Arbeiterwohlfahrt

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Arbeiterwohlfahrt Bundesverband
(AWO)
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Rechtsform gemeinnütziger eingetragener Verein
Gründung 13. Dezember 1919
Gründerin Marie Juchacz
Sitz Berlin, Deutschland
Schwerpunkt Sozialpolitik, Sozialrecht
Vorsitz Wilhelm Schmidt (Vorsitzender des Bundespräsidiums)
Wolfgang Stadler (Vorstandsvorsitzender)
Umsatz 109.323.495 Euro (2018)
Beschäftigte 230.873 (05/2019)[1]
Freiwillige 73.753 (05/2019)[1]
Mitglieder 317.767 (05/2019)[1]
Website www.awo.org

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) ist ein dezentral organisierter deutscher Wohlfahrtsverband, der auf persönlichen Mitgliedschaften in seinen Ortsvereinen aufbaut. Sie ist einer der sechs Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege und mit rund 230.000 hauptamtlichen Mitarbeitern einer der großen Arbeitgeber in Deutschland. Ihre Hauptaufgabe ist es, sozial schlechter gestellte Menschen zu unterstützen. Heutzutage betreut sie hauptsächlich Menschen mit Behinderungen und Senioren, betreibt aber beispielsweise auch Kindergärten, offene Ganztagsschulen, psychiatrische und forensische Kliniken, Einrichtungen für Ferienfreizeit und Beratungsstellen für Migranten, Asylbewerber und Menschen in Notlagen.

Sie bekennt sich zu den Werten des freiheitlich-demokratischen Sozialismus.[2]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marie Juchacz (um 1919)
Historisches Schild am Gebäude der AWO in Lüdenscheid
Modernes AWO-Logo bis Mai 2008

Am 13. Dezember 1919 gründete Marie Juchacz (1879–1956), die zu den ersten Frauen in der Nationalversammlung gehörte[3], die AWO als Hauptausschuss für Arbeiterwohlfahrt in der SPD. Neben ihr waren u. a. Elfriede Ryneck (2. Vorsitzende), Lore Agnes, Walter Friedländer, Louise Schroeder, und Hedwig Wachenheim Gründungsmitglieder.[4] Reichspräsident Friedrich Ebert beschrieb sie mit dem Motto „Arbeiterwohlfahrt ist die Selbsthilfe der Arbeiterschaft“. Zunächst versuchte sie, vor allem die Not der durch den Ersten Weltkrieg Geschädigten zu lindern, indem sie Nähstuben, Mittagstische, Werkstätten zur Selbsthilfe und Beratungsstellen einrichtete. Später entwickelte sie sich zu einer Hilfsorganisation für alle sozial bedürftigen Menschen.

Nach der Machtergreifung Adolf Hitlers wurde die AWO zunächst erfolglos gleichzuschalten versucht und dann aufgelöst und verboten. Einige Mitglieder arbeiteten illegal weiter, so Johanna Kirchner, die mithalf, bedrohte Personen aus der Arbeiterbewegung ins Exil zu schleusen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die AWO 1946 in Hannover als parteipolitisch und konfessionell unabhängige Hilfsorganisation neu gegründet. In der Sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR wurde sie nicht zugelassen. Eine Ausnahme bildete hier Ostberlin, wo die AWO bis zum Mauerbau im August 1961 als gesamtstädtischer Landesverband arbeitete. Noch zu DDR-Zeiten konnte die Arbeiterwohlfahrt am 18. Februar 1990, 57 Jahre nach ihrem Verbot, in Sonneberg auf Initiative des bayerischen Landtagsabgeordneten Walter Knauer und des Sozialmanagers Edmund Fröhlich wiedergegründet werden.[5] Seit der Wiedervereinigung ist die Arbeiterwohlfahrt im gesamten Bundesgebiet tätig. Der Sitz des Bundesverbandes befindet sich in Berlin. Sie ist Trägerin des DZI-Spenden-Siegels.

Die Arbeiterwohlfahrt sieht sich selbst den Grundwerten Solidarität, Toleranz, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit verpflichtet und arbeitet im ehrenamtlichen wie im hauptamtlichen Bereich nach den Leitsätzen und dem Leitbild der AWO, das zumindest bei einigen Neueinstellungen auch für Mitarbeiter verbindlich ist.

