Matthew Shepard

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Matthew Wayne Shepard (* 1. Dezember 1976 in Casper, Wyoming; † 12. Oktober 1998 in Fort Collins, Colorado) war ein US-amerikanischer Student der University of Wyoming, der im Oktober 1998 in Laramie (Wyoming) das Opfer eines vorsätzlichen Tötungsdelikts wurde. Sechs Tage nach der Tat starb er an den ihm zugefügten Verletzungen.

Der Fall erregte großes Aufsehen. Internationale Medien berichteten aufgrund der Aussagen der Täter, dass diese ihr Opfer wegen seiner Homosexualität ausgesucht hatten, was sowohl Kundgebungen von homosexuellen Bürgerrechtsbewegungen als auch Gegenkundgebungen von homophoben Gruppen auslöste. Das Verbrechen an Matthew Shepard führte wesentlich zu dem nach ihm mitbenannten Matthew Shepard and James Byrd, Jr. Hate Crimes Prevention Act, aufgrund dessen seit Ende 2009 in den USA ein sogenanntes „hate crime“ (dt. „Hassverbrechen“) gegen Homosexuelle mit höheren Strafen belegt wird.

Der Mord[Bearbeiten]

Der 21-jährige Matt Shepard lernte am 6. Oktober 1998 in einer Bar auf dem College-Campus Aaron James McKinney (22 Jahre) und Russell Arthur Henderson (21 Jahre) kennen. Gemäß McKinney bat Shepard sie, ihn mit ihrem Auto heimzubringen. In der Folge wurde Shepard ausgeraubt, etwa 18 Mal mit einer 357-Magnum-Pistole geschlagen – vornehmlich auf den Kopf –, mit seinen Schnürsenkeln in einer einsamen ländlichen Gegend an einen Zaun gefesselt und seinem Schicksal überlassen. Das Blut in Shepards Gesicht wurde teilweise von Tränen weggespült, was darauf hindeutet, dass er nach der Tat zwischenzeitlich bei Bewusstsein gewesen sein muss. Wie die Freundinnen der Täter später unter Eid aussagten, flehte Matthew vergebens um sein Leben. McKinney und Henderson fanden Shepards Adresse heraus und brachen bei ihm zu Hause ein. Shepard wurde 18 Stunden nach der Tat von zwei Radfahrern entdeckt, die ihn anfangs für eine Vogelscheuche gehalten hatten. Bis zu seinem Tod am 12. Oktober 1998 im Krankenhaus von Fort Collins, Colorado, erwachte er nicht mehr aus seiner Bewusstlosigkeit. Während er auf der Intensivstation war, wurden weltweit für ihn Kerzen angezündet.

Verhaftung und Prozess[Bearbeiten]

Die Polizei nahm kurz danach McKinney und Henderson fest. Sie fand bei ihnen die blutige Waffe, die Schuhe des Opfers und die Kreditkarte Shepards. Die zwei Täter versuchten erfolglos, sich über ihre Freundinnen Alibis zu verschaffen.

Während der Gerichtsverhandlung erzählten die beiden Angeklagten unterschiedliche Tatverläufe, um ihre Handlungen zu verteidigen. Häufig nutzen sie die sogenannte Gay Panic Defence: Sie argumentierten, dass sie sich durch die Homosexualität Shepards bedroht fühlten. Zu einer anderen Zeit sagten sie aus, sie hätten Shepard nur ausrauben wollen und hätten nie vorgehabt, ihn zu töten.

Der Staatsanwalt argumentierte, dass sich McKinney und Henderson als Homosexuelle ausgegeben hätten, damit Shepard ihnen vertraute. Die Freundinnen von Henderson und McKinney sagten unter Eid aus, die beiden hätten vorgehabt, einen Homosexuellen zu berauben.

Um die Todesstrafe zu vermeiden, gestand Henderson am 5. April 1999 und sagte zu, gegen McKinney auszusagen. Henderson wurde zu zweimal lebenslänglich ohne Möglichkeit auf vorzeitige Entlassung verurteilt. Die Jury in McKinneys Verhandlung sprach ihn des vorsätzlichen Mordes (first degree murder) schuldig. Als die Todesstrafe in Betracht gezogen wurde, sprachen sich Shepards Eltern für einen Deal aus. Ein Leben im Gefängnis anstelle der Todesstrafe zeige Gnade für jemanden, der keine Gnade gekannt hat. Ergebnis war, dass auch McKinney zu zweimal lebenslänglich ohne Möglichkeit auf vorzeitige Entlassung verurteilt wurde.

Seitdem McKinney und Henderson im Gefängnis sind, versuchen sie ihre Handlungen durch ihr Verständnis der Bibel (Fundamentalistische Hermeneutik) zu begründen.

Nachwirkungen[Bearbeiten]

Das große Medieninteresse an Shepards Tod rückte Heterosexismus und heterosexistisch motivierte Gewalttaten in den Vordergrund der öffentlichen Debatten.

Leute aus der Unterhaltungsindustrie drückten ihre Anteilnahme auf unterschiedliche Weise aus. Die Schauspielerin Ellen DeGeneres hielt den Shepard-Gedenk-Gottesdienst in Washington, D.C. ab. Dort sagte sie, dass ihr Coming-out kurz vor dieser Attacke dazu gedacht war, solche Sachen nicht geschehen zu lassen. Die lesbische Sängerin Melissa Etheridge schrieb den Song Scarecrow (Vogelscheuche) – Bezug nehmend auf die irrtümliche Annahme beim Auffinden Shepards, er sei eine Vogelscheuche. Die Band Thursday widmete ihm das Lied M. Shepard. Die amerikanische Metalcoreband Trivium widmete Matthew Shepard den Song And Sadness will Sear. Der englische Poppianist Elton John komponierte zum Gedenken an Shepard das Lied American Triangle (Text: Bernie Taupin), welches auf dem Album Songs from the West Coast erschienen ist. Der Zaun, an den Shepard gebunden worden war, ist seitdem Ziel zahlreicher Pilgerfahrten geworden. Zwei Filme wurden über die Geschichte gedreht: The Laramie Project (basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück, mit einer ausgewählten Riege von Schauspielern, darunter Christina Ricci, Steve Buscemi, Joshua Jackson, Clea DuVall, Ben Foster und Mark Webber) und The Matthew Shepard Story (Die Matthew Shepard Story). Beide Filme gewannen viele Auszeichnungen. Matthew Shepard kann auch in der Dokumentation „Dear Jesse“ in einem kurzen Interview gesehen werden.

Sowohl bei Shepards Beerdigung als auch bei den Gerichtsverhandlungen seiner Angreifer protestierten der Führer der Westboro Baptist Church, Fred Phelps, und seine Anhänger. Sie riefen ihre Parolen wie Matt Shepard verrottet in der Hölle, Aids tötet Homos und Gott hasst Homos.[1][2] Phelps suchte bis zu seinem Tod eine Stadt, die ihm das Aufstellen eines Denkmals erlaubt, das Shepards Bild mit der Unterschrift „Matthew Shepard, trat in die Hölle ein am 12. Oktober 1998, in Missachtung von Gottes Warnung: ,Du sollst nicht beim Manne liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel.‘ (Levitikus 18:22“) zeigt.[3]

Dennis und Judy Shepard, die Eltern von Matthew, gründeten im Dezember 1998 die Matthew Shepard Foundation, welche zum Ziel hat, Hass durch Verständnis, Mitgefühl und Akzeptanz zu ersetzen. Dies geschieht durch verschiedene schulische, kontaktfördernde und rechtliche Initiativen sowie durch das Weitererzählen von Matthews Geschichte. Der Hauptfokus liegt in drei Bereichen: Hass in der Gesellschaft zu eliminieren, zuerst für LGBT-Jugendliche und Wahrung gleicher Rechte für alle amerikanischen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Judy Shepard wurde 2008 mit dem Walter Cronkite Faith & Freedom Award ausgezeichnet, welcher an Personen übergeben wird, deren Aktionen die Werte von Zuvorkommenheit, Toleranz, Verschiedenheit verkörpern.[4]

Neue Aspekte des Falls[Bearbeiten]

2004, mehrere Jahre nach der Verurteilung berichtete Kristen Price, die Freundin von McKinney, eine weitere Version des Tathergangs und der Motive. Sie sagte aus, der Angriff habe einzig mit Drogen und Geld zu tun gehabt, und fügte hinzu: „Ich glaube nicht, dass es ein hate crime war. Ich habe das nie geglaubt.“ [5]

McKinney und Henderson hatten zuerst ausgesagt, sie seien nicht schuldig und wären zur Tatzeit bei ihren Freundinnen gewesen. Nachdem die Freundinnen diese Aussagen nicht aufrechterhielten, versuchten sie eine „gay panic defense“ zu gebrauchen und sagten aus, sie hätten Shepard angegriffen, weil er ihnen gegenüber Annäherungsversuche gemacht habe. Im November 2005 berichteten sie in einem 20/20 Interview mit ABC News eine dritte Variante. In dieser Version war der Mord nicht durch Homophobie motiviert, sondern durch einen von Methamphetamin verursachten Wutanfall. Der Mord sei das Ergebnis von schwerem Drogenmissbrauch, einem Raubversuch und einem zu weit gegangenen Prügeln des Opfers. Beide hätten das früher ihren Verteidigern gegenüber gesagt, aber die Verteidiger hätten sich für die nicht erfolgreiche „gay panic defense“ entschieden.[5]

ABC News interviewte Freunde von McKinney, die aussagten, er hätte nie abschätzig über Homosexuelle geredet. Einer von ihnen meinte über ihn: „Ich weiß, dass er bisexuell ist. Ich habe da keinen Zweifel, er ist bisexuell.“ und sagte, er sei ein Sexualpartner von ihm gewesen. McKinney sagte in Medieninterviews, er habe sich für Shepard als Opfer eines Raubs entschieden, weil er ihn als nicht bedrohlich sah.[5]

Der frühere Polizeichef von Laramie, Dave O'Malley, war auch von ABC befragt worden und kritisierte den Bericht später. Er meinte die Reporter von ABC seien nicht neutral gewesen, und dass sich das Drogen- und das Anti-Gay-Motiv nicht gegenseitig ausschließen würden.[6]

2013 publizierte der homosexuelle Journalist Stephen Jimenez das Buch "The Book of Matt: Hidden Truths About the Murder of Matthew Shepard"[7], in dem er nach über einem Jahrzehnt intensiver Recherche zu dem Schluss kommt, dass der Mord an Shepard kein in Homophobie begründetes Hate crime war, sondern im Zusammenhang mit Drogenhandel geschah. Für das Buch interviewte der Autor über 100 Personen aus Shepards Freundeskreis, Freunde der beiden Mörder und die Mörder selbst. Laut Jimenez hatte Shepard mit Methamphetamin gehandelt und mit McKinney eine sexuelle Beziehung gehabt. Er vermutet, dass Matthew Shepard ermordet wurde, weil er in den Besitz einer großen Menge dieser Droge gekommen sei.[8][9]

Gesetze gegen Hassverbrechen[Bearbeiten]

Als Reaktion auf die Tat wurden im Parlament von Wyoming Versuche unternommen, das Hate crime-Gesetz des Staates um das Merkmal "sexuelle Orientierung" zu ergänzen. Das Gesetz scheiterte jedoch knapp. Auf Bundesebene setzte sich der damalige Präsident Bill Clinton erneut für ein solches Gesetz ein. Da allerdings die Republikaner einige Jahre zuvor die Mehrheit im Kongress zurückerlangten, schlugen die Abstimmungen 1999 und 2000 fehl. Unter der Regierung Bush wurde das Vorhaben dann nicht weiter verfolgt.

Nach der Kongresswahl 2006, bei der die Demokraten wieder eine Mehrheit in beiden Häusern gewinnen konnten, wurden die Bemühungen wiederaufgenommen. Im Mai 2007 passierte der Matthew Shepard Act mit Stimmen aus beiden Parteien das Repräsentantenhaus und im September in ähnlicher Form den Senat. Da man ein Veto Bushs befürchtete, wurde das Gesetz an den Haushaltsplan für das Verteidigungsministerium (Department of Defense Authorization bill) gekoppelt. Im Dezember 2007 war jedoch noch keine endgültige Version zustande gekommen. Dennoch beabsichtigte die Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi, das Gesetz im Jahr 2008 durchzubringen. Auf der Internetseite des Weißen Hauses erklärt die Regierung von Barack Obama die Unterzeichnung des Matthew Shepard Act zu einem vorrangigen Ziel ihrer Bürgerrechtspolitik.[10] Schließlich unterzeichnete Präsident Obama am 28. Oktober 2009 den „Matthew Shepard and James Byrd, Jr. Hate Crimes Prevention Act“.[11][12]

Literatur[Bearbeiten]

  • Beth Loffreda: Losing Matt Shepard: life and politics in the aftermath of anti-gay murder, Columbia University Press, New York 2000, ISBN 0-231-11859-7
  • Leigh Fondakowski, Moises Kaufman: The Laramie project, Vintage Books, New York 2001, ISBN 0-375-72719-1
  • Dee Garceau, Matthew Basso, Laura McCall: Across the Great Divide: cultures of manhood in the American West, Routledge, New York 2001, ISBN 0-415-92471-5
  • Mary E. Swigonski, Robin S. Mama, Kelly Ward: From Hate Crimes to Human Rights: A Tribute to Matthew Shepard, Routledge, New York 2001, ISBN 1-56023-256-0
  • Shannon Campbell, Laura Castaneda: News and Sexuality: Media Portraits of Diversity, Sage Publications, Inc, Thousand Oaks, Calif 2005, ISBN 1-4129-0998-8
  • Patrick Hinds, Romaine Patterson: The Whole World Was Watching: Living in the Light of Matthew Shepard, Advocate Books, 2005, ISBN 1-55583-901-0
  • Frank Stern: Der Fall Matthew Shepard. Die Hölle von Wyoming. In: Süddeutsche Zeitung v. 10.Oktober 2008.
  • Judy Shepard: The Meaning of Matthew: My Son's Murder in Laramie, and a World Transformed, Hudson Street Press, 2009, ISBN 1-59463-057-7

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. David A. Neiwert: Death on the Fourth of July: the story of a killing, a trial, and hate crime in America. Palgrave Macmillan, New York 2004, ISBN 1-4039-6501-3, S. 105.
  2. Anthony Joseph und Paul Cortese: Opposing hate speech. Praeger Publishers, Westport (Conn.) 2006, ISBN 0-275-98427-3, S. 128.
  3. E Bazelon: Monument From Hell: Make room for a Matthew Shepard hate monument in a town square near you. In: Slate, 11. November 2003.
  4. Tony Grew: Mum of murdered gay man honoured with Cronkite award, pinknews.co.uk, 24. Oktober 2008
  5. a b c ABC News: New Details Emerge in Matthew Shepard Murder
  6. Laramie Boomerang Online: Former police chief angry about 20/20. (Online nicht mehr verfügbar.)
  7. Stephen Jimenez: The Book of Matt: Hidden Truths About the Murder of Matthew Shepard, Steerforth Press, 2013.
  8. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatAaron Hicklin: Have We Got Matthew Shepard All Wrong? The Advocate, 13. September 2013, abgerufen am 18. September 2013 (englisch).
  9. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatKennth S. Stern: What If Matthew Shepard's Murder Wasn't an Anti-Gay Hate Crime? The Jewish Daily Forward, 9. September 2013, abgerufen am 18. September 2013 (englisch).
  10. The White House The Agenda Civil Rights. Abgerufen am 10. März 2009. 
  11. Matthew Shepard and James Byrd, Jr. Hate Crimes Prevention. Abgerufen am 28. Oktober 2009. 
  12. Obama unterzeichnet Matthew-Shepard-Gesetz, queer.de, 29. Oktober 2009