Wolf-Heinrich von Helldorff

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Wolf-Heinrich Graf von Helldorff
Auf der Grünen Woche 1939: Heinrich Himmler, Richard Walther Darré und Helldorff beim Rundgang. Rechts daneben der französische Botschafter Robert Coulondre

Wolf-Heinrich Graf von Helldorff, oftmals fälschlich Wolf Heinrich Graf von Helldorf[1] (* 14. Oktober 1896 in Merseburg; † 15. August 1944 in Berlin-Plötzensee) war für die NSDAP ab 1933 Reichstagsabgeordneter und Polizeipräsident von Potsdam, später von Berlin. Er war General der Polizei und erreichte als SA-Führer den Rang eines Obergruppenführers. Er knüpfte ab 1938 Kontakte zu Widerstandskreisen und wurde 1944 hingerichtet.

Leben[Bearbeiten]

Er stammte aus dem meißnischen Uradelsgeschlecht von Helldorff und war der Sohn des Rittmeisters Ferdinand von Helldorff (* 1869). Wolf-Heinrich diente nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Fahnenjunker im Thüringischen Husaren-Regiment Nr. 12 und wurde 1915 zum Leutnant befördert. Nach Kriegsende war er Angehöriger mehrerer Freikorps, darunter auch des Freikorps Roßbach. 1920 beteiligte er sich am sogenannten Kapp-Putsch und musste danach mehrere Monate nach Italien flüchten.

Rittergut Wohlmirstedt um 1860, Sammlung Duncker

Zwischen 1921 und 1928 betätigte sich Helldorff in der Landwirtschaft als Rittergutsbesitzer in Wohlmirstedt. Von 1924 bis 1928 und erneut 1932 war Helldorff Mitglied des Landtages, zunächst für die NSFP in Preußen und ab 1. August 1930 für die NSDAP (Mitgliedsnr. 325.408); 1932 war Helldorff deren Fraktionsvorsitzender.

Bereits 1931 war er der SA beigetreten und fungierte als SA-Führer in Berlin. Er organisierte bereits lange vor der Machtübertragung am 12. September 1931 antijüdische Krawalle in Berlin. Im darauf folgenden Strafverfahren kam Helldorff, der von Roland Freisler verteidigt wurde, mit einer geringen Strafe davon.

1933 wurde ihm die SS-Führung von Berlin-Brandenburg anvertraut. In dieser Funktion gab er angeblich die Parole heraus, dass für jeden getöteten Nationalsozialisten jeweils zehn Marxisten zu sterben hätten. Gleichzeitig wurde er in der 9. Wahlperiode 1933 in den Reichstag gewählt. Im März 1933 wurde er zum Polizeipräsidenten von Potsdam ernannt und ab Juli 1935 übernahm er dieselbe Funktion in Berlin.

Verschuldung[Bearbeiten]

Helldorff hatte sein ererbtes Rittergut 1931 verloren. Sein Bankrott war nicht allein durch den Verfall der Agrarpreise zu erklären, vielmehr hatten Wettschulden und verschwenderischer Lebenswandel mit dazu beigetragen. Es wurde kolportiert, Helldorff habe sich bei Erik Jan Hanussen, dem bekannten jüdischen Hellseher, verschuldet und sei von ihm abhängig. Auch als Polizeipräsident machte Helldorff durch Spielschulden, Luxuskäufe, unbezahlte Rechnungen und Mietschulden von sich reden; es kam sogar zu Gehaltspfändungen. Mehrfach erhielt Helldorff zur Entschuldung zinslose „Darlehen“ in beträchtlicher Höhe, die ihm aus Parteikassen gezahlt wurden und die er nicht zurückzahlen musste.[2]

Antisemitismus[Bearbeiten]

Helldorff hatte sich frühzeitig bei Übergriffen gegen Juden hervorgetan. Im März 1933 leitete er eine Gruppe von SA-Leuten, die das Krankenhaus Am Urban stürmten und den ärztlichen Direktor Hermann Zondek sowie weitere jüdische bzw. kommunistische Ärzte eigenmächtig absetzten. In seiner amtlichen Eigenschaft war Helldorff „ein eifriger Befürworter schärferer legaler Verfolgungsmaßnahmen“[3] gegen Berliner Juden. Joseph Goebbels notierte am 2. Juli 1938 im Tagebuch: „Helldorff will in Berlin ein Judenghetto errichten. Das sollen die reichen Juden selbst bezahlen.“ Helldorff erließ im Juli 1938 „Richtlinien für die Behandlung von Judenangelegenheiten“, die in 76 Punkten kleinlichste Verwaltungsschikanen enthielten: Vorladungen vornehmlich am Sabbat, schärfere und häufigere Kontrollen, Verwaltungsgebühren zum Höchstsatz.[4] Goebbels schrieb darüber: „Helldorff überreicht mir eine Aufstellung der in Berlin gegen die Juden getroffenen Maßnahmen. Die sind nun wirklich rigoros und umfassend. Auf diese Weise treiben wir die Juden in absehbarer Zeit aus Berlin heraus.“[5] Ab 1938 erpresste er von emigrationswilligen Berliner Juden die sogenannte Helldorff-Spende, bevor er ihnen ihren zuvor konfiszierten Reisepass aushändigen ließ.

Im Gegensatz dazu steht das nachsichtige Urteil des Schriftstellers und NSDAP-Mitglieds Hans-Otto Meissner, Helldorff habe „viele Juden in bemerkenswerter Weise geschützt und einer Anzahl zur Emigration verholfen.“[6] Auch andere Zeitzeugen bestätigen, sie hätten bei Helldorff erfolgreich für jüdische Freunde interveniert. Allerdings gibt es Anhaltspunkte, dass Helldorff dafür Geld empfangen hat.

Kontakte zum Widerstand[Bearbeiten]

Helldorff hatte über seinen Untergebenen Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, mit dem er befreundet war, Kontakte zu hohen Wehrmachtsoffizieren. Er zeigte sich empört über die Intrigen bei der Blomberg-Fritsch-Krise und spielte der Wehrmachtsführung entlastendes Material zu, das von der Gestapo zurückgehalten wurde. Angesichts der drohenden Kriegsgefahr knüpfte er 1938 Kontakte zu Ludwig Beck und Erwin von Witzleben. Helldorff gab später Geheimberichte des Sicherheitsdienstes an Hans von Dohnanyi weiter, in denen die Massenerschießungen in Polen dargestellt waren. Auch zu Friedrich Fromm und Friedrich Olbricht hatte er Verbindung. Mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg traf er sich im Jahre 1944 mehrfach.

Die Verschwörer überschätzten allerdings die Möglichkeit, über Helldorff den Polizeiapparat nutzen oder auch nur neutralisieren zu können. Helldorffs zögerliche Haltung beim Staatsstreich kann dahin gedeutet werden, als wollte er sich nach beiden Seiten absichern. Allerdings muss offen bleiben, ob denn seinen Anordnungen überhaupt Folge geleistet worden wäre.[7]

Tod[Bearbeiten]

Erste Seite des Urteils des Volksgerichtshofs, die weiteren Angeklagten sind Bernhard Klamroth, Hans Georg Klamroth, Egbert Hayessen, Adam von Trott zu Solz und Hans Bernd von Haeften

Wegen seiner Teilnahme an der Verschwörung vom 20. Juli 1944 wurde Helldorff vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tode verurteilt. Die Reaktion auf Helldorffs „Verrat“ war überaus heftig. Goebbels klagte wiederholt über den Undank des Verräters, den er gefördert und dem er aus einem Geheimfonds ein Gut von 500 Morgen Land geschenkt habe. Heinrich Himmler zählte 1944 bei seiner Rede vor den Gauleitern Helldorff an erster Stelle unter den Verschwörern auf.[8]

„Jetzt kommt leider etwas ganz Betrübliches. Mit im Bunde war leider ein alter Parteigenosse, Graf Helldorf. Er hat seit einem halben Jahr bis einem Jahr den ganzen Verrat voll und ganz mitgemacht, ausgerechnet er. Das ist eine der paradoxesten Sachen. Er beschwerte sich, die Partei sei so bonzenhaft geworden. Daraufhin wurde ihm aber sofort von unserem Beamten, der ihn vernahm […], gesagt: Erlauben Sie, dann sind Sie der Oberbonze. Ausgerechnet Herr Helldorf,[sic] den früher Dr. Goebbels und ich, glaube ich, bestimmt zweimal, wenn nicht dreimal entschuldet haben.[Einwurf von Goebbels: Mit 80.000 Mark, und er besitzt vier Wohnungen im bombardierten Berlin!]“

Auch Hitler klagte, er habe dem Grafen vier- oder fünfmal die Schulden bezahlt, selten weniger als 100.000 Mark. Hitler ordnete hasserfüllt an,[9] dass Helldorff drei Hinrichtungen ansehen und danach in Plötzensee erhängt werden solle.

Helldorff wurde auf dem Friedhof in Tangstedt (Kreis Stormarn) bestattet.

Familiengrab der von Helldorffs in Tangstedt, Kreis Stormarn, Schleswig-Holstein

Bewertungen[Bearbeiten]

Konrad Heiden bezeichnete Helldorff als „einen Abenteurer und Landsknecht übelster Sorte“. André François-Poncet, damals Botschafter Frankreichs, nannte ihn einen „sinistren Abenteurer“.[10] Albert Speer fühlte sich durch Helldorffs Gier „angewidert“, als dieser sich 1938 in Wien mit Luxusgütern eindeckte.[11] In der Literatur über den deutschen Widerstand wird der Name Helldorff kaum erwähnt. Helldorff „gehört zu den widersprüchlichsten Gestalten des Dritten Reiches“ und wirkt wegen seiner Leichtfertigkeit, seiner Verschwendungssucht, seiner antisemitischen und korrupten Einstellung nicht sympathisch. Andererseits „verharrte er nicht in blindem Glauben“ und Gehorsam, sondern fühlte sich abgestoßen von Intrigen und Massenmorden und wendete sich gegen eine Regierung, die das Land in Krieg und Unglück stürzte.[12]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Wolf-Heinrich von Helldorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Christian Faludi (Hrsg.): Die „Juni-Aktion“ 1938. Eine Dokumentation zur Radikalisierung der Judenverfolgung. Campus, Frankfurt a. M. / New York 2013, ISBN 978-3-593-39823-5, S. 21 mit Anm 64: Vergl. auch zur richtigen Schreibweise des Namens mit doppeltem 'f' Helldorffs Unterschrift in der Personalakte Helldorff, BArch, PK-EO-114, n. f.
  2. Ted Harrison: „Alter Kämpfer“ im Widerstand. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45(1997), S. 399ff.
  3. Ted Harrison: Alter Kämpfer …. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45(1997), S. 405.
  4. Dokument 68 in: Susanne Heim [Hrsg.]: Deutsches Reich 1938 – August 1939. München 2009, ISBN 978-3-486-58523-0 (Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Band 2)
  5. Joseph Goebbels: Die Tagebücher. Bearb. von Elke Fröhlich. Teil 1: Aufzeichnungen 1923–1941, Bd. 5.: Dezember 1937 – Juli 1938, München 2000, ISBN 3-598-23735-9, S. 396 (27. Juli 1938) / Datum irrtümlich 22. Juli 1938 bei Longerich, ISBN 3-492-03755-0, S. 183 / Goebbels Schreibweise als Helldorff wird von Froehlich stets auf Helldorf korrigiert
  6. zitiert nach Ted Harrison: „Alter Kämpfer“ … In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45 (1997), S. 407.
  7. Ted Harrison: „Alter Kämpfer“ … In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45(1997), S. 415f und 423.
  8. Die Rede Himmlers vor den Gauleitern am 3. August 1944 (Dokumentation) In: VfZ 1(1953), S. 380. (PDF)
  9. Joseph Goebbels: Die Tagebücher. Bearb. von Elke Fröhlich. Band 13, ISBN 3-598-22309-9, S. 245 (16. August 1944)
  10. zitiert nach Ted Harrison: „Alter Kämpfer“ … In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45(1997), S. 384.
  11. Albert Speer: Erinnerungen. Ullstein TB 33003, Frankfurt/M u.a. 1985, ISBN 3-548-33003-7, S. 123.
  12. vergl. Ted Harrison: „Alter Kämpfer“ … In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 45(1997), S. 384.
  13. Klaus D. Patzwall: Das Goldene Parteiabzeichen und seine Verleihungen ehrenhalber 1934–1944, Studien der Geschichte der Auszeichnungen Band 4, Verlag Klaus D. Patzwall, Norderstedt 2004, ISBN 3-931533-50-6, S.71