Jim Jarmusch

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Jim Jarmusch (2013)

Jim Jarmusch [ˌdʒɪm ˈdʒɑːɹməʃ], gebürtig: James R. Jarmusch, (* 22. Januar 1953 in Cuyahoga Falls, Ohio) ist ein US-amerikanischer Autorenfilmer, Schauspieler und Filmproduzent. Jarmusch zählt zu den bekanntesten Persönlichkeiten des amerikanischen Independentfilms.

Leben[Bearbeiten]

Jim Jarmusch wuchs als zweites Kind mit seinen beiden Geschwistern Ann und Tom in einer wenig abwechslungsreichen Mittelschicht-Vorstadt in Akron, Ohio auf.[1] Sein Vater war ein leitender Angestellter bei der Reifenfirma B. F. Goodrich Company, Jarmusch beschreibt ihn als einen hart arbeitenden Geschäftsmann. Seine Familie hat europäische Vorfahren, der Vater entstammte einer Familie von böhmisch-deutschen Einwanderern und seine Mutter hatte irisch-deutsche Eltern.[2] Seine Mutter schrieb vor ihrer Heirat Filmkritiken und war Reporterin von Unterhaltungsveranstaltungen und anderem mehr bei der heimischen Tageszeitung Akron Beacon Journal.[2] Um ihre Ruhe zu haben, schickte sie Jim als Kind häufig ins Kino, wo er sich mit anhaltender Begeisterung B-Movies ansah.[3]

Mit 14 Jahren interessierte er sich für die Gegenkultur, dies waren etwa Bücher der Beatniks Burroughs und Jack Kerouac oder Schallplatten der Mothers of Invention, die er zusammen mit Freunden von deren älteren Geschwistern entwendete.[4] Mit gefälschten Ausweisen besuchte er mit seinen Freunden am Wochenende ein Kino, das Untergrundfilme wie etwa Andy Warhols The Chelsea Girls und Robert Downeys Putney Swope zeigte.[4] Eine seiner Großmütter ermunterte ihn zur Lektüre von anspruchsvoller Literatur.[2] An seinem 16. Geburtstag schenkte sie ihm Prousts Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit.[1] Jarmusch veröffentlichte in späteren Jahren auch selbst Lyrik.[5]

Nach dem Abschluss der High School 1972 ging er mit 19 Jahren nach Chicago und schrieb sich an der School of Journalism der Northwestern University ein. Im nächsten Jahr wechselte er zur Columbia University in New York, wo er Englische und Amerikanische Literatur studierte. Dort besuchte er vor allem Vorlesungen zur modernen amerikanischen Dichtkunst wie etwa den Beatniks und den Dichtern der subversiven New York School.[6] Daneben schrieb er für das universitäre Literaturmagazin The Columbia Review. 1975, in seinem Abschlusssemester, ging er zunächst für zehn Monate nach Paris. Er jobbte als Auslieferungsfahrer für eine Kunstgalerie und verbrachte viel Zeit im Kino und in den Archiven der Cinémathèque Française. Dort entdeckte er unter anderem das europäische und japanische Kino. Nach seiner Rückkehr nach New York 1976 machte er seinen Abschluss als Bachelor of Arts. Seine Literatur wurde zu dieser Zeit cineastischer, das heißt bildhaft beschreibend (“my writing was becoming more cinematic in certain ways, more visually descriptive”).[2]

Anschließend studierte er Filmwissenschaften an der angesehenen Tisch School of the Arts in der New York University. Er lernte dort unter anderem bei Nicholas Ray Regie. Ende der 1970er-Jahre schloss er sich der Post-Punk-Szene im East Village an und versuchte sich als Keyboarder, Sänger und Lyriker der No-Wave-Gruppe The Del-Byzanteens. 1980 drehte er seinen Abschluss- und gleichzeitig ersten Film Permanent Vacation, der auf der Mannheimer Filmwoche (heute Internationales Filmfestival Mannheim-Heidelberg) seine Uraufführung hatte und prämiert wurde. Dann begann er als Produktionsassistent von Wim Wenders zu arbeiten, der ihm übriggebliebene Filmrollen schenkte. Mit diesen und 7000 Dollar drehte er 1982 den 30-minütigen Kurzfilm The New World, den Vorläufer von Stranger than Paradise. Der deutsche Produzent Otto Grokenberger sah den Film auf dem Filmfestival von Salsomaggiore in Italien und stellte daraufhin Jarmusch 110.000 $ zur Verfügung, damit dieser eine Langfassung erstellen konnte.[7]

Da er von den Regisseuren Sam Fuller und John Boorman auf seine Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Lee Marvin hingewiesen wurde, gründete er den exklusiven und selbstironischen Zirkel „Sons of Lee Marvin“, dessen Aufnahmekriterium eine gewisse Ähnlichkeit zu Marvin ist.[8] Mitglieder sind unter anderem seine Freunde Nick Cave, Tom Waits und John Lurie.

Jarmusch ist seit Anfang der 1980er-Jahre mit der Filmemacherin und Schauspielerin Sara Driver liiert.[9]

Werk[Bearbeiten]

Jim Jarmusch im CBGB, 2003

Jarmuschs Werk dreht sich immer wieder um das Fremdsein, das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und die Bindungskraft familiärer Beziehungen. Während man hinter diesen konfliktreichen Konstellationen oft einen pessimistischen, zuweilen antiamerikanischen Unterton vermuten könnte, verwehren sich seine Filme einer solchen Wertung konsequent.

Jarmusch zählt zu den wenigen wirklichen Independent-Regisseuren oder Autorenfilmern, das heißt, er behält die Kontrolle über die gesamte Filmproduktion und die Rechte an den Negativen seiner Filme. Eine weitere Besonderheit liegt in seinen unorthodoxen Arbeitsgewohnheiten. Nach seinen eigenen Angaben schreibt er seine Plots für ganz bestimmte Schauspieler und baut dann um diese Figur(en) herum eine Geschichte auf. Er verzichtet damit ganz bewusst auf die üblichen Mittel von Drehplan oder Storyboards.

Wie einige seiner Zeitgenossen (Paul Thomas Anderson, Quentin Tarantino, John Cassavetes) verteilt Jarmusch einen Teil der Rollen auf die Mitglieder eines Stammensembles, mit denen er auch befreundet ist, wie etwa Iggy Pop, Tom Waits, John Lurie, Roberto Benigni, Isaach de Bankolé, Bill Murray oder Tilda Swinton. Er arbeitet gern und oft mit Musikern zusammen - so z.B. Waits, Lurie, Iggy Pop, RZA von Wu-Tang Clan, Neil Young (über dessen Europatournee er den Film Year of the Horse drehte) oder Mulatu Astatke.

Jarmuschs Filme sind getragen von Langsamkeit und humorvoller Lakonik. Beliebte Stilmittel sind darüber hinaus die Verwendung von Schwarzweißfilm, schwarzen Momenten, gezieltem und gewollt grotesk anmutendem Einsatz von Musikelementen und die szenische Auflösung in Plansequenzen, zumeist Mastershots.

Musik in Jarmuschs Werk[Bearbeiten]

Neben seinen Kinofilmen drehte er Musikvideos, unter anderen für Talking Heads, Tom Waits, Neil Young und Jack White. Musik ist für Jarmusch „die höchste und schönste Form des Ausdrucks. Ohne Musik hätte das Leben keinen Sinn.“ Die Soundtracks sind ein wichtiger Bestandteil aller seiner Filme, er arbeitete für diese mit Waits (Night on Earth), John Lurie (Stranger than Paradise und Down by Law) und Young (Dead Man), nutzte aber auch die Musik von u.a. Sunn O))), Boris, RZA, Mulatu Astatke, Jozef Van Wissem.

Bereits in seiner Studienzeit in New York City war Jarmusch Mitglied der No Wave-Band The Del-Byzanteenes, mit der er das Album Lies to Live By aufnahm. Für The Limits of Control nahm er einige Lieder mit seiner Band Bad Rabbit auf. 2011 und 2012 veröffentlichte er zwei Alben im Duo mit dem niederländischen Laute-Spieler Jozef Van Wissem (Concerning the Entrance into Eternity und The Mystery of Heaven). Letzterer spielte auch den Soundtrack für Only Lovers Left Alive ein.

Filmografie[Bearbeiten]

Regie[Bearbeiten]

Schauspieler u.a.m.[Bearbeiten]

  • 1980: Underground USA – Ton
  • 1980: Lightning Over Water – Produktionsassistenz
  • 1981: You Are Not I – Drehbuch, Produktion und Kamera
  • 1982: Der Stand der Dinge – Musik
  • 1983: Burroughs – Ton
  • 1984: American Autobahn – Darsteller
  • 1986: Sleepwalk – Kamera
  • 1987: Straight to Hell – Fahr zur Hölle (Straight to Hell) – Darsteller
  • 1987: Helsinki Napoli All Night Long – Darsteller
  • 1988: Candy Mountain – Darsteller
  • 1989: Leningrad Cowboys Go America – Darsteller
  • 1990: The Golden Boat – Darsteller
  • 1991: Fishing with John – Darsteller
  • 1992: In the Soup – Darsteller
  • 1993: When Pigs Fly – Produktion
  • 1994: Tigrero: A film that was never made - Darsteller
  • 1995: Iron Horsemen – Darsteller
  • 1995: Blue in the Face – Darsteller
  • 1996: Cannes Man – Darsteller
  • 1996: Sling Blade – Auf Messers Schneide (Sling Blade) – Darsteller

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Interviews

Quellen[Bearbeiten]

  1. a b Lynn Hirschberg: „The Last of the Indies“, New York Times, 31. Juli 2005
  2. a b c d Ludvig Hertzberg: Biography, jim-jarmusch.net, 2008
  3. Markus Metz & Georg Seeßlen: „The Limits of Control – Die Filme von Jim Jarmusch“, WDR 5, 26. Mai 2009, Einleitung
  4. a b Karen Schoemer: „On The Lower East Side With: Jim Jarmusch; Film as Life, and Vice Versa“, New York Times, 29. April 1992
  5. Z.B. Jim Jarmusch: Szene mit Perlen. In: Sprache im Technischen Zeitalter. Hrsg. Walter Höllerer, Norbert Miller, Nr. 105/1988
  6. Paul Auster: „Night on Earth: New York – Jim Jarmusch, Poet“, criterion.com, 4. September 2007
  7. Hannes Wesselkämper: Biographie Jim Jarmusch, film-zeit.de, November 2007
  8. Lars-Olav Beier: „Die Filmindustrie ist am Ende“, Spiegel Online, 29. Mai 2009, Interview
  9. Simon Hattenstone: „A talk on the wild side“, The Guardian, 13. November 2004, Interview