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Großer Preis von Frankreich 1922

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Rennsieger Felice Nazzaro nach dem Rennen
Nazzaro mit Beifahrer Evasio Lampiano im Fiat 804
Pierre de Vizcaya im Bugatti T30 vor Giulio Foresti im 2-Liter-Ballot

Der XVI. Große Preis von Frankreich (XVI Grand Prix de l’Automobile Club de France)[1] fand am 16. Juli 1922 auf dem Circuit de Strasbourg um Duppigheim bei Straßburg in Frankreich statt. Das Rennen wurde gemäß der neu erlassenen Grand-Prix-Formel (2 Liter Hubraum, 650 kg Mindestgewicht, Renndistanz mindestens 800 km) über 60 Runden à 13,38 km ausgetragen, was einer Gesamtdistanz von 802,88 km entsprach. Dabei wurde erstmals in der Grand-Prix-Geschichte ein Massenstart durchgeführt, wenn auch zunächst noch in Form eines fliegenden Starts, bei dem die Wagen – angeführt von einem Motorradfahrer – in einer vorher ausgelosten Formation langsam dahinrollten, bis das Rennen freigegeben wurde.

Bereits im Training hatte sich die erdrückende Überlegenheit von Fiat abgezeichnet, als die drei Fahrer des Teams, Pietro Bordino, Altmeister Felice Nazzaro und dessen junger Neffe Biagio (als Grand-Prix-Neuling) mit dem neuen Sechszylinder-Modell vom Typ 804-404 regelmäßig Rundenzeiten um 30 Sekunden schneller als die übrigen 15 Teilnehmer auf fünf verschiedenen Fabrikaten erzielen konnten. Im Rennen entwickelte sich dies zu einer regelrechten Machtdemonstration, zumal einige Hersteller darauf mit einer Verkürzung der Antriebsübersetzung reagiert hatten, was nun zu zahlreichen Motorschäden unter den Konkurrenten führte. So waren zur Halbzeit schon elf der 18 gestarteten Teilnehmer aus dem Rennen, darunter die kompletten Teams von Rolland-Pilain, Sunbeam und Aston Martin – wo Bau und Einsatz der nur mit einem 1,5-Liter-Vierzylinder ausgestatteten Wagen durch den Millionär und Herrenfahrer Louis Zborowski finanziert worden war. An der Spitze lagen die drei Fiat-Fahrer dagegen bereits mit deutlichem Abstand in Front. Allein der elsässische Bugatti-Fahrer Ernest Friederich war aufgrund seiner guten Streckenkenntnis anfänglich noch in der Lage gewesen, Anschluss an die Fiat zu halten, bis auch er in der 16. Runde mit Motorschaden aufgeben musste. Nach drei Vierteln der Renndistanz musste schließlich auch der letzte noch verbliebene Ballot von Giulio Foresti die Segel streichen, so dass neben den drei führenden Fiat nur noch die Bugattis von Pierre de Vizcaya, Pierre Marco und Jacques Mones-Maury – wenn auch mit erheblichem Rückstand – im Rennen noch vertreten waren.

Dennoch geriet der Fiat-Sieg durch die dramatischen Ereignisse am Ende des Rennens noch einmal ernsthaft in Gefahr, als an allen drei Rennwagen des Teams aufgrund eines Konstruktionsfehlers Brüche an der Hinterachse auftraten. Nachdem Biagio Nazzaro hierdurch bei hoher Geschwindigkeit ein Rad verloren hatte und beim nachfolgenden Überschlag seines Wagens zu Tode gekommen war, überstand Bordino zwei Runden vor Rennende seinen von einem gleichartigen Defekt verursachten Unfall zumindest ohne größere gesundheitliche Folgen. Felice Nazzaro, der auch nach dem Tod seines Neffens weitergefahren war, konnte nach einer Gesamtzeit von über sechs Stunden und mit einem Durchschnitt von 127,67 km/h seinen ebenfalls angeschlagenen Wagen dagegen trotz seines Zeitvorsprungs von beinahe einer Stunde auf den zweitplatzierten Bugatti-Fahrer de Vizcaya gerade noch so für den letzten bedeutenden Sieg seiner Karriere ins Ziel retten. Mit Pierre Marco auf Bugatti kam schließlich nur noch ein weiterer Fahrer mit ca. 90 Minuten Zeitrückstand in die Wertung.