Struktur und Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die AWO gliedert sich in 30 Bezirks- und Landesverbände, 403 Kreisverbände und 3435 Ortsvereine.[6] Die AWO wird bundesweit getragen von 317.767 Mitgliedern, 73.753 ehrenamtlichen Mitarbeitenden (Helfern) und 230.873 hauptamtlichen Mitarbeitern.[1] Die AWO unterhält in allen Bundesländern über 18.000 Einrichtungen und Dienste/Dienstleistungen, darunter:

  • Heime inkl. Wohngemeinschaften
  • Tagesstätten, etwa für Kinder und Jugendliche und für alte Menschen, dabei etwa 2.300 Kindertagesstätten deutschlandweit[7]
  • Auskunfts- und Beratungsstellen, z. B. für Alte, Arbeitslose, Familien, Schwangere, Behinderte, Jugendliche, Ausländer
  • ambulante Dienste insgesamt, darunter sozialpflegerische Dienste
  • Beratungsstellen unterschiedlichster Art, einschl. Geschäftsstellen
  • Tages- und Werkstätten für Arbeitslose, Werkstätten aller Art

Die AWO ist Trägerin von über 2.100 Heimen, darunter:

  • Altenheime, Altenpflegeheime, Altenwohnheime, Tagespflegeheime
  • Heime/Wohngemeinschaften für Behinderte/psychisch Kranke
  • Wohnheime für Aussiedler und Ausländer
  • Heime/Wohngemeinschaften für Kinder und Jugendliche
  • Aus-, Fort- und Weiterbildungsstätten
  • Einrichtungen der Gesundheitshilfe wie z. B. Erholungs- und Kurheime
  • Frauenhäuser

Im Rahmen der AWO sind zudem über 3.500 Selbsthilfe-, Helfer- und andere Gruppen Bürgerschaftlichen Engagements tätig, darunter:

  • in Altenclubs, Seniorengruppen
  • in der Jugendhilfe/Jugendarbeit
  • für chronisch Kranke und Behinderte
  • gesundheitliche Selbsthilfe- und Kontaktgruppen
  • Freiwilligenagenturen/-büros
  • Helfergruppen für Menschen in besonderen Notlagen (etwa Arbeitslosen-Selbsthilfe, Frauen-Selbsthilfe)
  • in der Familienhilfe

Über 800 selbstständige Einrichtungen, Initiativen und Organisationen haben sich der AWO auf allen Ebenen als korporative Mitglieder angeschlossen.[8]

Partner der AWO[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Bundesjugendwerk der AWO ist der eigenständige Kinder- und Jugendverband der AWO. Es wurde 1978 gegründet. Das Bundesjugendwerk der AWO arbeitet als Dach der Landes- und Bezirksjugendwerke eng mit seinen Gliederungen zusammen und veranstaltet für die haupt- und ehrenamtlich Engagierten Arbeitstagungen, Seminare und Treffen. Das Bundesjugendwerk mischt sich – als Interessenvertretung für Kinder und Jugendliche – in politische Diskussionen ein.[9] Die AWO ist Gründungsmitglied der Aktion Mensch.

Korporative Mitglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vereinigungen mit sozialen Aufgaben können sich der Arbeiterwohlfahrt als korporatives Mitglied anschließen. Die AWO kann so die Basis ihrer eigenen Arbeit verbreitern, neue Aufgaben aufgreifen und Verbündete zur Durchsetzung ihrer sozial- und fachpolitischen Ziele gewinnen.[9]

Vorsitzende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bundeskonferenz 2008 beschließt die Einführung eines Präsidiumsmodells und damit eine Umstrukturierung des Bundesverbandes.[10] Seit November 2008 hat die AWO so einen hauptamtlichen Vorstand und ein ehrenamtliches Präsidium.

Ehrenamtliche Präsidenten (seit 2008)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auszeichnungen der AWO[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Marie-Juchacz-Plakette ist eine Ehrenauszeichnung, die von der Arbeiterwohlfahrt verliehen wird. Sie ist die höchste Auszeichnung dieses Verbandes. Namensgeberin ist die Gründerin der Arbeiterwohlfahrt, Marie Juchacz. Die Auszeichnung wird an Mitglieder der Arbeiterwohlfahrt verliehen, die besonderes Engagement für den Verein gezeigt haben und politisch für die Belange der AWO eingestanden sind.

