Neom

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Standort von Neom

Neom (arabisch نيوم Niyum, DMG Niyōm) ist eine von der Regierung Saudi-Arabiens beabsichtigte Planstadt mit angeschlossenem Technologiepark im Nordwesten des Landes unweit des Golfs von Akaba sowie an der Küste des Roten Meeres.

Initiiert wurde das als künftige Megastadt konzipierte Projekt, das am 24. Oktober 2017 in Riad erstmals vorgestellt wurde, durch den saudischen Kronprinz Mohammed bin Salman. Es ist als ein Meilenstein in der Zukunftsplanung des Landes für die Ära nach der Ölförderung gedacht. Das Projekt soll rund 420 Milliarden Euro kosten und ist ein Versuch Saudi-Arabiens, seine Einkünfte im Zuge des weltweiten Einbruchs der Ölpreise im Jahr 2014 zu diversifizieren. Das gesamte Projekt ist Teil der „Vision 2030“. Es ist nicht das erste Mal, dass sich das Land zum Aufbau einer Planstadt verpflichtet hat. Zum Zeitpunkt der Projektvorstellung waren weitere vier Megastädte, darunter die King Abdullah Economic City (KAEC), in Bau.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Neom“ ist ein Kofferwort, verschmolzen aus „neo“ (altgriechisch für „neu“) und „m“ für „mustaqbal“ (arabisch مستقبل für „Zukunft“).[1]

Der an die Planstadt angeschlossene Technologiepark soll in einem 26.500 Quadratkilometer großen Gebiet – etwa so groß wie das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern oder 37 Singapurs – entstehen, das zum Großteil in Saudi-Arabien liegt. Dafür sind Investitionen in Höhe von bis zu 500 Milliarden US-Dollar vorgesehen, für die Saudi-Arabien garantiert.[2] Ein Großteil des Geldes soll vom saudischen Staatsfonds PIF (Public Investment Fund) finanziert werden. Zur Finanzierung beitragen soll der Börsengang von Saudi Aramco.[3] Ein Ziel des Projekts ist es, ausländisches Kapital und Investoren in das Königreich zu holen.[4] Gefördert werden sollen neue Ökonomiebereiche, um die saudische Wirtschaft für die Zukunft auf eine breitere Grundlage zu stellen, darunter Biotechnologie, Energie und Wasser sowie die mediale Entwicklung.[5]

Neom soll eine unabhängige Wirtschaftszone werden, die über ein eigenes Rechts- und Steuersystem verfügt, aber politisch nicht souverän ist.[6] Abweichend von den einschränkenden Vorschriften für Frauen im übrigen Land dürfen sie sich hier ohne männliche Begleitung bewegen und können auf das Tragen der Abaya verzichten.[7]

Im Nordwesten des Landes wurde eine Fläche am Roten Meer ausgewählt, die an Ägypten und Jordanien angrenzt. Vorgesehen ist die Querung über die Straße von Tiran mit einer Brücke zwischen den Inseln Tiran und Sanafir, die lange Zeit zwischen Saudi-Arabien und Ägypten umstritten waren. Mit der Brücke entstünde eine Landverbindung von Nordafrika auf die Arabische Halbinsel und damit nach Vorderasien unter Umgehung Israels.[8]

Für sein Projekt Neom gibt Kronprinz Mohammed bin Salman zum Teil radikale Vorgaben. Alle Dienstleistungen und Standardprozesse sollen „zu 100 Prozent automatisiert“ sein und „von Robotern ausgeführt“ werden.

Neom soll seinen Energiebedarf ausschließlich aus Wind- und Sonnenkraft speisen. Das Projekt hat zum Ziel, die Wirtschaft Saudi-Arabiens unabhängiger vom Öl zu machen. Es ist Teil des Wirtschaftsumbauvorhabens „Vision 2030“. 2025 soll der erste Bauabschnitt fertiggestellt sein. Geleitet wird das Projekt von dem deutschen Manager Klaus Kleinfeld als Vorstandschef der Projektgesellschaft.[9][10]

Reaktionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur bezeichnete Sebastian Sons von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik das Projekt als „Versuch, Saudi-Arabien in Bezug auf Modernität und wirtschaftliche Entwicklung international in die ‚Pole Position‘ zu rücken“. Ein „neues Silicon Valley“ solle entstehen. Das Ausmaß des Projekts sei gigantisch.[11]

Die Journalistin und Nahostexpertin Gudrun Harrer meint, dass man es trotz „PR-Maschinerie“ und wenig konkreten Angaben nicht als bloßen Werbegag abtun könne, wenn der Kronprinz des streng salafistischen Königreichs erkläre, „auf einen moderaten Islam setzen zu wollen“.[12]

Der Schweizer Journalist und Nahostexperte Fredy Gsteiger verweist darauf, dass es in Saudi-Arabien an eigenem Kapital, qualifizierten Arbeitskräften und transparenten Standards fehle, um das Projekt zu realisieren. Nun solle „eine Art Hype kreiert“ werden, um ausländische Investoren anzulocken. Ähnliche Großprojekte wie Masdar in Abu Dhabi zeigten, dass dies scheitern könne.[13]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Süddeutsche Zeitung berichtete im Mai 2020 über den Widerstand alteingesessener Beduinen gegen das Projekt. Es gebe Berichte von Zwangsräumungen, immer mehr Stammesangehörige setzten sich gegen die Pläne zur Wehr. Die saudische Menschenrechtsorganisation Alqst berichtet von mehreren Verhaftungen von Stammesmitgliedern, die sich weigerten, ihre Häuser zu verlassen. Besonders öffentlichkeitswirksam ging Abdulrahim al-Howeiti vor, der sich in einer Videobotschaft an seine Landsleute wandte. Seine Heimat stehe zum Verkauf – kurz darauf wurde er getötet. Abdulrahim gehört dem al-Howeitat-Stamm an, der seit Jahrhunderten den Südwesten Jordaniens, den Sinai und den Nordwesten Saudi-Arabiens besiedelt.

In einem Video[14] erzählt er, dass seine Heimatstadt Al-Khuraybah als eine der ersten weichen soll. Er sprach von „Zwangsumsiedlung“ und „Staatsterror“ und rechnete mit Mohammed bin Salmans Herrschaft ab: Die einheimische Bevölkerung müsse verschwinden, um mehr als einer Million Ausländern ein Luxusleben zu ermöglichen. Seitdem reißt die Kritik am Vorgehen der Behörden nicht ab. Die Menschenrechtsorganisation Alqst wirft ihnen vor, die Ermordung „zu vertuschen“, indem sie Mitglieder seines Stammes mit fünfstelligen Summen bestechen würden, um ihn zu verleugnen und „ihre Treue zu erneuern“.

Die SZ-Autorin Dunja Ramadan beschreibt den Konflikt auch als einen um das alte und neue Saudi-Arabien. Mohammed bin Salmans Umgang mit alteingesessenen Stämmen könnte viele Saudis verärgern, denen der Wandel und die Öffnung zu schnell gehe.[15]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. What does Saudi Arabia’s mega project ‚NEOM‘ actually stand for? In: al-Arabiya. 24. Oktober 2017, abgerufen am 28. Oktober 2017 (englisch).
  2. Sven Clausen: 500 Milliarden Dollar für Neom: Ex-Siemens-Chef Kleinfeld soll Saudi-Arabiens Megacity bauen. In: Spiegel Online. 24. Oktober 2017, abgerufen am 24. Oktober 2017.
  3. Gabriel Knupfer: Neom: Saudi-Arabien plant die Stadt der Zukunft. In: Handelszeitung. 26. Oktober 2017, abgerufen am 1. November 2017.
  4. Saudi-Arabien plant Megastadt, größer als Steiermark plus Kärnten. In: Der Standard. 24. Oktober 2017, abgerufen am 28. Oktober 2017.
  5. Saudi-Arabien plant Megastadt. In: Sächsische Zeitung. 24. Oktober 2017, abgerufen am 27. November 2018.
  6. NEOM. Abgerufen am 24. Oktober 2017.
  7. „Sophia“: Saudi Arabien bürgert Roboter ein. In: Der Standard. 27. Oktober 2017, abgerufen am 28. Oktober 2017.
  8. Ex-Siemens-Chef soll für Saudi-Arabien futuristische Megastadt planen. In: sueddeutsche.de. 24. Oktober 2017, abgerufen am 25. Oktober 2017.
  9. Saudi-Arabien will für 500 Milliarden eine Megastadt bauen. In: faz.net. 24. Oktober 2017, abgerufen am 30. Oktober 2017.
  10. Peter Brors, Thomas Jahn: Klaus Kleinfelds arabisches Märchen. In: handelsblatt.com. 25. Oktober 2017, abgerufen am 30. Oktober 2017 (Artikelbeginn frei abrufbar).
  11. Ein Zeichen an den Westen – für 500 Milliarden Dollar, Sebastian Sons im Gespräch mit Dieter Kassel. In: Deutschlandfunk Kultur. 26. Oktober 2017, abgerufen am 28. Oktober 2017.
  12. Gudrun Harrer: Saudi-Arabien zwischen Megalomanie und Reform. In: Der Standard. 28. Oktober 2017, abgerufen am 30. Oktober 2017 (Analyse).
  13. Isabelle Maissen: «Neom» – Stadt der Zukunft: Mehr als eine Fata Morgana? In: SRF. 25. Oktober 2017, abgerufen am 23. Oktober 2018 (Interview).
  14. Middle East Eye: Killing of Saudi activist exposes tensions over Neom megacity project. You Tube, 17. April 2020 (abgerufen am 14. Mai 2020)
  15. Dunja Ramadan: „Auf Sand und Blut gebaut.“ In: Süddeutsche Zeitung (Ressort Politik), 12. Mai 2020 (auch SZplus).