Rainald Goetz

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Rainald Goetz 2012

Rainald Maria Goetz (* 24. Mai 1954 in München) ist ein deutscher Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten]

Studium[Bearbeiten]

Rainald Goetz wuchs in München auf. Nach dem Abitur studierte er Geschichte, Theaterwissenschaft und Medizin in München und Paris.[1] Die Studiengänge Geschichte und Medizin schloss er jeweils mit einer Promotion ab: Zunächst, nach einem Aufenthalt an der Sorbonne im Herbst 1977, den Studiengang Geschichte mit einer althistorischen Dissertation über Freunde und Feinde des Kaisers Domitian, die durch den Althistoriker Hermann Bengtson (1909–1989) angeregt und betreut wurde.

In seinen Schriften nimmt Goetz immer wieder in abwertender Form auf die Alte Geschichte Bezug. Die Entstehung seiner Dissertation schildert er in seinem Roman Kontrolliert.[2] Ende 1982 folgte die Promotion zum Dr. med. mit einer Arbeit über ein Thema der Jugendpsychiatrie. Neben der ersten Dissertation, die trotz des „trockenen“ und vor allem epigraphisch bearbeiteten Themas bereits literarische Ambitionen erkennen lässt, zeichnet sich auch die medizinische Doktorarbeit durch eine kaum verkennbare literarische Stilisierung aus. Zu nennen sind neben der provokativen „Danksagung“ („Dankanbruderundsoweiter“) auch Versatzstücke innerhalb des Textes. Wo zum Beispiel von abweichendem Verhalten von Kindern die Rede ist, kommentiert Goetz in dieser wissenschaftlichen Arbeit: „Punk Anarchie Okay.“

1976 begann er, für die Süddeutsche Zeitung zu schreiben. Zunächst verfasste er Rezensionen von Kinder- und Jugendbüchern. 1977 erschien eine dreiteilige Artikelserie mit dem Titel Aus dem Tagebuch eines Medizinstudenten. 1978 folgte die erste Veröffentlichung in der Literaturzeitschrift Kursbuch, in der Goetz unter dem Titel Der macht seinen Weg den bisherigen Verlauf seines Studiums und seine soziale Isolation schilderte. Er schrieb für die Musikzeitschrift Spex – diverse Einzelbeiträge wurden zu Buchbänden zusammengefasst (Hirn, Kronos, Celebration) – und den Merkur, auf die Goetz in seiner Erzählung Rave abwertend Bezug nimmt.

Klagenfurter Eklat[Bearbeiten]

Berühmt wurde Goetz 1983 durch einen Auftritt beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt: Vor laufenden Fernsehkameras ritzte er sich während seiner Lesung die Stirn mit einer Rasierklinge auf, ließ das Blut über seine Hände und sein Manuskript laufen und beendete die Lesung blutüberströmt. Er bekam keinen Preis, wurde aber als „medialer Sieger von Klagenfurt“ beschrieben.[3] Zudem zeigte sich Marcel Reich-Ranicki von der temperamentvollen, authentischen und individuellen Sprache begeistert und nannte den Text Subito eine „literarische Leistung“, die von der Bühnenaktion zu trennen sei.[4]

Im Jahr 1994 erschien sein zusammen mit Oliver Lieb und Stevie B-Zet produziertes Album Word als Doppel-CD auf dem Frankfurter Label Eye Q Records, auf dem Goetz Spoken Word mit Ambient- und Trance-Musikstücken von Lieb und B-Zet kombinierte. 1998 wurde Goetz eingeladen, die Frankfurter Poetik-Vorlesungen zu halten. Im selben Jahr schrieb Rainald Goetz in Berlin ein Netztagebuch unter dem Titel Abfall für alle, in dem er seine Tages- (und Nacht-)eindrücke aktuell auf einer Webseite veröffentlichte. Ein zentrales Thema war damals die Soziologie von Niklas Luhmann. Das Netztagebuch erschien ein Jahr später in Buchform. Um 1999 beteiligte er sich an dem Internet-Literaturprojekt Pool.

Grundthemen[Bearbeiten]

Zu den Themen, die Goetz literarisch verarbeitet hat, zählen der Deutsche Herbst (Kontrolliert), seine eigenen Erfahrungen bei der Arbeit in der Psychiatrie (Seinen Roman Irre wertete Kolumnist Maxim Biller rückblickend als Auftakt in die literarische „Ichzeit“)[5] und die Techno-Bewegung in Deutschland (unter anderem veröffentlichte er einen Text über Sven Väth, den Roman Rave und zusammen mit Westbam das Buch Mix, Cuts & Scratches). Durch nahezu alle Schriften zieht sich eine typische Tendenz: Die Wahrnehmung des Erzählers ist meist die eines Solitärs und Einzelgängers, dessen Alltag von geistiger Arbeit geprägt ist und dessen Eintreten in die jeweiligen Musikszenen (Punk in Irre, Techno in Rave) als wichtige Ergänzung zur sonstigen Lebensorganisation wahrgenommen wird.

Aus dem Jahr 2001 stammt sein Buch Jahrzehnt der schönen Frauen. Im selben Jahr wurde auch das von Goetz in Dekonspiratione beschriebene Fernsehformat „nothing special“ im ZDF-nachtstudio mit Volker Panzer, Moritz von Uslar und Goetz selbst realisiert. Ausgestrahlt wurden 3 Folgen unter dem Namen „Fernsehen“, Gäste waren Alexa Hennig von Lange, Barbara Sichtermann und Klaudia Brunst. Die zweite Folge wurde einen Tag nach dem 11. September gedreht und gesendet.

Von Februar 2007 bis Juni 2008 schrieb Goetz einen Blog mit dem Titel Klage auf den Internetseiten der Illustrierten Vanity Fair. Es erschien daraufhin wie schon Abfall für alle in Buchform.

Die meisten seiner Werke sind im Suhrkamp Verlag erschienen. Anlässlich von Goetz’ 50. Geburtstag fand im Literaturhaus Frankfurt das Erste internationale Rainald-Goetz-Symposium statt (veranstaltet von der Philipps-Universität Marburg, dem Literaturhaus und dem Suhrkamp-Verlag).

Werke[Bearbeiten]

  • Irre. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983; ebd. 1986, ISBN 3-518-37724-8
  • Krieg. Hirn. 2 Bände. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986 (= es 1320); Neuausgabe ebd. 2003:
  1. Krieg, ISBN 3-518-39990-X
  2. Hirn, ISBN 3-518-39991-8
  • Kontrolliert. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988; ebd. 1991, ISBN 3-518-38336-1
  • Festung (= Buch 4, Werk in drei Teilen). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-518-09887-X (= es 1793–95)
  1. Festung. Stücke, ISBN 3-518-11793-9
  2. 1989. Material I–III, ISBN 3-518-11794-7
  3. Kronos. Berichte, ISBN 3-518-11795-5
  1. Rave. Erzählung, 1998, ISBN 3-518-40954-9
  2. Jeff Koons. Stück, 1998, ISBN 3-518-40988-3
  3. Dekonspiratione, 2000, ISBN 3-518-41122-5
  4. Celebration. 90s Nacht Pop, 1999, ISBN 3-518-12118-9 (= es 2118)
  5. Abfall für Alle. Roman eines Jahres, 1999, ISBN 3-518-41094-6
  • Heute Morgen. 2 Audio CDs, gelesen von Rainald Goetz (mit WestBam). DHV, München 2000, ISBN 3-89584-878-6
  • Jahrzehnt der schönen Frauen. Merve, Berlin 2001, ISBN 3-88396-169-8
  • Schlucht (= Buch 6, Werk in mehreren Teilen). Suhrkamp, Frankfurt am Main
  1. Klage. Weblog aus Vanity Fair, 2007–2008 (Schlucht 1). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-518-42028-7
  2. Loslabern. Bericht Herbst 2008 (Schlucht 2). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-518-42112-3
  3. Loslabern. Audio-CD, gelesen von Rainald Goetz. Strunz, Erding 2010, ISBN 978-3-939444-76-3
  4. Elfter September 2010. Bilder eines Jahrzehnts (Schlucht 4). Suhrkamp, Berlin 2010, ISBN 978-3-518-42207-6
  5. Johann Holtrop. Roman (Schlucht 3). Suhrkamp, Berlin August 2012, ISBN 978-3-518-42281-6

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Rainald Goetz. text + kritik (Heft 190), München 2011, ISBN 978-3-86916-108-2.
  • Reinhard Baumgart: Das Leben – kein Traum? Vom Nutzen und Nachteil einer autobiographischen Literatur. In: Ders.: Glücksgeist und Jammerseele. München/Wien 1986, S. 198–228.
  • Remigius Bunia: Realismus und Fiktion. Überlegungen zum Begriff des Realismus. Am Beispiel von Uwe Johnsons „Jahrestage“ und Rainald Goetz’ „Abfall für alle“. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 139 (2005), S. 134–152.
  • Stefan Greif: In Video veritas. Rainald Goetz’ videographische Fernsehdokumentation 1989. In: Clips. Eine Collage. Lit, Münster 2004, ISBN 3-8258-7420-6, S. 115–132.
  • Jürgen Oberschelp: Raserei. Über Rainald Goetz, Haß und Literatur. In: Merkur 2/1987, S. 170–173.
  • Ulf Poschardt: Der Filmemacher, der Künstler und der Schriftsteller. Abseits der Identitätsfalle: Godard, Warhol und Goetz. In: Kunstforum international 139 (1997), S. 146–161.
  • Cord Riechelmann: Irre und Lücken. [Ü]ber »Loslabern« von Rainald Goetz. In: Jungle World, 29. Oktober 2009, Nr. 44, S. 6–9.
  • Martin Jörg Schäfer, Elke Siegel: The Intellectual and the Popular: Reading Rainald Goetz. In: The Germanic Review 81/3 (2006), S. 195–201.
  • Eckhard Schumacher: Gerade Eben Jetzt. Schreibweisen der Gegenwart. Frankfurt a. M. 2003.
  • Eckhard Schumacher: »Das Populäre. Was heißt denn das?« Rainald Goetz' »Abfall für alle«. In: text+kritik X/2003 [= Sonderband ›Pop-Literatur‹, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold u. Jörgen Schäfer], S. 158–171.
  • Eckhard Schumacher: Schreibweisen des Alltags. Rainald Goetz' Zeitmitschriften. In: Patrick Primavesi / Simone Mahrenholz (Hrsg.): Geteilte Zeit. Zur Kritik des Rhythmus in den Künsten. Schliengen 2005, S. 137-151.
  • Georg Stanitzek: Talkshow-Essay-Feuilleton-Philologie. In: Weimarer Beiträge 38 (1992), S. 506–528.
  • Georg Stanitzek: Bohème — Boulevard — Stil: Kommentar zu einem flickr-Bild von Rainald Goetz. In: Walburga Hülk / Gregor Schuhen (Hrsg.): Haussmann und die Folgen. Vom Boulevard zur Boulevardisierung. Tübingen 2012, S. 137–149.
  • Brigitte Weingart: Bilderschriften, McLuhan, Literatur der sechziger Jahre. In: text+kritik X/2003 [= Sonderband ›Pop-Literatur‹, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold u. Jörgen Schäfer], S. 81–103.
  • Hubert Winkels: Krieg den Zeichen. Rainald Goetz und die Wiederkehr des Körpers. In (ders.): Einschnitte. Zur Literatur der 80er Jahre. Köln 1988, S. 221–259.
  • Hubert Winkels: Parodie und Überbietung. Rainald Goetz und Patrick Roth. In (ders.): Leselust und Bildermacht. Literatur, Fernsehen und Neue Medien. Köln 1997, S. 95–112.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. In seinen Schriften erwähnt er zudem ein abgebrochenes Studium der Soziologie in West-Berlin.
  2. Goetz erwähnt in seinen Schriften auch eine mögliche Karriere durch eine Assistentenstelle bei den Althistorikern.
  3.  Christian Schultz-Gerstein: Der rasende Mitläufer. In: Der Spiegel. Nr. 39, 1983 (online).
  4. Inga Hemmerling: „Pop und nochmal Pop". Der werbestrategische Text „Subito“ von Rainald Goetz als Beispiel der literarischen Popkultur mit möglichem Unterrichtseinbezug, 2007, ISBN 3-638-81757-1, S. 15. (auszugsweise Leseprobe auf Google Books)
  5. Biller sprach von Irre als einem Auftakt in eine „neue literatische Epoche” nach der Ära der Gruppe 47 und der Postmoderne, einer Epoche, die sich durch das Ineinandergreifen von Werk und Leben des Autors auszeichne. Sie stehe im Zeichen eines empfindsamen, öffentlichkeitbewussten und narzisstischen Ich-Erzählers. Siehe Unsere literarische Epoche. Ichzeit in der FAS vom 1. Oktober 2011