Mit dem Lotte-Lemke-Preis[13] werden Institutionen, Organisationen, Vereine, Verbände, deren Vertreter, aber auch Einzelpersonen ausgezeichnet, die mit ihrem Handeln den einzelnen Leitsätzen und Aussagen des Leitbildes der AWO entsprechen, die nachhaltig soziale Projekte, Initiativen, national wie internationale wohlfahrtspflegerische Aufgaben der AWO entwickelt, gestaltet, unterstützt und gefördert haben. Benannt ist der Preis nach der langjährigen Vorsitzende der AWO Lotte Lemke.

Mit der Verleihung des Heinrich-Albertz-Friedenspreises zeichnet der Bundesverband der AWO seit 1999 eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens für ihr Engagement für den sozialen Frieden aus.

Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2004 begrüßte der damalige AWO-Bundesvorsitzende Manfred Ragati die Einführung von Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung (AGH-MAE) und kündigte an, dass die deutschen Wohlfahrtsverbände mindestens 30.000 AGH-MAE für Langzeitarbeitslose einrichten würden. Viele von ihnen empfanden die Einführung dieser Arbeitsgelegenheiten als entwürdigend, unsolidarisch und dem Gleichheitsprinzip widersprechend und protestierten. Sie nannten diese deshalb „1-Euro-Jobs“. Die soziale Gruppierung Die Überflüssigen besetzte damals symbolisch die AWO Landeszentrale Berlin. Der Wohlfahrtsverband akzeptierte dies nicht und stellte Strafantrag wegen Hausfriedensbruchs.

Betrieb einer Kindertagesstätte auf Mallorca[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Oktober 2018 ergaben Nachforschungen des Landesrechnungshofs Mecklenburg-Vorpommern, dass der AWO-Kreisverband Schwerin-Parchim eine Kindertagesstätte auf Mallorca unterhält. Ungeklärt blieben hierbei die Herkunft der Finanzierungsmittel, und welche Einnahmen daraus erzielt werden. In den Geschäftsberichten der Schweriner AWO fand sich zu der Einrichtung ebenfalls kein Vermerk. Auf eine Anfrage des NDR verweigerte der Kreisvorstand mit dem Verweis, „unternehmenseigene Interna“ nicht offenlegen zu wollen, Auskünfte diesbezüglich.[14] Das Sozialministerium Mecklenburg-Vorpommern teilte mit, Landesmittel seien nicht geflossen. Stefanie Drese (SPD), Ministerin für Soziales, Integration und Gleichstellung, stellte klar, dass eine Kita auf Mallorca „nicht im Landesinteresse“ liege und „aus Sicht des Ministeriums keine sozialpolitische Notwendigkeit für den Betrieb einer AWO-Einrichtung auf Mallorca“ bestehe. Auch der AWO-Bundesverband forderte eine rasche Aufklärung. „Den Verweis der AWO Schwerin auf die im Verbandsstatut genannte Förderung von Projekten im In- und Ausland […] können wir im Zusammenhang mit der Ferieninsel Mallorca nicht gelten lassen, und er erscheint im Gegenteil ausgesprochen fragwürdig“, so der Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler.[15] Bereits zuvor waren genauere Überprüfungen der Sozialverbände durch den Rechnungshof veranlasst worden.[16]

Leiharbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bundesverband erklärte in einer Pressemitteilung vom 5. November 2010: „Systematische Leiharbeit lehnen wir ab!“. Dazu erklärt der AWO-Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler: „Generell ist das Instrument der Leiharbeit kritisch zu betrachten und sensibel anzuwenden. Es ist als Instrument zur Schaffung von Beschäftigungschancen gedacht und dazu, Auftragsspitzen in Unternehmen abzudecken. Das heißt auch, dass ein sehr zurückhaltender und verantwortungsvoller Einsatz intendiert war und ist. Eine systematische Anwendung von Leiharbeit lehnen wir von daher als Bundesverband ab. Wenn es in Ausnahmefällen zum Einsatz von Leiharbeit kommen sollte, dann muss verbindlich klar sein, dass Leiharbeiter den Festangestellten nach dem Grundsatz ,gleicher Lohn für gleiche Arbeit‛ gleichzustellen sind.“

Die AWO im westlichen Westfalen beschäftigt rund 15.000 Mitarbeiter (Stand 2010) unter den Rahmenbedingungen des mit Ver.di geschlossenen Tarifvertrags AWO NRW. Die AWO im Bezirk Westliches Westfalen bietet Arbeitnehmern zeitlich befristet nach einem Auslaufen der Vertragszeit an, neue Verträge bei der Arbeiterwohlfahrt-Servicegesellschaft (AW PSG) abzuschließen. Diese hauseigene Zeitarbeitsfirma leiht das Personal dann an die Muttergesellschaft AWO aus. Dadurch ist es möglich, den Leiharbeitern Tarifverträge mit schlechterer Bezahlung als den Festangestellten anzubieten. Im Bezirk Westliches Westfalen hat die AWO etwa 300 Mitarbeiter in die Leiharbeit ausgegliedert.

Die Vorteile für die AWO sind zum einen der geringere Lohn und Einsparungen bei der Mehrwertsteuer. Der Vorteil für die AWO bestehe nach eigener Aussage nicht in geringeren Lohnkosten – die Stunde Leiharbeit sei in der Regel sogar teurer als eine Stunde gemäß Tarifvertrag AWO NRW –, sondern in einer größeren Flexibilität des Arbeitseinsatzes, zum Beispiel bei Krankheits- oder Urlaubsvertretungen und bei Belegungsschwankungen. Dagegen gibt die Gewerkschaft ver.di jedoch u. a. zu bedenken, dass der Tarifvertrag gegenüber dem Öffentlichen Dienst nachteilig sei, für viele Beschäftigte ohnehin nicht gelte und vor allem gering Qualifizierte von der Ausgründung in Zeitarbeitsbeschäftigung betroffen seien.[17]

Untreueverdacht in Mecklenburg-Vorpommern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2016 wird in der Presse über Unregelmäßigkeiten im Landesverband Mecklenburg-Vorpommern berichtet. Die Staatsanwaltschaften in Schwerin und Neubrandenburg ermitteln gegen drei frühere Geschäftsführer des Verbandes wegen des Verdachtes auf Untreue und teilweise schwere Untreue. Der Landtag Mecklenburg-Vorpommern setzte einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu den Vorwürfen ein, der seit dem 27. Februar 2017 tätig ist. Dem ehemaligen Landesvorsitzenden der AWO, Ulf Skodda, wird vorgeworfen, im Untersuchungsausschuss des Landtages die Unwahrheit gesagt haben. Auch hier läuft eine Untersuchung der Staatsanwaltschaft.[18][19]

Der ehemalige Geschäftsführer der AWO bei Müritz, Peter Olijnyk, wurde dazu verurteilt, der AWO überhöhte Bezüge von 390.000 Euro zurückzuzahlen.[20] Im Februar 2020 erhob die Schweriner Staatsanwaltschaft zudem Anklage wegen des Verdachts der Untreue in besonders schwerem Fall, es geht um eine Summe von rund 1,3 Millionen Euro.[21]

Betrugs- und Untreueverdacht in Frankfurt am Main und Wiesbaden[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ende 2018 gab der AWO-Kreisverband Frankfurt am Main seine beiden im Auftrag der Stadt Frankfurt betriebenen Unterkünfte für Asylbewerber auf. Das städtische Sozialdezernat war auf finanzielle Unregelmäßigkeiten aufmerksam geworden, interne Prüfer und Amtsjuristen empfahlen daraufhin die „schnellstmögliche Beendigung der Zusammenarbeit“.[22]

Insgesamt erhielt die AWO-Frankfurt von der Stadtverwaltung Frankfurt von Mitte 2016 bis Ende 2018 mehr als 15 Millionen Euro für den Betrieb einer Unterkunft, davon allein 6,5 Millionen für einen Sicherheitsdienst, der von Mitarbeitern der AWO Frankfurt gegründet und verwaltet wurde.[23][24]

Laut einem im Juli 2019 veröffentlichtem Bericht der Frankfurter Neuen Presse erhielt AWO Frankfurt unter anderem Fördermittel für ein Sport- und Physiotherapie-Programm in ihren Asylbewerberheimen, das in einem weitaus geringerem Umfang stattgefunden haben soll als gegenüber der Stadt behauptet.[25]

Nach einer anonymen Strafanzeige leitete die Staatsanwaltschaft Frankfurt daraufhin ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des Betrugs und der Untreue gegen Verantwortliche des AWO-Kreisverbands ein.[26]

