Bewahrung der Schöpfung

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Bewahrung der Schöpfung ist ein biblisch motiviertes und religiös orientiertes Motto, das seit den 1980er Jahren in den ethischen Diskurs und in die Zielvorstellungen zahlreicher christlicher Friedens- und Umwelt-Initiativen Eingang gefunden hat.[1] Auslöser war der Konziliare Prozess, der auf der VI. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Vancouver (Kanada) 1983 seinen Anfang nahm.[2] Das Wort Bewahrung erinnert an die Verantwortung des Menschen für seine Umwelt, während der Begriff Schöpfung neben seinem metaphysischen Inhalt auch den Gedanken einer gemeinsamen, christlich geprägten Welt der Menschheit und aller Lebewesen ausdrückt.

1986 organisierte der britische Prinz Philip, Duke of Edinburgh, zwischen 1981 und 1996 Präsident des World Wildlife Fund, ein Gipfeltreffen mit Führern der fünf großen Weltreligionen Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam und Judentum. Sie diskutierten, „welchen Beitrag der Glaube zur Bewahrung der Natur leisten könne.“[3]

Wurzeln in der hebräischen Bibel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Schöpfung als ein Urgarten leuchtet in der Genesis als Bild vom Garten Eden auf. Die Schöpfung als ein von Gott geschaffener Garten soll durch das Mittun des Menschen nicht nur kultiviert und bewohnt, sondern auch achtsam bewahrt werden

Nach übereinstimmendem jüdisch-christlichem Glaubenszeugnis sind die Natur, das Universum und der gesamte Kosmos eine Schöpfungstat Gottes. Mit diesem Bekenntnis beginnt die Hebräische Bibel, für Christen auch das Alte Testament. Dessen erstes Buch hat den Titel Genesis (Entstehung) erhalten.

Eine zentrale biblische Stelle findet sich deshalb am Anfang der Bibel. Dort wird der Mensch aufgerufen, den Garten Eden „zu bebauen und zu bewahren“ (1. Mose 2,15 LUT).

Die Erde ist in diesem Sinne dem Menschen anvertraut, um sie im Auftrag des Schöpfers zu hegen und zu pflegen und ihre Potenziale zu entwickeln. Gefordert ist von Seiten des Menschen ein gärtnerischer Umgang mit der Natur. Durch die Sonderstellung des Menschen als Ebenbild Gottes, wie sie in der biblischen Schöpfungsgeschichte und in Schöpfungspsalmen dargelegt ist, kommt dem Menschen die von Gott übertragene Verantwortung zu, die Schöpfung zu bewahren und sie treuhänderisch zu verwalten.

Der Mensch erscheint als kreatives Geschöpf unter anderen Mitgeschöpfen. Dieser Schöpfungsauftrag beinhaltet darüber hinaus die Beauftragung, die Erde zu kultivieren und sie zu einem für alle Menschen bewohnbaren Lebensraum einzurichten. Der schonende Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Erde ist im Alten Testament als Ethik verankert.

Initiativen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Motto kennzeichnet unter anderem folgende Initiativen:

Christentum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kirchen im Konziliaren Prozess[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Motto „Bewahrung der Schöpfung“ beruht bei den Kirchen, die seit 1983 dem Konziliaren Prozess nahe stehen, auf dem Glauben, dass die Erde und all ihr Leben als Schöpfungswerk Gottes heilig bzw. geheiligt ist. Weil alle Formen des Lebens in Beziehung zueinander und zu Gott stehen, soll diese Schöpfung Gottes bewahrt und achtsam beschützt werden. Der schonende Umgang mit der von Gott erschaffenen Erde und ihrem Leben ist ein traditionelles, aus der jüdischen Zivilisation und Kultur stammendes ethisch-theologisches Anliegen (siehe unten).

Gemeinsame Erklärung des Rates der EKD und der Deutsche Bischofskonferenz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1985 formulierten der Rat der EKD und die Deutsche Bischofskonferenz in einer gemeinsamen Erklärung: „Aufgeschreckt durch das offenkundig gewordene Ausmaß der Zerstörung unserer Umwelt und angestoßen durch die moderne Schriftauslegung, befragen wir die Bibel … nach dem gottgewollten Verhältnis des Menschen zu seinen Mitgeschöpfen.“ Dabei stießen die Kirchen auf eine zweite biblische Einsicht in der Genesis, die das Bild des Hirten und seines fürsorglichen Dienstes beleuchtet.

Eine Schlüsselrolle bekam neben dem gärtnerischen Aspekt die Erläuterung der Begriffe kavash und radah (Gen 1,28 EU): „Untertanmachen (Genesis 1,28) bedeutet, die Erde (den Boden) mit ihrem Wildwuchs botmäßig, gefügig machen“, also Kulturland durch Kultivieren der Erde zu schaffen, wo vorher Wildnis war. „Das Herrschen des Menschen über die Tierwelt hebt sich von der Unterwerfung des Bodens … deutlich ab. Es erinnert an das Walten eines Hirten gegenüber seiner Herde …. Gott legt dem Menschen das Leiten und Hegen der Tiergattungen auf (Genesis 1,26.28).“[4]

Die zehn Grundüberzeugungen der Oekumenischen Weltversammlung von Seoul[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Blick auf das Bewahren der Schöpfung wiederholte und vertiefte die Oekumenische Weltversammlung von Seoul in Südkorea 1990, eine Weltkirchenkonferenz, noch einmal als 7. Grundüberzeugung:

„Wir bekräftigen, dass Gott die Schöpfung liebt. Gott, der Schöpfer, ist der Ursprung und der Erhalter des ganzen Kosmos. Gott liebt die Schöpfung […] Da die Schöpfung von Gott ist und seine Güte die ganze Schöpfung durchdringt, sollen wir alles Leben heilig halten […] Wir bekräftigen, dass die Welt als Gottes Werk eine eigene Ganzheit besitzt und dass Land, Wasser, Luft, Wälder, Berge und alle Geschöpfe, einschließlich der Menschen, in Gottes Augen ‚gut‘ sind […]“.[5]

In Entsprechung zu den Zehn Geboten wurden in Seoul „Zehn Grundüberzeugungen“ der christlichen Kirchen verabschiedet, die zusammenfassen, was Christen heute gemeinsam zu sozialethischen Fragen sagen können.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Evangelikalismus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Interpretation der Bibel und die daraus folgende Schöpfungsethik ist keineswegs universell; manche christliche Kirchen mit Nähe zum Evangelikalismus, gerade auch außerhalb Deutschlands, sehen es nicht als Aufgabe von Kirche und Gemeinde, sich beim Umweltschutz zu betätigen.[6]

Für diese Gemeinden ist beispielsweise der Klimawandel, wenn sie dessen Existenz überhaupt anerkennen, ein Wegweiser in Richtung Endzeit. Der aktiv betriebene Umweltschutz gilt als Störfaktor in Gottes größerem Plan. So argumentiert zum Beispiel ein Pastor der Northland Bible Baptist Church im US-Bundesstaat Minnesota in seiner Predigt:

„Einige Leute denken, dass wir den Planeten retten können, indem wir unseren Lebensstil ändern. Aber es wird nicht unsere Industrie sein, die uns zerstört, es werden nicht unsere Autos sein oder unsere Waffen oder unsere CO2 Emmissionen. Wer an Gott glaubt, macht sich keine Sorgen um die Erderwärmung. Denn die Zukunft dieses Planeten ist allein in Gottes Hand, nicht in eurer.“[7]

Katholische Kirche in den Vereinigten Staaten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aber auch andere christliche Konfessionen tun sich in den Vereinigten Staaten damit schwer. Der Erzbischof von Washington, Donald Kardinal Wuerl, hatte 2015 bereits vor Erscheinen der päpstlichen Enzyklika Laudato si’, die das Bewahren der Schöpfung eingehend thematisiert, geäußert, Umweltschutz sei gewiss wichtig, er dürfe allerdings „die wirtschaftliche Entwicklung nicht gefährden“.[8]

Unschärfen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die christliche Religion, eine der Mission, der Kultobjekte[9] und des Glaubens,[10] legt im Konziliaren Prozess das Augenmerk darauf, die Welt so, wie sie von Gott vollendet erschaffen wurde, zu erhalten, auch für spätere Generationen.

Hierbei wird allerdings nicht immer deutlich, in welchem Zustand die Schöpfung erhalten werden soll und aus wessen Perspektive betrachtend geurteilt wird.[11][12][13] Bei diesem Motto wird aber nicht klar, ob damit die Perspektiven der westlichen, christlich geprägten Zivilisationen mit Globalisierung, der Klimaänderung[14] und dem Atomzeitalter[15] maßgeblich sind, oder ob die Schöpfung in einem Zustand der Postindustrialisierung, in einem naturnäheren, mystischen Zustand, vergleichbar dem dunklen Mittelalter (siehe Aufblühen der Mittelalterfeste, Wallfahrten in Europa) oder anders unter globaler christlicher Hoheit, der Weltmission[16] erhalten werden soll.

Judentum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Judentum gibt es die Vorstellung der Tikkun olam (hebräisch für Verbesserung der Welt oder Reparieren der Welt), was sich traditionell eher auf soziale Fragen bezog. In neuerer Zeit wird dies zum Teil auch im Sinne von Umweltschutz und Wiederaufforstung verstanden.[17]

Dies ist vergleichbar mit der Wendung Bewahrung der Schöpfung, ist jedoch mehr als nur bloßes Motto. Das Judentum als eine Religion der Zeit[18] und der Tat[19] versteht sich als von Gott aufgerufen, die Schöpfung zu vollenden und auch zu heilen.[20][21]

Der Tanach enthält älteste Schriften, die Tora vertritt von alters her Gebote, die als Umweltschutz und gegen Raubbau interpretiert werden können; zum Neujahrsfest der Bäume werden Bäume gepflanzt. Der jüdische Festkalender ist erheblich durch den natürlichen landwirtschaftlichen Jahreslauf bestimmt.

Wirkungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Umweltschutzgesetz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Gedanke des Bebauens und Bewahrens der Schöpfung steckt mit den Worte „schützen“ und „erhalten“ letztlich auch hinter dem Schweizer Umweltschutzgesetz (USG) von 1985. Das Gesetz definiert in Artikel 1 das Ziel, „Menschen, Tiere und Pflanzen, ihre Lebensgemeinschaften und Lebensräume gegen schädliche oder lästige Einwirkungen schützen sowie die natürlichen Lebensgrundlagen, insbesondere die biologische Vielfalt und die Fruchtbarkeit des Bodens, dauerhaft erhalten.“ Die Zielsetzung ist in dieser Form seit 1. Januar 2004 in Kraft.

Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten von 1997 durch das InterAction Council nimmt indirekt das Anliegen, das hinter dem Motto „Bewahrung der Schöpfung“ steht, auf, indem dort als Richtlinie formuliert ist:

Die Ehrfurcht vor dem Leben beschränkt sich in dieser Erklärung nicht auf das menschliche Leben, sondern schließt Tiere, Pflanzen, den Erdboden, das Wasser und die Luft mit ein. Die Menschen sollen Sorge dafür tragen, dass die Natur und die Mitgeschöpfe geschützt und erhalten werden.

Erd-Charta[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gleiches gilt für die Erd-Charta aus dem Jahr 2000 im Blick auf die dort – neben weiteren Themen – formulierten drei Grundanliegen:

  1. Die Fülle und Schönheit der Erde für heutige und zukünftige Generationen sichern.
  2. Die Ganzheit der Ökosysteme der Erde schützen und wiederherstellen, vor allem die biologische Vielfalt und die natürlichen Prozesse, die das Leben erhalten.
  3. Schäden vermeiden, bevor sie entstehen, ist die beste Umweltpolitik. Bei begrenztem Wissen gilt es, das Vorsorgeprinzip anzuwenden.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ökumenische Initiative für eine gerechte, dem Frieden und der Bewahrung der Schöpfung verpflichtete Welt.
  2. Ökumenische Versammlungen
  3. Homepage www.Welt-sichten.org Umweltschutz nach Gottes Willen. Gipfeltreffen der großen Weltreligionen, abgerufen am 1. Juni 2021
  4. Rat der EKD, Deutsche Bischofskonferenz: Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung. § 46, 50, 51. In: EKD. 14. Mai 1985, abgerufen am 19. Januar 2019.
  5. zitiert nach: Ulrich Schmitthenner (Hg.): Oekumenische Weltversammlung in Seoul 1990. Arbeitsbuch für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung; Frankfurt/Essen 1990, S. 153f [Teil II, Grundüberzeugungen]
  6. Moyers of America Citizens Class: Religion & the Environment
  7. Evangelikale und der Klimaschutz www.Deutschlandfunk.de, abgerufen am 1. Juni 2021
  8. spiegelOnline: Enzyklika von Franziskus: Der grüne Papst. Von Hans-Jürgen Schlamp, 16. Juni 2015, abgerufen am 27. Juni 2015.
  9. „bei sich einen besonderen Priesterstand schufen, an die biblischen Vorschriften über die jüdischen Priester anknüpften,“ Felix Makower in: Walter Homolka, Walter Jacob, Tovia Ben Chorin: Die Lehren des Judentums nach den Quellen. Band III; Knesebeck, München, 1999, S. 233 ff.
  10. Eberhard Jüngel: Gott als Geheimnis der Welt. 6. Aufl. Tübingen 1992, 238.
  11. Bewahrung der Schöpfung sind Kernanliegen unserer Politik CDU.de
  12. „Im Fachbereich Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung ist die Umweltarbeit in der Diözese Rottenburg-Stuttgart angesiedelt.“ Diözese Rottenburg-Stuttgart (Memento vom 27. Juni 2009 im Internet Archive)
  13. Bewahrung der Schöpfung - Landscaritas-Verband Bayern
  14. „Bewahrung der Schöpfung - Einer der Grundsätze der Evangelischen Jugend ist es, sich für die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen. Gott hat uns nur eine Erde gegeben und es ist unsere Aufgabe, damit sorgsam umzugehen und sie auch für zukünftige Generationen zu erhalten.“ Evangelische Jugend (Memento vom 26. Juni 2009 im Internet Archive)
  15. „Vorwärts mit Atomenergie zur ‚Bewahrung der Schöpfung‘, wie die Union verkündet?“ Billig, sauber, tödlich Tagesspiegel.de vom 30. Juni 2008
  16. „Weltweit treten die Kirchen für eine andere Globalisierung ein. Sie unterstützen Projekte und Menschen in der Missionsarbeit, die für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung eintreten.“ Weltmission. Die andere Globalisierung. Mit der CredoCard zum Segen werden (Memento vom 12. Februar 2010 im Internet Archive)
  17. „Das Judentum ist nicht nur ethisch, sondern die Ethik macht sein Prinzip, sein Wesen aus.“ Leo Baeck, zitiert nach: Walter Homolka: Tradition und Erneuerung. Die Reformbewegung und ihre Dynamik als größte religiöse Strömung des Judentums. Herder Korrespondenz 11, 2007. Online-Version
  18. „(...) Wenn man andere Religionen als Beziehung zwischen Mensch und Gott charakterisieren kann, so gilt für das Judentum, daß man es als eine Beziehung des Menschen zu der Tora und Gott sehen muß. Der Jude steht nie allein vor dem Antlitz Gottes; die Tora ist immer bei ihm. (...) Die Tora ist nicht die Weisheit, sondern das Schicksal Israels, nicht unsere Literatur, sondern unser Wesen. (...)“ Abraham Joshua Heschel: Gott sucht den Menschen - Eine Philosophie des Judentums. In der Reihe: Information Judentum, Band 2, Hrsg. von Zehuda Aschkenasy, Ernst Ludwig Ehrlich und Heinz Kremers, Neukirchener Verlag, 1992, S. 129.
  19. Max Wiener in: Walter Homolka, Walter Jacob, Tovia Ben Chorin: Die Lehren des Judentums nach den Quellen. Band III; Knesebeck, München, 1999, S. 465; Stichwort: Nächstenliebe
  20. Gesetz und Umwelt: Tikun Olam - die Heiligung der Welt von Erich Fromm.
  21. Ethik und Monotheismus: Tikun Olam - Die Errettung der Welt von David Gall / haGalil onLine 18-01-2000