Euler-Kreisel

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Abb. 1: Realisierung eines Euler-Kreisels

Der kräftefreie Kreisel ist ein Kreisel, der momenten­frei um seinen ruhenden Massenmittelpunkt rotiert. Obwohl die Drehbewegung von Kreiseln ausschließlich von den angreifenden Drehmomenten bestimmt wird, hat sich die Bezeichnung kräftefreier Kreisel eingebürgert. Als Leonhard Euler 1750 die Kreiselgleichungen formulierte, konnte er im kräftefreien Fall schon eine Lösung angeben. Zu Ehren Leonhard Eulers wird der kräftefreie Kreisel auch Euler-Kreisel genannt. Er ist neben dem Lagrange-Kreisel und dem Kowalewskaja-Kreisel einer der drei immer mit rationalen Integralen lösbaren Fälle der Kreiselgleichungen.

Die Winkelgeschwindigkeiten lassen sich mit den Jacobi'schen elliptischen Funktionen ausdrücken, die beim symmetrischen Kreisel in den Sinus und Kosinus übergehen. Hier zeigt der Kreisel besonders regelmäßiges und anschauliches Verhalten.

Außer in der Schwerelosigkeit kann ein kräftefreier Kreisel in einem Schwerefeld realisiert werden, indem er in seinem Schwerpunkt drehbar, beispielsweise wie in Abb. 1 kardanisch aufgehängt wird. Mit der Poinsot’schen Konstruktion kann die Bewegung des Euler-Kreisels anschaulich dargestellt werden. Der eulersche Kreisel findet z. B. in Kreiselkompassen und gyroskopischen Steuersystemen technische Anwendung.

Bezeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bewegungen des kräfefreien Kreisels werden in der Kreiseltechnik Nutation genannt[1]. Die azimutale Drehung wird auch Präzession genannt[2].

Jeder Starrkörper hat drei ausgezeichnete Achsen, die Hauptträgheitsachsen, die paarweise zueinander senkrecht sind oder orthogonalisierbar sind. Diese Achsen bilden eine Orthonormalbasis, die kurz Hauptachsensystem genannt wird. Bezüglich dieser Achsen gleichen sich Fliehkräfte bei der Drehung genau aus und der Kreisel kann sich gleichförmig frei um sie drehen. Das Maß für den Widerstand des Kreisels gegen Bewegungsänderungen sind seine Trägheitsmomente, die bei diesen Achsen Hauptträgheitsmomente Θ1,2,3 genannt werden. Häufig werden die Hauptträgheitsmomente auch mit A, B und C und die Hauptachsen 1, 2, 3 mit ξ, η und ζ bezeichnet.

Der unsymmetrische Kreisel besitzt drei verschiedene Hauptträgheitsmomente während beim symmetrischen Kreisel zwei Hauptträgheitsmomente überein stimmen. Ist das dritte Hauptträgheitsmoment größer als die beiden anderen, dann wird der symmetrische Kreisel abgeplattet oder oblat genannt, andernfalls gestreckt oder prolat. Beim Kugelkreisel oder sphärischen Kreisel sind alle drei Hauptträgheitsmomente gleich.

Abb. 2: Das eulersche Basissystem (grün) gibt die Achsen an, um die die Euler-Winkel ψ=α, ϑ=β und φ=γ drehen.

In der Kreiseltheorie werden die Basisvektoren im raumfesten Bezugssystem mit den Euler’schen Winkeln in der Standard-x-Konvention (z, x', z") ausgedrückt, siehe Abb. 2. Bezeichnen die Einheitsvektoren die raumfeste Standardbasis (blau in Abb. 2) und die mit dem Körper rotierende, bewegte Basis (rot in Abb. 2), dann lauten die mitbewegten Basiseinheitsvektoren bezüglich der raumfesten Basis:

Der Zusammenhang mit den Winkelgeschwindigkeiten im Hauptachsensystem ist

Häufig werden die Komponenten ω1,2,3 im Hauptachsensystem auch mit p, q und r bezeichnet.

Bei ϑ = 0 tritt eine Singularität auf, weil dann die Winkel ψ und φ in den Basisvektoren nach den Additionstheoremen nur als Summe ψ + φ vorkommen und somit verschiedene Winkel zur selben Basis führen können.

Allgemeine Eigenschaften der Bewegung kräftefreier Kreisel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eulersche Kreiselgleichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bewegungsfunktion des Kreisels bestimmt sich mit den von Leonhard Euler aufgestellten Kreiselgleichungen. Sie beziehen sich auf das mit dem Körper rotierenden Hauptachsensystem und lauten im kräfefreien Fall

Darin sind jeweils für k=1,2,3

Θk die Hauptträgheitsmomente,
Lk := Θkωk die Drehimpulse,
ωk die Winkelgeschwindigkeiten und
die Winkelbeschleunigungen

im Hauptachsensystem.

Die in den Winkelgeschwindigkeiten oder den Drehimpulsen quadratischen Terme repräsentieren die Momente der Fliehkräfte im rotierenden Körper.

Integrale der Bewegung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Drehbewegung eines kräftefreien Kreisels unterliegt neben den Kreiselgleichungen noch zwei Bedingungen.

Zum einen erzwingt die Drehimpulserhaltung im raumfesten xyz-System, dass alle drei Drehimpulskomponenten von

im kräftefreien Fall konstant sind. Das xyz-Koordinatensystem wird so ausgerichtet, dass die z-Koordinate in Richtung des Drehimpulses weist und seine Komponenten in x- und y-Richtung verschwinden. Als zweite Bedingung bleibt die Rotationsenergie Erot gemäß dem Energieerhaltungssatz erhalten.

Im lokalen körperfesten Hauptachsensystem heißt das:

Die Erhaltung von Lx,y,z, L² und Erot ist im Einklang mit obigen Kreiselgleichungen, was durch Zeitableitung der Konstanten und Einsetzen der Kreiselgleichungen nachgewiesen werden kann. Die genannten Konstanten werden in der Kreiseltheorie Integrale genannt[3] und sind hier ganzrationale Funktionen der Winkelgeschwindigkeiten.

Obige Gleichungen definieren Ellipsoide. Die mit den Winkelgeschwindigkeiten ausgedrückten Gleichungsteile stellen in der oberen Gleichung das Drallellipsoid und in der unteren das Energieellipsoid dar. Die mit dem Drehimpuls ausgedrückten Flächen sind in der oberen Gleichung die Drallkugel und in der unteren das MacCullagh-Ellipsoid.

MacCullaghs Deutung der Kreiselbewegung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abb. 3: MacCullagh-Ellipsoid (gelb), Drallkugel (grün), Drallpolkurven (rot) und Tangentialebene (grau) treffen sich im Drehimpuls . Die aktuelle Winkelgeschwindigkeit ist senkrecht zur Tangentialebene.

Von James MacCullagh stammt eine geometrische Deutung der Kreiselbewegung, die wie die Poinsotsche Konstruktion anschaulich aber nicht so fruchtbar ist wie letztere[4]. Der Drehimpuls ist im raumfesten System konstant und berührt jederzeit das MacCullagh-Ellipsoid, das im körperfesten System aus den Endpunkten aller Drehimpulse besteht, die zur aktuellen Rotationsenergie führen, siehe Abb. 3. Das MacCullagh-Ellipsoid bewegt sich mit dem Kreisel derart, dass der raumfeste Drehimpuls gleichzeitig auf dem Ellipsoid und der Drallkugel ist. Im körperfesten System entstehen dabei die rot gezeichneten Drallpolkurven als Schnittpunkte der Drallachse mit dem MacCullagh-Ellipsoid und der Drallkugel. Das Lot des Stützpunkts auf die Tangentialebene an das MacCullagh-Ellipsoid im Endpunkt des Drehimpulses ist parallel zur aktuellen Winkelgeschwindigkeit. Besagte Tangentialebene ist, anders als die invariable Ebene der Poinsot’schen Konstruktion, nicht raumfest. Die Winkelgeschwindigkeit bildet bei der Bewegung den Raumfesten Rastpolkegel.

Das Kreuzprodukt aus Winkelgeschwindigkeit und Drehimpuls ist gleich dem instantan ausgeübten Moment der Fliehkräfte. Dem Moment genau entgegen gesetzt ist das Moment der Euler-Kräfte, die Ausdruck von Änderungen der Drehgeschwindigkeit und -achse, also der Ausrichtung des MacCullagh-Ellipsoids, sind, siehe Eulersche Kreiselgleichungen in der Kreiseltheorie.

Wenn der Radius der Drallkugel kleiner als die kleinste Halbachse oder größer als die größte Halbachse des MacCullagh-Ellipsoids ist, dann gibt es keine Schnittkurven und demnach keine Bewegung, die diesem Drehimpuls und dieser Rotationsenergie entspricht, siehe Schranken für Drehimpuls und Rotationsenergie[5].

Stabilitätsbetrachtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abb. 4: Trägerkurven der Lösungen der Kreiselgleichungen auf der Drallkugel.

In Abb. 4 ist die Drallkugel und zu verschiedenen Rotationsenergien gehörende Drallpolkurven aus drei Richtungen gesehen gezeichnet. Die Drallpolkurven sind geschlossene Kurven (rot und blau im Bild), die Kreis-, Ellipsen- oder Taco-förmig sein können und wie das MacCullagh-Ellipsoid symmetrisch zu den von den Hauptachsen aufgespannten Ebenen sind. Auf den blauen Kurven finden perizykloidische Bewegungen statt während auf den roten Kurven die Bewegung epizykloidisch genannt wird, siehe Poinsotsche Konstruktion. Dazwischen befindet sich die Separatrix, die diese beiden Bewegungsformen von einander trennt.

Liegt der Drehimpuls in der Nähe der Hauptträgheitsachse mit dem größten oder dem kleinsten Trägheitsmoment (blaue bzw. rote Punkte in Abb. 4), dann verbleibt er auch in dessen Nähe, denn diese Punkte werden von den Drallpolkurven umringt. Deshalb sind diese Drehachsen stabile Drehachsen freier Drehungen. Ihre Schnittpunkte mit der Drallkugel sind elliptische Fixpunkte einer autonomen Differentialgleichung.

Liegt der Drehimpuls genau auf der 2-Achse (schwarzer Punkt), dann verbleibt er dort, andernfalls entfernt er sich vom Schnittpunkt, denn dieser wird nicht von den Drallpolkurven umkreist. Die 2-Achse ist eine instabile Drehachse, sie trifft das MacCullagh-Ellipsoid in einem hyperbolischen Fixpunkt oder Sattelpunkt der zugehörigen autonomen Differentialgleichung (siehe auch #Stabilität der Bewegung unsymmetrischer Kreisel weiter unten). Die Bewegung auf der Separatrix ist instabil, denn bei der kleinsten Störung wird die Bahn epi- oder perizykloidisch.

Wenn die Hauptträgheitsmomente Θ1,2 übereinstimmen, womit der Kreisel ein symmetrischer wird, dann ist das MacCullagh-Ellipsoid ein Rotationsellipsoid um die 3-Achse, die Separatrix wird zu einem Großkreis in der 1-2-Ebene und die Drallpolkurven sind Kleinkreise parallel zu dieser. Die Drehung um die Figurenachse (Symmetrieachse 3) ist jedenfalls stabil, denn die Drallpolkurven umringen als Kleinkreise diese Achse. Die zur Figurenachse senkrechten, äquatorialen Hauptachsen weisen komplexes Stabilitätsverhalten auf:

  • Bezüglich der Winkelgeschwindigkeiten und des Neigungswinkes ϑ sind Drehungen um eine äquatoriale Achse stabil,
  • Bezüglich der Winkel ψ und φ und den Winkelgeschwindigkeiten ω1,2 sind Drehungen um eine äquatoriale Achse instabil.

Denn bei Störung der Drehung um die 1-Achse mittels einer kleinen Winkelgeschwindigkeit um die 3-Achse wird die Drallpolkurve zu einem Kleinkreis um die 3-Achse und die Drehachse umläuft parallel zur 1-2-Ebene die Figurenachse. Sie bleibt also nicht in der Nähe der 1-Achse was Instabilität von ω1 bezüglich Störung von ω3 bedeutet. Eine kleine Störung der axialen Winkelgeschwindigkeit ω3 oder des Neigungswinkels ϑ führt jedoch zu einer klein bleibenden Veränderung. In gleicher Weise werden die anderen Größen auf Stabilität gegenüber Störungen untersucht[6].

Die Bewegungen des idealen Kugelkreisels sind zwar stabil, sie können jedoch bei kleinen Imperfektionen instabil werden, wenn durch sie der Kreisel aufhört ein Kugelkreisel zu sein. Deswegen ist der Kugelkreisel für technische Anwendungen ungeeignet[7].

Die Bewegungen des Drehimpulses im lokalen Bezugssystem[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mangels äußerer Einwirkungen macht der kräfefreie Kreisel keine Sprünge. Die lokalen Komponenten des Drehimpulses sind somit Lipschitz-stetig und daher können sich die Trajektorien des Drehimpulses nach dem Satz von Picard-Lindelöf nicht schneiden. Diese Bedingung ist auf der Separatrix verletzt (in Abb. 4 schwarz gestrichelt).

Der Drehimpuls durchwandert die in Abb. 3 und 4 gezeichneten Drallpolkurven ohne jemals stillzustehen oder gar die Umlaufrichtung zu wechseln. Denn abseits der Hauptträgheitsachsen verschwindet höchstens eine Komponente des Drehimpulses und daher können die lokalen Geschwindigkeiten den Kreiselgleichungen zufolge nicht alle drei auf einmal null sein.

Im Sonderfall der Separatrix bildet sich eine aperiodische Bewegung aus, denn der Drehimpuls kann die Schnittpunkte auf der 2-Achse nicht überschreiten. Es zeigt sich, dass sich die Hauptträgheitsachse mit dem mittleren Hauptträgheitsmoment auf einer Loxodrome asymptotisch der vom Drehimpuls gegebenen Achse nähert, siehe #Bewegung auf der Separatrix unten.

Wenn die Rotationsenergie abnimmt, beispielsweise durch Dissipation, wird die Drehachse in Richtung der Achse mit dem größten Trägheitsmoment wandern, was in Abb. 4 die 3-Achse ist, denn dort berührt das MacCullagh-Ellipsoid mit der kleinsten Energie die Drallkugel.

Kräftefreier symmetrischer Kreisel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim symmetrischen Kreisel sind per definitionem zwei der drei Hauptträgheitsmomente gleich. Die Bewegung ist besonders regelmäßig und anschaulich. Ohne Beschränkung der Allgemeinheit wird hier von Θ12=:Θ0 und Drehung um die 3-Achse – der Figurenachse – ausgegangen.

Beschreibung der Bewegung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim symmetrischen Kreisel vereinfacht sich die dritte Kreiselgleichung im kräftefreien Fall zu , sodass die Winkelgeschwindigkeit ω3 und somit auch der Drehimpuls L3 konstant sind. Die zwei anderen Kreiselgleichungen bilden das lineare gewöhnliche Differentialgleichungssystem

mit konstantem Koeffizient . Zeitableitung der Gleichungen führt auf zwei entkoppelte Differentialgleichungen , deren allgemeine Lösung wie folgt darstellbar ist:

Die Werte ω1,2(0) sind Anfangsbedingungen zur Zeit t=0. Falls ω3(0)=0 und/oder ω1(0)=ω2(0)=0 gilt, so bleiben ω1 und ω2 konstant und der Kreisel führt eine konstante Drehbewegung aus oder bleibt im Spezialfall ω1,2,3(0)=0 in Ruhe.

Abb. 5: Bewegungskomponenten beim kräftefreien Kreisel (β=ϑ)

Für die Skizzierung der allgemeinen Bewegung wird im Massenmittelpunkt des Kreisels zum Zeitpunkt t=0 ein kartesisches Koordinatensystem mit x-, y- und z-Achse so gelegt, dass die Figurenachse und die Winkelgeschwindigkeit in der xz-Ebene liegen, siehe Abb. 5. Das Hauptachsensystem sei anfänglich so ausgerichtet, dass die Winkelgeschwindigkeit und die Figurenachse in der 13-Ebene liegen und einen Winkel λ einschließen (in Abb. 5 anders dargestellt). Dann ist ω1(0)=ω sin(λ), ω2(0)=0 und ω3(0)=ω cos(λ) mit dem Betrag der Winkelgeschwindigkeit. Die Hauptachsen werden wie bei den Euler-Winkeln eingeführt mit bezeichnet.

Die oben angegebene Lösung der Kreiselgleichungen ergibt mit den getroffenen Anfangsbedingungen:

Der Differenzvektor hat den konstanten Betrag und rotiert um die Figurenachse mit der Drehzahl . Die Figurenachse und die Winkelgeschwindigkeit schließen daher immer denselben Winkel, nämlich λ, ein. Die Winkelgeschwindigkeit führt im körperfesten Hauptachsensystem eine Drehbewegung um die Figurenachse aus und formt dabei den körperfesten Gangpolkegel, Polhodiekegel, Laufkegel oder Polkegel (rot in Abb. 5 und 6)[8].

Im raumfesten System ist der Drehimpuls

um den Massenmittelpunkt konstant (grün in Abb. 5) und bildet die Präzessionsachse[9]. An letzterer Zerlegung ist erkennbar, dass der Drehimpuls in der von der Figurenachse und der Winkelgeschwindigkeit aufgespannten Ebene, der Präzessionsebene[9], liegt. Die Bewegung des kräftefreien symmetrischen Kreisels kann also nur darin bestehen, dass die Figurenachse und die Winkelgeschwindigkeit gemeinsam um die raumfeste Präzessionsachse drehen.

Das Koordinatensystem kann nun – wie in Abb. 5 – so ausgerichtet werden, dass der Drehimpuls in z-Richtung weist und somit gilt. Weil sich die Rotationsenergie

ebenfalls nicht ändert, ist auch die z-Komponente ωz der Winkelgeschwindigkeit in Richtung des Drehimpulses konstant. Damit bewegt sich die Winkelgeschwindigkeit auch um die raumfeste z-Richtung auf einem Kegel, dem raumfesten Rastpolkegel, Festkegel, Herpolhodiekegel oder Spurkegel (blau in Abb. 5 und 6, dort „raumfester Gangpolkegel“ genannt).[10]

Abb. 6: Bewegungsform eines oblaten, kräftefreien Kreisels

Die drei Vektoren Drehimpuls, Figurenachse und Winkelgeschwindigkeit ändern ihre relative Position nicht: der Gangpolkegel rollt auf dem Rastpolkegel ab. Beim prolaten (gestreckten) Kreisel ist Θ0 > Θ3 und der Gangpolkegel rollt wie in Abb. 5 außen auf dem Rastpolkegel ab. Beim oblaten (abgeplatteten) Kreisel ist Θ3 > Θ0 und der Gangpolkegel rollt wie in Abb. 6 innen auf dem Rastpolkegel ab.

Das Abrollen ist sogar schlupf­los, denn die gemeinsame Mantellinie von Rastpol- und Gangpolkegel ist die von der Winkelgeschwindigkeit gestellte momentane Drehachse, die durch den ruhenden Massenmittelpunkt geht (in Abb. 6 anders dargestellt). Die Partikel des Kreisels auf der Drehachse stehen still solange sie das tun, der Rastpolkegel ruht sowieso, und Schlupf zwischen Gangpol- und Rastpolkegel ist mithin ausgeschlossen.

Der Winkel ϑ zwischen der Figurenachse und dem Drehimpuls sowie die z-Komponente der Winkelgeschwindigkeit können mit der mechanischen Analyse im folgenden Abschnitt ermittelt werden.

Bewegungsfunktion des symmetrischen Kreisels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn, wie im vorherigen Abschnitt, der Drehimpuls in Richtung der z-Achse weist und die Winkelgeschwindigkeit ω sowie der Winkel λ vorgegeben werden (alle diese Größen sind Konstanten der Bewegung), dann berechnen sich der Drehimpuls

die Winkelgeschwindigkeiten

und die Winkel

in Radiant. Die Funktion tan ist der Tangens und arctan seine Arkusfunktion. Die von der Figurenachse und der Winkelgeschwindigkeit aufgespannte Präzessionsebene, in der auch den Drehimpuls liegt, schließt mit der xz-Ebene den Winkel

ein.

Beweis 
Der Drehimpuls ist in Abwesenheit äußerer Momente konstant und weise in einem raumfesten kartesischen xyz-Koordinatensystem in z-Richtung. Dann ergibt sich mit den Euler-Winkeln oben:

Die Winkelgeschwindigkeit ω3 und die Drehimpulse L sowie L3 = Θ3 ω3 = L cos(ϑ) sind konstant, weshalb auch der Winkel ϑ konstant ist. Daraus folgt

Mit den Kreiselgleichungen und den Zusammenhängen zwischen den Winkelgeschwindigkeiten und den Winkeln zeigt sich

Bei findet keine Drehung statt (wegen L = 0) und bei sin(ϑ) = 0 dreht der Kreisel gleichförmig um seine Figurenachse. Ansonsten ergibt sich

Die z-Komponente ωz der Winkelgeschwindigkeit lautet

Anfangsbedingungen
Zur Zeit t=0 ist und diesen Wert behält ω3. Der Winkel ϑ kann nun als Funktion des Winkels λ ausgedrückt werden:

Der Kotangens cot ist der Kehrwert des Tangens. Wegen und folgt für den Drehimpuls:

Die Vorgaben

können mit dem Anfangswert für den Winkel φ erfüllt werden, sodass . Die Winkelgeschwindigkeit lautet mit den Additionstheoremen zur Zeit t=0:

Damit diese in der xz-Ebene liegt, wird der Anfangswert von ψ auf gesetzt, sodass sich

ergibt. Wenn der Drehwinkel der Präzessionsebene um die z-Achse mit φ bezeichnet wird und zu Beginn den Wert null hat, dann folgt mit obigem ωz und tan(ϑ), sowie ω3 = ω cos(λ):

Kräftefreier unsymmetrischer Kreisel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unsymmetrische Kreisel besitzen per definitionem drei verschiedene Hauptträgheitsmomente. Dreht sich ein solcher Kreisel um die 3-Achse, dann kann diese Bewegung instabil oder stabil sein. Im ersteren Fall nehmen kleine Störungen exponentiell zu und der Kreisel beginnt zu taumeln, was im nächsten Abschnitt begründet wird. Im stabilen Fall bilden sich periodische Bewegungsformen des zweiten Abschnitts aus. Über den Spezialfall der Bewegung auf der Separatrix, die im Abschnitt #Allgemeine Eigenschaften der Bewegung krätefrei rotierender Kreisel definiert wurde, wird am Schluss informiert.

Stabilität der Bewegung unsymmetrischer Kreisel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abb. 7: Dschanibekow-Effekt: in der Schwerelosigkeit gefilmte Bewegung eines Bauteils um seine instabile Hauptträgheitsachse. Es sei betont, dass der Drehimpuls des Bauteils dabei erhalten bleibt.

Die Hauptachsen mit dem größten oder dem kleinsten Hauptträgheitsmoment sind stabile Drehachsen. Dies ist spätestens seit 1851 bekannt[11] und mit einem rotierend in die Höhe geworfenen Tischtennisschläger auch leicht zu demonstrieren. Im Englischen ist die Aussage entsprechend als „Satz vom Tennisschläger“ (tennis racket theorem)[12] geläufig. Nachdem der sowjetische Kosmonaut Wladimir Dschanibekow während eines Raumfluges 1985 die Bewegung eines Bauteils um seine instabile Hauptträgheitsachse beobachtet hat, wurde der Sachverhalt genauer untersucht[13] und wird seitdem gelegentlich „Dschanibekow-Effekt“ genannt.

Um die Stabilität der Drehachsen zu prüfen, soll der Kreisel zunächst vor allem um die 3-Achse rotieren: und . Nun lauten die Kreiselgleichungen

Wie im Abschnitt #Beschreibung der Bewegung entsteht durch Ableitungen nach der Zeit und mit der näherungsweisen Konstanz der Winkelgeschwindigkeit ω3:

Falls k negativ ist, kommt es zu positiver Rückkopplung der Winkelgeschwindigkeiten und damit zum Verlassen der Rotation um die 3-Achse hin zu einem Taumeln. Falls k positiv ist, ergeben sich periodische Bewegungsformen um die 3-Achse. Dafür müssen die Hauptträgheitsmomente Θ1,2 entweder beide größer oder beide kleiner als das dritte Hauptträgheitsmoment Θ3 sein, woraus die obige Aussage über die Stabilität der Achsen folgt.

Bei sehr unterschiedlichen Hauptträgheitmomenten kann auch eine stabile Drehachse instabil erscheinen. Die Poinsotsche Konstruktion gibt ein geometrisches Stabilitätskriterium für die Hauptträgheitsachsen, das diesem Phänomen gerecht wird.

Bewegungsfunktion des unsymmetrischen Kreisels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abb. 8: Zeitverläufe der Jacobi’schen elliptischen Funktionen sn, cn und dn bei k=0,95

Die Hauptträgheitsmomente seien derart nummeriert, dass Θ1< Θ2< Θ3 gilt. Dann können die Kreiselgleichungen im kräftefreien Fall mit den Jacobi’schen elliptischen Funktionen sn, cn und dn erfüllt werden[14]. Aus der Rotationsenergie und dem Betragsquadrat des Drehimpulses

ergeben sich die Winkelgeschwindigkeiten

mit den Amplituden

der Frequenz a und dem elliptischen Modul k

Es zeigt sich

sodass die vorgenannten Konstanten reell sind. Die Funktionen sn und cn sind periodisch mit der Periode 4K und dn mit der Periode 2K, siehe Abb. 8. Dabei ist K das vollständige elliptische Integral erster Art:

Damit ist die Winkelgeschwindigkeit periodisch mit der Periodenlänge . Nach dieser Zeit ist die Winkelgeschwindigkeit wieder in ihren Ausgangszustand zurückgekehrt: Allerdings gilt das nicht für den Kreisel als Ganzem: Dieser kehrt im Allgemeinen nicht in eine Anfangslage zurück[15].

Die eulerschen Winkel, wie sie im Abschnitt #Bezeichnungen eingeführt wurden – ergeben sich aus

Die Formeln bleiben gültig, wenn die Hauptträgheitsmomente die umgekehrte Reihenfolge Θ1 > Θ2 > Θ3 aufweisen. Allerdings kehren die Differenzen

dann ihr Vorzeichen um.

Anders als beim kräftefreien symmetrischen Kreisel sind die Winkelgeschwindigkeiten und der Winkel ϑ zwischen dem Drehimpuls und der 3-Achse nicht konstant. Im Spezialfall Θ12 ist A1=A2 und k=0, sodass die elliptischen Funktionen sn und cn in die harmonischen Funktionen sin bzw. cos übergehen und dn≡1 ist. Dann geht die hiesige Lösung in die des symmetrischen Kreisels über.

Beweis 
Zunächst wird gezeigt, dass die Winkelgeschwindigkeiten den eulerschen Kreiselgleichungen genügen. Die Jacobi’schen elliptischen Funktionen erfüllen die Differentialgleichungen

Mit und ergibt sich daraus im Einklang mit den Kreiselgleichungen:

Vergleich der Komponenten des Drehimpulses in euler-Winkeln (siehe #Bezeichnungen) liefert im mitbewegten System :

Der Winkel ψ bestimmt sich mit und cn²=1-sn² aus

Bewegung auf der Separatrix[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abb. 9: Weg eines Punktes auf der 2-Achse (rot) um die Drehimpulsachse (senkrechte Linie) entlang einer Loxodrome

Auf der Separatrix ist 2Θ2 Erot = L² und die Bewegung aperiodisch, weil die Winkelgeschwindigkeit keinen Zustand ein zweites Mal einnimmt. Die Bewegung des Kreisels ist hier dadurch gekennzeichnet, dass die von der 2-Achse und dem Drehimpuls aufgespannte Ebene mit konstanter Winkelgeschwindigkeit L2 um die Drehimpulsachse kreist und der Endpunkt der 2-Achse sich auf einer Loxodrome mit dem Richtungswinkel

der durch den Drehimpuls definierten Achse nähert, siehe Abb. 9.

Die Formeln des voran gegangenen Abschnitts sind hier zwar gültig, aber weil der elliptische Modul den Extremwert

annimmt, gehen die elliptischen Funktionen in die aperiodischen Hyperbelfunktionen über:

und

Die Frequenz und die Winkelgeschwindigkeiten des voran gegangenen Abschnitts spezialisieren sich damit zu:

Mit fortschreitender Zeit gehen ω1 und ω3 gegen null und ω2 gegen L2. Die Bewegung kommt einer Drehung um die 2-Achse beliebig nah ohne diesen Zustand jemals zu erreichen. In der Realität wird diese Bewegungsform kaum auftreten, denn bei der kleinsten Abweichung vom Idealfall 2Θ2 Erot = L² ist k ≠ 1 und die Winkelgeschwindigkeiten werden zu den periodischen des voran gegangenen Abschnitts. Die Bewegung auf der Separatrix ist instabil. Eine Bewegung nahe der Separatrix zeigt der Dschanibekow-Effekt.

Abb. 10: Verwendetes Basissystem und Meridian (ψ=α, ϑ=β und φ=γ).

Für die Berechnung der Bewegung wird, anders als im vorigen Abschnitt, der Ansatz für das lokale Basissystem benutzt, siehe Abb. 10 und vgl. Abb. 2.

Die eulerschen Winkel – siehe #Bewegungsfunktion des symmetrischen Kreisels – ergeben sich bei einem Drehimpuls in z-Richtung und einem Start mit ω2=0 zu

Die von der 2-Achse und dem Drehimpuls aufgespannte Ebene kreist mit konstanter Winkelgeschwindigkeit L2 um die Drehimpulsachse und der Winkel ϑ geht mit fortschreitender Zeit gegen null.

Beweis 
Im Basissystem

ergibt sich:

Die Komponenten der Winkelgeschwindigkeit werden mit dem neuen Basissystem:

Nun kann die Winkelgeschwindigkeit mit aus bestimmt werden zu

Die Achse um die der Winkel ϑ dreht ist und der Meridian hat somit die Richtung

Die Rate der 2-Achse ist

Mit den obigen Zwischenergebnissen und den trigonometrischen Formeln berechnet sich der Richtungswinkel zwischen Meridian und der Rate des 2-Vektors zu der Konstanten

Der Bruch in der Wurzel ist positiv und kleiner als eins:

Einfluss der Reibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der kräfefreie Kreisel ist eine Idealisierung, die unter den Bedingungen auf der Erde nur näherungsweise zu realisieren ist. Zum einen treten in den Lagern, die den Kreisel gegen die Gewichtskraft halten, unvermeidlich Reibmomente auf und ebenso führt die Haftbedingung der Luft an festen Oberflächen zu abbremsender Wechselwirkung mit der Umgebungsluft.

Der Einfluss der Reibung in der kardanischen Aufhängung, wie in Abb. 1, macht sich beim symmetrischen Kreisel, je nachdem er gestreckt oder abgeplattet ist, unterschiedlich bemerkbar:

  • Beim gestreckten Kreisel nimmt der Neigungswinkel ϑ gegenüber dem Drehimpuls zu und die Figurenachse wird zu einer labilen Drehachse.
  • Beim abgeplatteten Kreisel nimmt der Neigungswinkel ϑ ab und die Figurenachse bleibt eine stabile Drehachse.

Beiden Kreiselformen ist gemeinsam, dass die Eigendrehgeschwindigkeit ω3 mit der Zeit abnimmt.

Die Luftreibung bremst ebenfalls die Eigendrehgeschwindigkeit und wirkt unterschiedlich auf gestreckte oder abgeplattete Kreisel:

  • Beim gestreckten Kreisel richtet sich die Drehachse zunehmend senkrecht zur Figurenachse aus, die auch hier eine instabile Drehachse wird.
  • Beim abgeplatteten Kreisel wandert die Drehgeschwindigkeit zur Figurenachse hin, die eine stabile Drehachse bleibt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Trägheitsellipsoid informiert über den Zusammenhang von Trägheits-, Energie- und Drallellipsoid

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Magnus (1971), S. 100
  2. Arnold (1989), S. 154
  3. Arnold (1989), S. 142 und Magnus (1971), S. 53.
  4. Samuel Haughton: On the Rotation of a Solid Body Round a Fixed Point; Being an Account of the Late Professor Mac Cullagh's Lectures on That Subject. In: Royal Irish Academy (Hrsg.): The Transactions of the Royal Irish Academy. Vol. 22 (1849), pp. 139-154. Dublin university press, Dublin 1880, S. 139–154, JSTOR:30079824 (englisch, Haughtons Mitschrift einer Vorlesung von 1844. Siehe auch Magnus (1971), S. 61ff.).
  5. Arnold (1989), S. 151.
  6. Magnus (1971), S. 82.
  7. Magnus (1971), S. 83.
  8. Polkegel – Lexikon der Physik. Spektrum Verlag, abgerufen am 13. Dezember 2017.
  9. a b R. Grammel: Der Kreisel. Seine Theorie und seine Anwendungen. 2. überarb. Auflage. Band 2. Springer, Berlin / Göttingen / Heidelberg 1950, DNB 451641280 (archive.org – Schwung=Drehimpuls, Drehstoß=Drehmoment, Drehwucht=Rotationsenergie).
  10. Rastpolkegel – Lexikon der Physik. Spektrum Verlag, abgerufen am 21. Dezember 2017.
  11. Louis Poinsot: Théorie nouvelle de la rotation des corps. Bachelier, Paris 1834/1851.
  12. tennis racket theorem in der englischsprachigen Wikipedia.
  13. Mark S. Ashbaugh, Carmen C. Chicone, Richard H. Cushman: The twisting tennis racket. In: Journal of Dynamics and Differential Equations, 3, 1, 1991, S. 67–85.
  14. Magnus (1971), S. 64ff.
  15. Andreas Wipf: Theoretische Mechanik. (PDF) Vorlesungs-Skriptum. Universität Jena, 2003, S. 153 bis 160, abgerufen am 2. Juli 2016 (deutsch).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Herbert Goldstein, Charles P. Poole, Jr, John L. Safko: Klassische Mechanik. 3. Auflage. Wiley-VCH, Weinheim 2006, ISBN 3-527-40589-5.
  • V. I. Arnold: Mathematical Methods of Classical Mechanics. 2. Auflage. Springer, New-York / Berlin / Heidelberg / London / Paris / Tokyo 1989, ISBN 3-540-96890-3.
  • K. Magnus: Kreisel. Theorie und Anwendungen. Springer, Berlin / Heidelberg / New York 1971, ISBN 3-540-05198-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]