Die hessenschau berichtete im November 2019 über Auffälligkeiten im Beschäftigungsverhältnis einer Kindertagesstätten-Leiterin. Sie bezog ein (gemessen an den Dienstjahren) unüblich hohes Gehalt und verfügte auch über einen Dienstwagen, der anderen Mitarbeitern in vergleichbarer Position nicht zusteht. Diesen Wagen nahm sie auch in die Elternzeit mit.[27] Bei der Person handelt es sich um die Ehefrau des Frankfurter Oberbürgermeisters Peter Feldmann,[27] der selbst zuvor für die AWO in Frankfurt tätig war. In dieser Position soll er sich laut einem Bericht des Hessischen Rundfunks jedoch hauptsächlich um seinen Wahlkampf gekümmert haben.[28] Die erst mit ihm geschaffene Stelle wurde nach seiner Wahl nicht wieder besetzt. Der Bürgermeister kritisierte die „exklusive“ Berichterstattung der Hessenschau und kündigte an, sich gegenüber allen Medien zu äußern; stattdessen gab er der Bildzeitung ein Exklusivinterview, in dem er angab, nicht über die Einkünfte seiner Frau informiert gewesen zu sein. Über sein eigenes früheres Beschäftigungsverhältnis bei der AWO äußerte er sich nicht.[29]

Im Dezember 2019 berichtete u. a. Spiegel-Online, mehrere AWO-Funktionäre in Frankfurt und Wiesbaden erhielten beinahe sechsstellige Jahresgehälter und in wenigen Fällen das mehrfache dessen[30]. Andere Mitarbeiter der AWO Frankfurt und Wiesbaden wurden dem Bericht zufolge, der sich auf interne Dokumente beruft, mit Sport-Dienstwagen, Beraterleistungen, Warengutscheinen und Erfolgsprämien, in jeweils vier bis deutlich fünfstelliger Höhe bedacht.[23] Bis kurz vor der Publikmachung war dem Bericht zufolge innerhalb der letzten Jahre unter anderem in Frankfurt und Wiesbaden ein Ehepaar als Geschäftsführung installiert, das sich selbst bereicherte und in einem Fall als Aufsichtsratvorsitzender den Ehepartner in Wiesbaden kontrollierte bzw. absicherte.[23] Indes war ein AWO-Vize-Geschäftsführer in Frankfurt gleichzeitig in Wiesbaden als Revisor in Funktion.[23] Der für die Aufsicht der Frankfurter AWO zuständige AWO-Bezirksverband Hessen-Süd wird wiederum von einer Person geführt, die zugleich ehrenamtlicher Vorstandschef der Frankfurter AWO ist und von der AWO in Wiesbaden mehrere Jahre lang Gehälter für Rechtsberatungen bezog.[23] Dort übernahm die Staatsanwaltschaft Wiesbaden Ermittlungen wegen des Verdachts auf Untreue und Betrug. Als ehrenamtliche Revisorin für die AWO in Frankfurt fungierte die Bundestagsabgeordnete Uli Nissen, die ebenfalls im Zuge der Berichterstattung von ihrem Posten bei der AWO zurücktrat, da sie eigener Aussage nach keinen wirklichen Überblick über die finanziellen Vorgänge bei dem Sozialverband gehabt hatte.[31] Noch im selben Monat trat ebenfalls das Präsidium des Frankfurter Kreisverbands mit dem AWO-Vorsitzenden und seinen drei Stellvertretern zurück.[32] Auch die zum 1. Januar 2020 designierten Vorstände haben zuvor alle mit dem zurückgetretenen, beziehungsweise in Ruhestand gegangenen, ehemaligen Vorstandsvorsitzenden eng zusammengearbeitet und sind selbst mit hochwertigen Dienstwagen ausgestattet gewesen. Einer der neuen Stellvertreter gilt laut Recherchen der Frankfurter Rundschau gar als eine der Schlüsselfiguren im noch aufzuklärenden Skandal.[33]

Auch erregte der Pressesprecher der AWO Frankfurt am Main, das SPD-Mitglied Johannes Frass, der laut seinem Facebook-Profil noch als Student eingeschrieben ist und Anfang dreißig ist, Kritik mit seinem Jahresgehalt von rund 100.000 Euro[34] – etwa doppelt soviel, wie für eine vergleichbare Stelle üblich. Zudem stellte die AWO ihm einen Dienstwagen zur Verfügung. Kritisch betrachtet wurde auch die schnelle Karriere der auch zum Zeitpunkt Anfang dreißigjährigen SPD-Stadtverordneten Myrella Dorn, die ohne formalen Studienabschluss und ohne entsprechende Berufserfahrung zur Abteilungsleiterin gemacht wurde und dort bis heute ebenfalls etwa 100.000 Euro Jahresgehalt erhält.[35]

Der Wiesbadener Kreisverband der AWO meldete im November 2020 seine Insolvenz an.[36]

Bericht über überzogene Gehälter in Thüringen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einem internen Bericht zufolge erhielt die vierköpfige Führung der AWO-Thüringen jährlich rund 860.000 Euro Gehalt im Jahr (Kosten für Dienstwagen und Wohnungen nicht eingerechnet).[37] So erhielt der ehemalige Geschäftsführer der AWO-Thüringen und derzeitige Geschäftsführer mehrerer Tochtergesellschaften der AWO-Thüringen über mehrere Jahre ein Bruttogehalt, das sich an seinen früheren Kosten für eine 128-Quadratmeter-Wohnung in der Erfurter Innenstadt orientierte.[20] Darüber entschied neben dem Vorsitzenden der AWO-Thüringen eine AWO-Funktionärin in Erfurt, die in ihrer früheren Tätigkeit als Repräsentantin eines thüringischen Möbelhauses 80 % aller Ausstattungsverträge von AWO-Tochtergesellschaften erhielt.[20] Der Besitzer des Möbelhauses ist wiederum Vizevorsitzender des Kreisverbands Gotha und war bis 2017 Revisor des Landesverbands.[20] Laut einem internen Bericht wurde dem ehemaligen Geschäftsführer der AWO-Thüringen eine jährliche Gehaltserhöhung von drei Prozent sowie eine überaus hoch vergütete Altersteilzeit mit Freistellungsphase ab 2021 zugesichert.[37] Eine Rückgabe seines 80.000 €-Dienstwagens nach Ende der Beschäftigung sei nicht vereinbart.[37] Nach einer internen Richtlinie der Verbandsführung in Berlin soll sich das Einkommen eigentlich deutschlandweit an denen des öffentlichen Dienstes orientieren.[20]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Arbeiterwohlfahrt Landesverband Hamburg e.V., Karen Hagemann (Hrsg.): Wir wollen zum Köhlbrand! Geschichte und Gegenwart der Hamburger Arbeiterwohlfahrt 1919–1985. VSA-Verlag, Hamburg 1985, ISBN 3-87975-324-5.
  • Philipp Kufferath/Jürgen Mittag: Geschichte der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2019, ISBN 978-3-8012-4265-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Arbeiterwohlfahrt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d awo.org: Jahresbericht 2018
  2. Verbandsstatut der Arbeiterwohlfahrt. (PDF; 109 KB) In: awo.org. Abgerufen am 27. August 2019.
  3. Johanna Roth: Frauenwahlrecht in Deutschland: Die Uroma der Demokratie. In: Die Tageszeitung: taz. 11. November 2018, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 30. November 2018]).
  4. Gründung der AWO
  5. Edmund Fröhlich, Theresia Danco (Hrsg.): Nach 57 Jahren: Die AWO gründet sich in Thüringen wieder. In: Quo vadis Freie Wohlfahrtspflege, Bank für Sozialwirtschaft; Köln, 1990
  6. awo.org: Die AWO in Zahlen und Fakten
  7. Hinweis in: Vorwärts 7/8 2013, S. 13
  8. Zu diesem Abschnitt Homepage AWO Bundesverband (Memento vom 3. Mai 2015 im Internet Archive)
  9. a b Partner/innen des Bundesverbandes (Memento vom 3. Mai 2015 im Internet Archive) auf der Homepage der AWO
  10. http://www.awo-historie.org/index.php?id=702&tx_ttnews%5Btt_news%5D=3651&cHash=9a7331c0f0c85587b6cf722b596f9faf@1@2Vorlage:Toter Link/www.awo-historie.org (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven)
  11. http://www.awo-historie.org/index.php?id=694&tx_ttnews%5Btt_news%5D=3744&cHash=b466a826b4df082bc59a24ad7911705c@1@2Vorlage:Toter Link/www.awo-historie.org (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven)
  12. Website AWO (Memento vom 3. Mai 2015 im Internet Archive)
  13. Webseite zur Bundeskonferenz 2012 (Memento vom 3. Mai 2015 im Internet Archive)
  14. Stefan Ludmann: Ministerium kritisiert AWO-Kita auf Mallorca. Auf ndr.de, 2. Oktober 2018.
  15. AWO Bundesverband fordert schnelle Untersuchung in Sachen Kita der AWO Schwerin. Pressemitteilung. Auf awo.de, 4. Oktober 2018.
  16. Michael Seidel: Rechnungshof prüft künftig Sozialverbände. Auf svz.de, 8. Dezember 2017.
  17. Gewerkschaftsseite Herzlos-online.de: Regelungswerk.ppt (Downloadseite, nur als Powerpoint-Präsentation verfügbar, 46 kB)
  18. Andreas Becker: Awo-Skandale Thema im MV-Landtag. In: Nordkurier, 13. November 2019.
  19. Parlamentarischer Untersuchungsausschuss zu Wohlfahrtsverbänden eingerichtet. Landtag M-V.
  20. a b c d e Matthias Bartsch, DER SPIEGEL: Schon wieder Selbstbedienung bei der Arbeiterwohlfahrt: Ein Dienstwagen mit 330 PS – DER SPIEGEL – Politik. Abgerufen am 1. Februar 2020.
  21. Untreue: Anklage gegen Ex-AWO-Manager erhoben NDR 1 Radio MV vom 6. Februar 2020
  22. Awo-Affäre um Flüchtlingsheime: Sozialdezernentin wusste Bescheid. 26. Juli 2019, abgerufen am 27. Juli 2019.
  23. a b c d e SPIEGEL ONLINE: Wie die Arbeiterwohlfahrt in Frankfurt zum Selbstbedienungsladen wurde (Bezahlartikel). Abgerufen am 14. Dezember 2019.
  24. Verdacht auf Betrug: Frankfurter Arbeiterwohlfahrt im Visier der Ermittler. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 20. November 2019]).
  25. Schwere Vorwürfe gegen Awo in Frankfurt – Geschäftsführer vor dem Rücktritt. 16. Juni 2019, abgerufen am 27. Juli 2019.
  26. hessenschau de, Frankfurt Germany: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Frankfurter AWO. 14. November 2019, abgerufen am 17. November 2019.
  27. a b hessenschau de, Frankfurt Germany: Ehefrau des Frankfurter OB erhält höheres Gehalt als üblich. 19. November 2019, abgerufen am 20. November 2019.
  28. hessenschau de, Frankfurt Germany: Ehefrau des Frankfurter OB erhält höheres Gehalt als üblich. 19. November 2019, abgerufen am 20. November 2019.
  29. deutschlandfunk, Köln Germany: AWO-Skandal in Frankfurt am Main Vorwürfe gegen Oberbürgermeister Feldmann und seine Frau. 28. November 2019, abgerufen am 29. November 2019.
  30. Maßlosigkeit bei der AWO: Luxusschlitten, Filz und Traumgehälter, n-tv vom 18. Dezember 2019, abgerufen am 18. Dezember 2019
  31. Matthias Bartsch: Awo-Prüfer zur Frankfurter Abzockeraffäre: „Vollkommen aus dem Ruder gelaufen“. In: Spiegel Online. 17. Dezember 2019 (spiegel.de [abgerufen am 18. Dezember 2019]).
  32. Frankfurter Abzockeraffäre: Präsidium des Awo-Kreisverbands tritt zurück. In: Spiegel Online. 20. Dezember 2019 (spiegel.de [abgerufen am 20. Dezember 2019]).
  33. „Von wegen Läuterung: Neuer Vorstand der AWO droht zur Farce zu werden“ fr.de vom 1. Januar 2020
  34. Von Uwe Kreißig, Volksstimme Magdeburg: Ein Jaguar für den Bedürftigen. Abgerufen am 22. September 2020.
  35. Knapp über 30 und schon 100.000 Euro : Wie SPD-Jungpolitiker bei der AWO Spitzengehälter erhalten | hessenschau.de | Politik. 13. April 2020, abgerufen am 22. September 2020.
  36. Awo Wiesbaden geht in die Insolvenz. 25. November 2020, abgerufen am 28. November 2020.
  37. a b c Matthias Bartsch, DER SPIEGEL: Interner Bericht belastet Awo-Funktionäre: Das System Hack - DER SPIEGEL - Panorama. Abgerufen am 23. Mai 2020.