Umvolkung

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Umvolkung (oder auch „Ethnomorphose“) ist ein Begriff aus der nationalsozialistischen Volkstumspolitik, der in den eroberten Ostgebieten beim Gewinn von Lebensraum im Osten zum Tragen kam und in engstem Zusammenhang mit dem Generalplan Ost steht. Er meinte einerseits die Re-Germanisierung von Volksdeutschen, die sich in der slawischen Umgebung dem „Deutschtum“ noch nicht ganz entfremdet hatten, und andererseits die Umsiedlung bestimmter Volksgruppen in ihnen neu zuzuweisende Gebiete, um in voneinander klar abgegrenzten Räumen ethnische Einheitlichkeit anzustreben und das „staatskolonialistische Siedlungsprojekt“ (Jürgen Osterhammel, 2009[1]) des „Großgermanischen Reichs Deutscher Nation“ mit Grenzen am Ural zu verwirklichen.

Der Begriff wird heute von rechtsextremen und rechtspopulistischen Gruppierungen in Kontinuität völkischer Denkmuster zur Kritik am Multikulturalismus und dem steigenden Anteil von Nicht-Deutschstämmigen (Ausländern und so genannten „Passdeutschen“) in der Bevölkerung verwendet.

Entstehung und Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geprägt wurde der Begriff 1925 von Karl Christian von Loesch in seinem Beitrag: Eingedeutschte, Entdeutschte und Renegaten. In: Volk unter Völkern. Breslau: Ferdinand Hirt, S. 213-243. Der Begriff steht im Zusammenhang mit der nationalstaatlichen Beunruhigung, dass seit der Reichsgründung 1871, vor allem aber durch die Verkleinerung Deutschlands durch die territorialen Bestimmungen des Friedensvertrages von Versailles die Zahl der außerhalb der Reichsgrenzen lebenden Deutschen, die im Unterschied zu den Reichsdeutschen Volksdeutsche genannt wurden, erheblich angewachsen war. Diese Beunruhigung fand ihren deutlichsten Ausdruck nach den Staatsgründungen Polens und der Tschechoslowakei, auf deren Gebieten erhebliche deutsche Minderheiten lebten, die aufgrund geografischer Gegebenheiten oder machtpolitischer Interessen und der damit verbundenen Trennung vom Reichsgebiet vom Selbstbestimmungsrecht der Völker ausgeschlossen blieben. Gleichzeitig stellten sie durch ihre Anwesenheit und das Bestehen auf Eigenständigkeit das Prinzip der ethnischen Homogenität in den neuen Staaten in Frage. Die Ostforschung sah in der Weimarer Republik in dieser Eigenständigkeit ein wichtiges Element der Voraussetzungen für die „Germanisierung des Ostraumes“, um durch wissenschaftliche Sondierung in der Volks- und Kulturbodenforschung die „Umvolkung“ vorzubereiten. Albert Brackmann sah die „Umvolkung“ im Sinne einer Germanisierung bzw. „Eindeutschung“ deutschfreundlicher Bevölkerungsgruppen in den eroberten Ostgebieten und die Zuweisung von bestimmten Völkern in ihnen angemessene Siedlungsräume als Ziel der von ihm geleiteten NOFG.[2]

Die Vorarbeiten der Ostforschung konkretisierten sich seit der Niederlage Polens im Polenfeldzug im 1940 in Angriff genommenen „Generalplan Ost“ und der in ihm vorgesehenen Umvolkung in den eroberten Gebieten. Sie erstreckte sich im Planungsentwurf vom 23. Dezember 1942 auf Wunsch Himmlers auch auf das Protektorat Böhmen und Mähren, das CdZ-Gebiet Elsass, das CdZ-Gebiet Untersteiermark und das CdZ-Gebiet Kärnten und Krain.

Erste „Umvolkungsaktionen“ betrafen die „eingegliederten Ostgebiete“ (vgl. Reichsgaue Wartheland und Danzig-Westpreußen) mit der Ansiedlung von „Volksdeutschen“ anstelle der ins „Generalgouvernement“ vertriebenen und als rechtlos oder „sonderrechtlich“ behandelten polnischen Bevölkerung, für die eine Kolonialverwaltung etabliert wurde. Der sonderrechtliche Umgang mit den „Fremdvölkischen“ umfasste neben Versklavung auch die Möglichkeit der Eintragung in die „Deutsche Volksliste“.[3]
Spätere Aktionen mit umfangreichen Umvolkungen waren die Aktion Zamość und der zwischen Herbst 1942 und Ende 1943 in Hegewald bei Schytomyr um Heinrich Himmlers Hauptquartier herum unternommene „germanisierende“ Ansiedlungsversuch: Nach der Vertreibung von 15.000 Ukrainern wurden 10.000 Volksdeutsche an ihrer Statt angesiedelt.[4]

Heutige Verwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rechtsextreme und rechtspopulistische Gruppen und Personen benutzen den Begriff als Schlagwort, um ihren Überfremdungsängsten gegenüber Einwanderern etwa wegen deren höherer Geburtenrate oder zu vieler Einbürgerungen zum Ausdruck zu bringen. Aufgrund des als zu hoch angesehenen Einwandereranteils in ihrer Heimat sei Europa von Umvolkung bedroht.[5] Der rechtspopulistische Autor Akif Pirinçci veröffentlichte 2016 das Buch Umvolkung. Wie die Deutschen still und leise ausgetauscht werden.

In Österreich wurde „Umvolkung“ wiederholt seit den 1990ern von damaligen FPÖ-Funktionären wie Andreas Mölzer, John Gudenus oder dem ehemaligen Nationalratsabgeordneten Franz Lafer[6] verwendet. Lafers Äußerung zu dem damals neu verfassten Einbürgerungsrecht und der hohen Ausländergeburtenrate: „Ich möchte fast behaupten, das gleicht schon einer Umvolkung“.[7] 2013 bemühte der FPÖ-Politiker Karl Schnell im Wahlkampf zur Landtagswahl in Salzburg 2013 die Behauptung der Umvolkung.[8]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Detlef Brandes: „Umvolkung, Umsiedlung, rassische Bestandsaufnahme“. NS-„Volkstumspolitik“ in den böhmischen Ländern (= Veröffentlichungen des Collegium Carolinum. Bd. 125). Oldenbourg, München 2012 ISBN 978-3-486-71242-1.
  • Helmut Kellershohn: Umvolkung. In: Bente Gießelmann, Robin Heun, Benjamin Kerst, Lenard Suermann, Fabian Virchow (Hrsg.): Handwörterbuch rechtsextremer Kampfbegriffe. Wochenschau Verlag, Schwalbach 2015, ISBN 978-3-7344-0155-8, S. 282–297.
  • Isabel Heinemann: „Rasse, Siedlung, deutsches Blut“. Das Rasse- und Siedlungshauptamt der SS und die rassenpolitische Neuordnung Europas (= Moderne Zeit. Bd. 2). Wallstein-Verlag, Göttingen 2003, ISBN 3-89244-623-7.
  • Bruno Wasser: Himmlers Raumplanung im Osten. Der Generalplan Ost in Polen 1940–1944 (= Stadt, Planung, Geschichte. Bd. 15). Mit einem Vorwort von Czeslaw Madajczyk. Birkhäuser, Basel u. a. 1993, ISBN 3-7643-2852-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts, 4., aktualisierte Aufl., C. H. Beck, München 2009, S. 531 f.
  2. Für Volk, Führer und Reich! Volkstumsforschung und Volkstumspolitik 1931-1945 Michael Fahlbusch
  3. H. H. Schubert: Volkspolitische Voraussetzungen der Deutschen Volksliste
  4. Peter Longerich: Heinrich Himmler. Biographie, Siedler: München 2008, S. 605 f.
  5. Artikel (Memento vom 27. September 2007 im Internet Archive) von Andreas Mölzer auf der Website der FPÖ
  6. Und wieder ein FP-Umvolker Bericht des DÖW aus dem Jahre 1998
  7. Stenographisches Protokoll der 134. Sitzung des Nationalrats, XX.GP, Seite 108.
  8. FPÖ-Schnell und die "Umvolkung": Scharfe Kritik, Der Standard, 15. April 2013