Team Nr. Fahrer Info Chassis Motor Reifen
 Société Lyonnaise de l’Industrie Mécanique et Autos Pilain 1  François Lecot DNA Slim-Pilain M
 Automobiles Delage 2  René Thomas DNA Delage
10 Fahrer nicht benannt DNA
 SA Mathis 3 Lams DNA Mathis M
 Fiat 4  Felice Nazzaro Fiat 804 Fiat Type 404 2.0L I6 P
11  Pietro Bordino
17  Biagio Nazzaro
 Usines Bugatti 5  Ernest Friederich Bugatti T29/30 Bugatti 2.0L I8
12  Pierre de Vizcaya
18  Jacques Mones-Maury
22  Pierre Marco
 SA des Établissements Rolland-Pilain 6  Albert Guyot Rolland-Pilain A22 Rolland-Pilain 2.0L I8
13  Victor Hémery
19  Louis Wagner
 Établissements Ballot 7  Jules Goux Ballot 2-Litre S Ballot 2.0L I4
14  Giulio Foresti
20  Giulio Masetti
 Aston Martin Cars 8  Clive Gallop Aston Martin GP Aston Martin 1.5L I4
15  Louis Zborowski
 Sunbeam-Talbot-Darracq Motors 9  Jean Chassagne Sunbeam GP Sunbeam 2.0L I4
16  Kenelm Lee Guinness
22  Henry Segrave

Die Startpositionen wurden in der Reihenfolge der Startnummern besetzt. Der Start erfolgte fliegend.

 F. Nazzaro
 Friderich Guyot
 Goux Gallop
 Chassagne Bordino
 de Vizcaya Hémery
 Foresti Zborowski
 Lee Guinness Nazarro
 Mones-Maury Wagner
 Masetti Segrave
 Marco
Pos. Fahrer Konstrukteur Runden Stopps Zeit Start Schnellste Runde Ausfallgrund
1  Felice Nazzaro  Fiat 60 6:17:17,0 h 1 5:43,0 min
2  Pierre de Vizcaya  Bugatti 60 + 57:42,8 min 8
3  Pierre Marco  Bugatti 60 + 1:30:47,2 h 18
 Pietro Bordino  Fiat 58 DNF 7 Unfall nach Bruch der Hinterachse
 Jacques Mones-Maury  Bugatti 57 NC 14
 Biagio Nazzaro  Fiat 51 DNF 13 tödlicher Unfall nach Bruch der Hinterachse
 Giulio Foresti  Ballot 44 DNF 10 Motorschaden
 Jules Goux  Ballot 31 DNF 4 Unfall
 Clive Gallop  Aston Martin 30 DNF 5 Motorschaden
 Henry Segrave  Sunbeam 29 DNF 17 Motorschaden
 Louis Zborowski  Aston Martin 19 DNF 11 Motorschaden
 Giulio Masetti  Ballot 15 DNF 16 Motorschaden
 Ernest Friederich  Bugatti 14 DNF 2 Motorschaden
 Victor Hémery  Rolland-Pilain 12 DNF 9 Zylinder überhitzt
 Kenelm Lee Guinness  Sunbeam 5 DNF 12 Motorschaden
 Jean Chassagne  Sunbeam 5 DNF 6 Motorschaden
 Albert Guyot  Rolland-Pilain 2 DNF 3 Motorschaden
 Louis Wagner  Rolland-Pilain 2 DNF 15 Motorschaden
Commons: Großer Preis von Frankreich 1922 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  1. Das erste als Grand Prix de l’ACF organisierte Rennen fand 1906 statt. In den 1920er Jahren wurden jedoch rückwirkend auch den "großen" Stadt-zu-Stadt-Rennen der Anfangsjahre zwischen 1895 und 1903 dieser Titel verliehen, obwohl das Gründungsdatum des ACF sogar erst nach dem Rennen Paris-Bordeaux-Paris 1895 liegt. Durch diese Zählweise wurde die Veranstaltung von 1906 nachträglich zum offiziell neunten Grand Prix de l’A.C.F ernannt. Diese Nummerierung wurde auch nach der 1968er Umbenennung des Grand Prix de l’ACF zum Grand Prix de France durchgängig weiter fortgeführt.