Rainald Goetz

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Rainald Goetz 2012

Rainald Maria Goetz (* 24. Mai 1954 in München) ist ein deutscher Schriftsteller.

Leben[Bearbeiten]

Rainald Goetz wuchs in München auf. Nach dem Abitur studierte er Geschichte, Theaterwissenschaft und Medizin in München und Paris. Die Studiengänge Geschichte und Medizin schloss er jeweils mit einer Promotion ab: Zunächst, nach einem Aufenthalt an der Sorbonne im Herbst 1977, den Studiengang Geschichte mit einer althistorischen Dissertation über Freunde und Feinde des Kaisers Domitian, die durch den Althistoriker Hermann Bengtson (1909–1989) angeregt und betreut wurde.[1] Die Entstehung seiner Dissertation schildert er in seinem Roman Kontrolliert. 1982 folgte die Promotion zum Dr. med. mit einer Arbeit über ein Thema der Jugendpsychiatrie.[2]

1976 begann er, für die Süddeutsche Zeitung zu schreiben. Zunächst verfasste er Rezensionen von Kinder- und Jugendbüchern. 1977 erschien eine dreiteilige Artikelserie mit dem Titel Aus dem Tagebuch eines Medizinstudenten. 1978 folgte die erste Veröffentlichung in der Literaturzeitschrift Kursbuch, in der Goetz unter dem Titel Der macht seinen Weg den bisherigen Verlauf seines Studiums und seine soziale Isolation schilderte. Er schrieb für Transatlantik, die Musikzeitschrift Spex – diverse Einzelbeiträge wurden zu Buchbänden zusammengefasst (Hirn, Kronos, Celebration) – und den Merkur.

Berühmt wurde Goetz 1983 durch einen Auftritt beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt: Vor laufenden Fernsehkameras ritzte er sich während seiner Lesung die Stirn mit einer Rasierklinge auf, ließ das Blut über seine Hände und sein Manuskript laufen und beendete die Lesung blutüberströmt. Er bekam keinen Preis, wurde aber als „medialer Sieger von Klagenfurt“ beschrieben.[3] Zudem zeigte sich Marcel Reich-Ranicki von der temperamentvollen, authentischen und individuellen Sprache begeistert und nannte den Text Subito eine „literarische Leistung“, die von der Bühnenaktion zu trennen sei.[4]

In Abfall für alle erwähnt Goetz ein abgebrochenes Studium der Soziologie in West-Berlin, das er in den 1990-er Jahren begonnen hatte.

Werk[Bearbeiten]

Zu den Themen, die Goetz literarisch verarbeitet hat, zählen der Deutsche Herbst (Kontrolliert), seine eigenen Erfahrungen bei der Arbeit in der Psychiatrie und die Techno-Bewegung der 1990-er Jahre in Deutschland, so in der Erzählung Rave und in dem zusammen mit Westbam veröffentlichten Buch Mix, Cuts & Scratches.

Goetz gilt seit seinen ersten literarischen Publikationen als der Chronist der Gegenwart in der deutschen Literatur. Seinen Roman Irre (1983) wertete Maxim Biller rückblickend als Auftakt zu der die literarischen „Ichzeit“, die sich durch das Ineinandergreifen von Werk und Leben des Autors auszeichne.[5]

Goetz Werke der 80-er und 90-er Jahre werden zur deutschen Popliteratur dieser Jahre gezählt, was auch Goetz' Selbstverständnis entspricht. Nahezu alle Schriften sind von der Wahrnehmung eines solitären Beobachters bestimmt, dessen Alltag von der Zeitungslektüre und von schriftstellerischer Arbeit geprägt ist. Goetz protokolliert und kommentiert als teilnehmender, begeisterter oder polemischer Beobachter Tendenzen der Gegenwart (u. a. Punk in Irre, Techno in Rave, die Vielfalt der Medienäußerungen in 1989, die Mechanismen der Medeingesellschaft in Dekonspiratione). Ein zentraler Bezugspunkt seiner Reflexionen ist die Systemtheorie Niklas Luhmanns.

Im Jahr 1998 schrieb Goetz ein Netztagebuch (das Wort "Blog" gab es zu dieser Zeit noch nicht) unter dem Titel Abfall für alle, in dem er Tageseindrücke, Reflexionen und Kommentare zum kulturellen Tagesgeschehen aktuell auf seiner Webseite veröffentlichte. Es erschien ein Jahr später in Buchform. Seine Stücke Krieg, Festung und Jeff Koons, für die er mehrfach als Dramatiker des Jahres ausgezeichnet wurde, gehören zum postdramatischen Theater. 1998 hielt er auch die Frankfurter Poetik-Vorlesungen, deren Text in Abfall für alle eingegangen ist.

2001 wurde das von Goetz in der Erzählung Dekonspiratione beschriebene Fernsehformat „nothing special“ im ZDF-nachtstudio mit Volker Panzer, Moritz von Uslar und Goetz selbst realisiert. Ausgestrahlt wurden drei Folgen unter dem Namen „Fernsehen“, Gäste waren Alexa Hennig von Lange, Barbara Sichtermann und Klaudia Brunst. Die zweite Folge wurde einen Tag nach dem 11. September gedreht und gesendet. Mit dem 11. September setzt er sich auch in Dekonspiratione auseinander.

Von Februar 2007 bis Juni 2008 schrieb Goetz einen Blog mit dem Titel Klage auf den Internetseiten der Illustrierten Vanity Fair, das auch in Buchform erschienen ist. Das Buch enthält Fragmente und Reflexionen zu geplanten Romanen, an denen Goetz seit 1999 arbeitete, ohne sie zu Ende führen zu können. Die beiden Bücher Klage und loslabern behandeln dieses Scheitern und das Jahrzehnt weitgehender Publikationsabstinenz.

Der im Jahr 2012 erschienene Roman Johann Holtrop bedeutete zugleich die Rückkehr des Autors Rainald Goetz als Verfasser erzählender Werke.

Die meisten seiner Werke sind im Suhrkamp Verlag erschienen. Anlässlich von Goetz’ 50. Geburtstag fand im Literaturhaus Frankfurt das Erste internationale Rainald-Goetz-Symposium statt (veranstaltet von der Philipps-Universität Marburg, dem Literaturhaus und dem Suhrkamp-Verlag).

Neben seinen Büchern und Fotobänden hat Götz zusammen mit Oliver Lieb und Stevie B-Zet 1994 das Album Word herausgebracht, auf dem er Goetz Spoken Word mit Ambient- und Trance-Musikstücken kombinierte. Um 1999 beteiligte er sich an dem Internet-Literaturprojekt Pool.

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Irre. Roman. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983; ebd. 1986, ISBN 3-518-37724-8
  • Krieg. Hirn. 2 Bände. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986 (= es 1320); Neuausgabe ebd. 2003:
  1. Krieg, ISBN 3-518-39990-X
  2. Hirn, ISBN 3-518-39991-8
  • Kontrolliert. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1988; ebd. 1991, ISBN 3-518-38336-1
  • Festung (= Buch 4, Werk in drei Teilen). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993, ISBN 3-518-09887-X (= es 1793–95)
  1. Festung. Stücke, ISBN 3-518-11793-9
  2. 1989. Material I–III, ISBN 3-518-11794-7
  3. Kronos. Berichte, ISBN 3-518-11795-5
  1. Rave. Erzählung, 1998, ISBN 3-518-40954-9
  2. Jeff Koons. Stück, 1998, ISBN 3-518-40988-3
  3. Dekonspiratione, 2000, ISBN 3-518-41122-5
  4. Celebration. 90s Nacht Pop, 1999, ISBN 3-518-12118-9 (= es 2118)
  5. Abfall für Alle. Roman eines Jahres, 1999, ISBN 3-518-41094-6
  • Heute Morgen. 2 Audio CDs, gelesen von Rainald Goetz (mit WestBam). DHV, München 2000, ISBN 3-89584-878-6
  • Jahrzehnt der schönen Frauen. Merve, Berlin 2001, ISBN 3-88396-169-8
  • Schlucht (= Buch 6, Werk in mehreren Teilen). Suhrkamp, Frankfurt am Main
  1. Klage. Weblog aus Vanity Fair, 2007–2008 (Schlucht 1). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-518-42028-7
  2. Loslabern. Bericht Herbst 2008 (Schlucht 2). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-518-42112-3
  3. Loslabern. Audio-CD, gelesen von Rainald Goetz. Strunz, Erding 2010, ISBN 978-3-939444-76-3
  4. Elfter September 2010. Bilder eines Jahrzehnts (Schlucht 4). Suhrkamp, Berlin 2010, ISBN 978-3-518-42207-6
  5. Johann Holtrop. Roman (Schlucht 3). Suhrkamp, Berlin August 2012, ISBN 978-3-518-42281-6

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Rainald Goetz. text + kritik (Heft 190), München 2011, ISBN 978-3-86916-108-2.
  • Reinhard Baumgart: Das Leben – kein Traum? Vom Nutzen und Nachteil einer autobiographischen Literatur. In: Ders.: Glücksgeist und Jammerseele. München/Wien 1986, S. 198–228.
  • Remigius Bunia: Realismus und Fiktion. Überlegungen zum Begriff des Realismus. Am Beispiel von Uwe Johnsons „Jahrestage“ und Rainald Goetz’ „Abfall für alle“. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 139 (2005), S. 134–152.
  • Stefan Greif: In Video veritas. Rainald Goetz’ videographische Fernsehdokumentation 1989. In: Clips. Eine Collage. Lit, Münster 2004, ISBN 3-8258-7420-6, S. 115–132.
  • Jürgen Oberschelp: Raserei. Über Rainald Goetz, Haß und Literatur. In: Merkur 2/1987, S. 170–173.
  • Ulf Poschardt: Der Filmemacher, der Künstler und der Schriftsteller. Abseits der Identitätsfalle: Godard, Warhol und Goetz. In: Kunstforum international 139 (1997), S. 146–161.
  • Cord Riechelmann: Irre und Lücken. [Ü]ber »Loslabern« von Rainald Goetz. In: Jungle World, 29. Oktober 2009, Nr. 44, S. 6–9.
  • Martin Jörg Schäfer, Elke Siegel: The Intellectual and the Popular: Reading Rainald Goetz. In: The Germanic Review 81/3 (2006), S. 195–201.
  • Eckhard Schumacher: Gerade Eben Jetzt. Schreibweisen der Gegenwart. Frankfurt a. M. 2003.
  • Eckhard Schumacher: »Das Populäre. Was heißt denn das?« Rainald Goetz' »Abfall für alle«. In: text+kritik X/2003 [= Sonderband ›Pop-Literatur‹, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold u. Jörgen Schäfer], S. 158–171.
  • Eckhard Schumacher: Schreibweisen des Alltags. Rainald Goetz' Zeitmitschriften. In: Patrick Primavesi / Simone Mahrenholz (Hrsg.): Geteilte Zeit. Zur Kritik des Rhythmus in den Künsten. Schliengen 2005, S. 137-151.
  • Georg Stanitzek: Talkshow-Essay-Feuilleton-Philologie. In: Weimarer Beiträge 38 (1992), S. 506–528.
  • Georg Stanitzek: Bohème — Boulevard — Stil: Kommentar zu einem flickr-Bild von Rainald Goetz. In: Walburga Hülk / Gregor Schuhen (Hrsg.): Haussmann und die Folgen. Vom Boulevard zur Boulevardisierung. Tübingen 2012, S. 137–149.
  • Brigitte Weingart: Bilderschriften, McLuhan, Literatur der sechziger Jahre. In: text+kritik X/2003 [= Sonderband ›Pop-Literatur‹, hrsg. von Heinz Ludwig Arnold u. Jörgen Schäfer], S. 81–103.
  • Hubert Winkels: Krieg den Zeichen. Rainald Goetz und die Wiederkehr des Körpers. In: Ders.: Einschnitte. Zur Literatur der 80er Jahre. Köln 1988, S. 221–259.
  • Hubert Winkels: Parodie und Überbietung. Rainald Goetz und Patrick Roth. In: Ders.: Leselust und Bildermacht. Literatur, Fernsehen und Neue Medien. Köln 1997, S. 95–112.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rainald M. Goetz: Freunde und Feinde des Kaisers Domitian. Eine prosopographische Untersuchung. Dissertation LMU München 1978, Lebenslauf am Ende des Bandes.
  2. Rainald Goetz: Das Reaktionszeit-Paradigma als diagnostisches Instrument in der Kinderpsychiatrie. Diss. München 1982.
  3.  Christian Schultz-Gerstein: Der rasende Mitläufer. In: Der Spiegel. Nr. 39, 1983 (online).
  4. Inga Hemmerling: „Pop und nochmal Pop". Der werbestrategische Text „Subito“ von Rainald Goetz als Beispiel der literarischen Popkultur mit möglichem Unterrichtseinbezug, 2007, ISBN 3-638-81757-1, S. 15. (auszugsweise Leseprobe auf Google Books)
  5. Maxim Biller: Unsere literarische Epoche. Ichzeit, in: Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 1. Oktober 2011. Biller sprach von Irre als einem Auftakt zu einer „neue literarische[n] Epoche” nach der Ära der Gruppe 47 und der Postmoderne.