Niemals Gewalt!

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Niemals Gewalt! oder auch Niemals Gewalt ist der Titel einer Rede, die Astrid Lindgren 1978, anlässlich ihres Erhalts des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, hielt. Es ist eine der bekanntesten und einflussreichsten Reden von Lindgren, in der sie sich gegen die Gewalt gegenüber Kindern einsetzt. 2017 erschien die Rede erstmals in Deutschland in Buchform, unter dem Titel Niemals Gewalt!. 2009 war, anlässlich des Weltkindertages, bereits ein deutscher Kurzfilm unter demselben Titel erschienen.

Rede[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 22. Oktober 1978 hielt Astrid Lindgren eine Dankesrede anlässlich ihres Erhalts des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. In ihrer Rede in der Frankfurter Paulskirche setzte sie sich für die gewaltfreie Erziehung ein. Zu dieser Zeit herrschte in Deutschland noch „das Elternrecht auf körperliche Züchtigung“.[1]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Astrid Lindgren redet zunächst darüber, dass es, solange der Mensch auf dieser Erde verweilt habe, Gewalt und Krieg gegeben habe. Wahren Frieden hingegen gebe es auf der Erde nicht. Politiker würden über Abrüstung sprechen, aber nicht über ihre eigene, sondern über die der anderen Länder. Dabei würde es zu immer größerer Aufrüstung kommen, da die einzelnen Länder dem Friedenswillen des Anderen nicht trauen würden.

Astrid Lindgren fragt sich, warum so viele Menschen nach Macht oder Rache streben und Gewalt wollen. Dass sie von Natur aus böse sind, glaubt sie nicht. Daher überlegt sie, wie die Menschen lernen können auf Gewalt zu verzichten. Ihrer Meinung nach müssen die Menschen bei den Kindern anfangen. Sie denkt, dass die meisten Diktatoren selbst Gewalt, Demütigungen, Kränkungen und Bloßstellungen erlebt haben und dieses Verhalten weitergeben. Diejenigen, denen die Kinder anvertraut seien, würden entscheiden, ob sie ihnen Liebe vermitteln, die diese Kinder später weitergeben können. Sie erklärt, dass auch freie und unautoritäre Erziehung nicht heiße, dass die Kinder tun und lassen dürfen, was sie wollen und es auch bei dieser Form der Erziehung Verhaltensnormen und Regeln geben müsse. Eine liebevolle Achtung voreinander sei Kindern und Eltern zu wünschen.

Dann erzählt Lindgren eine Geschichte, die sie von einer alten Dame gehört hat. Als die Dame noch eine junge Mutter gewesen war, hatte ihr Sohn etwas gemacht, dass ihrer Meinung nach eine harte Bestrafung erforderte. Sie bat den Jungen einen Stock zu holen und ihr diesen zu bringen. Der Junge brauchte lange dafür und kam weinend mit einem Stein zurück. Als er erklärte, dass er keinen Stock gefunden habe, sie aber auch mit dem Stein nach ihm werfen könne, erkannte die Mutter, was der Junge gefühlt haben musste. Er musste gedacht haben, sie wolle ihm nur weh tun und das konnte sie ja auch mit einem Stein. Sie weinte und umarmte das Kind. Später legte sie den Stein auf ein Bord. Er sollte ihr als Warnung dienen niemals Gewalt zu verwenden.

Astrid Lindgren erzählt später, dass sie glaubt, dass Kindern die Grausamkeiten, Gewalttaten und Unterdrückungen, die es zurzeit auf der Welt gebe, nicht verborgen bleiben. Daher sei es wichtig ihnen zu Hause zu vermitteln, dass es auch anders gehe. Vielleicht sollte sich jeder einen Stein auf das Küchenbord legen, als Mahnung niemals Gewalt zu verwenden. Es könne dem Frieden auf der Welt dienen.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anlässlich des des Friedenspreise des Deutschen Buchhandels am 22. Oktober 1978 wollte Astrid Lindgren eine Rede zur gewaltfreien Erziehung halten.[2] Zu dieser Zeit wurde Gewalt in der Erziehung noch als normal angesehen. Astrid Lindgren musste die Rede vorher beim Komitee einreichen. Ihr wurde nahegelegt nur den Preis entgegenzunehmen und keine Rede zu halten.[3] Der Veranstalter fand die Rede zu provokant. Astrid Lindgren bestand darauf, ihre Rede so zu halten wie sie war oder gar nicht zu kommen.[4]

Auswirkungen der Rede[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Lindgrens Rede wurde bald weltweit verbreitet. In ihrem Heimatland Schweden tat sich Astrid Lindgren mit Wissenschaftlern, Journalisten und Politikern zusammen um eine gewaltfreie Erziehung zu erreichen. 1979 wurde in Schweden, aufgrund von Astrid Lindgrens Rede, ein Gesetz eingeführt, welches das Schlagen von Kindern verbot.[5] Bis dahin gab es ein solches Gesetz nirgendwo auf der Welt.[6] Nach Schweden folgten weitere nordische Länder Lindgrens Vorbild.[5] In Deutschland haben Kinder laut Paragraf 1631 II des Bürgerlichen Gesetzbuches erst seit 2000 das „Recht auf eine gewaltfreie Erziehung“. Dennoch regte Lindgrens Rede auch hier schon 1978 zum Nachdenken an.[7] Es führte dazu, dass sich auch hierzulande mehr Wissenschaftler mit den Folgen von Gewalt an Kindern beschäftigten und Lindgrens Thesen belegen konnten. Laut dem Kriminologen Christian Pfeiffer machte das ein Umdenken in Deutschland überhaupt erst möglich und führte letztendlich zu dem oben genannten Paragrafen. Auch weltweit führten nach Schweden viele weitere Länder Gesetze zur gewaltfreien Erziehung ein. Nepal ist der inzwischen 54. Staat, der das Schlagen von Kindern verbietet.[5]

Buch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Niemals Gewalt! ist ein Buch, dass sich mit Astrid Lindgrens berühmter gleichnamiger Rede beschäftigt.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Buch enthält die komplette Rede (siehe auch den Inhalt der Rede). Außerdem wurden in der deutschen Version ein Vorwort von Dunja Hayali sowie ein Nachwort von Silke Weitendorf und eine Zeittafel über das Leben von Astrid Lindgren hinzugefügt. In dem Vorwort spricht Hayali über ihre Kindheitserfahrungen mit Astrid Lindgren sowie über ihre eigenen Gedanken und Gefühle bezüglich Astrid Lindgrens Rede. Vor dem Nachwort befindet sich ein Foto von Astrid Lindgren, wie sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennimmt, sowie ein Foto der Urkunde des Preises. Dahinter gibt es ein Textfragment von Astrid Lindgren mit dem Titel „Ich würde mir wünschen“, in dem sich Lindgren Gedanken über den Zustand der Welt macht. Das Fragment ist ihrer Rede nicht ganz unähnlich. Das Nachwort befasst sich mit Hintergrundinformationen zur Preisverleihung und der Auseinandersetzung damit, wie Astrid Lindgren zu der Person wurde, die sie war. Dabei werden Lindgrens Leben sowie ihre Geschichten miteinbezogen.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Niemals Gewalt! erschien erstmals am 20. März 2017 beim Friedrich Oetinger Verlag in Hamburg. Das Buch ist 75 Seiten lang.[8]

Das Vorwort der deutschen Ausgabe stammt von Dunja Hayali, einer deutschen Fernsehmoderatorin. Das Nachwort wurde aus einem Vortrag von Silke Weitendorf vom November 2014 in Konstanz zusammengeschnitten. Silke Weitendorf ist eine Verlegerin des Oetinger Verlages, bei dem die meisten deutschsprachigen Astrid-Lindgren-Bücher erschienen sind.[9]

In Schweden erschien das Buch im Jahr 2018 unter dem Titel Aldrig våld!. Es enthält ebenfalls Lindgrens gesamte Rede. Das Vorwort stammt allerdings von Marta Santos Pais, einer Sondergesandten des UN-Generalsekretärs zur Bekämpfung von Gewalt gegen Kinder. Pais leitet die internationale Arbeit der UN, um Gewalt gegen Kinder zu verhindern und zu beseitigen.[10] Das Nachwort stammt von Thomas Hammarberg, einem ehemaligen Menschenrechtskommissar des Europarats in Straßburg. Das Cover illustrierte Stina Wirsén.[11] Die schwedische Ausgabe wurde mitsamt dem Vor- und Nachwort sowie Stina Wirséns Coverillustration auf Englisch übersetzt und erschien unter dem Titel Never violence!.[12]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Esma von Was liest du? schreibt, dass es sich bei Niemals Gewalt! zwar um ein „kleines und dünnes Büchlein“ handle, dennoch sei es „so voller Inhalt“, dass sie sich wünschte, „alle würden es lesen- und vor allem leben“.[13]

Stephanie Müller findet, dass es erschreckend sei, wie aktuell sich Lindgrens hervorragende Rede noch heute lese. Sie glaubt, dass diese noch von viel mehr Leuten immer wieder gelesen und verinnerlicht werden solle.[14]

Stephanie Streif von der Badischen Zeitung meint, dass sich das kleine Buch „einem sehr großen, wichtigen Thema“ widme, „den Kinderrechten“.[15]

Luette Lotte findet, dass das Buch zunächst unscheinbar und klein wirke, sein Inhalt aber tief bewege und zum Nachdenken anrege.[16]

Kurzfilm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Filmdaten
Deutscher TitelNiemals Gewalt
OriginaltitelNiemals Gewalt
ProduktionslandDeutschland
OriginalspracheDeutsch
Erscheinungsjahr2009
Länge6 Minuten
Stab
RegieDavid Aufdembrinke
DrehbuchDavid Aufdembrinke, Astrid Lindgren (Geschichte)
ProduktionDAGO Kinderlobby e.V., David Aufdembrinke
MusikOliver Heuss
KameraLilli Thalgott
Besetzung

Niemals Gewalt ist ein Kurzfilm von David Aufdembrinke. Er basiert auf der Geschichte, die Astrid Lindgren im Rahmen ihrer gleichnamigen Rede erzählte.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Junge beobachtet, wie seine Nachbarin einen Erdbeerboden belegt und zum Kühlen auf die Fensterbank stellt. Er nimmt sich den Erdbeerboden und isst ihn auf. Dabei wird er von der Nachbarin entdeckt. Diese schleift ihn an seinem Ohr zu seiner Mutter und erzählt dieser, sie solle ihren Jungen bestrafen. Die Mutter sagt ihrem Jungen, er solle nach draußen gehen und einen Stock holen. Der Junge versucht an einem dicken Ast etwas abzubrechen, scheitert aber. Als es dunkel wird, ist der Junge immer noch nicht wieder da. Die Mutter rennt mit der Taschenlampe umher und ruft nach ihm. Doch ihr Sohn meldet sich nicht. Dann rennt sie zum Telefon. Gerade als sie einen Anruf tätigen will, kommt ihr Sohn zurück. Er sagt, dass es ihm Leid tue. Die Mutter erklärt, dass das nicht so schlimm sei, Hauptsache er sei wieder da. Traurig bemerkt der Junge, dass er leider keinen Stock finden konnte und übergibt ihr einen großen Stein. Er fügt hinzu, dass sie ihm damit ja auch weh tun könne. Die Mutter schaut ihn entsetzt an, legt den Stein zur Seite und umarmt ihren Jungen. Der Stein wird aufs Fensterbrett gelegt und die Worte „Niemals Gewalt“ erscheinen.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die Entwicklung des Films brauchte das Filmteam über ein Jahr. Gedreht wurde später mit einem Buget von 3.000 Euro, innerhalb von drei Tagen[17] in Steinberg-Haff und Emkendorf in Schleswig-Holstein.[18] Zunächst wurde überlegt die Geschichte in die heutige Zeit zu verlegen. Die Mutter sollte alleinerziehend sein und aus prekärer Lage stammen. Das hätte aber dazu geführt, dass viele Zuschauer Gewalt als ein Problem anderer angesehen hätten. Anstatt dessen wollte das Filmteam Gewalt aus Sicht eines Kindes darstellen. Regisseur David Aufdembrinke erklärte, dass es sich um ein Kind handle, das alles tue, damit seine Mutter es lieb habe.[17] Außerdem sagte er, dass es ihm wichtig sei, darzustellen, dass Kinder, die Gewalt erleben, dieses als etwas völlig Normales wahrnehmen und dieses auch so weitergeben würden. Wenn Gewalt für sie fremd sei, könne man auf eine friedliche Zukunft hoffen. Der Film wurde anlässlich des Weltkindertages am 20. September 2009 von der DAGO Kinderlobby in Zusammenarbeit mit der Deutschen Liga für das Kind in Familie und Gesellschaft veröffentlicht.[19][20] Diese beiden Organisationen setzen sich für die Belange und Rechte junger Menschen ein.[21] Für den Hauptdarsteller Justus Herold war es die erste Filmrolle.[22] Im Jahr 2010 wurde der Film auf dem Sardinia Film Festival auf Sardinien gezeigt.[23] Den internationalen No Hitting Day nahm sich die Schweizer Stiftung Kinderschutz zum Anlass den Film am 30. April 2011 auf ihrer Homepage zu zeigen.[24]

Kritiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sandra Schäfer von der Berliner Morgenpost findet, dass die Geschichte durch die Wahl der Bilder und das ländliche Umfeld zeitlos bliebe. Außerdem würde sie stark an die Welt der Figuren von Astrid Lindgren erinnern.[17]

Franziska Falkenberg vom Hamburger Abendblatt lobt Kamerafrau Lilli Thalgot die „in dem Film auf beeindruckende Weise den Blickwinkel des Kindes“ einfange. Ihre Bilder sprächen für sich und berührten „den Zuschauer im Zusammenklang mit Oliver Heuss' Musik trotz der kurzen Spiellänge zutiefst.“[19]

Sophie Lüttich von Berlinfreckles.de erklärte, der Film ginge ihr „wirklich unter die Haut“. Regisseur David Aufdembrinke habe „mit diesem Kurzfilm ein wunderbares Stück zum Nachdenken geschaffen.“[25]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Karin Gümmer: Lasst uns alle einen kleinen Stein auf unser Küchenbord legen.
  2. Friedenspreis für "Pippis" Schöpferin.
  3. Elke Scheiner: Der Konflikt um die Rede „Niemals Gewalt!“.
  4. Never violence!.
  5. a b c Christian Pfeiffer: Außenansicht: Gewaltlosigkeit fängt bei den Kindern an.
  6. Astrid Lindgrens Vision: Niemals Gewalt!.
  7. Erziehung ohne Gewalt: Wie Astrid Lindgren mit einer Rede einen Kulturwandel einleitete, der Deutschland verändern sollte.
  8. Astrid Lindgrens Plädoyer "Niemals Gewalt!".
  9. Mary Graupner: Niemals Gewalt – Astrid Lindgren.
  10. Aldrig våld!.
  11. Aldrig våld!.
  12. Never Violence in English.
  13. Esma: Niemals Gewalt!.
  14. Stephanie Müller: Astrid Lindgren – Niemals Gewalt.
  15. Stephanie Streif: Astrid Lindgren: Niemals Gewalt!.
  16. Luette Lotte: Niemals Gewalt! Astrid Lindgrens flammende Rede für Kinderrechte.
  17. a b c Sandra Schäfer: BEEINDRUCKEND! Kurzfilm gegen Prügel-Eltern.. Archiviert vom Original am 9. Oktober 2009.
  18. Niemals Gewalt (Never Violence).
  19. a b Franziska Falkenberg: Appell gegen Gewalt aus Kinderperspektive.
  20. Niemals Gewalt.
  21. Weltkindertag. Ein Plädoyer für gewaltfreie Erziehung..
  22. NIEMALS GEWALT – „Astrid Lindgren“.
  23. Sardinia Film Festival 2010.
  24. Angela Zimmerling: Stiftung Kinderschutz zeigt Film zu gewaltfreier Erziehung.
  25. Sophie Lüttich: Niemals Gewalt! (Warum wir alle einen Stein auf dem Fensterbrett haben sollten.).