Bibelgürtel (Niederlande)

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Die Hochburgen der Staatkundig Gereformeerde Partij, hier bei der Wahl 2010, sind weitgehend deckungsgleich mit dem Bibelgürtel

Der Bibelgürtel (niederländisch Bijbelgordel) in den Niederlanden ist eine Bezeichnung für bestimmte Gegenden in den Niederlanden, in denen relativ viele strenggläubige Anhänger reformierter Kirchen wohnen. Diese werden auch (abwertend) als den „Schwarzestrümpfekirchen“ zugehörig bezeichnet.

Der Bibelgürtel verläuft von den seeländischen Inseln (und der südholländischen Insel Goeree-Overflakkee) über die Polder der Provinzen Südholland, Utrecht, Gelderland und teilweise Nordbrabant (Werkendam und Wijk en Aalburg) bis zur Veluwe und dann vor allem in nordwestlicher Richtung nach Overijssel. Orte wie Staphorst, Genemuiden, Nieuw-Lekkerland, Elspeet, Opheusden, Kesteren, Barneveld, Ederveen, Ouddorp, Tholen, Arnemuiden, Meliskerke, Aagtekerke, Yerseke und Krabbendijke liegen inmitten dieses Gebiets. Orte, die außerhalb des Bibelgürtels liegen, in denen aber doch viele streng reformierten Kirchgänger wohnen, sind Urk, Rijssen und Katwijk aan Zee.

Das soziale Leben dieser Menschen spielt sich zum größten Teil untereinander ab. Man trifft sich vor allem in Kirche, Schule, Verein und auch bei der Arbeit. Der Wähleranteil der kleinen christlichen Parteien SGP und ChristenUnie ist im Bibelgürtel signifikant größer als im restlichen Land.

Der Bibelgürtel geht auf Anhänger einer Frömmigkeitsbewegung im 17. Jahrhundert, die sogenannte Nähere Reformation, zurück.

Der Name ist von der englischen Redewendung Bible Belt abgeleitet, womit man ein großes Gebiet im Südosten der Vereinigten Staaten bezeichnet, in dem der evangelikale Protestantismus ein integraler Bestandteil der Kultur ist.

Reformierte Konfession[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Streng-reformierte Christen kann man in Zeeland, Südholland, der Veluwe, der Betuwe und in Overijssel finden. Sie zeichnen sich durch ein stark ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb ihrer kirchlichen Gemeinschaft aus. Die Kirche nimmt eine zentrale Stelle im Alltag ein. Sonntags besuchen die Kirchgänger zwei Gottesdienste. Dabei kommen mitunter mehrere tausend Gläubige zusammen. Auch während der Woche finden zahlreiche kirchliche Aktivitäten zu verschiedenen Themen statt.

Zu den streng-reformierten Kirchverbänden zählen:

Nach Schätzungen sind zwischen 300.000 und 500.000 Niederländer, also zwischen 2 und 3 % der Bevölkerung, Mitglied einer dieser Gemeinden.

Neben Kirchen haben auch Schulen eine wichtige identitätsstiftende Funktion innerhalb der Gemeinden. Hunderte Grundschulen werden von streng-reformierten Niederländern geleitet. Neben Grundschulen gibt es auch reformierte weiterführende Schulen. Diese Schulen befinden sich in unter anderem in Apeldoorn, Kampen, Amersfoort, Barneveld, Gouda, Gorinchem, Rotterdam und Goes. Hinzu kommen eine eigene Hochschule, das Driestar College in Gouda, und eine große Berufsoberschule, das Hoornbeeck College. Es gibt auch viele protestantisch-christliche Schulen auf reformierter Grundlage. Diese Grundschulen und weiterführende Schulen werden oft von streng-reformierten Schülern besucht.

Politisch haben sich die Streng-Reformierten in der SGP organisiert. Auch verfügen sie über eine eigene landesweite Zeitung, das Reformatorisch Dagblad mit 59.000 Abonnenten.

Inzwischen sind verschiedene (populär-)wissenschaftliche Untersuchungen über diese Bevölkerungsgruppe erschienen. Ein bekanntes Beispiel ist eine Untersuchung des freiheitlich gesinnten twentischen Pfarrers Anne van der Meiden. Viele Streng-Reformierte bekleiden wichtige Positionen in Gesellschaft, Verwaltung und Politik.

Impfung und Krankenversicherung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bibelgürtel weist im Landesvergleich den niedrigsten Prozentsatz geimpfter Kinder auf. Nach Schätzungen des RIVM sind ungefähr 30 % der Streng-Reformierten nicht geimpft.

In den Niederlanden besteht keine Impfpflicht. Während die meisten Eltern sich selbst und ihre Kinder impfen lassen, lehnen einige Anhänger streng-reformierter Kirchen dies als Eingriff in die göttliche Fügung ab. 1978 kam es in Veluwe (vor allem in den Dörfern Elspeet, Nunspeet, Uddel und Staphorst) zu über 100 Polio-Fällen. Alle Betroffenen waren aus religiösen Gründen nicht geimpft worden („Gott bringt über mich, was er für mich entschieden hat“).

Durch die lokale Häufung von Impfgegnern besteht die Gefahr der Bildung von Seuchenherden. Während des letzten größeren Polioausbruchs 1992, der vor allem im Bibelgürtel stattfand, wurden daher alle dortigen Einwohner aufgerufen, sich (erneut) impfen zu lassen. Es kam auch zu drei großen Masernepidemien (1988, 1999 und 2013). Im Gegensatz zum dauerhaften Vorhandensein der Masernviren, wobei fast jedes Kind die Masern bekommt und immun ist, kommt es während dieser Epidemien dazu, dass auch Erwachsene sich infizieren und es zu schweren Komplikationen kommt, weil sie bei den vergangenen Epidemien nicht infiziert worden sind.[1][2]

Einige der strenggläubigen Bewohner des Bibelgürtels verzichten freiwillig auf eine Krankenversicherung und vertrauen im Krankheitsfall stattdessen auf die Solidarität ihrer Gemeinde.[3]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dik Linthout: Niederlande. Ein Länderporträt. 7., aktualisierte Auflage. Berlin Links 2012, ab S. 109.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Daniel Lingenhöhl: Warum Masern immer wieder den Bibelgürtel heimsuchen. Der niederländische Bibelgürtel wird regelmäßig von einer Masernwelle heimgesucht. Das Virus folgt dabei einem bestimmten Muster – weil nur unzureichend geimpft wird. 25. Januar 2019, abgerufen am 25. Januar 2019.
  2. Bartosz Lisowski, Steven Yuvan, Martin Bier: Outbreaks of the measles in the Dutch Bible Belt and in other places – New prospects for a 1000 year old virus. In: Biosystems. Band 177, 2019, ISSN 0303-2647, S. 16–23, doi:10.1016/j.biosystems.2019.01.003.
  3. Kerstin Schweighöfer: Reportage Deutschlandfunk: GESICHTER EUROPAS / ARCHIV / Beitrag vom 20. Dezember 2008 Gottesfurcht hinterm Deich. Die orthodoxen Calvinisten in den Niederlanden.