Ingenieurschule

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die Ingenieurschulen (Abkürzungen: Ing.-Sch./IS), Polytechnikum, auch Höhere Technische Lehranstalt (HTL), Maschinenbauschule, Ingenieurakademie oder Technische Akademie, Technische Mittelschule, genannt, hatten den Status einer höheren Fachschule. Sie wurden im deutschsprachigen Raum in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts meist in Fachhochschulen umgewandelt.

Als weltweit erste Ingenieurschule wurde in Frankreich die École nationale des ponts et chaussées („Nationale Schule für Brücken und Straßen“) am 14. Februar 1747 gegründet. Als erste Ingenieurschule im deutschsprachigen Raum gilt die Bergschule Eisleben, die 1798 gegründet worden war.

Deutschland (Bundesrepublik und DDR)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem in Deutschland in einem Akademisierungsprozess im 19. Jahrhundert viele polytechnische Schulen zu technischen Hochschulen umgewandelt worden waren und um 1900 auch viele dieser Hochschulen das Promotionsrecht erlangten, wurde in der Folge der weiter vorhandene Bedarf an stärker praxisorientierten höheren Fachschulen durch Neugründungen von Ingenieurschulen und Polytechnikas gedeckt. Diese Einrichtungen existierten in der Bundesrepublik Deutschland bis Anfang der 1970er Jahre.

Die Absolventen der Ingenieurschulen und Polytechnikas waren wegen ihrer praxisnahen Ausbildung sehr begehrte Arbeitskräfte bei der Industrie, dem technischen Groß- und Kleingewerbe, bei Planungs- und Statikbüros, bei der Bauverwaltung im Hoch- und Tiefbau, bei der Bahn und der Post und bei Ver- und Entsorgungsbetrieben. Nahezu alle Studierende hatten bereits kurz vor ihrem Abschluss Angebote oder Zusagen für eine feste Anstellung nach ihrem Examen.

Numerus clausus, Ausleseprüfungen

Wegen der guten Berufsaussichten gab es in der Bundesrepublik großen Andrang zum Studium. In in den allermeisten Fällen musste eine strenge, 3-tägige Aufnahme-/Ausleseprüfung abgelegt werden (ein Numerus clausus). Bewerber ohne Mittlere Reife oder Fachschulreife konnten nach abgeschlossener Berufsausbildung (Gesellenbrief, Facharbeiterbrief) an einigen Ingenieurschulen durch Teilnahme an einem 2-semestrigen, kostenpflichtigen Vorkurs (Vorsemester, nur nach dem Bestehen einer Ausleseprüfung), die Zugangsvoraussetzungen erwerben, mussten aber auch an den Ausleseprüfungen für das Haupsemester teilnehmen. Auch Bewerber mit Mittlerer Reife konnten hier ihr Wissen auffrischen. Im Hauptsemester war die Anzahl der Studierenden pro Semester auf 30 bis 35 beschränkt. Der Unterricht erfolgte im Semesterverband.

Das Angebot umfasste Studiengänge in den klassischen Ingenieurwissenschaften, die anfangs nach einer fünf- (ab 1958)-sechssemestrigen Schulzeit/Studium mit der staatlichen Bezeichnung Ingenieur. Seit dem 17. Januar 1964 wird nach Beschluss der Kultusministerien und einer generellen Erhöhung auf eine sechssemestrige Ausbildung zum Ingenieur graduiert, mit der staatlichen Abschlussbezeichnung Ing. Grad. bzw. Ing. (grad.).[1][2] In der DDR wurde nach sechs Semestern der Titel Ingenieur verliehen.

Ingenieurschule Görlitz – Urkundenmappe DDR

In der DDR wurden sie zu Beginn der 1970er Jahre zum Teil zu Ingenieurhochschulen aufgewertet, andere Ingenieurschulen existierten bis zur deutschen Wiedervereinigung und danach in einer kurzen Übergangsphase weiter. Zugangsvoraussetzung war ein Zeugnis der mittleren Reife (in der DDR 10. Klasse Polytechnische Oberschule) und eine einschlägige abgeschlossene Berufsausbildung.

In den Ingenieurgesetzen (Titel/Berufsbezeichnung) ist neben einem 6 sem. HS-Abschluss auch die Oberklasse Bergschule Betriebsführer zum Ingenieur genannt. Hier handelt es sich um eine gestufte 6 halbjährige Fachschule. Eine sachgerechte redundante Berücksichtigung in den Schulgesetzen ist nicht erfolgt. Auch eine sachgerechte Zuordnung in ISCED 2011 oberhalb von ISCED 655 und DQR 7 erfolgte nicht. Eine formelle Wertung erfolgt im NRW-Lehrergesetz §60 Theorielehrer- neben einen 6 sem. HS-Abschluss- mit der Oberklasse Bergschule mit zusätzlicher FHR.

Bekannte Ingenieurschulen (Beispiele)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fachhochschulen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang der 1970er Jahre wurden in der Bundesrepublik Deutschland die Ingenieurschulen aufgelöst und die Infrastruktur zum Aufbau einer neuen Hochschulform Fachhochschule genutzt.

Dieser Schritt wurde notwendig, da die Industrie nach einem universell einsetzbaren akademisch, also auf Hochschulniveau, ausgebildeten Ingenieur verlangte, der jedoch mehr anwendungsorientiert als der Dipl.-Ing. der technischen Hochschulen auf die Belange der Industrie ausgerichtet sein sollte.

Nach der Einführung von Fachhochschulen mit ihren akademischen Abschlussbezeichnungen und der Umstellung auf den akademischen Diplomgrad wurde die Frage einer möglichen Nachdiplomierung auch für Ingenieurschulabsolventen sehr kontrovers diskutiert. Schließlich setzte sich die Sichtweise der beruflichen Erfahrung durch. Normativ wurde festgelegt, dass Absolventen von Vorgängereinrichtungen der Fachhochschulen, sofern sie graduiert oder nachgraduiert waren, auch ohne Nachqualifizierung an einer Fachhochschule auf Antrag mit Nachweis der Berufserfahrung den Titel Dipl.-Ing. oder Dipl.-Ing. (FH) als staatliche Bezeichnung verliehen bekamen.

Die Führungsberechtigung wurde in den einzelnen bundesdeutschen Ländern unterschiedlich gesetzlich geregelt. In Nordrhein-Westfalen wurde zum Beweis der Führungsberechtigung auf Antrag hin eine (kostenpflichtige) Urkunde erteilt.

Ingenieure, die ihre Ausbildung an einer Einrichtung der vormaligen DDR absolviert hatten, stellten ihren Antrag beim zuständigen Kultusministerium. Voraussetzung hierfür war alleinig der Nachweis einer einschlägigen dreijährigen (Ost) bzw. fünfjährigen (West) Berufstätigkeit als Ingenieur bzw. Ing. grad. Die Möglichkeit zur Nachdiplomierung bestand bis Ende 2008.

Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Technische Universität Wien wurde 1815 als k.k. Polytechnisches Institut gegründet, die Technische Universität Graz 1811 als Stiftung Joanneum mit anschließend beginnender Lehrtätigkeit, die Montanuniversität Leoben 1840 als Steiermärkisch-Ständische Montanlehranstalt ausgelagert, die Universität für Bodenkultur Wien 1872 schon als Hochschule begründet. Sonst wurden die heutigen höheren technischen Lehranstalten (HTL), soweit sie auch postsekundäre Bildung (Meisterkurse, Werkmeisterschulen)[3] anboten, immer als Anstalt oder (Staats-)Gewerbeschule bezeichnet.

Der Ausdruck Ingenieurschule war nur vereinzelt für die den Werkmeisterschulen vergleichbaren Kurse und den an Fachschulen genannten „Hochschul-Abteilungen“ (die seit den 1820er Jahren als Fakultät bezeichnet wurden), in Gebrauch:

Schweiz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Höheren Technischen Lehranstalten (Ingenieurschulen) HTL, französisch École technique supérieure (École d’ingénieurs) ETS, italienisch Scuola tecnica superiore (scuola d’ingegneria) STS, wurden mit dem am 6. Oktober 1995 in Kraft gesetzten Fachhochschulgesetz des Bundes in Fachhochschulen (FH, Haute école spécialisée HES, Scuola universitaria professionale SUP) umgewandelt (siehe dort auch zu altrechtlichen Titeln).

Zuordnung der Vorgängerschulen der Fachhochschulen[4]
Berner Fachhochschule BFH
  • Höhere Technische Lehranstalt (Ingenieurschule) HTL Bern
  • Höhere Technische Lehranstalt (Ingenieurschule) HTL Biel
  • Schweiz. Ingenieur- und Fachschule für die Holzwirtschaft HTL Biel
  • Höhere Technische Lehranstalt (Ingenieurschule) HTL Burgdorf
  • Höhere Technische Lehranstalt (Ingenieurschule) HTL Zollikofen
Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW
  • Höhere Technische Lehranstalt (Ingenieurschule) HTL Brugg-Windisch
  • Höhere Technische Lehranstalt (Ingenieurschule) HTL beider Basel, Muttenz
  • Höhere Technische Lehranstalt (Ingenieurschule) HTL Grenchen-Solothurn
Fachhochschule Ostschweiz FHO
  • Höhere Technische Lehranstalt (Ingenieurschule) HTL Buchs NTB
  • Höhere Technische Lehranstalt (Ingenieurschule) HTL Chur
  • Höhere Technische Lehranstalt (Ingenieurschule) HTL Rapperswil
  • Höhere Technische Lehranstalt (Ingenieurschule) HTL St. Gallen
Fachhochschule Zentralschweiz, heute Hochschule Luzern HSLU
  • Höhere Technische Lehranstalt (Ingenieurschule) HTL Luzern-Horw
  • Hochschule für Soziale Arbeit Luzern (HSA), ehemals Sozialarbeiterschule
  • Hochschule für Wirtschaft Luzern (HSW), ehemals Höhere Wirtschaftsschule
Haute école spécialisée de Suisse occidentale HES-SO
  • École technique supérieure (École d’ingénieurs) ETS Changins
  • École technique supérieure (École d’ingénieurs) ETS Fribourg
  • École technique supérieure (École d’ingénieurs) ETS Genève
  • École technique supérieure (École d’ingénieurs) ETS Lausanne (École suisse d’ingénieurs des industries graphiques et de l’emballage)
  • École technique supérieure (École d’ingénieurs) ETS Lausanne (EIL)
  • École technique supérieure (École d’ingénieurs) ETS Le Locle
  • École technique supérieure (École d’ingénieurs) ETS Lullier
  • École technique supérieure (École d’ingénieurs) ETS Saint-Imier
  • École technique supérieure (École d’ingénieurs) ETS Sion
  • École technique supérieure (École d’ingénieurs) ETS Yverdon-les-Bains
Scuola universitaria professionale della Svizzera italiana SUPSI
  • Scuola tecnica superiore (scuola d’ingegneria) STS Lugano-Trevano
Zürcher Fachhochschule ZFH
  • Höhere Technische Lehranstalt (Ingenieurschule) HTL Wädenswil
  • Höhere Technische Lehranstalt (Ingenieurschule) HTL Winterthur
  • Höhere Technische Lehranstalt (Ingenieurschule) HTL Zürich

Liechtenstein[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Liechtensteinische Ingenieurschule (LIS) Vaduz, 1988 aus dem Abendtechnikum Vaduz entstanden, wurde 1992 Fachhochschule, 1997 als Fachhochschule Liechtenstein Stiftung des öffentlichen Rechts und 2005 in die Hochschule Liechtenstein umgewandelt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Ingenieurschule – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gemeinsame Ministerialblatt. In: www.gmbl-online.de. Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, abgerufen am 11. Juli 2021.
  2. http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/editionPDF?archivNr=185&id=1&naviId=5271.
  3. a b Die geschichtliche Entwicklung der Werkmeisterausbildung in Österreich. In: Wissen ist Manz, MANZ Verlag Schulbuch GmbH.
  4. Zuordnung der Vorgängerschulen der Fachhochschulen / Classement des écoles qui ont été converties en haute école spécialisée (HES). sbfi.admin.ch