Der Stand der Dinge

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Dieser Artikel beschreibt den Wim-Wenders-Film von 1982; für den neueren Film mit Russell Crowe, siehe State of Play – Stand der Dinge.
Filmdaten
Deutscher Titel Der Stand der Dinge
Originaltitel The State of Things
Produktionsland Portugal
Deutschland
USA
Originalsprache Englisch
Französisch
Erscheinungsjahr 1982
Länge 124 Minuten
Altersfreigabe FSK 12
Stab
Regie Wim Wenders
Drehbuch Robert Kramer
Wim Wenders
Produktion Chris Sievernich
Musik Jürgen Knieper
Kamera Henri Alekan
Fred Murphy
Martin Schäfer (ohne Nennung)
Schnitt Barbara Von Weitershausen
Besetzung

Der Stand der Dinge ist ein in Schwarzweiß gedrehter Film von Wim Wenders aus dem Jahr 1982.

Der Film erzählt von einem Filmteam, das wegen ausbleibender Zahlungen und Mangel an Filmmaterial seine Dreharbeiten in Portugal unterbrechen muss. Der Regisseur beschließt, den Produzenten in Los Angeles ausfindig zu machen.

Handlung[Bearbeiten]

Ein Filmteam um den Regisseur Friedrich Munro dreht in Portugal den Science-Fiction-Film The Survivors. Als die Zahlungen ausbleiben und kein Filmmaterial zur Fortsetzung der Dreharbeiten vorhanden ist, beginnt die Gruppe auseinanderzufallen. Kameramann Corby fliegt zurück nach Los Angeles, der Drehbuchautor verkriecht sich in der gemieteten Villa des verschwundenen Produzenten Gordon. Munro beschließt, Gordon in Los Angeles zu suchen. Dort erfährt er von Gordons Agent, dass dieser in Schwierigkeiten steckt und untertauchen musste. Schließlich kann Munro Gordon ausfindig machen, der pausenlos im Wohnmobil eines Freundes unterwegs ist, weil er zur Finanzierung des Films Geld von Kredithaien geliehen hat, die nun ihr Geld zurückverlangen. Als sich beide auf einem Parkplatz voneinander verabschieden, werden sie aus dem Hinterhalt erschossen.

Hintergrund[Bearbeiten]

Produktion und Filmstart[Bearbeiten]

Der Stand der Dinge entstand im Frühjahr 1981, als der Produzent Francis Ford Coppola die Arbeit an seinem und Wenders’ gemeinsamen Filmprojekt Hammett unterbrochen hatte, um das Drehbuch durch Ross Thomas ein drittes Mal umschreiben zu lassen. Wenders: „Meine Erfahrung mit der Studioproduktion Hammett war noch nicht vorbei, sondern nur für einige Monate unterbrochen. Im Grunde war ich tief deprimiert, und das ganze Filmemachen schien mir in Frage gestellt. […] Und daraus wurde ein Film, der mit einem großen Pessimismus von der Situation des Kinos zu Beginn der 80er Jahre handelte.“[1]

Während dieser Unterbrechung hielt Wenders sich in Europa auf, wo er zunächst für eine Verfilmung von Max Frischs Roman Stiller recherchierte, die nicht zustande kam. Die Idee zu Der Stand der Dinge kam ihm, als er auf dem Rückweg in die USA den Regisseur Raúl Ruiz in Portugal besuchte, um ihm bei dessen Film O Território mit schwarzweißem 35-mm-Filmmaterial auszuhelfen. Wenders engagierte Robert Kramer als Drehbuchautor und übernahm einen großen Teil von Ruiz’ Team.[1]

Der Film weist Parallelen sowohl zu den Arbeiten an Hammett als auch zu denen an O Território auf. So war Wenders zunächst davon ausgegangen, Hammett in Schwarzweiß und mit europäischen Schauspielern drehen zu können, konnte sich jedoch nicht durchsetzen. Mit demselben Problem sind die Filmemacher in Der Stand der Dinge konfrontiert. Wenders betonte jedoch, dass sein Film keine Rache an Coppola sein sollte, sondern eine Kritik an Hollywood im Allgemeinen.[1]

Neben der Originalmusik von Jürgen Knieper verwendete Wenders Lieder von verschiedenen Punk- und No Wave-Bands, darunter „X“ und „The Del-Byzanteens“. In letzterer war Regisseur Jim Jarmusch Mitglied, was in späteren Jahren wiederholt dazu führte, dass Jarmusch neben Knieper als Komponist der Filmmusik genannt wurde. Nach Abschluss der Dreharbeiten überließ Wenders Jarmusch unbelichtetes Filmmaterial für dessen Film Stranger than Paradise – dieses musste Jarmusch jedoch, nach dem sich abzeichnenden Erfolg seines Films, Chris Sievernich, Wenders’ Teilhaber in der Produktionsfirma „Road Movies“, bezahlen.[2]

In den deutschen Kinos, in denen Der Stand der Dinge am 29. Oktober 1982 startete,[3] war der Film trotz positiver Kritiken und bedeutender Auszeichnungen wenig erfolgreich. Wenders machte später den deutschen Verleih, den Filmverlag der Autoren, den er 1971 selbst mit begründet hatte, dafür verantwortlich. Die Differenzen zwischen Wenders und dem Verleih steigerten sich in einen Rechtsstreit um die Kinoauswertung von Wenders’ nächstem Film Paris, Texas, der den Kinostart um mehrere Monate verzögerte.[4]

Analyse[Bearbeiten]

Der Stand der Dinge enthält, wie häufig bei Wenders, zahlreiche Anspielungen auf andere Filme und Filmschaffende. Das Nummernschild von Munros Wagen lautet „Sam Sp8“ – Sam Spade ist eine Romanfigur von Dashiell Hammett, selbst wiederum Titelfigur von Wenders’ zu diesem Zeitpunkt unvollendeten Film Hammett. Der Name der Hauptperson Friedrich Munro verweist auf den Stummfilmregisseur Friedrich Murnau, und der Name des Kameramanns Joe Corby ist ein Anagramm von Joe Biroc. Munro leiht einer seiner Darstellerinnen Alan Le Mays Roman The Searchers, der die Vorlage zu John Fords Film Der schwarze Falke bildete. Später ist in einer Aufnahme ein Kino zu sehen, das Fords Film im Programm hat. Auf dem Hollywood Walk of Fame passiert Munro den Stern von Fritz Lang, und neben Regisseur Sam Fuller, der in einer größeren Nebenrolle als Kameramann Corby zu sehen ist, hat Roger Corman einen kurzen Auftritt als Anwalt. Darüber hinaus gibt es unter anderem Anspielungen auf die Filme Nachts unterwegs, Steckbrief 7-73 (Original: He Ran All the Way) und Gefahr in Frisco (Original: Thieves’ Highway).

Mit wenigen Ausnahmen wie Der schwarze Falke handelt es sich bei den zitierten Filmen um Schwarzweißfilme, und in vielen spielen eine Reise, eine Jagd oder eine Flucht eine zentrale Rolle. Hans-Christoph Blumenberg zum Motiv der Bewegung in Der Stand der Dinge: „Friedrich [Munro] verabschiedet sich von seinem amerikanischen Freund mit einem Zitat: ‚Ich bin nirgends zu Hause, in keinem Haus, in keinem Land.‘ Worte eines modernen Odysseus. Sie könnten auch formuliert sein von den melancholischen Reisenden früherer Wenders-Filme, die, auf der Suche nach einer Vorstellung von sich selber, lange Wege zurücklegten […] Allein in der Bewegung fanden sie sich, in einer unbestimmten Suche.“[5]

Obwohl der zu Beginn von Der Stand der Dinge gedrehte, postapokalyptische Science-Fiction-Film The Survivors inhaltlich keinen Bezug auf ein bestimmtes filmisches Vorbild nimmt, wurde dieser in Rezensionen und Enzyklopädien wiederholt als Remake von Die letzten Sieben[6] oder Most Dangerous Man Alive[7] bezeichnet. Eine Szene in The Survivors, in dem ein Mädchen, das sich in einen „Übermenschen“ verwandelt hat, offen in die grelle Sonne blickt, gemahnt an eine Szene in Gefahr aus dem Weltall, in der ein Mann ohne zu blinzeln zur Wüstensonne hinaufsieht und einen ersten Hinweis darauf gibt, dass er in Wahrheit ein Außerirdischer ist, der menschliche Gestalt angenommen hat.

Nachwirkung[Bearbeiten]

Wenders’ 1994 erschienener Film Lisbon Story ist eine lose Fortsetzung von Der Stand der Dinge. Die Hauptrolle spielte erneut Patrick Bauchau.

Kritiken[Bearbeiten]

„Je weniger die äußere Spannung behauptet werden muss, desto intensiver wird die innere Dramatik der Figuren. Der Stand der Dinge lebt nicht von einer Handlung, sondern von deren Überschüssen: von den mit extremer Empfindsamkeit registrierten Momenten der Leere. Nach den Maßstäben Hollywoods muss dies ein langweiliger Film sein: weil – fast – nichts passiert. Aber aus einem kleinen Blick von Isabelle Weingarten erfährt man mehr über das Sterben einer Beziehung als aus den trickreichen Händeln von Kramer gegen Kramer.“

Hans-Christoph Blumenberg, Die Zeit[5]

„Ein vielschichtiger Film über die Bedeutung von Kinogeschichten als Realitätserfahrung – von Wim Wenders zu einer überzeugenden filmischen Darstellung menschlicher Verhaltensweisen geformt.“

Lexikon des Internationalen Films[3]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Der Stand der Dinge wurde 1982 in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Im folgenden Jahr gewann er den Deutschen Filmpreis in Gold für die Kameraarbeit und in Silber in der Kategorie Bester programmfüllender Spielfilm.

Literatur[Bearbeiten]

  • Reinhold Rauh: Wim Wenders und seine Filme. Wilhelm Heyne Verlag, München 1990, ISBN 3-453-04125-9.
  • Veronika Vieler: Filmregie als Verstehensprozess dargestellt an Wim Wenders' Der Stand der Dinge. Königshausen & Neumann, Würzburg 2009, ISBN 978-3-826-04025-2.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Wim Wenders auf der 2005 bei Arthaus erschienenen DVD von Der Stand der Dinge.
  2. Rolf Aurich: Zwischen zwei Kontinenten – Der frühe Jim Jarmusch in New York und Europa. in Rolf Aurich, Stefan Reinecke: Jim Jarmusch. Bertz und Fischer Verlag, Berlin 2001, ISBN 978-3-929-47080-2.
  3. a b Der Stand der Dinge im Lexikon des Internationalen Films
  4. Im Palmenrausch, Artikel in Der Spiegel Nr. 33/1984.
  5. a b Odysseus auf Umwegen, Rezension in Die Zeit Nr. 44 vom 29. Oktober 1982, abgerufen am 18. Mai 2012.
  6. Leonard Maltin's 2008 Movie Guide, Signet/New American Library, New York 2007.
  7. Der Stand der Dinge in der Internet Movie Database.