Fritz Hellwig

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Kandidatenplakat Fritz Hellwigs zur Bundestagswahl 1953

Fritz Hellwig (* 3. August 1912 in Saarbrücken; † 22. Juli 2017[1] in Bonn) war ein deutscher Politiker.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hellwig stammte aus dem südlichen, später zum Saarland gehörenden Teil der Rheinprovinz. Sein Vater Friedrich Hellwig war Schulrat.

Hellwig besuchte ab 1918 eine Knabenschule und ab 1921 das Saarbrücker Reform-Realgymnasium (ab 1976 Gymnasium am Schloss), an dem er Ostern 1930 das Abitur „mit Auszeichnung“ bestand. Im Sommersemester 1930 begann er an der Philipps-Universität Marburg Geschichte, Philosophie, Erdkunde, Anglistik und Volkswirtschaftslehre zu studieren. Seit 1930 war er Mitglied der Marburger Burschenschaft Rheinfranken.[2] Er wechselte an die Universität Wien und die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin. Im Dezember 1933 wurde er in Berlin summa cum laude zum Dr. phil. promoviert.[3] Er absolvierte ab 1931 eine Wehrausbildung beim Reichskuratorium für Jugendertüchtigung[4] und begann im April 1933 eine Ausbildung zum Wehrsport-Hilfslehrer und Gruppenführer in der Geländesportschule Truppenübungsplatz Döberitz, von der er zum Examen beurlaubt wurde. Während seiner Berliner Zeit trat er im April 1933 in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (Mitgliedsnummer 2.680.654) ein. Ende 1933 tat er in Berlin bis zu seiner Übersiedlung nach Saarbrücken kurze Zeit Dienst bei der Sturmabteilung.[5] Im Saargebiet war er als NSDAP-Mitglied auch Mitglied der Deutschen Front und Agitator für die Saar-Abstimmung 1935.

Ende 1933 trat Hellwig als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter in die Geschäftsführung der Industrie- und Handelskammer Saarbrücken ein, für die er neben seiner politischen Tätigkeit bis 1939 im Saar-Wirtschaftsarchiv arbeitete. Daneben war er seit 1937 als Dozent an der Saarbrücker Hochschule für Lehrerbildung tätig. Gleichzeitig übernahm er für die Landesleitung der Deutschen Arbeitsfront Aufgaben als Referent im Kulturbeirat. 1934 leitete er zudem die Saar-Ausstellung in Köln. 1936 erfolgte in Heidelberg die Habilitation mit einer Biographie zum einhundertsten Geburtstag des preußischen Industriellen Carl Ferdinand von Stumm-Halberg, die er nach eigenen Angaben unter der „Verpflichtung, die ihm die Forderung nach historischer Treue und die soziale Einheit des Volkes als alleiniger Standort auferlegten“,[6] erstellte. Bertha Gräfin Sierstorpff, eine Tochter Stumm-Halbergs, schrieb das Geleitwort für Hellwigs umfangreiche Lebensbeschreibung. 1939/40 war Hellwig Geschäftsführer der Organisation der Eisenwirtschaft in Düsseldorf und anschließend bis 1943 der Wirtschaftsgruppe Eisenschaffende Industrie, Bezirksgruppe Südwest, zu der auch die 1940 vom Deutschen Reich okkupierten montanindustriellen Gebiete Frankreichs gehörten. Ende 1942 erfolgte die Ernennung zum Kriegsverwaltungsrat in der Wirtschaftsinspektion Mitte der Ostfront. Der Einberufung zur Wehrmacht im Februar 1943 folgte Ende 1943 die Gefangennahme.

Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1947 war Hellwig zunächst als beratender Volkswirt in Düsseldorf und Duisburg tätig; denn im (französisch besetzten) Saarland 1947 bis 1956 war er persona non grata. Von 1951 bis 1959 war er Geschäftsführender Direktor des Deutschen Industrieinstituts in Köln, des nachmaligen Instituts der deutschen Wirtschaft. Er wurde Mitglied der am 23. November 1951 in Saarbrücken gegründeten Burschenschaft Germania und war Vorsitzender des Deutschen Saarbundes.[2] Seine Analysen waren ein Korrektiv der Saarpolitik von Konrad Adenauer, der die Saarfrage für „zweitrangig“ hielt, einer „Europäisierung der Saar“ das Wort redete und den Verlust des Saargebiets in Kauf nahm.[7]

Hellwig war Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und wohnte in der Nähe von Bonn. Als ältester ehemaliger Bundestagsabgeordneter starb er im Juli 2017 wenige Tage vor seinem 105. Geburtstag. Ein Sohn von Hellwig ist der Ökonom Martin Hellwig.[8]

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hellwig war Mitglied der NSDAP und der SA. Über seine Entnazifizierung ist nichts bekannt. Er trat 1947 in die Christlich Demokratische Union Deutschlands ein und wurde noch im selben Jahr Mitglied des Wirtschaftspolitischen Ausschusses für das Rheinland. Später wurde er auch in den Bundesausschuss für Wirtschaftspolitik und den CDU-Bundesvorstand gewählt. Hellwig gehörte zu den Mitautoren der Düsseldorfer Leitsätze der CDU von 1949. Er saß von 1953 bis zum 30. November 1959 im Deutschen Bundestag. Er wurde 1953 im Wahlkreis Remscheid – Solingen und 1957 im Wahlkreis Köln II direkt gewählt. Vom 21. September 1956 an war er Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Wirtschaftspolitik. Von 1953 bis 1956 war Hellwig auch stellvertretender Delegierter für den Europarat. Vom 25. Februar bis zum 14. September 1959 gehörte er auch dem Europaparlament an. Er legte sein Bundestagsmandat nieder, um Mitglied der Hohen Behörde der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl zu werden. Als diese 1967 mit den Kommissionen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Euratom zusammengelegt wurde, wurde er Vizepräsident der neu entstandenen Kommission der Europäischen Gemeinschaften bis 1970.

Sammler[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hellwig sammelte über lange Zeit Landkarten, Stiche, Schriften und Bücher über Saar-Lor-Lux und die anschließenden Regionen. Teile seiner Sammlung schenkte er nach und nach dem Landesarchiv Saarbrücken. 2002 erhielt es eine Porträtsammlung mit etwa 320 Stichen und Drucken aus der Zeit von 1550 bis 1816. 2008 vermachte er dem Landesarchiv 846 historische Karten, das diese Schenkung mit der grenzüberschreitenden Wanderausstellung 500 Jahre Saar-Lor-Lux würdigte, deren Katalog mit beinhaltendem Findbuch Fritz Hellwig gewidmet ist.[9] 2010 erhielt das Landesarchiv 1175 Stiche und Drucke von Ortsansichten und historischen Geschehnissen.

Stiftung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anlässlich seines 100. Geburtstages stiftete Hellwig am 3. August 2012 einen Preis für wissenschaftliche Forschung zu Funktionsweise und Wirkung von Bürokratien in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, den Wissenschaftspreis Bürokratie. Der Preis wird seit 2013 alle zwei Jahre vergeben und steht unter Geschäftsführung des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln.[10]

Die erste Preisverleihung mit einer Dotierung von jeweils 5000 Euro erfolgte am 11. Mai 2015; unter den drei Preisträgern war der Politikwissenschaftler Thomas König.[11] Bei der zweiten Preisverleihung am 29. Mai 2017 wurden zwei Publikationen ausgezeichnet, die sich mit der Funktion und Wirkung der Bürokratie auf Staat, Wirtschaft und Gesellschaft beschäftigen. Der Politikwissenschaftler Christoph Knill war unter den Preisträgern.[12]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Carl Freiherr von Stumm-Halberg. Habilitation Universität Heidelberg 1936.
  • Lothringen-Stahl statt Ruhr-Stahl? Düsseldorf 1947.
  • Die wirtschaftlichen Verflechtungen der Saar. Düsseldorf 1947.
  • Konrad Adenauer. Zum 125. Geburtstag. In: Historisch-Politische Mitteilungen, Heft 8, 2001, Seiten 1–10.
  • Europäische Integration aus historischer Erfahrung. Ein Zeitzeugengespräch mit Michael Gehler, Bonn 2004 ISSN 1435-3288 ISBN 3-936183-29-5 (PDF; 0,6 MB).

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alexander Hesse: Die Professoren und Dozenten der preußischen Pädagogischen Akademien (1926–1933) und Hochschulen für Lehrerbildung (1933–1941). Deutscher Studien-Verlag, Weinheim 1995, 828 S., ISBN 3-892-71588-2.
  • Rudolf Vierhaus und Ludolf Herbst (Hrsg.): Biographisches Handbuch der Mitglieder des Deutschen Bundestages 1949–2002. Band 1, A–M. K. G. Saur Verlag, München 2002, ISBN 3-598-23781-2, S. 325–326.
  • Leidenschaftlicher Marktwirtschaftler und überzeugter Europäer – Fritz Hellwig zum 100. Geburtstag. Herausgegeben vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln, ISBN 978-3-602-14898-1.
  • Klaus Malettke, Klaus Oldenhage (Hrsg.): Fritz Hellwig. Saarländer, Deutscher, Europäer. Eine Festschrift zum 100. Geburtstag. Darstellungen und Quellen zur Geschichte der deutschen Einheitsbewegung im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert, Bd. 20, Heidelberg 2012.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Fritz Hellwig – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Marc Beise: Ein Europäer, Nachruf auf sueddeutsche.de, 25. Juli 2017.
  2. a b Klaus Malettke, Klaus Oldenhage (2012)
  3. Dissertation: Der Kampf um die Saar 1860–1870 – Beiträge zur Rheinpolitik Napoleons III..
  4. Bundesarchiv Berlin: Ehemaliges BDC, RK-Akte zu Fritz Hellwig (* 3. August 1912) (als Mikrofilm gegenwärtig erhältlich als RK I 231 "Heller, Franz bis Hengst, Erich", Bilder 915 bis 950), BArch R 9361 V/21803
  5. Hellwig war möglicherweise auch Mitglied der Schutzstaffel (SS). Sein von ihm am 25. April 1935 bei der Reichsschrifttumskammer ausgefüllter Personalbogen ist an der Stelle (bewusst) uneindeutig markiert.
  6. Fritz Hellwig: Carl Freiherr von Stumm-Halberg, 1936, S. 3
  7. Frank Grobe: Mit korporierter Hilfe. Vor sechzig Jahren wurde das Saarland wieder deutsch. Studentenkurier I/17, S. 4–5
  8. siehe Winand von Petersdorff: Der zornige Professor, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 5. Mai 2013 (Artikel über Martin Hellwig)
  9. Ludwig Linsmayer (Hg.): 500 Jahre Saar-Lor-Lux. Die Kartensammlung Fritz Hellwig im Saarländischen Landesarchiv. Historische Beiträge des Landesarchivs Saarbrücken. Quellen und Inventare 2. Herausgegeben im Auftrag der Vereinigung zur Förderung des Landesarchivs Saarbrücken. Echolot, Saarbrücken 2010, ISBN 978-3-9811672-4-5
  10. Stiftung Wissenschaftspreis Bürokratie. Deutsches Stiftungszentrum, abgerufen am 27. Juli 2017: „Die Stiftung wurde im Jahr 2012 durch Herrn Professor Dr. Fritz Hellwig, Bonn, errichtet.“
  11. 1. Preisverleihung. Wissenschaftspreis Bürokratie. In: Veranstaltungen. Institut der deutschen Wirtschaft, 11. Mai 2015, abgerufen am 27. Juli 2017: „Gewonnen hat ein Beitrag über die Arbeit der Europäischen Kommission.“
  12. Wissenschaftspreis. Wenn Bürokratie überhandnimmt. In: Pressemitteilung. Institut der deutschen Wirtschaft, 29. Mai 2017, abgerufen am 27. Juli 2017 (PDF, Pressemitteilung Nr. 32).