Henri de La Tour d’Auvergne, vicomte de Turenne

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Turenne, Porträt von Charles Le Brun, 1665

Henri de La Tour d’Auvergne, vicomte de Turenne (* 11. September 1611 in Sedan; † 27. Juli 1675 bei Sasbach, Baden, gefallen) war ein französischer Heerführer und Marschall von Frankreich. Er war einer von nur sieben Generalmarschällen von Frankreich.

Henri de Turenne gilt neben Condé als der bedeutendste französische Feldherr seiner Zeit und in Frankreich als der bedeutendste Feldherr zeitlich vor und in der Hierarchie nach Napoleon. Er war ein methodisch gebildeter und vorsichtiger General, ein ausgezeichneter Taktiker, der sich auch sorgfältig um die Verpflegung und Verwendung seiner Truppen kümmerte.

Herkunft[Bearbeiten]

(→ Hauptartikel: La Tour d’Auvergne (Adelsgeschlecht))

Vater Henri de La Tour d’Auvergne; Portrait von Merry-Joseph Blondel (1835)

Der spätere Marschall von Frankreich entstammte dem hugenottischen Haus der La Tour d’Auvergne. Der politische Aufstieg der Familie vollzog sich im späten 16. Jahrhundert unter dem Vater Turennes Henri de La Tour d’Auvergne (1555–1623). Im Jahre 1591 kamen durch die Heirat des Prinzen mit Charlotte de la Marck (1574–1594) und deren frühen Tod das Herzogtum Bouillon und das Fürstentum Sedan in den Besitz des Hauses. Dieser Schritt war von großer Tragweite, denn die beiden Territorien waren souveräne Staaten, so genannte terres souveraines. Ihr Besitz machte Henri de La Tour d’Auvergne zum Duc de Bouillon und somit zu einem der Princes étrangers. Als unabhängige Herren waren diese Adligen dem französischen Königshaus direkt nachgeordnet und spielten im politischen Verkehr jener Zeit eine bedeutende Rolle.[1]

Nach dem Tod seiner ersten Ehefrau ehelichte der Herzog im Jahre 1595 Prinzessin Elisabeth von Oranien-Nassau (1577–1642), eine Tochter des niederländischen Wilhelms I. von Oranien (1533–1584). Aus dieser zweiten Ehe resultierten zwei Söhne und sechs Töchter, sowie enge familiäre Bindungen zu den als Statthalter der Republik der Sieben Vereinigten Niederlande regierenden Vertretern des Hauses Oranien.[2]

Zunächst diente Henri de La Tour d’Auvergne als Maréchal de France der französischen Krone, doch schon bald wurde der Herzog zu einem der führenden Akteure der hugenottischen Opposition gegen die Politik des Königs von Frankreich Henri IV. (1553–1610). Da Henri in die „Biron-Verschwörung“ des Jahres 1602, einer Intrige gegen den König, verwickelt war, floh er im folgenden Jahr nach Genua. Er söhnte sich zwar 1606 mit dem König aus und kehrte in seine Besitzungen zurück, doch als Mitglied des Regentschaftsrates Maria de’ Medicis (1575–1642) schloss er sich wiederum der Opposition an und wurde kurzzeitig zum „Rebellen“ erklärt. Noch 1621 bot ihm die hugenottische Versammlung von La Rochelle den Oberbefehl über ihre Streitkräfte an, den der alte Herzog jedoch ablehnte. Als der Herzog im Jahre 1623 verstarb, bestanden deshalb erhebliche Spannungen und Misstrauen zwischen dem neuen französischen König Louis XIII. (1601–1643) und den Vertretern des Hauses La Tour d’Auvergne.[3]

Biographie[Bearbeiten]

Jugendjahre[Bearbeiten]

Die Burg Sedan, Familiensitz der La Tour d’Auvergne

Henri de La Tour d’Auvergne wurde am 11. September 1611 in Sedan geboren. Als zweitgeborenem Sohn war für ihn der militärische Werdegang vorgesehen, während sein Bruder Frédéric-Maurice (1605–1652) als Familienoberhaupt den Titel eines Duc de Bouillon erben würde. Beim Tod des Vaters gingen dessen Titel und Besitz 1623 auf seine Söhne über, wobei der junge Henri de La Tour d’Auvergne die Vizegrafschaft Turenne erhielt und sich fortan als Vicomte de Turenne bezeichnen konnte.

