Otto Pankok

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100 Pfennig-Sondermarke der Deutschen Bundespost (1993), Grafik Meer und Sonne von Pankok

Otto Pankok (* 6. Juni 1893 in Mülheim an der Ruhr; † 20. Oktober 1966 in Wesel) war ein deutscher Maler, Graphiker und Bildhauer.

Leben[Bearbeiten]

Pankok-Haus in Mülheim an der Ruhr

Otto Pankok wurde am 6. Juni 1893 in Mülheim als jüngster von zwei Söhnen des Sanitätsrats Dr. Eduard Pankok und dessen Ehefrau Marie Frühling geboren. Der Vater führte dort eine Arztpraxis, die später Ottos Bruder, Dr. Adolf Pankok, übernahm. Nach dem Abitur 1912 am Staatlichen Gymnasium in Mülheim begann Otto Pankok 1913 im Alter von 20 Jahren sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf und der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für bildende Kunst in Weimar. Nach dem kurzfristigen Abbruch seines Studiums ging er mit seinem Freund Carl Lohse nach Dötlingen.

Im ersten Winter des Ersten Weltkrieges, 1914, wurde Otto Pankok zum Militärdienst einberufen, der ihn an die Westfront in Nordfrankreich verschlug, wo er bei einer Grabensprengung verschüttet wurde. Es folgten lange Aufenthalte in Lazaretten und Sanatorien, bis man ihn 1917 aus dem Kriegsdienst entließ.

Nach mehreren Reisen nach Berlin und Ostfriesland ließ er sich 1919 in Düsseldorf nieder, trat der Künstlergruppe „Junges Rheinland“ bei, zu der auch Otto Dix zählte, und engagierte sich in einem rebellischen Künstlerkreis um Johanna Ey mit Veröffentlichungen in der Zeitschrift „Das Junge Rheinland“, der Mappen „Aktivistenbund“ und „Das Ey“. Wollheim, Dix und Pankok pflegten zu dieser Zeit eine tiefe Künstlerfreundschaft, die sich in zahlreichen gemeinsamen Ausstellungen zeigt.

1921 heiratete er die Journalistin Hulda Droste. Die darauffolgenden Jahre waren gefüllt mit vielen Reisen, unter anderem nach Weimar, an die Ostsee, den Niederrhein, die Niederlande, Italien, Frankreich und Spanien. 1925 wurde seine Tochter Eva geboren und 1931 begann seine Freundschaft mit den Zigeunern in der damaligen „wilden Siedlung“ im Düsseldorfer Heinefeld[1], im heutigen Stadtteil Unterrath gelegen51.2624096.766336. Zigeuner als künstlerisches Thema, das ihn bis an sein Lebensende immer wieder fesselte, und bei denen er persönlich viel Zeit verbrachte.

Ach, Freunde, wohin seid ihr verweht, wo seid ihr zertreten, in welche Gruben haben euch schutzlose Kinder die Würger verscharrt wie Dreck? Man zerrte sie fort in die Todeslager und die östlichen Schlachthäuser. Wir hörten die Kinder schreien und die Mütter schluchzen unter den Peitschen der braunen Henker. Noch bevor die Synagogen aufloderten, waren die Zigeunerfamilien hinter den Gittern des Stacheldrahtes zusammengepfercht, um später das jüdische Schicksal in den Todeslagern des Ostens zu teilen.[2]

Der Nationalsozialismus war für ihn der Grund, sich 1935 nach Haus Langen im Münsterland zurückzuziehen. Dies war der Beginn einer elfjährigen inneren Emigration. Ein Jahr später erteilten die Nazis dem Künstler ein Arbeitsverbot. 1937 beschlagnahmte man 56 seiner Werke aus deutschen Museen. In München und an den anderen Ausstellungsorten zeigte die Ausstellung „Entartete Kunst“ drei Druckgraphiken von Pankok[3].

In diesen Jahren hielt er sich in Gildehaus in der Grafschaft Bentheim in einem idyllischen Ausläufer des Teutoburger Waldes auf, danach bis 1941 in Bokeloh bei Meppen im Emsland. Der Schriftsteller Jakob Kneip riet seinem Düsseldorfer Künstlerfreund Otto Pankok, sich, wie er es soeben getan hatte, auch in die Eifel „sicher“ zurückzuziehen. Pankok bezog 1941 zunächst ein kleines, versteckt gelegenes Fachwerkhaus am Mühlenbach in Iversheim. Ein halbes Jahr später hat Kneip ihm eine Unterkunft, das „verfallene“ Ferienhaus eines Kölners, am Waldrand in der Nähe eines Steinbruchs in Pesch besorgt. Nach der Renovierung dieses Hauses blieb Pankok mit Frau Hulda und Tochter Eva bis 1946. Da das Düsseldorfer Wohnhaus der Familie 1942 ausgebombt wurde, holte Pankok seine Möbel nach Pesch in der Eifel, aber nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte die Familie 1946 nach dem Wiederaufbau ihres Wohnhauses wieder nach Düsseldorf zurück. Hier wurde Otto Pankok als Professor an die Kunstakademie berufen und unterrichtete bis 1958. Schüler waren unter anderem Günter Grass, Herbert Zangs und Werner Persy. In dieser Zeit unternahm er immer wieder Reisen nach Jugoslawien und Frankreich, bis die Familie am Ende seiner Lehrtätigkeit nach Haus Esselt in Drevenack am Niederrhein zog. Er starb am 20. Oktober 1966 in Wesel.

Otto Pankok in Dötlingen[Bearbeiten]

Im Alter von 20 Jahren begann Otto Pankok sein Studium an den Kunstakademien in Düsseldorf und Weimar, das er aber im Frühjahr 1914 abbrach, um sich mit seinem Studienfreund Carl Lohse nach Dötlingen zu begeben und sich autodidaktisch weiterzubilden. Bereits im Herbst 1914 zeigte er seine ersten Dötlinger Arbeiten im Lappan in Oldenburg. Im selben Jahr unternahm er mit Werner Gilles eine Studienreise nach Holland und reiste für unbestimmte Zeit nach Paris. Doch bereits nach zwei Monaten kehrte er nach Dötlingen zu den einfachen Menschen zurück, wo Freunde und Kollegen ihn wiederholt auf Wochen besuchten, unter ihnen Gert Heinrich Wollheim, Werner Gilles, Hermann Hundt und Richard Gessner. Wer ihn auf Dötlingen aufmerksam machte, ist ungewiss. Nach Westen musste er reisen, wo Holland lag. Die holländische Kunst hatte seine Motivwelt vorgezeichnet, die er nun, ohne dem Land seiner Vorbilder allzu nahe zu kommen, in Dötlingen fand. „So stand ich mit dem Rücken nach Deutschland, zugewandt der niederländischen Ebene – an deren Rand ich wohnte.“ (O.P. an R. Zimmermann 26. Dezember 1962)

Vermutlich wurde er von einem Oldenburger Künstler, die in Weimar studierten, auf das Dorf im Amt Wildeshausen hingewiesen, wo von 1896 bis 1906 der Maler Georg Müller vom Siel gelebt hatte und wo sich regelmäßig Künstler zu Studien aufhielten. In Dötlingen bestand eine der weniger bekannten Künstlerkolonien Norddeutschlands, in ihr eine weniger von großen Namen markierte künstlerische Tradition, die sich in dieser Abgeschiedenheit unbeeinträchtigt entfalten konnte. Dötlingen hatte seine historische Eigenart bewahrt, die Ländlichkeit und Ursprünglichkeit, die sich auf ihre Bewohner übertrug. Diesem Ruf des Ortes folgte Otto Pankok, mit ihm kamen die befreundete Maler Carl Lohse und Hermann Hundt aus Düsseldorf.

Dötlingen war für Otto Pankok kein Zwischenaufenthalt, sondern eine bedeutende Etappe, begonnen 1913 nach seinem Bruch mit der Akademie. Es folgte die erste Periode seiner freien Künstlerexistenz, die durch die historische Entwicklung abrupt zu Ende kam, ohne dass Dötlingen für Pankok erschöpft gewesen wäre. Spätere Rückkehr blieb insofern kaum zu erwarten, als das es ihm unmöglich war, zu seiner früheren Auffassung des Menschen zurückzukehren. Seinem Humanismus wurde der ideale Boden entzogen, den er in Dötlingen fand. Otto Pankok brauchte neue Orientierung und brach Anfang der 20er Jahre in den Expressionismus auf, ohne den Wurzeln seines Werkes, die in Dötlingen solide geworden waren, jemals zu entwachsen.

Otto Pankok: „Es begann ein herrliches Jahr in Dötlingen in ungeheurer Einsamkeit, ein Schwelgen in Kohle und Papier, ein Suchen nach dem Wesen des Menschlichen bei armen abgetriebenen Weibern und Taglöhnerinnen, die wie aus dem Sandboden aufgewachsen waren, fraßen, was sie der Erde abrangen, in Tuberkulose und Schmutz hinstarben und wieder völlig zu Erde wurden. Ich suchte der Natur und den Elementen so nahe zu sein wie diese einfachen Menschen in ihren Hütten und auf ihren Feldern, zu denen mein Instinkt mich getrieben. Ohne dieses eine rauschhafte Jahr des Anfangs und der Bestätigung wäre die Folgezeit nicht ertragbar gewesen. Als es vorüber war, standen eines Tages feldgraue Posten an den Eisenbahnlinien“ – so beschrieb Otto Pankok 1930 im Rückblick das Jahr in Dötlingen.

Wie wenig Dötlingen als Zwischenschritt angelegt war, beweist Otto Pankoks im Sommer 1913 vollzogener Erwerb eines eigenen kleinen Hauses, des reetgedeckten Spiekers der Familie Meyer. Die Eltern, vor allem die Großmutter, standen ihm bei der Finanzierung zur Seite. Er ließ sich nieder, um hier mit seiner Kunst authentisch zu sein und wahr einer Lebenswirklichkeit gegenüber, von der er selbst ein Teil zu werden begann. Vorläufig mietete er sich ein Zimmer, richtete sich bescheiden ein, ließ sich von Zuhause Notwendiges zum Leben kommen. Im Juli teilte er dorthin mit: „Mein kleines Zimmer ist jetzt zum Platzen voll. Aber ich kann jetzt wenigstens mit dem Arbeiten anfangen.“ Ähnlich unbeschönigt wie van Goghs frühe Werke hielten die Kohlezeichnungen Otto Pankoks fest, was er erlebte. Wenige Künstler stellten damals ähnlich genau ohne falsches Pathos und ohne Sentimentalität Armut und Not dar. In Deutschland zum Beispiel Käthe Kollwitz. Otto Pankok analysierte mit seinen Zeichnungen nicht, warum diese Menschen in Armut, Dreck und Krankheit lebten. Er zeigte ihr ungeschminktes Gesicht, das so zum Gegenbild, zur Entlarvung von Verdrängungen und glatten Oberflächlichkeiten der anerkannten Kunst des wilhelminischen Kaiserreiches am Vorabend des Ersten Weltkrieges wurde.

Im Jahr 1913 war es dann durch Vermittlung des Oldenburger Kunstkritikers Wilhelm von Busch (1868–1940) in der Kunsthandlung Oncken in Oldenburg zu Otto Pankoks erster Kollektivausstellung gekommen. Sein Biograph verbindet mit Dötlingen „die prägende Begegnung mit seiner künstlerischen Lebensaufgabe“ und kann sich dabei auf Otto Pankoks eigene Aussagen beziehen. Die „pucklige Menken Trina“ war – ebenso wie ihr verwachsener Bruder – eines seiner Dötlinger Modelle. Wiedergegeben hat er sie in ihrer Stube seitlich auf einem Binsenstuhl sitzend, wobei das Licht nur auf das verhärmt geneigte Gesicht und die über den Knien gekreuzten verarbeiteten Händen fällt, eine Arme und Ausgestoßene, der sein brüderliches Mitgefühl gilt.

Die Darstellung der „Schwangeren“ von 1914 macht mehr vom Leben dieser Frau sichtbar, als für die offiziellen Kunstausstellungen dieser Jahre tragbar war, in denen die schöngefärbten Huldigungen an das männliche Selbstgefühl dominierten. Das monumental angelegte – es ist fast 150 cm hoch – und sorgfältig durchgearbeitete Blatt fängt genau die angestrengte Haltung der Frau ein, gibt präzise jede Unregelmäßigkeit in ihren Zügen wieder. Die Spuren eines harten Arbeitslebens, in dem die Schwangerschaft nur eine zusätzliche Belastung sein kann, werden nicht übermalt. Spürbar wird der Widerstandswille und die Entschlossenheit dieser Frau, nicht aufzugeben. Adeline Stöver als „Schwangere Frau“ ist tiefempfundener Ausdruck der Perspektivlosigkeit des werdenden und des vergehenden Lebens. Dieses Blatt legte er Jahre später als besonderes Dokument seiner künstlerischen Haltung Max Liebermann in Berlin vor, an dessen gewohnt schroffes Urteil er sich später noch gewissenhaft erinnerte: „Mit Max Liebermann über Kunst zu disputieren ist ein Spaß, prickelnd wie Selterswasser. Als ich mit ihm in Berlin vor meiner ‚Schwangeren Frau‘ von 1914 stand, sagte Liebermann: ‚Wissense, janz so verrickt wie die meisten junger Leute sindse ja nich. Aba sehnse ma, diese Schürze … wie hätte Manet die jemalt, so … wissense …‘ Er machte die Gebärde des Geldzählens mit Daumen und Zeigefinger. Ich machte die Gebärde nach und sagte: ‚Wissense, das gerade möchte ich nicht. Die Frau soll vor allem einen runden Bauch behalten. Wenn Manet das gemalt hätte, wäre die Frau ein saftiges Stilleben geworden. Und das wäre etwas sehr Dummes in diesem Falle gewesen.‘ Worauf Max Liebermann den Kopf schüttelte. Durch seine Glatze aber sah ich seinen Gedanken funkeln: ‚Also ooch janz meschugge.‘“ (Stern und Blume)[4]

