Evangelium (Buch)
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Der Begriff Evangelium kommt aus dem Altgriechischen (εὐαγγέλιον eu-angelion) und bedeutet „gute Nachricht“ oder „frohe Botschaft“. Mit den Evangelien sind meistens die vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas, und Johannes im Neuen Testament der christlichen Bibel gemeint. Darüber hinaus sind noch weitere, später entstandene Evangelien überliefert, die nicht zum biblischen Kanon gehören. Sie werden als apokryphe Evangelien bezeichnet.
Die Verfasser der vier Evangelien werden auch als Evangelisten bezeichnet.
Inhaltsverzeichnis |
Begriffsgeschichte [Bearbeiten]
In der von vorchristlichen Juden erstellten griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta, findet sich der Begriff evangelion mehrmals in Szenen, in denen einem König die Nachricht von einem militärischen Sieg überbracht wird. Im nachexilischen Judentum war mit Evangelium vor allem die vom Propheten Jesaja[1] angesagte Heilsbotschaft gemeint.
Im Imperium Romanum bezeichnete dieser Begriff solche Nachrichten aus dem Kaiserhaus, die als "gute Nachrichten" aufgefasst wurden. Falls der Evangelist Markus sein Evangelium im Jahr 69 n. Chr. schrieb, dachte er vielleicht an die Nachricht von der Inthronisation Vespasians zum Kaiser. Jedenfalls erhält der Begriff bei Markus 1,1 EU eine kontrastierende Bedeutung in der Anwendung auf Jesus von Nazareth.[2]
Im Neuen Testament bezeichnet εὐαγγέλιον die Frohbotschaft vom Heilsgeschehen in Jesus Christus. Diese Frohbotschaft ist mündliche Verkündigung, nicht etwas schriftlich Fixiertes.
Einige Kirchenväter bezeichneten das gesamte Neue Testament als Evangelium. Die Bezeichnung Evangelium im Zusammenhang mit den kanonischen Evangelienschriften findet sich bei Irenäus: Das Evangelium als die eine Botschaft von Jesus Christus in vier Formen – nach (nicht von) Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Justinus verwendet den Ausdruck in beiden Bedeutungen.
Die vier neutestamentlichen Evangelien [Bearbeiten]
Als Evangelien gelten die am Beginn des Neuen Testaments (NT) stehenden vier Bücher. Sie berichten über das Wirken Jesu und entstanden ungefähr ein halbes Jahrhundert nach dem Leben Jesu. Die Verfasserangaben (wie "Evangelium nach Matthäus" usw.) gehören nicht zum ursprünglichen Text der Evangelien, wurden aber früh hinzugefügt (sie sind in der gesamten Überlieferung einheitlich).[3]
- Evangelium nach Matthäus
- Verfasser: traditionell Matthäus, Apostel und davor Zöllner[4]
- Wirkungsbereich: wahrscheinlich Persien, Kaspisches Meer, Griechenland, eventuell Äthiopien
- Adressaten: vor allem Judenchristen mit guter Kenntnis der jüdischen Bibel
- Evangelium nach Markus
- Verfasser: traditionell Johannes Markus, kein Apostel, soll Material für seinen Bericht vom Apostel Petrus erhalten haben
- Wirkungsbereich: wahrscheinlich Kleinasien, Griechenland, Rom, Ägypten
- Adressaten: vor allem Heidenchristen
- Evangelium nach Lukas
- Evangelium nach Johannes
- Verfasser: traditionell Johannes, Apostel
- Wirkungsbereich: wahrscheinlich Jerusalem, Kleinasien
- Adressaten: allgemein Christen, deren Glaube vertieft werden soll
Die Entstehungszeit der neutestamentlichen Evangelien liegt zwischen 30 oder 33 n. Chr. (dem Jahr der Kreuzigung Jesu) und ungefähr 100 n. Chr. (denn im frühen 2. Jahrhundert gibt es Belege dafür, dass sie bereits existierten: Papyri und Kirchenväter-Zitate). Trotz des nur kurzen öffentlichen Wirkens Jesu gibt es also von ihm zeitlich nähere biographische Darstellungen als von den meisten antiken Persönlichkeiten;[5] z. B. wurde die früheste noch erhaltene Biographie über Augustus ein Jahrhundert nach dessen Tod von Sueton geschrieben, über Mohammed zwei Jahrhunderte nach dessen Tod von Ibn Hischām.
Um die Entstehungszeit der Evangelien zu bestimmen, werden folgende Kriterien zugrundegelegt: Stilistische Eigenheiten, wechselseitige Bezüge der Texte, theologische Unterschiede und Bezugnahmen auf historische Fakten. In der folgenden Tabelle finden sich einige Datierungsversuche (alle Jahresangaben "nach Christus"):
| Evangelium | Adolf von Harnack (1851–1930) | John A. T. Robinson (1919–1983) | Werner G. Kümmel (1905–1995) | Klaus Berger (* 1940) | Heutige Mehrheitsmeinung |
|---|---|---|---|---|---|
| Matthäus | 70–75 n. Chr. | 40–60+ | 80–100 | 71 | 80–90 |
| Markus | 65–70 n. Chr. | 45–60 | ca. 70 | vor 70 | um 70 |
| Lukas | 79–93 n. Chr. | 57–60+ | 70–90 | 65–71 | 80–90 |
| Johannes | 80–110 n. Chr. | 40–65+ | 90–100 | 68/69 | um 100 |
Obwohl die ersten drei Evangelien viele Begebenheiten ähnlich berichten, und der Inhalt des Markus-Evangeliums größtenteils bei Matthäus und Lukas enthalten ist, wurden dennoch alle vier Evangelien für den kirchlichen Gebrauch beibehalten. Es wurde weder z. B. das Markus-Evangelium weggelassen noch trat eine Evangelienharmonie (d. h. eine aus den vier Evangelien zusammengestellte durchgehende Erzählung) an die Stelle der Evangelien (die von Tatian erstellte Evangelienharmonie war zwar in der syrischen Kirche beliebt, aber verdrängte die Evangelien nicht). Die entstehende Großkirche entschied sich dafür, diese vier in den christlichen Gemeinden gebrauchten Evangelien gesondert in den neutestamentlichen Kanon aufzunehmen. (Siehe dazu auch neutestamentliche Apokryphen.)
Neben den vier genannten Evangelien kursierten in manchen christlichen Gemeinden ab dem 2. Jahrhundert auch Evangelien, die nicht in den Kanon aufgenommen und als "apokryphe" Evangelien bezeichnet wurden. Von ihnen sind u. a. überliefert das Thomasevangelium, das Petrusevangelium, das Judasevangelium, das Evangelium der Wahrheit und das Philippusevangelium. Von solchen Evangelien sind z. T. nur Fragmente oder Zitate bei Kirchenvätern erhalten.
Siehe auch [Bearbeiten]
- Evangelium (Glaube)
- Neues Testament
- Kanon des Neuen Testaments
- Biblische Einleitungswissenschaft
- Biblische Exegese
- Liste biblischer Bücher
- Synoptische Evangelien
- Synoptisches Problem
- Indschil
Literatur [Bearbeiten]
→ für einführende bibelwissenschaftliche Grundinformationen siehe die unter Bibel notierten bibelkundlichen Handbücher
- Johannes Joachim Degenhardt, Hans Thimme, Reinhard Wegner (Hrsg.): Die Datierung der Evangelien. Symposion des Instituts für Wissenschaftstheoretische Grundlagenforschung vom 20.–23. Mai 1982 in Paderborn. Deutsches Institut für Bildung und Wissen, Paderborn 3. A. 1986.
- Detlev Dormeyer: Evangelium als literarische und theologische Gattung. (Erträge der Forschung; 263). WBG, Darmstadt 1989.
- Dirk Frickenschmidt: Evangelium als Biographie. Die vier Evangelien im Rahmen antiker Erzählkunst. (Texte und Arbeiten zum neutestamentlichen Zeitalter; 22). Francke, Tübingen 1997. ISBN 3-7720-1873-4
- Martin Hengel: Die vier Evangelien und das eine Evangelium von Jesus Christus. Studien zu ihrer Sammlung und Entstehung. (Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament; 224). Mohr Siebeck, Tübingen 2008. ISBN 3-16-149663-9
- Kilian Ruckstuhl, Hans Weder: Neue Zürcher Evangeliensynopse. Zürich 1996.
- Dirk Wördemann: Das Charakterbild im bíos nach Plutarch und das Christusbild im Evangelium nach Markus. (Studien zur Geschichte und Kultur des Altertums; NF 1/19). Schöningh, Paderborn 2002. ISBN 3-506-79069-2
Weblinks [Bearbeiten]
- Detlev Dormeyer: Evangelium. In: Michaela Bauks, Klaus Koenen, Stefan Alkier (Hrsg.): Das wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (WiBiLex), Stuttgart 2006 ff., Zugriffsdatum: 2. August 2012.
- Evangelientexte nach der Einheitsübersetzung, beginnend mit dem Evangelium nach Matthäus
- Evangelientexte nach der Lutherübersetzung
- Alan Bill: Gospel Origins. A bibliography of the critical study of the process by which the traditions of Jesus became the canonical gospels. 9. April 2009, S. 752, abgerufen am 2. August 2012 (PDF; 3,1 MB, englisch, Auswahlbibliographie, geführt bis Ende 2000).
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ siehe Online-Ausgabe IBS Europe, Deutsche Bibelgesellschaft usw.,40,9–12 EU
- ↑ Martin Ebner: Das Markusevangelium und der Aufstieg der Flavier. Eine politische Lektüre des ältesten "Evangeliums", in: Bibel und Kirche, 2. Quartal 2011, S. 64 ff.
- ↑ Hengel: Die vier Evangelien, 2008, S. 170, 99, 72.
- ↑ Encyclopedia Britannica (Ausgabe 1913): „Tatsächlich steht bei keinem der Bücher dessen Schreiber deutlicher fest als beim Buch Matthäus. Angefangen von Papias, Justin dem Märtyrer, Irenäus, Tatian, Theophilus, Clemens, Tertullian und Origenes, wird dies einstimmig anerkannt.“
- ↑ Martin Hengel, Anna Maria Schwemer: Jesus und das Judentum (= Geschichte des frühen Christentums; 1). Tübingen 2007, S. 197. Vergleiche mit anderen Persönlichkeiten wie Augustus oder Mohammed: S. 193–198.