Volocopter

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Volocopter GmbH
Rechtsform GmbH
Gründung 2007
Sitz Bruchsal, DeutschlandDeutschland Deutschland
Leitung Florian Reuter
Jan-Hendrik Boelens
Mitarbeiterzahl 150 (August 2019)[1]
Branche Flugzeugbau
Website volocopter.com

Volocopter 2X auf der IAA 2017

Die Volocopter GmbH (ursprünglicher Name e-volo) mit Sitz in Bruchsal entwickelt, testet und vermarktet ein neues Hubschrauber-Konzept für elektrisch angetriebene personentragende Multikopter, die als autonome Lufttaxis eingesetzt werden sollen.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Softwareingenieur Stephan Wolf entwickelt 2010 die Idee eines bemannten Multicopters; 2011 stieß sein Jugendfreund Alexander Zosel zu dem Projekt. Wolfs bestehende und in Karlsruhe ansässige Softwarefirma Syntern wurde neu kapitalisiert und in e-volo umfirmiert und trug fortan das Projekt. Eine erste Umsetzung des Volocopter-Konzepts erfolgte mit dem Prototyp VC 1, der im Oktober 2011 den ersten bemannten Flug mit einem rein elektrisch angetriebenen Hubschrauber durchführte. Nach der Zusage von Fördermitteln über zwei Millionen Euro durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) Mitte 2012 begann die Entwicklung eines zulassungsfähigen Prototyps, des VC200. Ab 2015 wurde unter Führung eines externen CEO, Florian Reuter, ein professionelles Management geheuert; 2017 wurde das Unternehmen in zwei Finanzierungsrunden mit insgesamt 30 Mio. Euro u. a. durch Daimler, Intel und B-to-V, einem Schweizer Risikokapital-Fonds, finanziert und firmierte fortan unter dem Namen Volocopter. Im September 2019 erfolgte eine weitere Finanzierungsrunde von 50 Mio. Euro, an der neben Daimler auch dessen chinesischer Aktionär Geely teilnahm.[2]

Heimat des Projekts ist seit 2016 der Flugplatz Bruchsal, dort befindet sich das Werk des Mitentwicklers DG Flugzeugbau, in dem die Zelle der Modelle VC200 und 2X in Kohlenstofffaserverbund-Leichtbauweise gefertigt wird.

Volocopter Fluggeräte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Funktionsprinzip[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Volocopter benötigen zur Steuerung im Gegensatz zu normalen Hubschraubern keine mechanischen Komponenten wie zum Beispiel Taumelscheiben, Blattverstellung, Heckrotor oder Ruder. Die Propeller sind fest an den Motoren montiert. Änderungen des Auftriebs oder auch Vortrieb erfolgen allein durch Erhöhung oder Verringerung der jeweiligen Motordrehzahl. Wird die Drehzahl aller Motoren gleichzeitig erhöht oder verringert, steigt oder sinkt der Volocopter (Senkrechtstart und -landung). Die Steuerung erfolgt nach dem Prinzip des Fly-by-wire mit einem Joystick. Die automatische Lageregelung und die Richtungssteuerung übernehmen mehrere unabhängige und sich gegenseitig überwachende Computer (Redundanz), die jeden Motor auch separat in seiner Drehzahl regeln.

Klassifizierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit einer Abflugmasse von 600 kg gehört der Volocopter formal zu den Ultraleichtflugzeugen, zu denen neben aerodynamisch gesteuerten Maschinen auch ultraleichte Tragschrauber und ultraleichte Hubschrauber gehören. Um diese fliegen zu dürfen, benötigt man in Deutschland nur eine Sportpilotenlizenz. Da der Volocopter nicht als Hubschrauber zugelassen werden kann,[3] wird von Volocopter angestrebt, durch die zuständigen Verbände Deutscher Ultraleichtflugverband und Deutscher Aero Club sowie das Luftfahrt-Bundesamt (LBA) innerhalb der Klasse der Ultraleichtflugzeuge eine eigene Luftfahrzeugkategorie zu schaffen. Dadurch soll vermieden werden, dass Volocopter nur mit Helikopterlizenz geflogen werden dürfen; gleichzeitig sollen auch entsprechende Bauvorschriften und die Betriebsordnung geschaffen sowie eine Ausbildungsordnung entwickelt werden. Im Juli 2019 veröffentlichte die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) erstmals neue Bestimmungen, die auf senkrechtstartende Kleingeräte (SC-VTOL für small-category VTOL) ausgerichtet sind.[4]

Prototypen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

VC 1[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Volocopter, Prototyp
Erstflug des Volocopter Typs VC 1 im Oktober 2011 mit Pilot

Im Oktober 2011 unternahm Mitgründer Thomas Senkel mit dem VC 1 den weltweit ersten bemannten Flug mit einem rein elektrisch angetriebenen Hubschrauber.[5]

VC200 / 2X[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Zusage von Fördermitteln durch das BMWi baute Volocopter den Doppelsitzer VC200, der mit 18 Einzelmotoren ausgerüstet ist.[6] Ziel der Entwicklung war im Januar 2013 ein zulassungsfähiger zweisitziger Volocopter, basierend auf der Konzeptstudie VC Evolution 2P.[6]

Technische Daten
Kenngröße nach[6] angestrebte Daten
max. Startmasse 600 kg
Erreichbare Flughöhe über 6.500 ft (ca. 2.000 m)
Höchstgeschwindigkeit über 100 km/h (54 kn)
Flugdauer 27 min

Am 17. November 2013 fand der erste unbemannte Flug des Prototyps in der dm-arena der Messe Karlsruhe statt.[7] Auf der Luftfahrtausstellung Aero Friedrichshafen präsentierte das Unternehmen im April 2014 einen Prototyp des VC200.[8] Den ersten bemannten Flug führte Alexander Zosel am 30. März 2016 durch.[9] Seitdem verfügte das Unternehmen bereits über eine vorläufige Flugzulassung für das Gerät. Im April 2017 wurde mit der Serienproduktion des Volocopter 2X begonnen. Beim Volocopter 2X handele es sich „nicht nur um eine modifizierte Version des Prototypen VC200, sondern um eine komplette Neuentwicklung in allen Teilen.“[10] Im Herbst 2017 begann ein fünfjähriges Versuchsprogramm in Dubai. Dabei soll ein angestrebter Betrieb autonomer Lufttaxis als öffentliches Verkehrsmittel erprobt werden.[11] Am 14. September 2019 fand der erste, noch unbesetzte Freiflug des Geräts in Deutschland (Stuttgart) statt.[2]

Die Modelle VC200 und 2X werden mit einem Gesamtrettungssystem ausgestattet, was ein Novum bei Hubschraubern darstellt. Bei normalen Hubschraubern und Tragschraubern (Autogyros) ist der Weg nach oben durch den Hauptrotor versperrt und der Einsatz eines Gesamtrettungssystems nicht möglich. Zuvor war nur bei Hubschraubern von Kamow durch Absprengen der beiden Hauptrotoren und den nachfolgenden Einsatz eines Schleudersitzes eine Rettungsmöglichkeit vorgesehen.

2018 gab die ADAC-Luftrettung bekannt, Volocopter in Modellregionen in Bayern und Rheinland-Pfalz im Rettungsdienst zu testen.[12]

VoloCity[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

VoloCity, IAA 2019

Mit VoloCity stellt Volocopter die vierte Generation und das erste Serienmodell seines Fluggeräts vor. Es ist jetzt auch mit zwei Seitenleitwerken ausgestattet, um die Flugrichtung stabiler zu halten.[13][14] Das Gerät ist auf die von der EASA im Juli 2019 veröffentlichten SC-VTOL Bestimmungen abgestimmt.[4]

Kenngröße Daten[14][15][16]
Technische Daten
Luftfahrtpersonal 1 oder selbststeuernd
Passagiere 2
Durchmesser 11,3 m
Durchmesser Einzelrotor 2,3 m
Höhe 2,5 m
Nutzlast 200 kg
Leermasse 700 kg
max. Startmasse 900 kg
Bauartbedingte Höchstgeschwindigkeit 110 km/h
errechnete Reichweite 35 km
Triebwerke 18 Elektromotoren

VoloDrone[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2019 entwickelte Volocopter eine Lastendrohne (VoloDrone) für kleinere Lasten bis zu 200 kg, die bis zu 40 Kilometer weit transportiert werden können.[17] Auf der Agritechnica im November 2019 stellten Volocopter und der benachbarte Landwirtschaftsmaschinenbetrieb John Deere eine Lastendrohne vor, die für das Versprühen von Fungiziden und Insektiziden angefertigt ist.[18]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2012: Volocopter gewann den Lindbergh Innovationspreis 2012, gestiftet von der Lindbergh-Foundation.[19]
  • 2013: CyberChampions Award 2013/14 – Sonderpreis „Hightech Pioneer“[20]

„So wurde beim CyberChampions Award 2013/14 erstmals der Sonderpreis 'Hightech Pioneer' verliehen. Gewonnen hat ihn die Volocopter GmbH, die den ersten bemannten Flug mit einem rein elektrisch betriebenen und senkrecht startenden Fluggerät ermöglicht. Mit ihrem Volocopter, dem 'grünen' Hubschrauber der Zukunft, hat Volocopter in der Luftfahrt-Branche weltweit für Aufsehen gesorgt. Das Verkehrsministerium hat eigens für den Volocopter ein Erprobungsprogramm zur Schaffung einer neuen Luftfahrtklasse beauftragt.“

CyberForum[20]

Vergleichbare Typen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verwandte Entwicklungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Flugtaxis für die Welt – Die Firma Volocopter aus Bruchsal. Dokumentarfilm, Deutschland, 2020, 29:44 Min., Buch und Regie: Joachim Auch und Jochen Braitinger, Produktion: SWR, Reihe: made in Südwest, Erstsendung: 18. März 2020 bei SWR Fernsehen, Inhaltsangabe von ARD, online-Video aufrufbar bis zum 23. Jumi 2021.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: E-volo aircraft – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Pressemitteilung: Volocopter enthüllt Design für neuestes Urban Air Mobility Fluggerät. VoloCity soll erstes kommerzielles Volocopter Flugtaxi werden. In: volocopter.com, 21. August 2019, aufgerufen am 18. März 2020: „ ... das Unternehmen hat mittlerweile über 150 Mitarbeiter in Büros in Bruchsal, München und Singapur.“
  2. a b dpa: Über Stuttgart. Volocopter fliegt erstmals in Deutschland. In: FAZ, 14. September 2019, mit Video, 2:18 Min.
  3. Volocopter – ein revolutionär neues Fluggerät. In: DG Flugzeugbau GmbH. 2013, archiviert vom Original am 5. Dezember 2013; abgerufen am 11. April 2017.
  4. a b Special Condition for VTOL. In: EASA. 2. Juli 2019, abgerufen am 23. August 2019.
  5. Lucian Haas: Multikopter. Leicht zu steuern und schwebt wie eine Eins. In: Stuttgarter Zeitung, 9. Januar 2012, (Alternativtitel: Mit 16 Propellern in die Luft.)
  6. a b c VC200 – der erste 2 Personen tragende Volocopter. In: e-volo GmbH. Januar 2013, archiviert vom Original am 28. Januar 2013; abgerufen am 13. April 2017.
  7. Erstflug des Volocopters. In: DG Flugzeugbau GmbH. November 2013, archiviert vom Original am 3. Dezember 2013; abgerufen am 12. April 2017: „Am Sonntag, den 17. November 2013 gelangen der erfolgreiche Erstflug, sowie zahlreiche weitere Testflüge. Die Flüge fanden noch unbemannt mit einem Sack Schrauben als Ballast in der abgesperrten dm-Arena in Karlsruhe statt.“
  8. AERO 2014 feiert den Volocopter als Highlight. In: e-volo GmbH. 19. April 2014, archiviert vom Original am 24. April 2014; abgerufen am 12. April 2017.
  9. KS: Volocopter fliegt erstmals bemannt. In: Aerokurier. Motor Presse Stuttgart, 7. April 2016, abgerufen am 13. April 2017.
  10. Pressemitteilung: Produktion des ersten Serien-Volocopter gestartet. In: DG Flugzeugbau GmbH, 4. April 2017.
  11. cst/dpa: Lufttaxi meistert Jungfernflug über Dubai. In: Spiegel online, 26. September 2017.
  12. Jochen Oesterle (Pressemitteilung): ADAC Luftrettung prüft Einsatz von bemannten Multikoptern im Rettungsdienst. In: ADAC, 29. November 2018.
  13. Karl Schwarz: Volocopter enthüllt Flugtaxi VoloCity. In: Flugrevue.de. 21. August 2019, abgerufen am 23. August 2019.
  14. a b Karl Schwarz: Volocopter enthüllt Design für neuestes Urban Air Mobility Fluggerät. In: startupvalley.news. 21. August 2019, abgerufen am 23. August 2019.
  15. VoloCity: Technical Features. In: Volocopter, 2019, am Seitenende, aufgerufen am 18. März 2020.
  16. Volocopter unveils design for commercial VoloCity aircraft. (Memento vom 22. August 2019 im Internet Archive). In: Aerospace Technology, 19. August 2019.
  17. red: Volocopter lässt Lastendrohne abheben. In: Econo, 30. Oktober 2019.
  18. Pressemitteilung: John Deere und Volocopter kooperieren beim Bau einer Großdrohne. Großdrohne für die Landwirtschaft. In: volocopter.com, 7. November 2019, aufgerufen am 18. März 2020.
  19. Lindbergh Prize for Innovation Given to e-volo. In: Lindbergh Foundation. 20. April 2012, abgerufen am 18. März 2020 (englisch): „The ninth Lindbergh Prize recognizes innovation in vertical take-off and landing.“
  20. a b Presseinformation: CyberChampions Award kürt herausragende Geschäftsideen aus der IT- und Hightech-Branche. (PDF; 3 S., 70 kB) In: CyberForum. 6. November 2013, abgerufen am 18. März 2020.