Vielleicht lag darin auch der Grund, weshalb Pankoks Instinkt, wie er schrieb, seine gefühlsmäßige Anteilnahme ihn mehr zu den Frauen und Kindern hingezogen: etwas unzerstörbar Menschliches, vielleicht einfach Menschliches, vielleicht einfach Menschenwürde, die er bei zerstörten, unterdrückten und armseligsten Existenzen immer noch aufzuspüren vermochte und die er bei Frauen und Kindern eher entdeckte als bei den meist gebrochenen, oft von Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit betroffenen resignierten Männern. Anfang 1914 ging er für zwei Monate nach Paris und besuchte dort private Akademien, um Akt zu zeichnen; daneben machte er im Louvre Studien nach Bildern und Skulpturen. Auf dem Boulevard St. Michel fand er eine Wohnung, besuchte die Abendaktklasse der privaten „Académie russe“ und Kurse an der „Académie de la Grande Chaumière“. Er zeichnete im Louvre die ägyptischen Skulpturen, um sein Formempfinden an klassischen Vorbildern zu schulen. Insgesamt blieb dieser Aufenthalt ein Zwischenspiel, das ihn nicht sehr bereichern konnte. „Überall Impressionismus und Rodin – hing einem zum Hals heraus“. (Otto Pankok, Handschriftlicher Lebenslauf, 1962) Nach bereits zwei Monaten kehrte er nach Dötlingen zu den einfachen Menschen zurück, wo Freunde und Kollegen ihn wiederholt auf Wochen und Monate besuchten, unter ihnen Hermann Hundt (1894–1974), Richard Gessner (1894–1989), Gert Heinrich Wollheim (1894–1974) und Werner Gilles (1894–1961).

Sigrun Gessner schreibt in ihren Erinnerungen an Richard Gessner „Malen ist Leben“. … Mit Otto Pankok, den er sehr verehrte, verbrachtet Richard den leider zu kurzen Sommer 1914 in Dötlingen an der Hunte. … Von dieser Zeit mit Otto Pankok, die ihm sehr wichtig für seine Entwicklung schien, hat mir Richard sehr oft erzählt, zum Beispiel, dass sie für ihre Studienskizzen Äste und Reisig stapelten und dann immer wieder umschichteten. Den Vers an der Katentüre von Otto Pankok hatte er nach so langer Zeit im Gedächtnis:

„Hier wohnt Otto Pankok. Man stör’ ihn nicht, man hüt’ sich wohl, sonst schießt er gleich mit dem Pistol.“

Außer mit der Malerei war Otto Pankok in Dötlingen mit der regionalen Frühgeschichte beschäftigt, die in dieser Landschaft bedeutende Spuren hinterlassen hatte. Bereits in den ersten Wochen nach seiner Ankunft durchforschte er Hünengräber und schien einer Raubgrabung nicht abgeneigt. Er würde, so schrieb er im Juni 1913 nach Hause, „wahrscheinlich den Inhalt eines Hünengrabes mitbringen, Urnen mit Knochen und Asche.“ Im Mai des folgenden Jahres berichtete er von einem Ausflug zur berühmten „Visbeker Braut“ und teilte dem Vater vor Ende seines Dötlinger Aufenthaltes mit: „In den letzten Tagen habe ich nicht mehr buddeln können wegen des Regens. Ich habe jetzt drei Töpfe, die ich zusammenflicken muss. Wie ich die nach Hause kriege, weiß ich noch nicht. Die Knochen werde ich nächstens schicken.“

Der Stellungsbefehl erreichte Otto Pankok im Dezember 1914. Er schenkte seine Kate den Dorfarmen und verließ Dötlingen. Nach einem Offizierskurs kam er an die Westfront nach Nordfrankreich und erlebte die ersten Materialschlachten des Krieges. Im Frühjahr 1915 wurde er verschüttet und nur durch die Aufmerksamkeit seines Putzers Peter Grundmann davor bewahrt, als vermeintlicher Toter auf dem Schlachtfeld zurückgelassen zu werden. Otto Pankok verbrachte die beiden folgenden Jahre in Lazaretten und Sanatorien, ehe er 1917 aus dem Militärdienst entlassen wurde. Im Hungerjahr 1917 lebte er in Berlin.

Das Kriegserlebnis wurde für ihn, wie für Max Beckmann, George Grosz, John Heartfield, Käthe Kollwitz und viele andere Künstler, zum Schlüsselerlebnis unmenschlicher und verantwortungsloser Politik mit tiefgreifenden Konsequenzen für ihr Leben, ihre Wertvorstellungen und ihre Kunst.

Alle Erniedrigten und Armen, die ihm auf seinem weiteren Wege begleiteten und ihm Modell gewesen sind, erscheinen wie Nachfahren oder Angehörige der großen Familie dieser Dötlinger Bauern und Tagelöhner, unter denen einer der bedeutendsten Humanisten der bildenden Kunst dieses Jahrhunderts glücklich leben und arbeiten konnte. Die romantische Landschaft des Huntetales, die Bernhard Müller vom Siel oft als Motiv angenommen hatte, spielt in Otto Pankoks Dötlinger Werk keine Rolle.

Werk[Bearbeiten]

Mädchen mit Ball, Mülheim an der Ruhr, Saarn

Otto Pankoks Werke stehen unter dem Einfluss seines großen Vorbildes Vincent van Gogh und werden aufgrund ihrer Linienführung und Farbpalette meist dem expressiven Realismus zugeordnet. Typisch für Otto Pankok sind großformatige Kohlegemälde (monochrom). Er hat ein umfangreiches druckgrafisches Werk hinterlassen. Seine Holzdrucke und Monodrucke sind im Gegensatz zu den Gemälden oft von einer zurückhaltenden Farbigkeit. Die Bilder zeigen Menschen, Tiere und Landschaften, realistisch und expressiv. Über viele Jahrzehnte widmete er sich inhaltlich vor allem dem leidenden Menschen und den Menschen am Rande der Gesellschaft. Auf seinen vielen Reisen malte er die Verarmten und Ausgestoßenen ebenso wie wilde Landschaften in strömendem Regen oder stürmischem Wind. Otto Pankoks Bilder aus der Zeit der Verfolgung durch die Nationalsozialisten hatten eine dunkle, apokalyptische Ausstrahlung. Der in den Jahren 1931 bis 1934 aus 60 Zeichnungen entstandene Zyklus „Passion“, von dem eine Buchausgabe zwar noch gedruckt werden konnte, aber vor dem Verkauf eingezogen und eingestampft wurde, war eine kalkulierte Provokation, in dem alle Modelle mit Pankok befreundete „Zigeuner“ vom Düsseldorfer Heinefeld waren und dadurch, dass er das Leiden des Menschen unter der Gewalt des Staates zum Thema machte. 1936 folgte der Zyklus „Jüdisches Schicksal“. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erinnerten seine Bilder wieder an die Zeit vor seinem Malverbot. Zuletzt wandte er sich mit seinem letzten Zyklus „Der große Pan ist tot“ auch besonders der gefährdeten Natur zu. Sein bekanntestes Werk ist der Holzschnitt „Christus zerbricht das Gewehr“, das im Rahmen der Friedensbewegung häufig abgedruckt wurde.

Eine Hommage an einen Künstlerkollegen ist das nur schwarz-weiß überlieferte, eigentlich farbige Bild Henri Rousseau, Maler und Zöllner. Es zeigt Rousseau als älteren Mann im sparsam möblierten Zimmer. Er sitzt am Tisch, vor ihm liegt eine Geige, die er spielte und schätzte. Auf Pankoks Bild stützt der Zöllner seinen Kopf auf die rechte Hand, wirkt nachdenklich und müde. An der Wand hängen einige seiner Werke, darunter, bis in Einzelheiten genau wiedergegeben, La Carriole du Père Junier.[5]

Otto Pankoks Lebenswerk umfasst über 6000 Kohlezeichnungen, fast 800 Holzschnitte, über 800 Radierungen, ungefähr 500 Lithographien, Steinschnitte und Monotypien sowie zahlreiche Zeichnungen für die Düsseldorfer Zeitung „Der Mittag“ und über 200 Plastiken.

Die Otto-Pankok-Gesellschaft kümmert sich um die Pflege seines Werkes seit 1968.

Ehrungen[Bearbeiten]

  • 1947 Professor an der Kunstakademie Düsseldorf
  • Aufnahme in die Deutsche Akademie der Künste
  • 1953 Grafik-Preis der Biennale in São Paulo
  • 1965 Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft der Stadt Mülheim an der Ruhr
  • 1977 Gründung der Otto-Pankok-Stiftung, Hünxe, durch Hulda Pankok (Ehefrau von P.) und Eva Pankok (Tochter von P.)
  • 1997 Gründung des Otto-Pankok-Preises, Lübeck, durch Günter Grass, Schüler von P.
  • 2013 Die israelische Holocaust Gedenkstätte Yad Vashem ehrt Otto Pankok gemeinsam mit seiner Frau Hulda Pankok, geborene Droste, als „Gerechter unter den Völkern“.
  • Otto-Pankok-Schule, Name der Schule, an der Pankok einst selbst Schüler gewesen ist
  • Angela Merkel schrieb:
    Die Ausstellung „Sinti-Porträts 1931 bis 1949“ ist eine Hommage an einen der bedeutendsten deutschen Maler des 20. Jahrhunderts. Seine Werke erzählen viel über Menschlichkeit und Anteilnahme in Zeiten grausamer Terrorherrschaft. Sie sind ein aufrüttelndes Zeugnis des Widerstands der Bildkunst gegen das nationalsozialistische Regime. Otto Pankok selbst beschrieb seine Arbeit 1936 … treffend als „Stellungnahme im Kampf gegen alles das, was das Leben gemein, sinnlos und eng macht“. Diesen Kampf hat Otto Pankok sein Leben lang unbeugsam gefochten.[6]
  • Straßenbenennungen in Mülheim, Düsseldorf[7], Neuss und Hünxe

Ausstellungen[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

  • Ehra oder Kind mit Ball, eine Plastik Pankoks, öffentlich aufgestellt in Düsseldorf; zur Person der Dargestellten
  • Automeile Höherweg: die spätere Geschichte des Düsseldorfer Areals, wo Pankok die Sinti nach ihrer Vertreibung vom Heinefeld weiterhin traf und abbildete[10]

Literatur[Bearbeiten]

  • Hans-Dieter Arntz: Otto Pankok und Mathias Barz in der Eifel. In ders.: Judenverfolgung und Fluchthilfe im deutsch-belgischen Grenzgebiet. Volksblatt Kümpel, Euskirchen 1990, S. 706–712
    • ders.: Der Maler Otto Pankok als Lebensretter im Dritten Reich. In: Eifeljahrbuch 2012, Düren, S.71 – 81[11]
  • Nils Aschenbeck: Künstlerkolonie Dötlingen. Aschenbeck & Holstein, Bremen 2005, ISBN 3-932292-78-2
  • Johanna Ey, Conrad Felixmüller, Gerth Schreiner, Paul Westheim, Gert Heinrich Wollheim u.a.: Dix, Pankok, Wollheim. Freunde in Düsseldorf 1920–1925. Remmert & Barth, Düsseldorf 1989
  • Karola Fings, Frank Sparing: „Ach Freunde, wohin seid ihr verweht …?“ Otto Pankok und die Düsseldorfer Sinti. 1993; 2. üb. Aufl. 2006. Hg. Johanneskirchen-Gemeinde & Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf. Ohne ISBN[12]
  • Günter Goebbels: Von Remels nach Düsseldorf. Ein Künstlertreffpunkt in Ostfriesland 1919, in Krieg und Utopie. Kunst, Literatur und Politik im Rheinland nach dem Ersten Weltkrieg. Begleitband zur Ausstellung. Hgg. Gertrude Cepl-Kaufmann, Gerd Krumeich u. a. Klartext, Essen 2006 ISBN 3898616193 S. 75 - 83
    • dsb. (Texte); Ralf Pütz (Vorw., Red.): Otto Pankok 1893 - 1966. Hg. und Verlag O. P. Gesellschaft, Hünxe 2. Aufl 2010. Bildband[13]
  • Aloys Greither: Der junge Otto Pankok. Das Frühwerk des Malers. Droste, Düsseldorf 1977
  • Kurt Holl (Hrsg.): Die vergessenen Europäer. Kunst der Roma - Roma in der Kunst. Verlag Rom e. V., Köln 2009 ISBN 978-3-9803118-8-5. Ausstellung durch Kölnisches Stadtmuseum, Katalog. [14]
  • Conrad-Peter Joist: Otto Pankok in der Eifel. In ders.: Landschaftsmaler der Eifel im 20. Jahrhundert. Hg. Eifelverein, Düren 1997, S. 103–117
  • Bernd Küster: Otto Pankok in Dötlingen. Ausstellung im Kreishaus Wildeshausen 1994
  • Eva Pankok (Hrsg.): Otto Pankok. Werkverzeichnis. Droste, Düsseldorf 1985
  • Eva Pankok: Mein Leben. Droste, Düsseldorf 2007, ISBN 978-3-7700-1272-5
  • Eva u. Hulda Pankok: Otto Pankok. Zeichnungen, Grafik, Plastik. Elefanten Press, Berlin 1982, ISBN 3-88520-082-1
  • Jobst Moritz Pankok: Otto Pankok. Wahlverwandschaften und Freundschaften in liebloser Zeit. In: Beate Ermacora & Anja Bauer Hgg.: Die geistige Emigration. Arthur Kaufmann, Otto Pankok und ihre Künstlernetzwerke. Kerber, Bielefeld 2008, ISBN 978-3-86678-141-2, S. 22–28
  • Otto Pankok: Sinti-Porträts 1931–1949. Hgg. Eva Pankok, Romani Rose. Damm und Lindlar Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-9812268-3-6[15]
  • Otto Pankok: Malerei der Verfolgten - verfolgter Maler. Begleitheft zur gleichnamigen Sonderausstellung im Stadtmuseum Andernach von 27. Januar bis 24. April 2011
  • Jens Roepstorff: Die Ächtung und Verfolgung von Künstlern im Nationalsozialismus am Beispiel von Otto Pankok. In: Beate Ermacora & Anja Bauer Hgg.: Die geistige Emigration. Arthur Kaufmann, Otto Pankok und ihre Künstlernetzwerke. Kerber, Bielefeld 2008, ISBN 978-3-86678-141-2, S. 40–47
    • ders.: Kunst unter dem Hakenkreuz. In: Mülheimer Jahrbuch 2009, S. 235 – 244
  • Kurt Schifner: Otto Pankok. Reihe: Künstler der Gegenwart, 5. Verlag der Kunst, Dresden 1958[16]
  • Ulrich Schulte-Wülwer, Otto & Eva Pankok an der Flensburger Förde, Heide 2005 (Ausstellungskatalog Museumberg Flensburg 2005).
  • Susanne Timm: Die Druckgraphik von Otto Pankok. Werkverzeichnis der Lithographien, Steinätzungen und Monotypien. Diss. phil. Universität Hamburg 1989
  • Rainer Zimmermann: Otto Pankok. Das Werk des Malers, Holzschneiders und Bildhauers. Rembrandt, Berlin 1972
  • Rainer Zimmermann: Pankok, Otto. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 20, Duncker & Humblot, Berlin 2001, ISBN 3-428-00201-6, S. 33 f. (Digitalisat).

Weitere Materialien[Bearbeiten]

  • Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr, Bestand 883: Sammlung Otto Pankok
  • Film: Der Maler Otto Pankok in der Eifel. 65 Min. Deutschland 2008. Regie: Dietrich Schubert; Kamera: Wilfried Kaute; auf DVD. Über den Zeitraum 1942 – 1946.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Otto Pankok – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Blick auf die Heinefeldsiedlung 1935 Stadtarchiv Düsseldorf. Siehe auch die anschauliche Beschreibung von Pankoks Aufenthalten durch den Bürgerverein
  2. Vorwort Pankoks zu „Zigeuner“, 1947
  3. 1. Stute. 2. Martini. (d. i. Bildnis des Bildhauers Wilhelm Martini); 3. Uzarski in Italien; alle drei aus den Kunstsammlungen der Stadt Düsseldorf. Quelle: Datenbank zum Beschlagnahmeinventar der Aktion Entartete Kunst, Forschungsstelle, FU Berlin
  4. Zitiert nach Rainer Zimmermann, Bernhard Mensch, Karin Stempel: Otto Pankok, 1893-1966. Retrospektive zum 100. Geburtstag, Plitt, 1993, S. 42.
  5. Es gilt als verschollen, im Buch von Lise und Oto Bihalji-Merin über Rousseau von 1971 wird der Verlust als „Kriegsfolge“ bezeichnet. Das Pankok-Bild dient im Buch als Frontispiz. Sogar den kleinen Hund hat Pankok genau wiedergegeben.
  6. Vorwort zum Buch: Otto Pankok. Sinti-Porträts 1931 bis 1949. Damm und Lindlar Verlag
  7. Im Stadtteil Eller. Die Stadtverwaltung schaffte es bisher (2013) nicht, eine Straße dort nach Pankok zu benennen, wo er jahrelang gewirkt hatte, also am Heinefeld oder im Umkreis des Höherwegs
  8. Katalog im Damm und Lindlar Verlag, siehe Lit.
  9. siehe Lit. „Ach, Freunde …“
  10. Pankok schreibt über die Nachkriegszeit am Höherweg: So wies man ihnen in meiner Stadt dieselben mit dichtem Stacheldraht umzogenen Lagerbaracken als Unterkunft zu, in denen sie unter den Nazis eingeschlossen waren. Hier lebt noch ein großer Teil heute in Schmutz und in primitiven Verhältnissen. in Zs. „Augenblick“ der Mahn- und Gedenkstätte, Nr. 7, 1995, S. 11
  11. Online siehe Weblinks, zum Sachverhalt siehe Weitere Materialien, Schubert-Film
  12. Katalog einer ausleihbaren Wanderausstellung. Zahlreiche Kohlezeichnungen u.a. Techniken von O. P., davon viele noch nicht veröffentlichte aus dem Hünxer Archiv; s/w Fotos von Lebensumständen im Heinefeld und von der Vernichtung der Sinti aus Düsseldorf; Texte von O. P. über Sinti; Dokumente, z.B. Foto von Robert Ritter und Polizei bei der Verfolgung von Sinti. Zahlreiche Zeugnisse von Überlebenden. Besonders beachtenswert 3 Fotos aus Privatbesitz, die während der Deportation nach Auschwitz im Hof der koelnmesse aufgenommen wurden, darunter eines mit begeisterten, lachenden Schwestern in DRK-Tracht, mit SS-Männern u. ä. Polizei-Gestalten, gruppiert um und auf einem Deportations-LKW. Das Foto zeigt deutlich, auf wie viel Zustimmung die Verbrechen an den Sinti bei derart Uniformierten stiessen. Hg. Evangelische Johanneskirche, Martin-Luther-Platz 39, 40212 Düsseldorf
  13. 66 Seiten, Querschnitt durch die Werke
  14. Pankok S. 136 - 139 mit acht, z.T. großformatigen Abb. von 1932, 1943 - 1948 aus dem Museum Hünxe. Kurzer Text von Eva Pankok
  15. Aus dem Vorwort von Romani Rose: Es gibt keinen anderen deutschen Künstler, in dessen Werk sich der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma so unmittelbar widerspiegelt wie bei Otto Pankok … In den Kohlebildern, die Pankok am Vorabend des »Dritten Reiches« im Düsseldorfer Heinefeld schuf, blicken uns Menschen entgegen, deren Spuren sich in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern verlieren. Pankoks nach dem Krieg entstandene Darstellungen von Düsseldorfer Sinti, die den Nazi-Terror überlebt hatten, gehören bis heute zu den bedeutendsten Beiträgen künstlerischer Auseinandersetzung mit dem Holocaust an unserer Minderheit. Auf den Verlagsseiten gibt es 20 Beispielseiten aus dem Buch: weiterblättern. Beschreibung der Ausstellung: Sinti. Vorwort von Angela Merkel, siehe Ehrungen. Rezension siehe Weblinks, FES
  16. Nur 12 S. mit 32 Taf.- Weitere Editionen von Schifner: 1. Mit Schriften von und über Pankok, Einl. Schifner. Mit 107 Tafel-Abb. und weiteren. Ebd. 1963 (185 S.) - 2. Pankok: Handzeichnungen, Druckgraphik, Plastik. Vorw. Otto Nagel. Texte v. Schifner und Pankok. Gest. John Heartfield. 40 Taf., 70 S. Deutsche Akademie der Künste, Berlin 1961
  17. in der Sitemap auf „Schriften“ gehen (rechtes Bild anklicken), dann nach unten scrollen bis zu „Literaturverzeichnis (Auswahl): Bücher und Kataloge über Otto Pankok.“ Ein weiteres Lit.verz. enthält Bücher mit Originalgrafik
  18. Siehe zum Sachverhalt auch den Film von Schubert, unter "Weitere Materialien"