem KZ-Häftling Elfterwalde nach dessen Bericht im Juli 1934 damit, er habe Strasser – den er wie der von Tschirschky beschriebene SS-Führer als „Schwein“ bezeichnete – selbst erschossen.[17]

Der Tod Strassers wurde zunächst offiziell als „Selbstmord“ deklariert.[18] Tschirschky zufolge soll Hitler, den er im August 1934 in Berchtesgaden besuchte und mit dem er sich über die Ereignisse des 30. Juni unterhielt, den „Wissensstand“ gehabt haben, Strasser habe sich in der Haft selbst getötet. Als Hitler durch Tschirschkys Bericht die tatsächlichen Umstände von Strassers Tod erfahren habe, sei er zutiefst erschüttert gewesen.[19] Hitlers Halbschwester Angela Raubal bestätigte im Februar 1935 in einem Gespräch mit Eduard Pant die starke Wirkung, die der Bericht über den Tod seines langjährigen Kampfgefährten auf Hitler ausübte: „Man hatte doch meinem Bruder gesagt, Gregor Strasser hätte Selbstmord verübt. Mein Bruder war im Anschluss an diesen Abend und an den folgenden beiden Tagen so außer sich, dass er in den Nächten schrie und tobte. Wir konnten ihn gar nicht beruhigen.“[20] In diesem Sinne stellte Rudolf Augstein später die These auf, Himmler und Göring hätten Strasser aus Angst davor, dass er wieder zu Gunst und Macht kommen könnte, umbringen lassen.[21]

Im Juli 1934 erhielt Strassers Witwe eine Urne mit der Aufschrift „Gregor Strasser geboren 31.5.[18]92 zu Greisenfeld, ist am 30.6.[19]34 um 17.20 gestorben. Geheime Staatspolizei Berlin“ in ihre Wohnung gebracht. Die Auszahlung von Strassers Lebensversicherung – die die Versicherungsgesellschaft erst mit der Begründung verweigerte, dass Strasser ja nach offiziellen Angaben durch Selbstmord gestorben sei – erfolgte erst durch Intervention von Innenminister Wilhelm Frick. Ab dem 1. Mai 1936 erhielt Strassers Witwe zudem, auf Veranlassung Himmlers, eine monatliche Rente von 500 Reichsmark.

Die „nationalrevolutionären“ politischen Thesen der Gebrüder Strasser üben auf das Gedankengut des zeitgenössischen Neonazismus erheblichen Einfluss aus.[22]

Archivalien[Bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten]

  • Das Hitler-Büchlein. Ein Abriß vom Leben und Wirken des Führers der nationalsozialistischen Freiheitsbewegung Adolf Hitler, Berlin 1928.
  • Freiheit und Brot, Berlin 1928.
  • Hammer und Schwert, Berlin 1928.
  • 58 Jahre Young-Plan! Eine quellenmäßige Betrachtung über Inhalt, Wesen und Folgen des Young-Planes, 1929.
  • Reden im Reichstag Oktober 1930 nach dem amtlichen Stenogramm , Berlin 1930, (zusammen mit Gottfried Feder).
  • Kampf um die Freiheit. Reichstagsrede vom 17. Oktober 1930, München 1931.
  • Der letzte Abwehrkampf des Systems. 3 aktuelle Aufsätze, München 1931.
  • Arbeit und Brot! Reichstagsrede am 10. Mai 1932, München 1932.
  • Die Staatsidee des Nationalsozialismus, München 1932.
  • Das wirtschaftliche Aufbauprogramm der NSDAP, Berlin 1932.
  • Kampf um Deutschland. Reden und Aufsätze eines Nationalsozialisten , München 1932.

Literatur[Bearbeiten]

  • Udo Kissenkoetter: Gregor Straßer und die NSDAP , (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Bd. 37)Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1978.
  • Ders.: „Gregor Straßer - NS-Parteiorganisator oder Weimarer Politiker?“, in: Ronald Smelser/ Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die braune Elite, Darmstadt, 1989, S. 273-285.
  • Peter D. Stachura: Der Fall Strasser. Gregor Strasser, Hitler and National Socialism. 1930–1932. in: The shaping of the Nazi state, Croom Helm, London 1978, S. 88–130.
  • Ders.: Gregor Strasser and the Rise of Nazism, Allen & Unwin, London 1983.
  • Robert Wistrich: Straßer, Georg (1892–1934). In: derselbe: Wer war wer im Dritten Reich. Harnack, München 1983, S. 262 f.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Albrecht Tyrell (Hg.): Führer befiehl … Selbstzeugnisse aus der ‚Kampfzeit‘ der NSDAP. Droste Verlag, Düsseldorf 1969, S. 281.
  2. Schulz-Memorandum, S. 9: Kurzorientierung des Ministeramtes, 3. August 1932, IfZ, F41.
  3. Udo Kissenkoetter: Gregor Strasser und die NSDAP. S. 149.
  4. Udo Kissenkoetter: Gregor Strasser und die NSDAP. S. 142.
  5. Andreas Dornheim: Röhms Mann fürs Ausland: Politik und Ermordung des SA-Agenten Georg Bell. S. 137.
  6. Avraham Barkai: Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus. Ideologie, Theorie, Politik. 1933–1945. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1988, S. 41 ff.
  7. Reinhard Neebe: Großindustrie, Staat und NSDAP 1930–1933. Paul Silverberg und der Reichsverband der Deutschen Industrie in der Krise der Weimarer Republik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1981 (als pdf)
  8. August Heinrichsbauer: Schwerindustrie und Politik. Essen 1948, S. 40
  9. Henry Ashby Turner: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler Verlag, Berlin 1985, S. 316 f.
  10. Peter D. Stachura: »Der Fall Strasser«. Gregor Strasser, Hitler, and national socialism 1930–1932. In: Peter D. Stachura (Hrsg.): The Shaping of the Nazi State. Croom Helm, London 1978, S. 89, 99, 105 ff.
  11. Udo Kissenkötter: Gregor Strasser. S. 174. In Anlehnung an Schätzungen in Memoirenwerken von Otto Strasser: Exil. München 1958, S. 65 und Franz von Papen: Der Wahrheit eine Gasse. München 1952, S. 244. Nach einer Mitteilung des Gauleiters Kaufmann an Kissenkoetter war am 7./8. Dezember 1932 zudem die Mehrheit der Gauleiter bereit, eine Namensliste zugunsten Strassers zu unterzeichnen, um dessen Stellung gegenüber Hitler zu stärken.
  12. Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 4: Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914–1949 C.H. Beck Verlag, München 2003, S. 534
  13. Udo Kissenkoetter: Gregor Strasser. S. 193.
  14. Der Spiegel 12/1993, S. 105.
  15. Eidesstattliche Erklärung Paul Schulz vom 21. Juli 1951, abgedruckt bei Udo Kissenkoetter: Gregor Strasser und die NSDAP. S. 204.
  16. a b c Fritz Günther von Tschirschky: Erinnerungen eines Hochverräters. 1972, S. 195.
  17. Rainer Ort: Der Fall Gregor Strasser, in: Ders.: Der SD-Mann Johannes Schmidt, S. 95ff.
  18. Heinz Höhne: Orden unter dem Totenkopf. In: Der Spiegel. 45/1966, S. 93.
  19. Fritz Günther von Tschirschky: Erinnerungen. 1972, S. 228: „Hitler hörte, immer blasser werdend, ohne ein Wort zu sagen, meinen Bericht an.“
  20. Fritz Günther von Tschirschky: Erinnerungen. 1972, S. 229.
  21. Der Spiegel. 12/1993, S. 105.
  22. Verfassungsschutzbericht 2003 des Freistaates Thüringen, II. Rechtsextremismus

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gregor Strasser – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien