Sellafield

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

f1

Sellafield
Luftbild der Sellafield-Anlage
Luftbild der Sellafield-Anlage
Lage
Sellafield (England)
Sellafield
Koordinaten 54° 25′ 7″ N, 3° 29′ 51″ W54.418611111111-3.4975Koordinaten: 54° 25′ 7″ N, 3° 29′ 51″ W
Land: Vereinigtes Königreich
Daten
Eigentümer: United Kingdom Atomic Energy Authority
Betreiber: United Kingdom Atomic Energy Authority
Projektbeginn: 1958
Kommerzieller Betrieb: 1. März 1963
Stilllegung: 3. April 1981

Stillgelegte Reaktoren (Brutto):

1  (41 MW)
Eingespeiste Energie seit Inbetriebnahme: 3.258 GWh
Stand: 1. August 2007
Die Datenquelle der jeweiligen Einträge findet sich in der Dokumentation.

Sellafield (früher Windscale) ist ein weltweit bekannter Nuklearkomplex an der Irischen See in Nordwestengland, Vereinigtes Königreich. Er liegt beim Dorf Seascale im Distrikt Allerdale. Der Komplex wurde durch einen katastrophalen Brand 1957 und durch häufige nukleare Störfälle bekannt und unter anderem deshalb auch in Sellafield umbenannt.[1] Auf dem Gelände des Komplexes befindet sich außerdem das Kernkraftwerk Calder Hall, das als erstes westliches Kernkraftwerk Strom in ein kommerzielles Netz einspeiste.

Geschichte[Bearbeiten]

Hauptartikel: Windscale-Brand

Die erste Anlage entstand auf dem Gelände einer Munitionsfabrik nach dem Krieg in dem Bemühen, mit der US-amerikanischen Atomwaffenentwicklung technologisch und militärisch gleichziehen zu können. Bei den hastigen Bemühungen, eine britische Bombe zu bauen, wurde wenig auf Umwelt und Gesundheit geachtet und radioaktiver Abfall von Anfang an in die Irische See geleitet. Auf ähnliche Weise verklappten damals auch die USA und die UdSSR einen Teil ihres Atommülls.

Die auch unter dem Begriff Pile 1 bzw. Pile 2 bekannt gewordenen, luftgekühlten graphitmoderierten Windscale-Reaktoren waren die erste britische Produktionsanlage zur Herstellung von waffenfähigem Plutonium-239, die für das britische Kernwaffenprogramm in den späten 1940er- und 1950er-Jahren errichtet wurde. Zwischen den beiden Reaktoren (Pile 1 und 2) befand sich das Abklingbecken für abgebrannte Brennelemente sowie eine erste ältere militärische Wiederaufarbeitungsanlage. 1957 kam es in einem der Reaktoren zu einem Brand des Reaktorkerns, der als INES 5 ("ernster Unfall") eingestuft wurde.

Im September 2004 verklagte die EU-Kommission das Vereinigte Königreich vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) (Case C-155/0), gegen den Euratom-Vertrag zu verstoßen. Nach diesem Vertrag sind für Wiederaufarbeitungsanlagen Kontrollen durch die Europäische Gemeinschaft vorgeschrieben. Dabei wird die Buchführung über die radioaktiven Materialien geprüft und mit den bei den Inspektionen vor Ort ermittelten Ergebnissen verglichen. Nach Darstellung der EU-Kommission sind in Sellafield wegen der (unfallbedingt) hohen Radioaktivität und schlechter Sichtverhältnisse Kontrollen in der Anlage nicht möglich. Die EU-Kommission gewann den Prozess, das Urteil wurde am 18. Juli 2007 verkündet.[2]

2007 wurde ein Roboter entwickelt, der den Reaktor Stück für Stück abbauen soll. Der Rückbau soll rund 500 Mio. Pfund kosten und etwa 20 Jahre dauern.

Kernanlagen[Bearbeiten]

Auf dem Gelände befinden sich zahlreiche kerntechnische Anlagen. Die wichtigsten sind:

Das Kernkraftwerk Sellafield hat einen Kraftwerksblock:

Reaktorblock[3] Reaktortyp Netto-
leistung
Brutto-
leistung
Baubeginn Netzsyn-
chronisation
Kommerzieller Betrieb Abschaltung
WINDSCALE AGR[4] AGR 24 MW 36 MW 01.11.1958 01.02.1963 01.03.1963 03.04.1981
Panorama

Zwischenfälle[Bearbeiten]

Am 10. Oktober 1957 gab es im Reaktor Windscale, der nur als Brutreaktor zur Erzeugung von Plutonium für den Bau von Atombomben benutzt wurde, ein Feuer, den Windscale-Brand. Es war einer der schwerwiegendsten Atomunfälle vor der Katastrophe von Tschernobyl. Nach mehreren vergeblichen Versuchen konnte das Feuer am 11. Oktober durch Wasser gelöscht werden. Es kam zu einer erheblichen Freisetzung radioaktiver Stoffe (INES 5). Die britische Regierung erließ nach dem Brand für die Umgebung ein befristetes Verbot für den Verzehr von Milch, sie verschwieg lange Zeit die Schwere des Vorfalls. Nach dem Unfall wurde der Reaktor stillgelegt.

Im April 2005 wurde in Sellafield ein Leck entdeckt, durch das etwa 83.000 Liter einer hochradioaktiven Flüssigkeit, bestehend aus Salpetersäure, Uran und Plutonium monatelang unbemerkt entweichen konnten. Die Flüssigkeit wurde jedoch in der Anlage aufgefangen. Nach Betreiberangaben sind Teile der Anlage stark kontaminiert; das Risiko einer Kontamination habe für die Umwelt nie bestanden.

Es handelt sich um den schwersten Zwischenfall in einer Atomanlage Großbritanniens seit 1992. Er wurde von der Internationalen Atomenergieorganisation als ernster Störfall (INES 3) eingestuft. Die Öffentlichkeit wurde erst Wochen danach informiert, erste Presseberichte erschienen am 9. Mai 2005. Später berichtete der „Independent on Sunday“, dass das Rohr seit August 2004 leck gewesen sei, dies aber erst am 19. April 2005 entdeckt wurde.

Für den Zwischenfall wurde das britische Nuklearunternehmen BNG (British Nuclear Group), das für die Stilllegung der Reaktoren von Sellafield zuständig ist, am 16. Oktober 2006 wegen Fahrlässigkeit zur Zahlung von 500.000 Pfund (rund 750.000 Euro) verurteilt.

Wegen erhöhter Werte von Radioaktivität sind Mitarbeiter des Atomkraftwerks 2014 aufgefordert worden, zu Hause zu bleiben. Das Werk laufe weiter im normalen Betrieb, teilte der Betreiber mit. Die gestiegene Radioaktivität läge über der natürlich auftretenden, seien jedoch weit unter der, bei denen Notfallmaßnahmen eingeleitet werden müssten. Tests hätten gezeigt, dass alle Anlagen korrekt und normal funktionieren. Das britische Energieministerium erklärte, es gebe keinen Anlass, an diesen Angaben des Betreibers zu zweifeln.[5]

Kritik[Bearbeiten]

Sellafield
Ansicht von der Eisenbahnlinie
Das Besucherzentrum von Sellafield

Vor allem die Wiederaufarbeitungsanlagen sind wegen ihrer Einleitungen von radioaktiven Stoffen in die Irische See umstritten. Die Kontamination der unmittelbaren Umgebung von Sellafield wird in manchen Quellen mit der gesperrten Zone um Tschernobyl verglichen, was sich auch in staatlichen Protesten u. a. aus Irland und Norwegen widerspiegelt. Die Fischforschunganstalt Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut (vTI) verwies auf die hohen Einleitungen durch die britische Wiederaufarbeitungsanlage für die Jahre 1965 bis 1985 von bis zu 5.000 TBq, also 5.000 Billionen Becquerel pro Jahr Verklappung in die See.[6] In den letzten 15 Jahren wurde auf behördlichen Druck hin eine deutliche Reduktion der Einleitungen durchgesetzt. Unter anderem konnte die Einleitung des Isotops Technetium-99 durch ein neues Abtrennverfahren fast vollständig beendet werden. Der Dokumentarfilm „Atommüll: Endlager Meeresgrund“ aus dem Jahr 2013 zeigt, dass am Strand von Sellafield täglich an- oder freigespültes Plutonium maschinell aufgesammelt wird, nennt erhöhte Krebsraten in und um Sellafield, die von der Britischen Regierung verschwiegen würden, und berichtet vom Fehlen eines Krebsregisters.[7] Der Betrieb von Sellafield ist auch deshalb umstritten, weil die Anlage zur Aufbereitung abgebrannter Brennelemente aus dem Ausland benutzt wird. Im Mai 2011 wurden fünf junge Männer wegen Terrorismusverdacht in der Nähe der Anlagen festgenommen.[8]

Ein Teil der Nuklearanlagen einschließlich der Wiederaufbereitungsanlagen wird von Sellafield Ltd. (SLC), der Rest von der United Kingdom Atomic Energy Authority (UKAEA) betrieben. Die Kosten der Stilllegung der Anlage bis 2020 wurde von der Rechnungsprüfungskommission im britischen Unterhaus auf 67,5 Mrd. Pfund Sterling (78 Mrd. Euro) geschätzt.[9][10]

Verweise[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Windscale / Sellafield - Strahlendes Beispiel Großbritannien
  2. JUDGMENT OF THE COURT (Eighth Chamber)
  3. Power Reactor Information System der IAEA: „United Kingdom of Great Britain and Northern Ireland: Nuclear Power Reactors“ (englisch)
  4. Dieser Reaktor wird bei der IAEA sowohl als kommerzieller Reaktor als auch als Forschungsreaktor geführt.
  5. Erhöhte Radioaktivität in Sellafield. tagesschau.de, abgerufen am 31. Januar 2014.
  6. Komplettsperrung wird diskutiert auf taz.de
  7. Dokumentatarfilm „Atommüll: Endlager Meeresgrund“, Erstausstrahlung am 23. April 2013 auf ARTE
  8. fr-online.de: Sellafield Terrorverdächtige am AKW festgenommen; 3. Mai 2011.
  9. Teures Aufräumen in Sellafield. In: nzz.ch. Neue Zürcher Zeitung. 4. Februar 2013. Archiviert vom Original am 4. Februar 2013. Abgerufen am 4. Februar 2013.
  10. Nuclear Decommissioning Authority: Managing risk at Sellafield (englisch, pdf) In: publications.parliament.uk. House of Commons - Committee of Public Accounts. S. 7. 4. Februar 2013. Archiviert vom Original am 4. Februar 2013. Abgerufen am 4. Februar 2013.

Literatur[Bearbeiten]

  • Raphael Oen: Streitschlichtung zwischen EG-Mitgliedstaaten im Rahmen gemischter Verträge. Der MOX Plant-Fall und seine Folgen. In: AVR, Bd. 45 (2007), S. 136-147.
  • Brian Wynne: Rationality and Ritual: The Windscale Inquiry and Nuclear Decisions in Britain. British Society for the History of Science, Chalfont St. Giles, Bucks., 1982, ISBN 0906450020.

Film[Bearbeiten]

  • Nick Gray: Windscale: The Nuclear Laundry. Yorkshire Television, 1983.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Sellafield – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien