Marko Martin

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Marko Martin (* 17. September 1970 in Burgstädt) ist ein deutscher Schriftsteller und Publizist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marko Martin siedelte im Mai 1989 wegen eines Hochschulverbots aus politischen Gründen und als Kriegsdienstverweigerer aus der DDR in die Bundesrepublik über, wo er Germanistik, Politikwissenschaft und Geschichte an der TU und FU Berlin mit dem Abschluss eines Magisters studierte. Nach langjährigem Aufenthalt in Paris lebt Marko Martin in Berlin.

In den neunziger Jahren beschäftigte er sich – als regelmäßiger Mitarbeiter der im Dezember 2012 eingestellten Zeitschrift KOMMUNE – besonders mit französischen Intellektuellen und der Exil- und Antitotalitarismus-Thematik. Inzwischen, auch als Resultat ausgedehnter Reisen in nahezu alle Weltgegenden, liegt sein publizistischer Fokus auf Israel, Lateinamerika und Südostasien sowie auf Fragen der Menschenrechte im Zeitalter der Globalisierung. Martins zahlreiche Essays, Reise-Reportagen und Literaturkritiken erscheinen vor allem in der Welt, der Neuen Zürcher Zeitung und der Zeitschrift „mare“, aber auch der „Jüdischen Allgemeinen“ und dem Zweimonatsperiodikum „Internationale Politik“. Regelmäßig ist er in den Literaturprogrammen von „Deutschlandfunk Kultur“ zu hören.

Im September 2007 war Martin unter Pseudonym Sonderkorrespondent der „Welt“, um im damals diktatorisch regierten Burma über die blutige Niederschlagung der friedlichen Mönchs-Proteste zu berichten.

Marko Martin ist Mitglied des „PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland“ und arbeitet seit Jahren in dessen Sektion „Writers in Prison“ mit. Er ist Jury-Mitglied[1] des Karl-Wilhelm-Fricke-Preises, den die „Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur“ jährlich an Personen vergibt, die sich um die kritische Aufarbeitung von Diktaturen verdient gemacht haben. Von 2015 bis 2017 war er überdies Jury-Mitglied des Internationalen Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt.

Vom 15. April bis 15. September 2016 berichtete der Schriftsteller als Stadtschreiber in einem zweisprachigen Blog aus der polnischen Europäischen Kulturhauptstadt 2016, Breslau/Wrocław und schrieb über den heterogenen Charakter der Oder-Metropole, besonders in Bezug auf deren deutsch-jüdische Vergangenheit.[2] Seit Dezember 2016 ist er Mitglied des antitotalitär-liberalen Autorenblogs „Salonkolumnisten“, der sich vor allem aus ehemaligen Mitgliedern des Blogs „Die Achse des Guten“ zusammensetzt. In dem Ende 2017 von den ehemaligen Grünen-Politikern Marieluise Beck und Ralf Fücks gegründetem „Zentrum Liberale Moderne“ schreibt Martin die monatliche Kolumne „on the road“.

Literarisches Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In seinen literarischen Arbeiten beschäftigt sich Martin vor allem mit Welt- und Fremdheitserfahrungen, die positiv konnotiert sind: In seinem Roman „Der Prinz von Berlin“ (2000) wird die Metropole ironisch aus der Sicht eines jungen libanesischen Zuwanderers beschrieben, was die „taz“ zur Einschätzung brachte, der Autor sei „im Herzen ein Dissident geblieben“.[3] Das literarische Tagebuch Sommer 1990 (2004) spürt den eigenen ostdeutschen Prägungen nach, während der Essayband Kosmos Tel Aviv (2012) eine Hymne an des Autors erklärte zweite Heimat ist, eine „Liebeserklärung in zärtlichem hebräisch“,[4] die von der israelischen Tageszeitung „Haaretz“ mit dem Schreibstil Bruce Chatwins verglichen wurde.[5]

Der 2009 in der Anderen Bibliothek erschienene Prosa-Band Schlafende Hunde erzählt von individuellen Schicksalen und erotischen Abenteuern vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Krisen in Mexiko, Israel, Ruanda und dem Iran. Die „FAZ“ bezeichnete die Erzählungen als „Meisterwerke der Intensität“.[6] Martins Nachfolgeband in der Anderen Bibliothek Die Nacht von San Salvador (2013) führt erneut an verschiedene Orte dieser Welt, wobei der Exotismus durch eine Vielzahl an Erzählstilen gebrochen wird, wenngleich es auch hier vor allem um das Spannungsfeld zwischen Liebe, Eros, Sexus und gesellschaftlichen Brüchen geht. Für die „NZZ“ war das Buch „eine ars amatoria des Reisens…prallvoll mit Welt und Sinnlichkeit“.[7]

Zum 25. Jahrestag des Zusammenbruchs des Ostblocks erschien sein Essayband Treffpunkt ’89. Von der Gegenwart einer Epochenzäsur, der Erinnerungen an Intellektuelle wie Albert Camus, Manès Sperber, Czesław Miłosz, Václav Havel oder Jürgen Fuchs mit einer Analyse der politischen Spannungen des Jahres 2014 verbindet. „Die Welt“ bezeichnete das Buch als „perfektes Gegengift zur nationalen Nabelschau“,[8] der „SZ“ gilt der Autor als „Prachtexemplar eines engagierten Intellektuellen, unabhängig von allen Ismen“.[9] Bereits frühzeitig kritisierte Martin auf harsche Weise das Milieu der AfD- und „Pegida“-Demonstranten.[10] Im Folgejahr publizierte er sein literarisches Tagebuch Madiba Days. Eine südafrikanische Reise, das vor dem Hintergrund des 25. Jahrestages der Apartheid-Implosion und des DDR-Endes das Scheitern homogener Gesellschaften reflektiert, an bislang eher unbekannte Prägungen Nelson Mandelas erinnert und gleichzeitig die Verwerfungen der südafrikanischen Gegenwart sondiert. „Der Freitag“ resümierte zu „Madiba Days“: „Unter den zeitgenössischen Schriftstellern speist wohl kaum einer sein Schreiben so sehr aus eigenen sinnlichen Erfahrungen und Erlebnissen…Ein Betrieb, der ständig über seine Homogenität lamentiert, sollte öfter jemanden wie Marko Martin lesen.“.[11]

2016 erschien mit dem Band Tel Aviv. Schatzkästchen und Nussschale, darin die ganze Welt erneut eine Hommage auf die Stadt am Mittelmeer, die den Autor mit menschlichen Begegnungen und Erinnerungen beschenkt[12]. Ebenfalls 2016 wurden Erzählungen aus den Jahren 2007 bis 2011 unter dem Titel Umsteigen in Babylon veröffentlicht[13][14].

Im Mai 2018 beschrieb er in einer Kolumne in der NZZ die Undifferenziertheit der deutschen Rezeption Israels, welche sich seit 70 Jahren im hoch-reflexiven Dauerstreit mit sich selber befände. Im Rekurs auf die inner-israelischen Debattendemokratie geht Martin mit „Israel-Kritik“ hart ins Gericht.[15]

Anfang 2019, zum 60. Jahrestag der kubanischen Revolution, erschien Martins literarisches Tagebuch Das Haus in Habana. Ein Rapport, eine kritische Auseinandersetzung mit der Insel-Realität. Das Werk war 2019 für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik nominiert.[16][17] Im Herbst 2019 erschien der umfangreiche Essayband Dissidentisches Denken. Reisen zu den Zeugen eines Zeitalters, in dem die Geschichte des 20. Jahrhunderts als Verknüpfungsgeschichte der Biographien von Dissidenten, Lager-Überlebenden und antitotalitären Oppositionellen erzählt wird. Anhand persönlicher Begegnungen oder Lektüren porträtiert Martin hier weltweit verstreut lebende (Exil-)Schriftsteller und Intellektuelle wie Pavel Kohout, Gustaw Herling, Hans Sahl, André Glucksmann, Raissa Orlowa-Kopelewa, Roberto Schopflocher, Ilse Losa, Arthur Koestler, Horst Bienek, Anne Ranasinghe, Edgar Hilsenrath oder Aharon Appelfeld.

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jury-Mitglied 2018, abgerufen am 12. Juli 2018.
  2. Marko Martin wird Stadtschreiber in Breslau/Wrocław 2016. abgerufen 6. September 2016.
  3. Jan Brandt: Der letzte Dissident. In: taz. 4. Dezember 2000.
  4. Thorsten Schmitz: Liebeserklärung in zärtlichem hebräisch. In: Süddeutsche. 26. Februar 2013.
  5. מה שמלהיב במחשבה על תל אביב. In: Haaretz. 26. Juni 2013.
  6. Oliver Jungen: Nur keine falsche Bewegung machen. In: FAZ. 7. Mai 2010.
  7. Martina Läubli: Ein Fahrtenbuch von Marko Martin – Erotische Entdeckung der Welt. In: Neue Zürcher Zeitung. 9. Mai 2014.
  8. Freiheit fängt im Kopf an. In: Die Welt. 22. November 2014.
  9. Michael Kleeberg: Freiheit ist kein Freibrief. Marko Martins „Treffpunkt ’89 – das beste Buch zum Fall der Mauer“. In: SZ. 7. November 2014.
  10. Jan Feddersen interviewt Marko Martin: Das Pack, vor dem ich geflohen bin. In: taz. 5. Januar 2015.
  11. Lukas Latz: Handlungen eines Reisenden. In: Der Freitag. 15. Oktober 2015.
  12. Marko Martin: „Tel Aviv“ Geschichten vom Leben einer „Zauberstadt“, auf deutschlandfunkkultur.de
  13. Stefan Fischer: “Keine Stadt für Insider-Scheiße”. In: SZ., 10. Mai 2016
  14. Dirck Linck: “Der Weg meiner Augen”. In: SZ, 15. November 2016
  15. Kitsch, Ressentiment, Projektion – die meisten unserer Israel-Bilder sind ziemlich schief, NZZ, 7. Mai 2018
  16. Nora Voit: Insel auf Du und Du. In: Die Zeit, 6. April 2019
  17. Christian Lütjens:Der beobachtete Beobachter. In: sissy, 25. März 2019