Über die Jugendjahre des jungen Henri de La Tour d’Auvergne ist wenig bekannt. Wie es oft hieß, war er ein eher kränkliches und schmächtiges Kind.[4] Einer durch seinen Biographen Ramsay[5] überlieferten Legende nach soll sich der gerade 10-jährige Junge in einer Winternacht auf die Wälle von Sedan geschlichen haben, um Wache zu stehen und seinem Vater zu beweisen, dass er im Stande war, die Strapazen einer militärische Laufbahn zu meistern. Angeblich fand man ihn später eingeschlafen auf einer Lafette liegend.[6] In jungen Jahren wurde Henri von dem Pastor und Privatlehrer Daniel Tilenus[7] in Mathematik, Geschichte und Fremdsprachen unterrichtet. Seine besondere Vorliebe galt dabei den lateinischen Beschreibungen der Taten Caesars und Alexanders des Großen (besonders Quintus Curtius Rufus). Nach Aussagen seines Lehrers lernte er jedoch nur langsam und ließ sich schnell verwirren.[8] Für seine sonstige Ausbildung und die Leibesertüchtigungen wie Reiten, Tanzen und Jagen war der Erzieher Chevalier de Vassignac zuständig.[9] Von diesem erhielt er auch seine militärischen Grundkenntnisse. Der Chevalier begleitete Turenne seit frühester Jugend, so dass sich zwischen beiden eine enge väterliche Beziehung entwickelte.[10] Auch der Einfluss der Mutter Elisabeth von Nassau-Oranien kann nicht unterschätzt werden. Sie verabscheute das Leben am königlichen Hof und hielt ihre Familie weitgehend fern von diesem. Dadurch verließ der junge Henri Sedan während seiner Jugend kaum. Sie war es auch, die dafür sorgte, dass ihre Söhne von Tilenus streng im calvinistischem Glauben erzogen wurden.[11]

Nach älteren Biographen wie Weygand, Roy oder Morris wurde Turenne bereits 1625 zu seinem Onkel nach Holland geschickt, wo er in niederländische Kriegsdienste trat und 1626 zum Capitaine befördert wurde.[12] Der französische Historiker Jean Bérenger wies in seiner Biographie des Marschalls 1987 einen anderen Lebensweg nach: Demnach erhielt Turenne bereits 1625, im Alter von 14 Jahren, die Inhaberschaft über ein Regiment. Als dieses im folgenden Jahr aufgelöst wurde, schickte ihn seine Mutter im Herbst an die Académie de Benjamin in Paris. Im Frühjahr 1628 entschied sich die Duchesse jedoch dazu, ihren Sohn wieder von der Schule zu nehmen. Die Gründe hierfür stehen nicht vollständig fest. Zum einen könnte das Schulgeld von jährlich 3600 livres zu teuer gewesen sein, und zum anderen verschärften sich zu diesem Zeitpunkt wieder die konfessionellen Gegensätze in Frankreich, die in der gleichzeitigen Belagerung von La Rochelle ihren Höhepunkt fanden. Die Duchesse könnte ihren Sohn deshalb vorsorglich aus Angst vor einer zweiten Bartholomäusnacht nach Hause geholt haben.[13] Erst im Feldzug von 1629 diente der junge Turenne als volontaire im niederländischen Heer und nahm dabei an der Belagerung von Herzogenbusch teil. Hier wurden ihm erste militärische Aufgaben wie das Kommando über eine Geschützbatterie und über Erkundungspatrouillen übertragen.[14] Allerdings wurde der Erzieher und langjährige Freund Turennes, der Chevalier de Vassignac, während der Belagerung tödlich verwundet. Wie aus den Briefen des Vicomte hervorgeht, traf ihn dieser Verlust schwer.[15]

Karriere im französischen Militär[Bearbeiten]

1630 wechselte er als Colonel in französische Dienste, machte unter Jacques Nompar de Caumont einen Feldzug nach Lothringen und 1634 als Maréchal de camp unter La Valette einen Zug an den Rhein mit, wo er die Festung Mainz entsetzte und 1638 Breisach belagerte. Zum Lieutenant général befördert, kämpfte er 1639–1643 zuerst unter dem Grafen von Harcourt, dann unter Prinz Thomas von Savoyen, in Italien und nahm 1640 Turin ein.

1643 wurde Turenne zum Marechal de France ernannt und mit dem Oberbefehl über die französischen Truppen in Deutschland betraut. Er reorganisierte die Truppen im Elsass, überschritt im Mai 1644 den Rhein, entsetzte mit dem Herzog von Enghien (Condé) Freiburg und vertrieb die Kaiserlichen aus dem ganzen Rheingebiet. 1645 wagte er einen Einfall in Württemberg, wurde aber vom bayrischen Marschall Mercy in der Schlacht bei Mergentheim geschlagen und zum Rückzug hinter den Rhein gezwungen. Hier vereinigte er sich wieder mit Condé, und beide erfochten am 3. August bei der Schlacht bei Alerheim bei Nördlingen einen Sieg, worauf Turenne am 18. November noch Trier eroberte. Das Zustandekommen des Westfälischen Friedens von 1648 wird auch auf die Besetzung Bayerns bis zum Inn 1648 durch Turenne zurückgeführt.

Turenne und die Fronde[Bearbeiten]

Während der Fronde befand er sich zunächst im Exil. Er vereinigte nach der Verhaftung der Prinzen (18. Januar 1650) die Truppen der Fronde mit den spanischen und fiel von Belgien aus in Frankreich ein. Er eroberte Le Catelet, La Capelle und Rethel, wurde aber am 15. Dezember 1650 vom Marschall Duplessis bei Chamblanc geschlagen und söhnte sich 1651 mit der Königin Anna von Österreich aus. Er stellte sich jetzt auf die Seite der Regierung und schlug am 2. Juli 1652 Condé, seinen ehemaligen Waffengefährten, vor Paris und drängte ihn bis an die Grenze von Flandern zurück.

Weitere militärische Karriere[Bearbeiten]

Porträt von Robert Nanteuil

Im Krieg gegen Spanien 1654 bis 1659 siegte er 1658 bei Dünkirchen, besetzte ganz Flandern und ermöglichte so den Pyrenäenfrieden von 1659. Von 1657 bis 1675 bekleidete er das Amt des Colonel général der leichten Kavallerie. 1660 wurde ihm der Titel maréchal général des camps et armées du roi (sinngemäß: „Oberbefehlshaber der Armeen des Königs“) verliehen.[16]

Er befehligte im Krieg gegen Holland 1672 die Armee am Niederrhein gegen die Kaiserlichen und Brandenburger. 1673 zwang er den Großen Kurfürsten zum Frieden von Vossem (16. Juni 1673), wurde aber dann von Montecuccoli zurückgedrängt.

Grabmal im Invalidendom in Paris

1674 überschritt er bei Philippsburg den Rhein, schlug am 16. Juni den Herzog von Lothringen bei Sinsheim und eroberte die ganze Pfalz, die er völlig verwüstete. Nachdem er am 4. Oktober Bournonville bei Enzheim geschlagen hatte, räumte er das Elsass, trieb aber Anfang 1675 die Verbündeten wieder aus diesem Land, ging über den Rhein und traf im Juli bei Sasbach auf die Kaiserlichen unter Montecuccoli. Ehe es aber zur Schlacht kam, wurde Turenne am 27. Juli 1675 bei einer Aufklärung des Terrains dort von einer Kanonenkugel getötet. Bis heute wird dort, auf deutschem Boden, seiner im Turenne-Museum gedacht.

Turennes Leiche wurde auf Ludwigs Befehl in der königlichen Gruft der Kathedrale von Saint-Denis beigesetzt. Bei der Plünderung der Königsgräber von Saint-Denis während der Revolution wurde er als einziger nicht in dem Massengrab verscharrt, sondern zunächst im Jardin des plantes in Paris beerdigt, dann ins Musée des monuments français gebracht, später auf Befehl Napoléon Bonapartes im Invalidendom[17] gegenüber dem Grabmal Vaubans bestattet.

Turenne als Militär[Bearbeiten]

Turenne war einer der ersten Feldherren, die entscheidenden Wert auf die Verpflegung ihrer Truppen gelegt haben. Oft gab er eine vorteilhafte Unternehmung auf, wenn dadurch der Nachschub gefährdet wurde. Er gilt deshalb auch als Schöpfer einer geschickten, unnötige Verluste vermeidenden Manöverstrategie. Er hatte diese Praxis während seiner Ausbildungszeit im niederländischen Heer kennen gelernt und übernommen. Er selbst betont in seinen Memoiren diese Verpflegungsrücksichten immer wieder. So verzichtete er z.B. 1644 auf die aussichtsreiche Verfolgung des Generals Mercy, nachdem er ihn zum Abzug aus Freiburg gezwungen hatte, weil

„alles, was man an Infanterie besaß, gewohnt war, fertiges Brot zu erhalten, und nicht wie die alten Truppen, die lange in Deutschland gedient hatten, es sich selbst zu backen, so konnte man dem Feinde nach Württemberg um so weniger folgen, als man dort keine Magazine vorbereitet fand.“

Turenne im Privatleben[Bearbeiten]

Auf Wunsch Ludwigs XIV. trat er 1668 zum Katholizismus über.

Rezeption[Bearbeiten]

Turenne-Denkmal

In Sasbach, am Ort seines Todes in der Schlacht wurde Turenne durch den Landesherrn, den Bischof von Straßburg, Kardinal Rohan (1734–1803), der durch die Halsbandaffäre um Königin Marie Antoinette berühmt wurde, 1781 ein Gedenkstein errichtet, den 1829 die französische Regierung durch einen Granitobelisken ersetzen ließ. Heute befindet sich in Sasbach das 1945 entstandene (das vierte, das dritte war 1940 von den Nationalsozialisten entfernt worden) Turenne-Denkmal, welches von General de Gaulle eingeweiht wurde, und das Turenne-Museum, ein deutsch-französisches Kooperationsprojekt.[18]

Eine Portraitbüste befindet sich in Thüringen im Schloßpark Kromsdorf.

Turenne hinterließ seine Memoiren, die von 1643 bis 1658 reichen und unter dem Titel Collection des mémoires du maréchal de Turenne veröffentlicht wurden.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zur historischen Entwicklung im Einzelnen: François Velde: Account of the Duchy of Bouillon (Stand: 22. April 2008)
  2. Die Töchter waren: Louise (1596–1606), Marie (1600–1665), später verheiratet mit Henri III. de La Trémoille, Julienne Catherine (1604–1637), später verheiratet mit Francois II. de Roye de La Rochefoucauld, Elisabeth (1606–1685), später verheiratet mit Guy Aldonce de Durfort, Henriette Catherine († 1677), später verheiratet mit Amaury III. Gouyon, Charlotte († 1662)
  3. Zum Leben und Wirken: Henri de La Tour d’Auvergne: Mémoires de Henry de la Tour d’Auvergne, vicomte de Turenne, et depuis duc de Bouillon, adressés à son fils le prince de Sedan. (= M. Petitot (Hrsg.): Collection complète des mémoires relatifs à l’histoire de France, Bd. 35, Foucault, Paris 1823.)
  4. Maxime Weygand: Turenne, München 1938, S.10; William O'Connor Morris: Turenne, in: The English Historical Review, Bd.2, Nr.6 (April 1887), S.261
  5. André Michel, chevalier de Ramsay: Histoire du Vicomte de Turenne, maréchal-général des armees du roi, Bd. 1, La Haye 1736.
  6. Jules Roy: Turenne – Sa vie et les institutions militaires de son temps, Paris 1883, S.54
  7. Daniel Tilenus, geboren 1563 in Schlesien, war ein Professor der Akademie Sedan. Er hatte bereits andere Angehörige des Hauses Bouillon unterrichtet.
  8. Maxime Weygand: Turenne, München 1938, S.9f; William O'Connor Morris: Turenne, S.261f
  9. Maxime Weygand: Turenne, München 1938, S.10
  10. Jean Bérenger: Turenne, Paris 1987, S.54f
  11. Jean Bérenger: Turenne, Paris 1987, S. 54–56
  12. Maxime Weygand: Turenne, München 1938, S. 10–14; William O'Connor Morris: Turenne, S.262; Jules Roy: Turenne – Sa vie et les institutions militaires de son temps, Paris 1883, S.55
  13. Jean Bérenger: Turenne, Paris 1987, S. 58–67
  14. Maxime Weygand: Turenne, München 1938, S.11f
  15. Jean Bérenger: Turenne, Paris 1987, S.55
  16. Hierbei handelte es sich jedoch nur um einen Ehrentitel, der kein Befehlsgewalt innehatte.
  17. Joseph-François Michaud, Jean-Joseph-François Poujoulat: Nouvelle collection des mémoires pour servir à l'histoire de France, 1838, S. 315–317
  18. Turenne-Museum in Sasbach

Literatur[Bearbeiten]

  • André Michel, chevalier de Ramsay: Histoire du Vicomte de Turenne, maréchal-général des armees du roi (4 Bde.), Arkstée & Merkus, La Haye 1736.
  • François Raguenet: Histoire du vicomte de Turenne, Amsterdam 1787.
  • L'Armagnac: Histoire de Henry de La Tour d'Auvergne, Vicomte de Turenne, A. Mame & fils, Tour 1880.
  • Jules Roy: Turenne : sa vie et les institutions militaires de son temps, Pigoreau, Paris 1883.
  • George Duruy: Histoire de Turenne, Hachette, Paris 1889.
  • Jean Bérenger: Turenne, Fayard, Paris 1987, ISBN 2-213-01970-3.
  • William O'Connor Morris: Turenne, in: The English Historical Review, Bd.2, Nr.6 (April 1887), S. 260–280
  • Maxime Weygand: Turenne, Kastner & Callwey, München 1938.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Henri de La Tour d'Auvergne, Vicomte de Turenne – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien