Rationierung

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Lebensmittelkarte für Urlauber, während des Zweiten Weltkrieges
Lebensmittelrationierung in der Schweiz vom 9. Oktober 1940 bis 24. Juni 1948
Rationierung in der Schweiz im Ersten Weltkrieg vom März 1917 bis April 1920
Denkmal in Wipkingen

Im Allgemeinen Sprachgebrauch versteht man unter Rationierung die Zuteilung nur beschränkt vorhandener Güter oder Dienstleistungen.

Die Rationierung ist eine staatlich angeordnete Zwangsmaßnahme (Ausgabe von Lebensmittelmarken usw.), die normalerweise nur in Notzeiten (Krieg, Wirtschaftskrise, Hungersnot, Katastrophe, Epidemie usw.) zur Anwendung kommt. Rationierungsmaßnahmen müssen sich innerhalb der vom Grundrecht gesetzten Grenzen bewegen.

Ökonomie[Bearbeiten]

In der Ökonomie kann Rationierung dann vorkommen, wenn der Preismechanismus oder andere Gründe nicht zu einem Ausgleich von Angebot und Nachfrage führen. Ist die Nachfrage größer als das Angebot (Nachfrageüberschuss), so werden die Nachfrager rationiert (entsprechend umgekehrt beim Angebotsüberschuss). Ein Rationierungsmechanismus sorgt dann für eine entsprechende Aufteilung. Ein Beispiel ist die Zuteilung knapper Lebensmittel in Notzeiten durch Lebensmittelmarken oder die Zuteilung von Aktien infolge einer Überzeichnung bei der Emission von Wertpapieren oder im Handel von Wertpapieren an der Börse. Hier wird der Kurszusatz "r" = rationiert / repartiert auf dem Kurstableau verwendet.

Gesundheitswesen[Bearbeiten]

Rationierung im Gesundheitswesen ist eine nachgelagerte Entscheidung der Priorisierung medizinischer Leistungen. Durch das Priorisieren entsteht eine Rangfolge, anhand derer nützliche medizinische Leistungen erkannt und weniger sinnvolle Leistungen rationiert werden können.[1]

Als Gründe für Rationierung im Gesundheitswesen werden häufig finanzielle Restriktionen, oder auch beschränkte Ressourcen genannt.

Im Rahmen der Diskussion um die Rationierung von medizinischen Leistungen werden verschiedene Arten der Rationierung dargestellt:

Primär/Sekundär: Aufgrund finanzieller Knappheit ist der Staat gezwungen, einen angemessenen Anteil an den Gesamtausgaben für das Gesundheitswesen festzulegen. Somit entsteht eine beabsichtigt akzeptierte Knappheit an medizinischen Leistungen, da das zur Verfügung stehende Budget begrenzt ist. Diese Entscheidung - getroffen von Staat und Gesundheitswesen - wird als primäre Rationierung bezeichnet und beinhaltet die Festlegung der zur Verfügung stehenden Menge. Teilweise wird hierbei auch von indirekter Rationierung gesprochen, da keine personen-, sondern eine ressourcenbezogene Rationierung gemeint ist.

Die sekundäre Rationierung erfolgt dann innerhalb des Gesundheitssystems. Hierbei geht es um die Finanzzuteilung auf bestimmte medizinische Bereiche sowie auf die Mittelzuteilung an die Patienten selbst. In diesem Kontext wird auch häufig von der direkten Form der Rationierung gesprochen; der Arzt entscheidet im Einzelfall vor Ort, ob der jeweilige Patient eine bestimmte Leistung erhält.

Hart/Weich: Eine weitere Differenzierung bildet das Wortpaar hart und weich. Bei der harten Rationierung ist ein Zukauf von medizinischen Leistungen nicht möglich. Es wird gesetzlich verboten zusätzliche Leistungen in Eigenverantwortung und mit eigenen finanziellen Mitteln erwerben. Somit kann eine vollständige Versorgungsgleichheit aller Beteiligter sichergestellt werden.

Im Gegensatz dazu gibt es bei der weichen Rationierung einen legalen Markt zur Beschaffung von medizinischen Gütern, die nicht von staatlicher Seite finanziert werden. In Deutschland ermöglicht dies die private Zusatzversicherung, bzw. die Eigenfinanzierung von medizinischen Leistungen. Kritiker bemängeln bei der weichen Rationierung, dass nicht vermögende Gesellschaftsmitglieder benachteiligt werden.

Explizit/Implizit: Aus der expliziten Rationierung resultiert die Festlegung von Richtlinien, anhand derer veröffentlicht wird, welche Leistungen Ärzte anbieten dürfen und welche nicht. Die Patienten erhalten konkrete Informationen über die Kriterien bzw. Regeln, die zu der Entscheidung der Rationalisierungsfrage beitragen. Daher wird diese Form der Rationierung auch als offen bezeichnet.

Im Gegensatz dazu erfährt der Patient bei der impliziten, oder auch versteckten, Rationierung nicht, ob ihm Ressourcen aufgrund von Rationierung vorenthalten werden. Die Entscheidung darüber wird ohne vorherige öffentliche Debatte an die Ärzte delegiert, die verpflichtet sind diese Entscheidung umzusetzen.

Eine weitere, zeitliche Form, der Rationierung sind Warteschlangen. Hierbei geht es nicht darum monetäre Kosten, sondern Zeitkosten - die benötigt werden, um eine medizinische Leistung in Anspruch nehmen zu können - einzusparen.

Angesichts des größer werdenden Widerspruchs zwischen dem medizinischen Fortschritt einerseits und begrenzter finanzieller Mittel andererseits ist Rationierung zunehmend ein Thema der wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion geworden. Zum Beispiel sagte 2011 der scheidende Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe: "Wir werden in der Bundesärztekammer eine Arbeitsgruppe einsetzen, die das Thema Priorisierung in der Medizin vorantreiben soll. Die Arbeitsgruppe wird Vorschläge ausarbeiten, wie eine Priorisierung umgesetzt werden kann. Wir Ärzte werden das Thema Priorisierung in die Hand nehmen, weil die Politik sich bisher geweigert hat, dieses Thema anzupacken."[2]

Hierbei wird insbesondere diskutiert über

  • ethische und rechtliche Aspekte von Rationierung,
  • gesellschaftlich akzeptable Zuteilungskriterien sowie
  • Verfahren zur Priorisierung von Indikationen, Verfahren oder Patientengruppen

Die Rationierungsdiskussion ist in anderen Ländern - insbesondere in Großbritannien, den Niederlanden, Schweden und Dänemark - weiter fortgeschritten. Dort wird die Rationierung bzw. Priorisierung einiger medizinischer Leistungen praktiziert. [3]

Im Gemeinsamen Bundesausschuss G-BA diskutiert man darüber, Leistungen nicht mehr anzubieten, deren Kosten-Nutzen-Verhältnis (KNV) zu schlecht ist. Die Ermittlung des KNV einer medizinischen Leistung für einzelne Patienten, für Fallgruppen und/oder für die Gesellschaft (volkswirtschaftlicher Nutzen) ist schwierig und oft strittig.

Ein berühmtes Beispiel für Rationierungs-Politik im Gesundheitswesen bot sich 1987 im US-Bundesstaat Oregon. Es sollte dort eine die gesamte Bevölkerung abdeckende Krankenversicherung eingeführt werden, ohne die Gesamtkosten für Medicaid zu erhöhen. Dies war nur möglich mit einer Reduzierung des Leistungs-Umfangs. Statt z.B. Organtransplantationen bei Kindern wurden deshalb künftighin Vorsorge-Untersuchungen bei sozial schwachen Schwangeren und Kindern finanziert - mit dem Risiko, dass einige Kinder wegen nicht durchgeführter Transplantationen schwer beeinträchtigt waren. Das gesamtheitliche Vorgehen wurde in einer Prioritätenliste für alle medizinischen Maßnahmen festgeschrieben.

Für die Versorgung einer alternden Bevölkerung mit steigender Krankheitslast stehen nur begrenzte finanzielle und personelle Ressourcen zur Verfügung. In Deutschland finanziert die gesetzliche Krankenversicherung mit sechs Prozent des Bruttoinlandprodukts (Stand 2010) die Versorgung von rund 70 Millionen Menschen. Die niedergelassenen Ärzte haben gedeckelte Budgets; wenn viele Praxen gegen Quartalsende schließen ("Urlaub"), ist dies ebenfalls eine Form der Rationierung.

Handel[Bearbeiten]

Nach Zucker-Hamsterkäufen aufgrund des großen Preisunterschieds wurde im April 2011 im deutsch-polnischen Grenzgebiet bei mehreren Lebensmittelhändlern der Verkauf rationiert.[4]

Abgrenzung[Bearbeiten]

Rationierung ist nicht zu verwechseln mit Rationalisierung.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Raspe, H. (2001): Prioritizing and Rationing, in: Breyer, F./Kliemt, H./Thiele, F. (Hrsg.): Rationing in Medicine: Ethical, Legal and Practical Aspects, Berlin, S. 31-38.
  2. rp-online 27. Mai 2011: "Wir haben heimliche Rationierung" - Interview
  3. AOK Lexikon
  4. Hamsterkäufe aus Polen, Die Welt vom 14. April 2011

Literatur[Bearbeiten]

  • Alexander Dietz: Gerechte Gesundheitsreform? Ressourcenvergabe in der Medizin aus ethischer Perspektive, Campus-Verlag Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3593395111
  • H. Tobiska et al: Die Rationierung im Gesundheitswesen, Zürich 1999
  • Fuchs, C. (1998): Was heißt hier Rationierung?, in: Nagel, E./ Fuchs C. (Hrsg.), Rationalisierung und Rationierung im deutschen Gesundheitswesen, Symposium. Akademie der Wissenschaften und der Literatur, 6. Mai 1998 Mainz/Stuttgart/New York, S. 42-50.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rationierung – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien